Stichwort: literatur
Sonntag, den 18. April 2010   

jean-claude izzo: leben macht müde

Diese ist so ein typ­isch franzö­sisch-melan­cholis­ches Büch­lein über Außen­seit­er, also durch­weg etwas defaitis­tisch und schw­er­mütig. Die 6 Geschicht­en auf knapp 100 Seit­en lesen sich schnell und sind von Ronald Voul­lié wun­der­bar über­set­zt. Und irgend­wie ist es auch faszinierend, wie schnell man beim Lesen dieser Geschicht­en mit­ten in einem auswe­g­los erscheinen­den Geschehen steckt.

Lieben ist so etwas wie in den Krieg zu ziehen. Man weiß nicht, ob man lebend zurück­kommt.

Nach weni­gen Wochen wird man schon wieder vergessen haben, was sich hierin genau abspielt, aber irgend­was bleibt hän­gen, so dass man kleine, reizende Déjà-vus bekommt, wenn man nach einiger Zeit nochmal zu diesem Bänd­chen greift.
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Jean-Claude Izzo, Leben macht müde, Unionsver­lag, 7,90€


Sonntag, den 21. März 2010   

mischa-sarim vérollet — das leben ist keine waldorfschule

Nach Kant hat richtig gute Kun­st immer auch für den Betra­chter das Authen­tis­che, das Für­wahrhal­ten, das Irri­tierende, nicht den Gegen­stand als etwas Erkün­steltes zu erken­nen, an sich.

Und genau damit habe ich auch bei Mis­cha-Sarim Vérol­lets Buch Das Leben ist keine Wal­dorf­schule zu kämpfen. Als reines Lit­er­atur­ob­jekt fällt es bei mir durch. Das Buch ist wenig über­raschend, sprach­lich okay, aber nicht umw­er­fend, es bleibt immer auf dem­sel­ben Niveau, es bewegt den Leser nicht in seinem Inner­sten und sowas. Aber das Buch soll ja auch gar nicht reines Lit­er­atur­ob­jekt sein. Was dann?

Vérol­let ist in lit­er­arisch­er Hin­sicht Slam Poet, das bedeutet, seine Texte erweckt er durch Darstel­lung vor Pub­likum zum Leben. Ihn daher in der oben angedeuteten Lin­ie zu ver­reißen, wäre also so geistre­ich, wie She loves you, yeah, yeah, yeah von den Bea­t­les nur auf Grund des Textge­haltes zu beurteilen.

So sieht man aber gle­ich, dass nach kon­ser­v­a­tiv­er Strickart Vérol­lets Texte arg­wöh­nisch betra­chtet wer­den: Soll­ten gute Texte nicht alleine für sich sprechen kön­nen? Das dür­fen sie gerne, das soll­ten sie bess­er bei heiklen The­men auch. Das müssen sie aber nicht in jedem Kon­text.

So erspielt sich Vérol­let seine Niesche im Lit­er­aturbe­trieb als geschicht­en­erzäh­len­der Fips Asmussen. Das sollte mir nie­mand übel nehmen, auch Fips Asmussen war und ist schließlich enorm erfol­gre­ich. Ich habe mich tot­gelacht, als ich 10 war. Seine Witze für sich sind ohne Auf­führung irri­tierend geist­los, wie Oliv­er Kalkofe gezeigt hat. Das Irri­tierende kommt allerd­ings teils auch daher, dass man weiß, was Asmussen für einen bre­it gestreuten Erfolg hat. Aber den hat er als auftre­tender Kün­stler und durch CDs mehr als als Büch­er­schreiber.

Natür­lich ist Fips Asmussen platt, genau das macht ja auch seinen Witz aus: Die Irri­ta­tion, dass das, was er vorträgt dort ein­fach ist, wo man Kom­plex­eres erwartet. Eben­so ist Vérol­let ein­fach für seine Zuhör­er. Sie find­en sich mit der melodis­chen Sprach­hand­habung Vérol­lets und den unbeküm­merten Geschicht­en schnell angenehm ver­traut, da stört es nicht, das der Buchti­tel nicht son­der­lich neu ist oder die Geschicht­en nie tiefge­hend, allen­falls anzüglich. Und auch die Optik des Buch­es mit dem bun­ten Cov­er und die den Text beglei­t­en­den Zeich­nun­gen ähneln frap­pierend den Taschen­büch­ern von Fips Asmussen.

Dies soll kein Ver­riss sein, nur eine Art, die Qual­ität dieser Kun­st aufzuzeigen: Sein Pub­likum der­art einz­u­fan­gen, schafft längst nicht jed­er.

Über den Gehalt des Buch­es habe ich somit wenig bis nichts gesagt, was mir allerd­ings auf Grund der Form recht­fer­tig­bar erscheint. Inhaltlich beste­ht das Buch aus diversen kurzweili­gen, aufge­hüb­scht­en Selb­st­be­tra­ch­tun­gen in beson­deren All­t­agssi­t­u­a­tio­nen, die sich, zumin­d­est bei mir, nicht ins Hirn ein­bren­nen.


Dienstag, den 17. Februar 2009   

so lala gegen nordwind

Meine Tante, eine aus­gewiesene Thomas Mann- und Dos­to­jew­skij-Leserin, emp­fahl mir am Woch­enende doch glatt den Roman Gut gegen Nord­wind von Daniel Glat­tauer. Es würde sehr schön über Liebe geschrieben, außer­dem habe Goethe ja auch schon mal Erfolg gehabt mit einem Briefro­man.

In der Tat sind die Kri­tiken des Romans im Inter­net fast durch­weg pos­i­tiv. Aber mir will scheinen, das liegt an der kitschaffinen Leser­schaft, die zu diesem Buch greift. Doch selb­st Andreas Isen­schmidt, den ich anson­sten für sehr tre­ff­sich­er halte, was Lit­er­atur bet­rifft, find­et in diesem “ersten E-Mail-Roman” Roman­tik pur.

Doch halt. Erster E-Mail-Roman? Nein, nein. Ich erin­nere mich schon noch an einen Roman der das­selbe The­ma, dieselbe Auf­machung hat­te. Das war 1999. Das Buch hieß Chat und kam von Nan McCarthy. Wie freute ich mich damals über ein Buch über das Inter­net, über Chats, über Mes­sen­ger und so und wie ent­täuscht war ich, dass diese Grund­lage nur zur seicht­esten Banal­itäten taugt. Immer nur hier ein Ein­trag, da ein Ein­trag, hier Irri­ta­tion, da Irri­ta­tion, hier Nicht­loslassenkön­nen, da Nicht­loslassen kön­nen. Kein Warum, keine Span­nung, die der Leser nicht selb­st hinein denkt.

Ich war also gewarnt vor meinem zweit­en E-Mail-Roman. Und Glat­tauer ist in der Tat an lei­der viel zu weni­gen Stellen orig­ineller. Da wird darauf hingewiesen, dass ein gewiss­es Niveau in den Mails gehal­ten wer­den soll, und es eben keine Cha­tro­manze wer­den darf. Da wird gesagt, unter­lasse bitte die Smi­lies und ver­traue darauf, dass ich deinen Humor ver­ste­he. Aber auss­er diesen Bon­mots schaut einen dieselbe Tristesse an, die diese Einan­derange­zo­gen­heit her­vor­bringt, wie in jed­er zweitk­las­si­gen Schnulze, der es nicht darum geht, zu erk­lären, warum da was passieren soll. Nun gibt es sicher­lich solche Romanzen. Mit so wenig Warums, mit so wenig fass­baren Reizen, die eine Anziehung her­stellt, mit soviel Geduld, mit so wenig Infos über per­sön­liche Mack­en. Inter­essiert mich aber irgend­wie nicht. Meine Mailkom­mu­nika­tion war da immer kom­pliziert­er, anstren­gen­der, inten­siv­er, um-Eck­en-denk­ender, reizvoller, gefährlich­er. Auch mit Per­so­n­en, die ich nicht kan­nte.

Viel bess­er, stelle ich mir vor, taugt der Roman als Hör­spiel, gesprochen von Andrea Sawatz­ki und Chris­t­ian Bertel, die ja auch pri­vat ein Paar sind. Die kön­nen da bes­timmt den Pepp rein­brin­gen, der dem Text so gut getan hätte.

Ger­ade ist der inhaltlich anschließende Nach­fol­ger her­aus­gekom­men, der da heißt Alle sieben Wellen. Das Buch ist wohl nur kaufenswert, wenn man wis­sen will, wie die Geschichte aus­ge­ht:


Dienstag, den 18. November 2008   

tilman rammstedt – der kaiser von china

Tilman Ramm­st­edt hat im Okto­ber endlich seinen seit dem Som­mer angekündigten Roman “Der Kaiser von Chi­na” veröf­fentlicht. Für dieses Buch erhielt er schon diverse Preise im voraus, u.a. den Inge­borg-Bach­mann-Preis.
Und vielver­sprechend begin­nt auch dieser kleine Schmök­er. Die ersten 40 Seit­en sind eine äußerst komis­che Beschrei­bung der Mack­en des Groß­vaters von Haupt­fig­ur Kei­th. Es sind aber auch wohl nur die ersten 40 Seit­en, die beim Bach­mann-Preis vorge­le­sen wur­den. Danach ändert sich der Roman etwas, ohne dass man von einem außeror­dentlich über­raschen­dem Wech­sel sprechen kön­nte. Kei­th bekommt von seinen Geschwis­tern Geld für eine Reise mit dem Groß­vater, welch­es er im Kasi­no mit dessen Geliebter auf den Putz haut. Dann stirbt der Groß­vater und Kei­th erfind­et sich im eige­nen Haus ver­steck­end die Geschichte ein­er Chi­na-Reise mit dem Groß­vater.
Dieser zweite Teil ist nun ver­glichen mit dem Anfang kaum noch humor­voll, darauf aber auch nicht angelegt. Es ist eine dur­chaus detail­liert geschriebene Erzäh­lung ohne größeren Tief­sinn. Soll­ten die ersten 40 Seit­en dem Leser irgend­was schmack­haft gemacht haben, außer dem Erzähltal­ent Ramm­st­edts wird ihm nichts präsen­tiert.
Das ist nicht weit­er schlimm, die 160 Seit­en lesen sich flott, man hätte aber fast mehr erwartet. Mich hat die Lek­türe an Hard-boiled won­der­land oder das Ende der Welt von Haru­ki Muraka­mi erin­nert. Auch dort begin­nt ein Roman mit ein­er sehr witzi­gen All­t­ags­beschrei­bung und mün­det in ein­er phan­tasievollen Geschichte, die aber nicht mehr witzig ist.