Stichwort: bielefeld
Montag, den 19. April 2010   

„universität bielefeld – eine andere welt des studierens“ & was da so anders ist

Was brauchst du zum Studieren? wird in diesem Kino-Werbespot der Uni Bielefeld gefragt. Ein Semesticket, für das man bezahlt hat, wäre da ja schon mal nett. Aber genau die rückt man bei der Uni Bielefeld gerade, d.h. 3 Wochen nach Semesterstart, nicht raus.

Ein Teil von uns haben immer alles bekommen… heißt es im Lied des Videos. Wenigstens das trifft zu. Einige Studenten haben ihr Semesterticket bekommen, die anderen stehen im Regen. Ein Softwarefehler hindert die Universität offenbar seit Wochen, die Tickets heraus zu schicken. Darüber informiert bisher die Uni aber nicht offiziell und an patenten Lösungen für Studenten, die von außerhalb anreisen, mangelt es gänzlich.

Dabei hat man gerade eine Werbeaktion für potentielle Studenten vom Stapel gelassen, die auch darauf baut, wie einfach die Uni denn erreichbar ist. Die dort angegebenen Fahrtzeiten bezogen sich aber nur auf Fahrten mit dem Auto. Und da wohl für die Macher dieser Werbung alle Studenten ein Auto haben, brauchen die ja auch das Semesterticket nicht so dringend.

So ist eben diese andere Welt des Studierens. Zwischen dieser Welt und der Realität, also zwischen Anspruch PR und Wirklichkeit, da ist noch so eine winzige Riesenlücke.


Dienstag, den 9. März 2010   

auf dem rücksitz

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Taxifahrer in Bielefeld erwischt. Eigentlich hat er eine Finka auf Malle oder so und fährt nur noch sporadisch in Bielefeld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi verbringt, füllt er immer mit interessanten Geschichten.

Als ich gestern einstieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Display WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt überhaupt nur noch ein Bielefelder. Nur ein Bielefelder, was ist denn daran Arminia Bielefeld? Außerdem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird überhaupt nichts mehr, die überschätzen sich einfach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hinten auf der Rückbank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten)

und haben ihre dreckigen Geschäfte ausgemacht und gemeint, wir hier vorne verstehen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jetzt… 55 Jahre wäre ich inzwischen Mitglied beim VfB, die heissen ja jetzt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht ausgetreten wär. Ich hatte als kurzer Bengel immer so einen Trick, wie ich umsonst da reinkommen konnte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekommen habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nachnamen ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hinten saß mit einer blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und einmal, da sagt der: Herr Taxifahrer, kenntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachrichten und da sagten sie, dass jetzt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skandal verwickelt wäre. Herste? sagte der dann zu der Blonden, Herste? Die wollen mir diskraminieren. ‚Diskraminieren‘ hat er gesagt. Tief verwickelt war der. Ein dreckiges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich verabschieden, da winkt er mich noch kurz heran:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Einmal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Stadion und das Spiel war so aufregend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekommen hat. Mitten im Stadion. Und hinterher erfährste, dass das Spiel schon vorher entschieden war. Vorher schon. Der hätte fast den nächsten Herzkasper bekommen. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekommen? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Taxifahrer, da möchte man am liebsten gleich mit zurück fahren.


Donnerstag, den 21. Januar 2010   

bielefelder religionszwist

Ein recht unverständlicher, kleiner Religionskrieg ist da zwischen Bielefeld und Berlin entbrannt zwischen Prof. Heinz Gess [auch bei Twitter] und Prof. Abdurrahim Vural, in dem beide teils einsichtlich recht und beide teils unrecht haben.

Vural erzürnt sich darüber, dass Gess den Islam eine Zwangsneurose nennt. Von allzu intensiven Rechtsschwierigkeiten möchte ich hierbei einmal absehen, denn inwiefern wer für was rechtlich zu haften hat, das kann ich nicht entscheiden. Vural jedenfalls sieht in den Ausführungen von Gess Beleidigungen gegen sich und seine Religion. Dagegen sieht sich Gess von Vural bedroht:

Mir ist völlig klar, dass die Aufforderung muslimischer Führer, Kritiker zu bestrafen, unter solchen Umständen jederzeit jeden in Deutschland treffen kann, der es nur wagt, den Mund aufzutun und negative Kritik an den unzumutbaren Verhältnissen in diesem Land der Unzumutbarkeiten zu üben, deren eine und nicht geringste die verbreitete konformierende Asozialität ist, die sich unter anderem auch als passiv-konformistische Hinnahme islamischer Herrschaftsansprüche äußert. Die kapitale Kulturindustrie und deren Massenmedien verstärken bis auf wenige Ausnahmen diesen Trend nachhaltig, indem sie erstens einem Kulturrelativismus huldigen, der schon längst die Grenze zum völkisch-religiösen Kulturrassismus, jener ideologischen Form, für die das „germanische“ oder „deutsche Christentum“ das übertragbare Paradigma bereitstellt, überschritten hat, zweitens die grundlegende Differenz zwischen Religionskritik als Ideologie und Xenophobie durch beabsichtigte Verschiebung und Verdichtung der beiden Begriffe zu einem Begriff „Islamophobie“ verwischen, der als solcher darum schon eine systematisch falsche Zustellung und als Begriff Ideologie ist, und drittens schließlich den in sich verkehrten, ideologischen Begriff „Islamophobie“ dann auch noch als eine Form von unterschwelligem Antisemitismus oder als eine dem Antisemitismus strukturgleiche Haltung definieren, mit dem paradoxen Resultat, dass die Kritik am islamischen Antisemitismus bzw. Antijudaismus, die zugleich auch Kritik am Islam in seiner gegenwärtigen Verfasstheit ist, selbst – weil angeblich „islamophob“ – als strukturell „antisemitisch“ zu gelten hat und dem Tabu verfällt.

[Falls mal jemand ein Buch schreibt mit dem Titel „Sätze, mit denen man seine Leser abhängt“: Dieser Satz da oben sollte nicht fehlen!]

Unrecht hat Vural meines Erachtens darin, Zitate von Internetseiten, zu denen Gess in keiner Verbindung steht, diesem anzulasten. Auf anderen Seiten steht zwar, Gess (der durch den Urheber fälschlicherweise „Professor der Universität Bielefeld“ genannt wird) habe gesagt, der Islam sei eine kollektive Zwangsneurose, aber ein verifiziertes Zitat ist das alleine nicht. Insofern müsste der Betreiber der Seite beklagt werden. Genau diese Haltung hat Gess, und ich denke, insofern hat er hier recht.

Grundsätzlich Recht hat Vural darin, zu beanstanden, dass der Islam eine Zwangsneurose genannt wird. Das ist eine pauschale Verunglimpfung einer Religion. Gess ist in Bezug auf Sigmund Freud, auf den die Rede von Religion als einer Zwangsneurose zurückgeht, bemerkenswert textgläubig: Er nennt Freuds Behauptungen schlicht Erkennntisse und insofern wirkt die Rede von einer Zwangsneurose eben nicht wie ein Zitat von Freud, sondern wie eine angebliche Erkenntnis. Warum Gess sich aber außer seiner Textgläubigkeit an Freud dazu wissenschaftlich berechtigt fühlt, vom Islam als Neurose zu sprechen, darüber bleibt er eine Antwort schuldig. Neurosen sind schließlich nicht Gess‘ Fachgebiet. Argumente, die diese Behauptungen stützen und die insofern für andere verstehbar sein können, bietet er nicht an. Das wäre gerade deswegen interessant, weil Gess meint, er führe einen wissenschaftlichen Diskurs.

Gess verfällt zudem im in einem holprigen Schriftdeutsch verfassten „Kollektive Zwangsneurose oder Strafbestand Islamophobie“ [pdf] in eine Art Galgenhumor: Über die angesprochene Präsidentin der FH Bielefeld kündigt er zur Schlichtung der Angelegenheit seinen Eintritt in die islamische Religionsgemeinschaft an. Auf diese Art wird das Bemühen des Lesers Herrn Gess ernst zu nehmen, auf eine harte Probe gestellt:

Ich gehe davon aus, dass Sie meine Stellungnahme dem Präsidenten der islamischen Religionsgemeinschaft zuschicken. Deshalb möchte ich hinzufügen, dass ich den Präsidenten darum bitte, mir das Beitrittsformular zur islamischen Glaubensgemeinschaft zuzuschicken, damit es mit der Bestrafung und der Angst endlich ein Ende hat.

Manchmal sind auch Präsidentinnen nicht zu beneiden.

An diesen offenen Brief angehängt findet man zudem das Solidaritätsschreiben von Dr. Richard Albrecht. Dieser kann sich zwar nicht genau an seine Freud-Lektüre erinnern, aber er findet es überzogen, in der Betitelung des Islams als Zwangsneurose eine Beleidigung zu sehen, weil Freuds Rede von der Religion als kollektiver Zwangsneurose in aller Munde sei. Er endet seinen Unterstützungstext mit der Annahme,

dass die aus dunkelmännerisch-obscurantistischer Anti- und Gegenaufklärung gespeisten Anwürfe gegen Dr. Heinz Geiss wenn nicht von den Urhebern selbst zurückgenommen so doch behördlicherseits als absurd zurückgewiesen werden.

Nee, is klar. Dunkelmännerisch-obscurantistisch! Soviel mal zum Thema Neurose.

Wer in diesem Streit Recht hat? Man sollte sich am besten selbst darüber ein Bild verschaffen, beide Professoren halten Ihre Leser schließlich über ihre Internetseiten auf dem Laufenden.


Dienstag, den 5. Januar 2010   

was sollen wir tun?

Da hat wohl jemand gestern den Vortrag von Detelf Horster mitgeschnitten. Ich finde die Position von Horster eigentlich ganz sympathisch, wenn ich auch über seinen Ansatz aus philosophischer Sicht etwas anderer Meinung bin. Nur weil sich Leute empören, beweist das noch keine Moral, zumindest nicht die Verbindlichkeit einer solchen. Gerade dieses Ticketsystem steht dadurch auf zu wackeligen Füßen.


Sonntag, den 22. November 2009   

barcamp owl

Ich bin ja grundsätzlich dafür, Veranstaltungen im näheren Umfeld wahr zu nehmen, wenn, schon denn schon. Daher war ich mal beim Bielefelder Barcamp 2009.

Tja, und es ist schon etwas schwierig, wenn man thematisch so gar nicht vorbereitet ist. Was mich an mir selbst gewundert hat, ist, wie stark ich mich auf Personen konzentriert habe, von denen ich dachte, dass man interessante Informationen von ihnen bekommt. Das war insgesamt schon eine sehr selektive Wahrnehmung, wenn man was mitnehmen will, aber vielleicht unvermeidlich.

Inhaltlich hat jetzt nichts so direkt meinen Horizont erweitert, aber interessiert hat es mich eben schon, wie intelligente Leute in durchaus problematischen Situationen klar kommen, die mir jetzt beide unbekannt sind.

Thematisch bleibt mit da erstaunlich wenig, der Reiz der Befassung mit fremden Themen ist eher vordergründig. Die vorgestellten Techniken erschienen mir oft sinnvoll, wenn man in bestimmten Bereichen arbeitet, aber nicht weiter spannend. Dass Google Wave und Second Live nie meine Welt sind, wusste ich auch vorher. Der tiefere Sinn der offenen Bibel ist mir entgangen, da es unzählige Bibelübersetzungen online und in den Bücherschränken der Leute gibt, die man, wenn man unbedingt muss, auch aufs iPhone ziehen kann. Ich habe die frage gestellt, wie die Seite jemand nutzen kann, der Hilfestellungen über die Bibeltextstellen sucht. Um „theologische Fragen“ ginge es nicht. Aha. Naja, mit solchen soften Themen konnte ich insgesamt eh nicht viel anfangen am Wochenende.

Und der iFranz hat noch Abschlussinterviews gemacht, da war ich aber schon weg:

Von den Veranstaltern war das Barcamp ganz ausgezeichnet organisiert, weswegen es reibungslos funktionierte. Mehr zum Barcamp hier.


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