Stichwort: philosophie
Sonntag, den 12. September 2010   

einwände gegen die umstellungen in kants metaphysik der sitten durch bernd ludwig, stafano bacin und dieter schönecker

Dieser Text ist work in progress. Er ist derzeit nicht vollständig, aber in den Darlegungen seiner Kritik an den Umstellungsvorschlägen und -durchführungen schon kritisierbar. Bernd Ludwig hat es in der Rechtslehre der Metaphysik der Sitten für ein besseres Verständnis des Kantischen Textes als notwendig empfunden, Paragraphen des Textes des Staatsrechts in der Rechtslehre umzustellen und neu zu nummerieren. Stefano Bacin und Dieter Schönecker schlagen ähnlich kreativ vor, den §9 der Tugendlehre, Von der Lüge, zum besseren Verständnis umzustellen, wenn auch nur innerhalb des Paragraphen umgestellt werden soll. Gegen Ludwig muss eingewendet werden, dass diverse Kantische Argumentationen durch die Umstellungen gar nicht mehr erkannt werden können, insofern kann von einem besseren Verständnis des Textes nicht mehr die Rede sein. Gleiches gilt, wenn auch nicht so schwer, für Bacin und Schönecker: Sie ordnen den Text neu in durch ein Ordnungsprinzip, das dem Leser sowieso ins Auge fällt, erschweren aber das von Kant verwendete Ordnungsprinzip. Auch hier kann von einer Verbesserung des Verständnis keine Rede sein. Generell ist es ziemlich anmaßend als Interpret zu meinen, man habe den Autor besser verstanden als dieser sich selbst.

Bernd Ludwigs Satzkorrektur und Umstellung von §48

Kants Originaltext lautet:

Die drei Gewalten im Staate sind also erstlich einander, als so viel moralische Personen, beigeordnet (potestates coordinatae), d.i. die eine ist das Ergänzungsstück der anderen zur Vollständigkeit (complementum ad sufficientiam) der Staatsverfassung; aber zweitens auch einander untergeordnet (subordinatae), so daß eine nicht zugleich die Function der anderen, der sie zur Hand geht, usurpiren kann, sondern ihr eigenes Princip hat, d.i. zwar in der Qualität einer besonderen Person, aber doch unter der Bedingung des Willens einer oberen gebietet; drittens durch Vereinigung beider jedem Unterthanen sein Recht ertheilend.

Ludwig fügt in einer Fußnote zu, dass der Satz unvollständig sei und fügt die Begriffe „erteilend sein“ hinzu. Dies ergibt aber keinen erkennbaren Sinn. Die ausgeführten Sätze des Kants Zitats sind so zu lesen:

Also: Die drei Gewalten im Staate

– sind erstlich einander, als so viel moralische Personen, beigeordnet (potestates coordinatae), d.i. die eine ist das Ergänzungsstück der anderen zur Vollständigkeit (complementum ad sufficientiam) der Staatsverfassung;

-sind aber zweitens auch einander untergeordnet (subordinatae), so daß eine nicht zugleich die Function der anderen, der sie zur Hand geht, usurpiren kann, sondern ihr eigenes Princip hat, d.i. zwar in der Qualität einer besonderen Person, aber doch unter der Bedingung des Willens einer oberen gebietet;

– sind drittens durch Vereinigung beider jedem Unterthanen sein Recht ertheilend.

Von einer falschen grammatikalischen Zusammenstellung kann keine Rede sein, wenn diese auch umständlich ist.

Das einen Schluss anzeigende Wort also am Anfang des Paragraphen wird von Ludwig so interpretiert, als hätte es keinen Bezug. Durch Ludwigs Umstellung kann es keinen Bezug mehr haben, denn der Paragraph, auf den sich das Wort bezieht, steht bei Ludwig hinter also.

[Folgend: Sammlung neuer Fehlinterpretationen durch die Umstellungen.]

Umstellungen von Stefano Bacin und Dieter Schönecker in §9 der Tugendlehre, Von der Lüge [in Kant-Studien, CI, 2010, pp.247-252]

Bacin und Schönecker schlagen folgende Veränderungen vor:

1. Vorschlag: Die Passage „Der Mensch, als moralisches Wesen […] zur Wa h r h a f t i g k e i t verpflichtet“ (430.14–19) wird an den Satz angeschlossen, der endet mit „[…] nicht der Mensch selbst“ (429.34), und zwar noch vor dem angehängten Gedankenstrich. Wir sprechen im Folgenden von der ersten Passage (430.14–19).

2. Vorschlag: Die Passage „Die Lüge kann eine äußere […] angesehen werden können“ (429.13–23) wird verschoben, und zwar als eigener Absatz nach 430.08 (also zwischen „[…] verächtlich machen muß“ 1 und „Die Wirklichkeit mancher […]“ 2). Wir sprechen im Folgenden von der zweiten Passage (429.13–23).

Gegen den ersten Vorschlag ist einzuwenden, dass Kant im umgeschobenen Satz einleitend vom Menschen als moralischem Wesen redet. Ein Gegensatz, der seine abstrahierende Funktion verliert, wenn er in einen Textblock verschoben wird, in dem nicht explizit vom Menschen als moralischem Wesen gesprochen wird.

Ein entsprechender Fehler stellt sich durch die zweite Umstellung ein: Kant redet in diesem Paragraphen einmal von der Lüge und explizit von der Lüge in ethischer Hinsicht. Die Umstellung von Bacin und Schönecker macht diese Unterscheidung in bezug auf den umgestellten Satz nicht mehr erkennbar.

Die Umstellungen produzieren somit Textfehlinterpretationen und sind, selbst wenn dieser Paragraph für irgendwelche Leser schwer erscheint, abzulehnen.

  1. 08
  2. 09

Mittwoch, den 11. August 2010   

kant’s murderer at the door: is there a right to lie?

I was asked on Facebook:

Starting with the Categorical Imperative as the basic of ethics, would Kant not be wrong about the murderer at the door?

Me:

The question is: Is there a right to lie whenever I think I am or someone else is in danger. The answer is: No, because anyone could think that I could think I was in danger anytime. So this was a problem to accepting contracts, because anyone could rightfully say to be in danger and therefore rightfully lie. Keeping contracts is according to Kant a demandment of practical reason. So you have to trust that others act according to that demandment. According to the Categorical Imperative, a right to lie can’t be a universal law. Seen it that way Kant’s not wrong about the murderer at the door.

But in the „murderer at the door“ situation, it is someone else in danger, not yourself (for example you are in Nazi Germany and you are hiding a Jew and the SS comes, should you lie about hiding a jew or tell them the truth). Is lying to save someone else wrong? I know Kant would say yes, but I am wondering if his suggestion that we should not fails his own categorical imperative. Isn’t it a universal law to protect innocent people?

Me:

It’s not the question if it’s wrong, it’s the question if its rightful. In a state of law lying intended to save someone wouldn’t be rightful to Kant, because it would eliminate formating contracts, just like I said it before.

But Kant wouldn’t call Nazi Germany a state of law. I think he wrote somewhere that he thought such a state wouldn’t be possible at all. According to Kant Nazi Germany was intrinsically a state of war. It was fatal that the Germans didn’t get that.

There could be a universal law to protext innocent people but within a state of law it couldn’t include a right to lie or an emergency law (Notrecht). I guess there can be situations in a state of war where you can’t act according to what you think is a rightful action. But that wouldn’t be a situation that philosophy can solve.

I guess that may bethe problem with deontological ethics. There are some situations that it just doesn’t apply.

Me:

I dont think this is a problem with deontological ethics. There are just situations that are not generalizable, which is the ground for philosophy.

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Immanuel Kant – Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen.


Donnerstag, den 8. April 2010   

dasein und klarsein

Endlich meine Arbeit fertig bekommen. Wer mal reinschauen will, es handelt sich um eine Arbeit zu Kants Begriff der notwendigen Annahme der Idee Gottes in der Religionsschrift, verglichen mit Parallelstellen in der Kritik der praktischen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft.

Jetzt muss ich erstmal den Schlaf wieder ordentlich einholen, der mir aus den letzten Tagen fehlt, meinen Husten loswerden und den Kopf mal etwas klarer. Warum war gestern das gute Wetter und nicht heute?!


Dienstag, den 9. März 2010   

ernst tugendhat zum 80.: die tugendhatsche wende

Es gibt eine Anekdote unter Studenten über einem Vortrag von Ernst Tugendhat über Moral in Göttingen, die unter Studenten als die Tugendhatsche Wende bekannt ist.

Die Räumlichkeit, in der Tugendhat seinen Vortrag hielt, war gut gefüllt, die Studenten in den mittleren und hinteren Reihen und auffällig vorne diejenigen, die sich wichtig vorkamen, die Fans der Analytischen Philosophie, sprich die aufgeblasenen Wichtigtuer, die nahe an einer Geistesgröße sein wollten, weil sie sich ebenbürtig sehen.

Nach dem Vortrag ist es bei den Philosophen so, dass direkt Fragen zum Gesagten gestellt werden. Wenn das gut ist, nimmt die Frage genauen Bezug auf den Vortrag, schwieriger wird es, wenn freiere Assotiationen zum Vortrag thematisiert werden sollen.

Einer dieser Fans nun, fein in Anzug und Krawatte, wurde aufgerufen und durfte die erste Frage stellen:

Ja, aber Moral…. Dazu braucht man aber immer doch auch MACHT?!

Tugendhat war vor ihm stehen geblieben, atmete nun hörbar tief ein, sagte dehnend Jaaajaaaaaaa, drehte auf dem Absatz kehrt, schwieg ein wenig nickend und nahm den Nächsten dran. Geboren war: die Tugendhatsche Wende. Das zur Schau gestellte Übergehen einer für unpassend gehaltenen Frage.

Tugendhat hat sich nie genötigt gesehen, irgendwo unbedingt dabei sein zu müssen. Deswegen zählt man ihn nicht zu einer untereinander verbundenen Gruppe von Philosophen, weder historisch noch aktuell. Man stellt ihn auch nicht als Vorreiter einer bestimmten Richtung dar. Und vielleicht erklärt das irgendwie auch seine persönliche Heimatlosigkeit.

Dabei ist Tugendhat die Liebenswürdigkeit in Person, bemüht um fairen, vorurteilsfreien Umgang, leicht sich verständlich machend, ein Philosoph, der eine starke Abneigung gegen falsche Freunde hat.

Wenn früher ein Student zu ihm kam mit einer sehr trockenen Arbeit, dann, wird von Tugendhat erzählt, habe er gefragt

Sagen Sie mal, haben Sie nicht irgendwas Inspiratives?

Das passt auf jeden Fall zu Tugendhat: Die Anregung, sich doch bitte mit etwas zu beschäftigen, das einen selbst und dadurch vielleicht auch andere anregt.

Sowas kann man von Tugendhat lernen, auch wenn er selbst eben nicht frei von Vorurteilen ist. Ich hadere seit langem mit Tugendhats merkwüdiger Kant-Analyse, die ärgerlich ungenau und platt ist, aber für einige Philosophen durchaus maßgebend und für Tugendhats eigene Philosophie richtungsweisend. Ich habe nie verstanden, was genau hinter der Antipathie gegenüber der kantischen Philosophie stand. Mir schienen es nie Sachgründe zu sein, die einfach darstellbar sind – sehr ungewöhnlich für Tugendhat. Andererseits kann einem Philosophen auch nichts schlimmeres passieren, als bei einem solchen Denker eine Neigung zu verspüren, in dessen philosophischen Herleitungen rumzupsychologisieren.

Was ich Rumpsychologisieren nenne, habe ich einmal betrieben, als ich die Gelegenheit hatte, mit Tugendhat über einige Texte zu sprechen, die andere Philosophen über seine Philosophie schrieben. Ich hatte ihn darauf angesprochen, dass ich seinen Wohlwollen sehr schätze, mit dem er in seinen Repliken zu den Texte der anderen, auf die wirklich schwachen Teile dieser Texte nicht einginge, nur auf die guten. Nein, nein, erwiderte Tugendhat, das sei kein Wohlwollen, er habe schlicht nur das gelesen, was ihn interessiere.

Neben großen Problemen taucht bei Tugendhat eben immer auch eine äußerst angenehme Leichtigkeit auf, die man anderen Menschen im Leben gerne wünschen würde.

mehr
Martin Seel – Ein Solitär


Dienstag, den 5. Januar 2010   

was sollen wir tun?

Da hat wohl jemand gestern den Vortrag von Detelf Horster mitgeschnitten. Ich finde die Position von Horster eigentlich ganz sympathisch, wenn ich auch über seinen Ansatz aus philosophischer Sicht etwas anderer Meinung bin. Nur weil sich Leute empören, beweist das noch keine Moral, zumindest nicht die Verbindlichkeit einer solchen. Gerade dieses Ticketsystem steht dadurch auf zu wackeligen Füßen.


Samstag, den 19. Dezember 2009   

heidegger als philosoph des bösen

Nach einem Heidegger-Seminar in Bielefeld quatschte unsereins noch immer gerne mit den Kommilitonen, man stellte aber irgendwann erstaunt fest, dass man ab und an in ein seltsamen Sprachgebrauch verfiel: Das aufgeplusterte Substantivieren von Verben, was so schwerlich überhaupt noch eine Bedeutung hatte. Ähnlich wie „Das Nichts nichtet“ in vieler Ohren klingt. Wir nannten das: Heideggern.

Ähnlich unverständlich ist ab und an die aktuelle Heidegger-Disussion [s.a. Wikipedia-Artikel Heidegger und der Nationalsozialismus] in Amerika, die zurückgeht auf die Kontroverse um das Buch Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie von Emmannuel Faye. Einige Wissenschaftler fordern seine Verbannung aus den Bibliotheken, andere sagen, moralische Abscheu gegenüber Heidegger entlasse Kritiker nicht von einer Beschäftigung mit den Werken Heideggers. In Deutschland dagegen ist die Befassung mit Heidegger merklich zurückgegangen und wich einem Unverständnis darüber, was es denn überhaupt gewesen ist, dass Heideggers Philosophie so beliebt machte.

Wie auch immer, wen die Debatte interessiert, der kann sich an diesen für die Debatte wichtigen Artikeln ja mal abarbeiten:

Carlin Romano: Heil Heidegger!
Patricia Cohen: Does a Nazi Deserve a Place Among Philosophers?
Ron Rosenbaum: The Evil of Banality
Damon Linker: Why read Heidegger?

Ältere Diskussion zwischen J.P. Stern und Gareth Jones


Sonntag, den 11. Oktober 2009   

misstrauisch bis skeptisch

Ich bin kein Sprachphilosoph. Unter einem Sprachphilosophen stelle ich mir jemanden vor, der von einer richtigen Verwendungsweise von Worten ausgeht, und eben auch von einer falschen und der denkt, sein Vorgehen wäre eine strenge Wissenschaft. Sprache ist aber eben keine strenge Wissenschaft und so gesehen stellt sich die Frage, ob sie überhaupt inhaltlich als Wissenschaft gefasst werden sollte.

Aber es gibt natürlich strategisch gut ausgerichte Sprachanwendung. Wenn man mit einem Kleinkind redet, ist es günstig, keine Fremdworte zu verwenden, wenn man sich direkt mit dem Kind verständigen möchte. Also solche Worte, die selten in der Alltagssprache vorkommen und die sich kaum dem Wortlaut nach erschliessen. Andererseits sind natürlich die meisten Worte Fremdworte für Kinder und sollten mal ausgesprochen werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich denke, es gibt immerhin in der Alltagssprache Worte die gewisse Dinge umfassen und andere, die ebenso verwendet werden, aber eigentlich nicht ganz dasselbe bedeuten.

Das ist der Fall bei den worten „skeptisch“ und „misstrauisch“. In der Alltagssprache werden beide synonym verwendet. Nach meinem Empfinden wird „skeptisch“ sogar öfter verwendet. Weil es sich so schön prägnant aussprechen lässt, so schön nach geistig erhabenem Denkprozess klingt. Dabei bedeuten beide Worte gar nicht dasselbe, selbst eine Schnittmenge beider Begriffe auszumachen ist nicht leicht.

Unter „misstrauisch“ versteht man die Grundhaltung, ein Verhalten, etwas gesagtes nicht nich als etwas Wahres, sondern zunächst nur als Behauptung anzunehmen, bei der es Ansätze gibt, dass sie falsch ist. „Misstrauisch“ klingt aber so nach einer negativen Grundeinstellung, so als ob man grundsätzlich anderen abspräche, sie könnten zu wahren Gedanken irgendetwas beitragen. Da klingt es gewitzter, sich selbst auszulegen, man sei „skeptisch“.

„Skeptisch“ widerum ist eigentlich schon eher dieses Negative, dass man dem „misstrauisch“ unterstellt. Es ist aber nicht so, dass Skeptiker anderen von vornherein misstrauen, sie stellen nur von vornherein in Abrede, dass so etwas wie einer überpersönliche Wahrheit, objektive Werte etc. gibt. Misstrauen muss dabei gar nicht vorhanden sein. Dem einzigen, dem ein Skeptiker traut ist der Ansicht, dass es eben keine gesicherten Erkenntnisse gibt.

Für mich, als jemandem, der das so nicht denkt, ist dies aber eben eine negative Grundeinstellung, die keineswegs sonderlich gewitzt ist. Mit „gewitzt“ meine ich den Spaßmoment, den ein geistreicher Gedanke einem Denkenden überkommt, und der oftmals bei eigener Herstellung den Denkenden dazu verleitet, davon aus zu gehen, hier auf eine Wahrheit gestoßen zu sein. Volker Pispers lebt von diesem Moment.

Es gibt noch so eine Verwendung wie „In diesem Punkt bin ich skeptisch“, aber das klingt so, als würde jemand auf eine bestimmte Stelle im See zeigen und sagen „An der Stelle da bin ich Nichtschwimmer.“ Ganz oder gar nicht.

Insofern ertappe ich mich dabei, immerhin so sehr noch sprachphilosophisch unterwegs zu sein, dass ich in der Alltagssprache eher „misstrauisch“ als „skeptisch“ verwende. Ich möchte meinen Äußerungen eigentlich nicht derart künstlich unterlegen, dass sie gewitzt sein sollten. Entweder erkennt ein Zuhörer das oder eben nicht. In der Alltagssprache ist es aber einverleibt, mit „skeptisch“ „misstrauisch“ zu meinen. Dagegen habe ich nichts, und ich weiss ja um die Umstände. Ein Problem stellt es für mich nicht da.

Und eben diese Flexibilität bedeutet es für den einzelnen, lebendiges Mitglied einer Sprachgemeinschaft zu sein, so hochgestochen das nun wieder klingen muss. Aber die Irritationen rund um Herta Müller scheinen mir doch genau diesen Punkt zu treffen: Da verwendet jemand Sprache als Mittel, aber nicht als die Alltagssprache, nicht als Mittel zur innersozialen Verständigung, sondern als Mittel den eigenen Geist überleben zu lassen, ihm seinen Spielraum einzuräumen trotz der Bedrängungen von außen.

Interessanterweise gibt es Gegenstimmen gegen Herta Müller. Das scheinen mir aber eben jene zu sein, denen Sprache möglichst massenkonform sein muss. Das muss sie eben nicht.


Dienstag, den 6. Oktober 2009   

sloterdijk vs. honneth: altherrenreputationen

Gerade habe ich drüben gepostet, was David Letterman gerade an Reputationskämpfen durchsteht. In Deutschland sieht das etwas anders aus. Da wird nicht so stark über die Medien über Geld und über das eigene Ansehen verhandelt. Das hat unterschiedliche Gründe. Nehmen wir die Stutenbissigkeiten zwischen Naddel und Giulia Siegel. Da könnte es um Geld gehen, vielleicht macht man sich ja für irgendwelche Medien interessant, also auch um Medienpräsenz. Aber Reputation? Nein, die können die beiden kaum verspielen.

Da haben es die Philosophen Peter Sloterdijk und Axel Honneth schon etwas besser. Es geht beiden in ihrem bei FAZ und der ZEIT ausgetragenen Sticheleien vielleicht auch irgendwie um Geld, wenn auch nicht unbedingt das eigene, viel mehr dafür um Reputation. Honneth hat Sloterdijk attestiert, mit diesem Artikel ein Manifest für Marktradikale etabliert haben zu wollen, um e s mal in meine Worte zu fassen. Sloterdijk hatte eine Antwort auf Honneth unterlassen mit dem Hinweis, diesem Fehlten 6-8000 Seiten der Lektüre des Sloterdijkschen Eposses.

Man sieht leicht: Reputationen grenzen sehr nah an Albernheiten. Wenn Sloterdijk meint, seine Gedanken seien erst nach 8000 Lektüreseiten ernsthaft verständlich, entzeiht er sich jedem ernsthaften gesellschaftlichem Diskurs. Naja, vielleicht will er das auch. Honneths Analyse des Sloterdijkschen Papiers finde ich gar nicht so uninteressant, mir fehlt nur an dieser Stelle die Zeit und der Raum, das intensiv zu behandeln. Ich empfehle daher die eigene Lektüre seines Artikels.

Was aber auch noch aus dem Rahmen fällt, und weswegen Sloterdijk wohl keine Auseinandersetzung eingehen mag, ist, dass Honneth das Phänomen Sloterdijk ins Visier nimmt. Sloterdijk ist in der universitätsinternen Diskussion nämlich keni Begriff: Er wird so gut wie nie in der Universität behandelt, er taucht in keinem Themenkomplex sonderlich auf, er hat keinen interessanten Lehrstuhl inne und er ist nicht Teil aktueller fachwissenschaftlicher Analysen. Und wie Honneth ihm unterstellt: Er kennt den aktuellen Stand der Forschung auch nicht.

Trotzdem ist Sloterdijk bekannt, das aber wohl eher als philosophischer Literat. Von Nietzsche übernimmt Sloterdijk das in Metaphern Schwelgende, das reisserisch Endstimmung Verbreitende, das bemerkenswerte Interesse von Leserschichten, aber auch das völlige Fehlen von sachlich stichhaltiger Argumentation: Die Schlüsse, die Sloterdijk zieht, wenn er welche zieht, sind nie zwingend, auch wenn er gerne sie so darstellt. Es ist ja auch nicht alles völlig falsch, was Sloterdijk anführt, nur lässt er seine Leser damit allein, wenn dieser die Methode des Erforschens von Sloterdijk irgendwie verstehen möchte. Das schliesst ihn von den wissenschaftlichen Thematisierungen aus.

In dieses Wespennest hat Honneth gestochen, vielleicht nicht allzu behutsam, denn auch seine Äußerungen sind nicht trennscharf, was inhaltliche und persönliche Kritik an Sloterdijk angeht. Aber die Behandlung ist für die breite Öffentlichkeit längst überfällig.


Mittwoch, den 6. Mai 2009   

moral und moralität

Ich will mal in einzelnen Artikel bestimmte Begriffsklärungen, von denen ich denke, dass ich sie im Folgenden noch gebrauchen kann, festhalten.

Ich beginne mit Moral und Moralität. Es ist sinnvoll den Unterschied zwischen dem Bezeichneten beider Begriffe vor Augen zu haben. Mit Moral lassen sich gesellschaftlich anerkannte Sitten klassifizieren. Diese Folgen bezüglich der Geltung das Moses-Prinzip: Es gibt einen Katalog mit Grundsätzen, der befolgt wird. Eine Begründung dafür, Folge zu leisten, ist dabei unklar, wird oftmals ohne weiteres angenommen. Beim Moses-Prinzip könnte man von göttlicher Weisung sprechen, aber was das genau heißt, ist auch noch unklar. Und weswegen man dies befolgen muss ebenso. Papst Benedikt XVI. spricht an solchen Stellen davon, dass sich die göttlichen Gesetze mit dem deckten, was „dem Menschen ins Herz geschrieben“ sei, belässt es aber bei dieser schwammigen, metaphorischen Ausdrucksweise und klärt die Sachlage nicht weiter1.

Man kann von den Inhalten der 10 Gebote sagen, sie seien Werte. Bringe niemanden um, begehre nicht deines Nachbarn Frau, stehle nicht. Fragt man nach einer Begründung, so scheinen doch die einzelnen Gebote unterschiedlich stark gewertet zu werden: Man hält doch das Begehren der Frau seines Nachbarn für weniger schlimm, wenn überhaupt, als das Ermorden einer Person. Historisch gesehen machte aber das Stehl-Verbot größere Probleme: die Menschenrechte, gesehen als ein derartiger Wertekatalog, entstanden dadurch, dass sich Bürger an die Kirche wandten mit ihrem Gewissenskonflikt, selber gut leben zu können, während andere Hungersnot leiden. Angehörige der Kirche reagierten daraufhin, in dem sie festhielten, man dürfe sich des Hab und Guts eines anderen bedienen, wenn dies die einzige Möglichkeit zum Überleben sei2.

Unter Moralität verstehe ich nun die Gesinnung eines Menschen und basiert auf Rechtfertigungen vor sich selbst. Die Gesinnung geht nicht vollständig in derartigen Moralkatalogen auf. Man muss darunter vielleicht nicht zwangsläufig das verstehen, was Kant unter Moralität verstand, aber es gibt gute Gründe, es so anzunehmen.

  1. Joseph Ratzinger, Der angezweifelte Wahrheitsanspruch, (pdf) S. 4ff. „Der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen wurde nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht. Ein zweites Motiv ist gleichbedeutend damit verbunden. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums, den freilich wiederum schon Paulus in Zusammenhang gebracht hatte mit der Vernünftigkeit des christlichen Glaubens: Das, was das Gesetz eigentlich meint, die vom christlichen Glauben ins Licht gestellten wesentlichen Forderungen des einen Gottes an das Leben des Menschen, deckt sich mit dem, was dem Menschen, jedem Menschen, ins Herz eingeschrieben ist, so daß er es als das Gute einsieht, wenn es vor ihn hintritt. Es deckt sich mit dem, was „von Natur gut ist“ (Röm 2,14f.).
  2. 2. s. Scott Swanson, „The Medieval Foundations of John Locke’s Theory of Natural Rights: Rights of Subsistence and the Principle of Extreme Necessity “ History of Political Thought 18 (1997) 399­459, S. 399-459.

Montag, den 23. März 2009   

der grönemeyer der deutschen philosophie

Peter Sloterdijk hat der FAZ wieder ein Interview gegeben und das gibt mir den Anlass mal kurz über Peter Sloterdijk zu reflektieren. Denn Peter Sloterdijk ist durchaus ein Phänomen. Und das meine ich in der alltäglichen Redeweise, dass er dem reinen Wortlaut nach eine Erscheinung ist, weiss man ohne hinzugucken. Peter Sloterdijk gehört sicherlich zu den bekanntesten Philosophen Deutschlands und mit der „Kritik der zynischen Vernunft“ hat er eines oder gar das meistverkaufteste Buch eines zeitgenössischen Philosophen deutscher Zunge geschrieben.

Dem gegenüber steht, dass Sloterdijk an deutschen Universitäten auf dem Lehrplan eigentlich nicht vorkommt, man liest ihn nicht, er lehrt weder an einer sonderlich bekannten Universität, er residiert nicht an einer philosophischen Abteilung, die wenigstens fachintern bekannt wäre, noch gäb es irgendwelche Fachartikel von Sloterdijk die im Fach einschlägig bekannt sind. Kurzum: Sloterdijk ist fachintern bedeutungslos, er ist ein Philosoph des Feuilletons und des Literaturbetriebs.

Dies ist kein Ausweis darüber, dass Sloterdijk ein schlechter Philosoph ist. Gott bewahre. Viele gute Philosophen sind selbst fachintern unbekannt. Interessant ist, dass Sloterdijk fachextern so bekannt ist. Dass oftmals, wenn eine philosophische Meinung gefragt ist, er gerufen wird. Obwohl er fachintern so ignoriert wird, sein Buch zwar gut verkauft worden ist, den genauen Inhalt aber kaum jemand kennt.

Das hängt ein wenig auch mit dem Philosophiestil Sloterdijks zusammen. Zwar fasst er durchaus nicht unkomplexe Gedanken zusammen und bekommt diese auch so gut auf den Schirm, dass er Zuhörern eine interessante Darlegung eines Sachverhaltes gibt. Allerdings verwendet Sloterdijk dabei soviele unerklärte Metaphern, dass der Zuhörer einfach kaufen muss, nicht alle Worte genau zu verstehen. Das ist derselbe Vorwurf, den Grönemeyer-Ablehner Grönemeyer-Hörern machen: Was bringt dir das, etwas anzuhören, dass du weder wörtlich noch inhaltlich genau verstehst? Na, es hört sich halt schön an.

Das ist aber ein ästhetisches Argument, des Philosophen Aufgabe ist es aber nicht, über Ästhetik Auskunft zu geben. Er soll als Philosoph nicht sagen, dies oder das ist schön. Das kann er als Privatperson sagen. Er soll sagen, welche Begründung an welcher Stelle angebracht ist und ob sie überzeugt. Und dafür sollte er klar herausstellen, in welcher inhaltlichen Bedeutung er welche Begriffe verwendet. Letzteres macht Sloterdijk beispielsweise viel zu selten.

Der haut lieber Sätze raus wie „Intelligenz existiert in positiver Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung. Seit Adorno wissen wir, dass diese Korrelation in Frage gestellt werden kann – das war die suggestivste Idee der älteren Kritischen Theorie.“ Den ersten Satz kann ich auch sehr gut ohne Adorno in Frage stellen, allein deswegen schon, weil er kaum verständlich ist. Aber so bauscht man die Bedeutung der eigene Schule noch mal auf, bevor sie vollends vergessen wird.

Für’s Feuilleton reicht das allerdings: Da ist eh‘ kein Platz für Erörterungen. Da darf sich ein Philosoph als Lebensratgeber hinstellen und niemand fragt, was gerade ihn dazu eigentlich berechtigt. Als reinen Philosophen berechtigt ihn nämlich nichts. Verdammen Sie mir nur den Sloterdijk nicht: Er kann für Einzelne so gewinnbringend sein wie Grönemeyer als Musiker.

Soll man denn nun Sloterdijk lesen, wenn der Autor dieses Artikels so wenig Gutes an ihm lässt? Ja, natürlich. Lesen Sie Sloterdijk. Fangen Sie an mit der „Kritik der zynischen Vernunft“. Machen Sie sich ein eigenes Bild. Zwar bin ich permanent über die Voreingenommenheiten, die Sloterdijk seinen Lesern und Zuhörern unterjubelt, genervt, dennoch regt Sloterdijk zum Denken an. Und in dieser Hinsicht ist Sloterdijk sicherlich besser als manch andere Philosophen, die sich tagesaktuellen Problemen nicht stellen.


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