Stichwort: westfälische idiome
Donnerstag, den 3. Oktober 2013   

westfälische idiome (VXII): finale ortsangabe mit ‚auf‘

Man versteht es in hiesigen Gefilden durchaus, wenn jemand davon spricht, er würde zu einer Beerdigung gehen. Es gibt daneben allerdings eine weitere Verwendung:

Ich geh‘ mit auffe Beerdigung.

Während mit der Aussage, zu einer Beerdigung zu gehen, lediglich die Absicht ausgedrückt wird, sagt die zweite Formulierung aus, dass man sich in einer Gemeinschaft wähnt („mit“) und das Ziel als solches ein Ereignis („auffe“) sei.


Donnerstag, den 23. August 2012   

westfälische idiome (XVI): knufen

Knufen meint das Beschäftigung gebende Essen eines in der Hand gepressten Teigproduktes als einer Zwischenmahlzeit. In dieser Hinsicht ist es eine Beschäftigung, die Eltern gerne ihren Kindern geben. Als Teigprodukt kommt alles in Frage, was man zusammendrücken kann, meist handelt es sich um ein trockenes Brötchen. Man kann auch einfach eine Scheibe Brot wegknufen, das Knufen eines Kuchenstücks oder eines Croissants ist dagegen eher ungewöhnlich. Ebenso knuft man keine belegten Brötchen. Es wird weder Besteck, noch ein Getränk gereicht.

Vom Wortstamm her kommt knufen möglicherweise von Knufe, d.i. das Ende eines Brotes [via].
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Foto: Jan Hoffmann. Verwendung unter creative commons licence.


Dienstag, den 2. November 2010   

westfälische idiome (xv): superlativklassifizierung durch “mit”

winechess

Es ist im Westfälischen durchaus üblich, Superlative zu klassifizieren. Dies geschieht durch die einfache Vornennung des Wortes “mit” beim betreffenden Superlativ. X ist beispielsweise ein Ort, zu dem man mit am weitesten hin gereist ist. X ist ein Bier, das noch mit am besten schmeckt. X ist ein Umstand, der mit am schlimmsten ist. Oder x ist ein Umstand, der noch mit am ehesten zutrifft.

Es soll hierbei nicht beansprucht werden, die Vollständigkeit einer bestimmten Klasse zu behaupten. Es kann auch sein, dass diese in Rede stehende Klasse aus lediglich einem oder gar keinem Element besteht: Jemand, der eigentlich keinen Wein mag, kann sagen, dass der Wein X noch am besten oder noch am ehesten schmeckt, ohne zu sagen, dass der Wein X gut schmeckt. Aber unter Weinen, die für ihn sowieso nicht schmecken, gehört Wein X zu den nicht ganz schlecht schmeckenden.

Durch die Weglassung des “mit” würde in dieser Sprachverwendung gesagt, dass die in Rede stehende Klasse aus lediglich einem Element besteht. Durch die Superlativklassifizierung durch “mit” wird daher ausgesagt, dass die Klasse offen für weitere Elemente ist, dass das in Rede stehende X zur in Rede stehenden Klasse allerdings dazu zählt.

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Dienstag, den 10. August 2010   

etüde für kellerheizung

Meine Eltern wohnen in der wohl nördlichst gelegensten Stadt mit Kohleförderung in Deutschland. Mein Vater hat nach Ausflügen in Kleinhandelsgewerbe bei der dazugehörigen Zeche irgendwann in den 70ern Arbeit als kaufmännischer Angestellter gefunden. Daher war es, als er ein Haus für seine künftige Familie baute, klar, dass eine Kohleheizung in dieses Haus gebaut wird. Dies hatte den Vorteil, dass man einen Energieversorger besaß, der direkt vor Ort war. Und natürlich bekam mein Vater als Mitarbeiter die Kohle billiger.

Nun ist der Einsatz einer Kohleheizung mit einer Pflege verbunden, die den Besitzer sehr erdet. Man muss Kohle in die Heiung einschütten, durch Rütteln verbrauchte mit neu hinzukommender Kohle ersetzen, ab und an ein Feuer erzeugen, wodurch die Heizung wieder angeht und natürlich die staubende, verbrauchte Kohle entsorgen.

Das ist soweit technisch nicht weiter kompliziert. Etwas komplexer ist nur die technische Umsetzung, wie durch Kohleheizungen unterschiedliche Temperaturen für heißes Wasser erzeugt werden. Hierzu hat man eine Art Belüftungssystem eingebaut. Dieses System erkennt Temperaturgrade. Ab einem bestimmten Grad kann nun das Belüftungssystem einsetzen und sozusagen Zugluft erzeugen, die das Kohlenfeuer anstachelt. Wenn man also einstellt, dass die gewünschte Temperatur 60° sein sollen, heizt das System der Kohle ein, bis die Kohle diese Temperatur hat.

Ein solches Belüften setzt natürlich auch ein, wenn die Kohle ganz niedergebrannt ist. In der Kohlenheizungsfachsprache heißt es dann, die Heizung läuft. Nicht in dem Sinne, dass sie angeschaltet ist, sondern, dass ein klapprig klingendes Durchzugsgeräusch zu hören ist, das verkündet, dass zu wenig Kohle in der Heizung ist.

Dieses Geräusch ist nun in unserer Familie ein eigentsändiges Idiom. Denn wortlos rennt mein Vater zur Heizung, wenn es ertönt. Und meine Mutter, die sich von allen Männeraufgaben im Haushalt tunlichst fern hält, sagt zu meinem Vater, wenn sie das Geräusch als erste hört

Schatz, die spielen dein Lied.


Montag, den 9. August 2010   

westfälische idiome (xiv): um pudding fahren / gehen

Im Westfälischen kann das Umrunden eines bestimmten, kleinen Gebiets um den Pudding fahren oder schlicht um Pudding fahren genannt werden:

Ich fahr‘ eben um‘ Pudding.

Dies bezieht sich auf die Kleinheit des zu umfahrenden Gebietes. Es wird dadurch gesagt, dass man nicht lange unterwegs sein wird und dass diese Tätigkeit nicht sonderlich wichtig ist. Wenn man z.B. jemanden sucht, kann jemand sagen, dass er eben um Pudding fährt, um zu schauen, ob er auf dieser Strecke zu sehen ist. Es ist aber nicht so wichtig, ihn zu finden.

Eigentlich dient das Umfahren oder Umgehen des Puddings aber der Kontemplation oder des kindlichen Spiels. Ein Kind kann diverse Male Runden in der Nachbarschaft drehen und der Westfale nennt dies um den Pudding fahren.

Das Fahren ist hierbei nicht weiter wichtiger Bestandteil. Man kann auch kontemplativ einmal um Pudding gehen.

Pudding spielt hierbei auf die Runde, die zurückgelegt wird, an. Puddings werden in Westfalen traditionell in Töpfen oder Schüsseln zusammengestellt und in oder auf runden Schälchen serviert. Beim Umrühren des Puddings im Topf oder beim Auslöffeln des Puddings im Schälchen vollzieht der Koch oder der Puddingesser ebensolche kleine Umrundungen.


Mittwoch, den 4. August 2010   

westfälische idiome (xiii): einen fön kriegen

In Bezug auf gedankliche Planungen oder Erklärungen ist es im Westfälischen gebräuchlich, davon zu sprechen, dass man glaube, man bekäme einen Fön. Etwa in der Form:

Ich glaub‘, ich krieg‘ ’n Fön.

Natürlich ist es nicht der Fall, dass man tatsächlich einen solchen bekommt. Es ist lediglich ein Ausspruch, der eine innerliche Entrüstung über eine vorgelegte, zu glaubende Erklärung oder eine sich dem Aussprechenden widerstrebende Planung darlegen soll. Man kann sich das aber sinnbildlich vorstellen als Entrüstung eines Beschenkten über einen Fön als Geschenk.

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Reihe: Westfälische Idiome
Bildquelle: Hair dryer detail von Breakfast for dinner | Creative Commons BY-NC-SA 2.0 Lizenz.


Freitag, den 30. Juli 2010   

westfälische idiome (xii): bollerig

Jeans kaufen ist oftmals keine einfache Geschichte. Manche stehen einem, andere nicht. Jeans fallen unterschiedlich aus, da muss man diverse Praxistests überstehen. Eine neuere Mode ist ja das lässige, nahezu knietiefe Tragen von Jeans. Das wurde zuvor nicht als modisch angesehen. Und im Westfälischen wurde für eine derart, d.h. eine schlecht sitzende Jeans das Wort bollerig verwendet. Bollerig waren Jeans dann, wenn sie altersbedingt geweitet waren, daher nicht mehr gut saßen und somit nicht chic waren. Neumodisch tiefergetragenen Jeans kommt daher nur dann nicht die Bezeichnung bollerig zu, wenn sie erkennbar nicht aus Altergründen nicht gut sitzen.

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Reihe: Westfälische Idiome
Bildquelle: Blue & Jean von Tony Blay | Creative Commons BY-NC-SA 2.0 Lizenz.


Donnerstag, den 29. Juli 2010   

westfälische idiome (xi): los/lose sein / etwas los machen

Im Westfälischen können Schubladen, Fenster oder Schnürsenkel los sein. Umgangssprachlich kann man auch davon sprechen, etwas sei lose. Oftmals wenden Nichtwestfalen hierbei ein, dies sei eine grammatisch falsche Verwendung der Redeweise, etwas sei offen. Das ist aber falsch, da die Verwendung von los der jeweiligen Situation inhaltlich mehr abgewinnt.

Zum einen gibt es die westfälische Aufforderung Mach‘ mal dat Fenster los! Auf die reine Handlung ist gemeint, dass das Fenster geöffnet werden soll. Allerdings ist es im Westfälischen so, dass das Fensteröffnen in der Verwendung mit losmachen eine andere ist als in der Verwendung mit öffnen. Ein Fenster kann sich alleine öffnen, es kann sich aber nicht alleine losmachen. Das Losmachen ist eine zweckverfolgende Tätigkeit. Wenn in einem Raum schlechte Luft herrscht oder die Technik eines Fensters untersucht werden soll, so kann man sagen Mach‘ mal dat Fenster los! Es ist allerdings nicht gebräuchlich zu sagen, dass Fenster habe sich selbst los gemacht. Hier sagt man Das Fenster hat sich von alleine geöffnet.

Noch etwas anderes ist die Verwendung des Los-Seins. Schnürsenkel können los sein oder lose sein. Hierbei wird ebenso oft eingewendet, es handle sich um eine grammatisch falsche Verwendung der Redeweise von offenen Schnürsenkeln. Aber auch dieser Einwand ist falsch.  Der inbegriffene Gedanke bei einer Feststellung wie Deine Schnürsenkel sind lose ist, dass Schnürsenkel von getragenen Schuhen aus Sicherheitsgründen zu sein sollen. Schnürsenkel von gerade nichtgetragenen Schuhen sind offen, aber nicht lose, denn es ist egal, ob diese in dieser Situation offen sind oder gebunden.

In metaphorischer Hinsicht kann losmachen auch Gegenständen zugesprochen werden. So kann man sagen Das Boot hat sich alleine losgemacht. Damit unterstellt man dem Gegenstand ein gewisses Eigenleben und entzieht sich selbst etwas der Verantwortung, gerade wenn man selbst das Boot am Steg festgemacht hat, so dass es eigentlich nicht wegschwimmen hätte können.

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Dienstag, den 13. April 2010   

westfälische idiome (x): eumel

Der Begriff Eumel enstammt allem Anschein Hoffmann’s Stärkefabriken aus Bad Salzuflen, die damit in einer Werbung Wesen meinten, die in Gardinen wohnten und diese unrein machten, sogenannte Gardinenschädlinge. Daneben ist eine Programmiersprache bekannt namens EUMEL, die an der Universität Bielefeld entwickelt wurde, die automatische Kontoauskunft nennt man so und es gibt auch Dragees, die so heißen.

In der westfälischen Alltagssprache wird Eumel allerdings in despektierlicher Form für einen Menschen verwendet, dem ein umständlicher, überflüssiger Gedankengang bezüglich eines Gedankens oder einer Handlung attestiert wird, worunter jemand anders in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wenn ein Pärchen z.B. streitet und ein Partner zunächst rumlamentiert, um dann doch in die Meinung des anderen einzustimmen, was ohne Einfluss einer neuen wesentlichen Information, sondern nur um des nicht all zu schnellen Einlenkens willen geschieht, kann er Eumel genannt werden.

Kurz gesagt: Ein Eumel ist jemand, der durch eine Macke andere nachhaltig irritiert. Monk ist ein Eumel, wenn er andere durch seine Macken in Mitleidenschaft zieht, nicht allein dadurch, dass er Macken hat.


Montag, den 12. April 2010   

westfälische idiome (ix): tacken und ocken

Als Zähleinheiten sind in Westfalen die Begriffe Tacken und Ocken geläufig. Tacken bezeichnet generell eine kleine Einheit. Wenn man den Zündschlüssel zum Anlassen des Autos etwas umdreht, aber nicht weit genug, so kann man gesagt bekommen, man solle den Schlüssel noch einen Tacken weiter drehen. Damit ist gesagt, dass man den Schlüssel zwar in irgendeiner Weise eine Einheit weiter bewegt hat, aber noch eine weitere, kleine benötigt wird. Ebenso wird das Wort Tacken im Kartenspiel als Einheit, um die gespielt wird, verwendet. Man redet von Tacken, da die Einheiten sich früher bei 5 oder 10 Pfennige und heute entsprechend Cents beliefen und somit für sich genommen Kleingeld waren und sind. Tacken bezieht sich dabei auf die Einheit für sich und wird nicht als Synonym für Cent verwendet. Dem entsprechend ist der Tacken die Einheit, für die die 10 Cent stehen, nicht für die Einheit Cent.

Die Verwendung des Begriffes Ocken ist ähnlich und möglicherweise an die Verwendung von Tacken angeglichen. Man spricht allerdings beim Kartenspiel nicht von Ocken als der Übereinheit von Tacken, auch wenn sich Ocken immer auf Euros in einer bestimmten Größenordnung beziehen. Die Größenordnung beginnt bei einem Ocken als der ersten Einheit und endet gebräuchlicherweise bei einer Größenordnung von über 9000 Ocken, aber auch schon deutlich darunter, je nach Ernsthaftigkeit der Rede. Bei einer derart als beträchtlich angesehenen Summe spricht der Westfale meist schon von Euro statt von Ocken, sofern er den Begriff Ocken verwendet. Ocken sind somit Euros in einer Höhe, die man für sich genommen noch als wenig Geld betrachten mag, auch wenn sie für einen bestimmten Gegenstand viel sein können. Beispielsweise sind 10 Ocken an sich nicht viel Geld, für eine halbe Stunde Parken allerdings schon.

Es gibt keine alltagssprachliche Verrechnung der Begriffe nach von Tacken zu Ocken. Es gibt von beiden Begriffen keine explizite Singularform wie Tacke oder Ocke.


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