Stichwort: sachbuch
Sonntag, den 21. März 2010   

reinhard marx – das kapital

Wenn man sich ein bisschen mit Religion und Religionsphilosophie auseinandersetzt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholischen Hirten anzusehen. Vorgenommen habe ich mir mal Das Kapital von Reinhard Marx, dem Erzbischof von München und Freising.

Das Buch ist ungefähr so wie Reinhard Marx: Sympathisch, geschwätzig, nicht überwissenschaftlich, anekdotenreich, einheitschaffend. Es beinhaltet aber interessanterweise in politischer oder philosophischer Hinsicht alles, was man heute an der Katholischen Kirche kritisieren mag.

Reinhard Marx beginnt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gleich seine Überzeugung feststellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwischen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Reinhard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist andererseits einfach eine Form von Respektlosigkeit, anderen Menschen irgendwelche Behauptungen unterzujubeln, nur weil diese Menschen nun tot sind, und sich nicht mehr dagegen wehren können. Das hatte auch schon Walter Nigg in „Friedrich Nietzsche“ so getan, wo er behauptet, hätte Nietzsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evangele gewesen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Reinhard Marx einfach das, worunter er Karl Marx versteht, gegen die Katholische Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinandertreffen einer Lehre auf eine Philosophie. Das Problem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt werden muss, nicht überzeugend begründet wie eine Philosophie sein muss, um akzeptabel zu sein. Wobei in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass für Reinhard Marx das, wofür Karl Marx steht, einfach nur Skeptizismus ist: Das Angreifen von Dingen, die für Werte gehalten werden.

Diese Werte entstammen alle dem Christentum, meint Detlef Horster, auf den sich Reinhard Marx als Segnung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist überhaupt eine eigentümliche Belegmethode von Richard Marx: Das Heranziehen der Meinung eines großen Geistes als Ersatz für die Begründung einer eigenen Meinung. Fast schon gönnerhaft gesteht Reinhard Marx der Philosophie der Aufklärung zu, dass sie Begründungen für moralische Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offensichtlich ist es Reinhard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhandensein von Werten wichtiger ist als das Begründetsein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholischen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx ausgespielt, ebenso grundlegender ein katholischer Fundamentalismus gegen objektive Begründungen, worunter man Philosophie verstehen kann.

„Die katholische Soziallehre sieht in Marx ihren größten Gegner sie bezeugt ihm ihren Respekt.“ (Oswald von Nell-Breuning (S. 32))

Wie großzügig. Die katholische Soziallehre kennzeichnet sich durch eine Weltanschauung, in der Individuen durch Solidarität und Subsidiarität miteinander verbunden sind (S. 95). Ein jedem seien politisch und wirtschaftlich alle Freiheiten gegeben, solange sie in einem moralischen Einklang und in Unverletzung der Rechte anderer möglich sind. Marx meint offensichtlich, dass dies schlichte Motiv einer ausgearbeiteten Philosophie gleichkommt, diese gar übertrifft. Eine irgendwie gestaltete Begründung gibt es in Reinhard Marx‘ buch für die katholische Soziallehre nämlich nicht: Sie ist einfach besser als alles andere.

Und weil man nach Reinhard Marx auch angeblich denkt, dass Religion nicht nur Privatsache sei, sondern dass Kirche eine gesellschaftspolitische Aufgabe habe (S. 63) gäbe es den Religionsunterricht in Deutschland in der vorliegenden Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Einbindung der evangelischen und der katholischen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthalten eines Staatslenkers.

Aber diese eigenwillige Ansicht Reinhard Marx‘ fügt sich gut in sein Weltbild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholische, ist die Institution der Moral (S.62): Ihr Richtplatz. Ohne Kirche ist Moral für Reinhard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt ausgeliefert. Reinhard Marx fühlt sich zudem in Übereinstimmung mit Immanuel Kant, was sein Menschenbild betrifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird überhaupt gerne von Geistlichen als Gewährsmann vereinnahmt ohne auf seine Religionskritik einzugehen) und ebenso in Übereinstimmung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Familie als Geburtsort von Moral angeht: Für Marx sei die Familie wichtigster Ort der Wertevermittlung, daher sei Familienpolitik wie Bildungspolitik vorausschauende Sozialpolitik.

Das kann man nun unhinterfragt so stehen lassen oder hinterfragen. Bei letzterem ist man sich selber aber Philosoph, und das für viele zwangsläufig. Denn beim Stichwort Familie muss man ja bei der katholischen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Familie sind. Eine Familie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebensgemeinschaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholische Kirche die sexuellen Auswüchse neueren Datums mit zu verantworten. Die Soziallehre der katholischen Kirche lässt völlig unbeantwortet, warum man sich nicht einfach durch eine vertraute Bezugsperson eben so gut moralisch entwickeln kann, wie durch verheiratete Eltern. Und ob es gerade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf verständliche, begründete Vermittlung von moralischen Verhaltensweisen ankommt als auf Werte-Tradition.

Man begegnet in diesem Buch Reinhard Marx an den Stellen, die den Menschen an der katholischen Kirche so unheimliche Probleme bereiten. Man findet aber als Reaktionen darauf nur fundamentalistische Durchhalteparolen vor, die für sich genommen nicht überzeugen. Aber das sollen sie ja auch nicht.


Dienstag, den 6. Oktober 2009   

michael buback – der zweite tod meines vaters

– Am 20. August 2009 wurde seitens der Bundesanwaltschaft das Auffinden von DNA-Spuren Verena Beckers am Bekennerschreiben zum Mord an Generalbundesanwalt Buback bekannt gegeben. Daraufhin wurde ihre Wohnung durchsucht.[1]

– Am 27. August 2009 wurde Verena Becker aufgrund des dringenden Tatverdachts, am Mordanschlag auf Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein, festgenommen.

– Am 28. August 2009 wurde ein Haftbefehl gegen sie erlassen.[2][3] Im Zuge der neu aufgenommenen Ermittlungen bestätigten sich frühere Berichte, dass Verena Becker als Informantin für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen war.[4]

Der Fall Buback ist wohl einer der merkwürdigsten in der Geschichte der deutschen Bundesanwaltschaft. Der Vorwurf seines Sohnes Michael Buback an offizielle Stellen ist nicht von Pappe: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wurde bei der juristischen Aufarbeitung des Mordes aus der Schusslinie genommen, obwohl Indizien darauf hindeuten, dass sie selbst den Abzug betätigte. So kann man es in der jetzt erschienenen, erweiterten Ausgabe Der zweite Tod meines Vaters von Michael Buback nachlesen.

Das Buch ist äußerst lesenswert, weil man einem intelligenten Menschen in die Küche schauen kann, wenn er logische Bezüge zwischen Fakten herstellt, kontrolliert, beiseite schiebt oder eben zum Vorwurf erhebt. Im Raum steht dabei, dass Buback sich als Verschwörungstheoretiker aufspielt, aber es wäre vermessen, diesen Vorwurf auf das ganze Buch auszustrecken. Es ist allerdings bspw. bei der Heranziehung des Ohnesorg-Falls unsauber argumentiert, von diesem Fall bezüge auf Ermittlungen im Buback-Fall zu ziehen. Das widerstrebt dem ansonsten logischem Vorgehen Michael Bubacks. Dies führte ihn zu der sich nun als richtig herausgestellten Vermutung, Becker habe für den Verfassungsschutz gearbeitet.

Die Bundesanwaltschaft glaubt wohl immer noch nicht, dass es Becker gewesen ist, die vom Soziussitz des Tatmotorrads aus Siegfried Buback und seine zwei Begleiter schoß. Aber es sind wohl auch die drängenden Nachforschungen Michael Bubacks gewesen, die den Fall juristisch neu aufleben lassen. Becker, die mit der Tatwaffe 3 Wochen nach dem Mord einen Polizisten schwer verletzte, war bei einem Telefongespräch mit Brigitte Mohnhaupt abgehört worden, in dem sie sagte, dass sie keine Unannehmlichkeiten im Fall Buback erwarte, da die Sachbeweise fehlten, „außer die Bekennerbriefe“. Und eben darauf fand man nun Fingerabdrücke Beckers.

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weiter:
hintergrund.de
Verschlussache Becker
Nils Minkmar
Die Einsamkeit des Michael Buback
Hans LeyendeckerDas Mädchen Verena


Sonntag, den 31. Mai 2009   

christoph schlingensief – so schön wie hier kanns im himmel gar nicht sein!

schlingensiefSeitdem ich Christoph Schlingensiefs Arbeit kenne, verfahre ich immer auf dieselbe Weise: Sofern ich zu ihr Zugang habe, beschöftige ich mich so lange damit, bis ich meine zu wissen, was dahinter steckt oder bis sie mir etwas sagt.

Nun hat er ein Tagebuch während seiner Krebserkrankung verfasst. Es ist eine Aufnahme seiner Wut, des Angriffs auf seine Person, der Thematiken, die sich ihm aufdrängen. Er schwimmt sich frei und man bekommt den Eindruck: Dadurch bekommt er ein Stückchen mehr Lebensqualität.

Das Buch ist ein lesenswertes Dokument der Nichtaufgabe seiner eigenen Person, das einem Aufruf gleichkommt, um sein Leben zu kämpfen.


Montag, den 4. Mai 2009   

ernst klee – deutsche medizin im dritten reich

Ich komme erst jetzt dazu, Ernst Klee zu lesen und das wird auch höchste Eisenbahn, wenn in meiner Heimat schon eine Schule nach ihm benannt wird.
Dieses Buch ist schon 2001 erschienen und befasst sich mit Karrieren von Medizinern und in der Medizin Tätigen in der Zeit vor und nach 1945. Man kann Klee den Vorwurf machen, dass seine Arbeitsweise nicht ganz wissenschaftlichen Standards entspricht. Aber wer sich mit diesem Buch befasst, merkt schnell, wie kurzgegriffen ein solcher Einwand ist. Ähnlich wie  Daniel Goldhagen in Hitler’s willing executioners, dessen Grundthese ich nicht teile, wartet Klee mit einer ungemein detailreichen Arbeit auf, die beeindruckt und bedrückt. Und so eine Fülle von Informationen will mir wesentlicher erscheinen als Goldhagens eigenwillige Theorie oder Klees Darstellungsweise. Klee lässt ab und an subjektive Einschätzungen zu den beschriebenen Ereignissen einfließen, was dem Text meines Erachtens aber gut tut.

Von Klee kommt in Kürze Das Kulturlexikon zum Dritten Reich als Taschenbuch heraus. Dieses Buch unterliegt derselben Kritik wie oben beschrieben und ist ebenso mit dem Hinweis zu versehen, dass Klees Arbeiten derzeit einfach eine Lücke ausfüllen.

Lesehinweis: ns-eugenik.de