Sonntag, den 24. Mai 2009   

der bekehrer von heise

Einen sehr wirren Artikel zum Ver­hält­nis von Natur­wis­senschaft und Reli­gion hat Peter Mon­ner­jahn da bei Heise veröf­fentlicht. Sein­er Mei­n­ung nach habe der Berlin­er Bischof Huber “einen großen Schritt zwis­chen Gläu­bi­gen und Nat­u­ral­is­ten” gemacht, er habe erk­lärt, warum es in diesem Uni­ver­sum keinen Gott geben kann. Ein Schritt, so Mon­ner­jahn, der lei­der bish­er “von der Welt” kaum beachtet wor­den sei.

Naja, vielle­icht kön­nte das daran liegen, dass Huber diesen Schritt gar nicht gemacht hat. Über­haupt ist rät­sel­haft, weswe­gen “Nat­u­ral­is­ten”, und ich glaube, darunter ver­ste­ht Mon­ner­jahn im ersten Sinne Biolo­gen, und Religiöse als die einzi­gen Fron­ten in dieser Diskus­sion vere­int wer­den sollen. An dieser Rival­ität soll sich wohl nach Mon­ner­jahn die Gottes­frage entschei­den. Warum? Weil Mon­ner­jahn wohl nicht mehr auf dem Schirm hat. Er iden­ti­fiziert Richard Dawkins als Biolo­gie-Heils­bringer, der über den ange­blichen Schritt Hubers hocher­freut sein [müsste], diese ersten Zeichen eines echt­en öku­menis­chen Geistes zu sehen. Das scheint nach Mon­ner­jahn also das große Ziel zu sein, zu dem die Nat­u­ral­is­ten streben. Wenn die Religiösen jet­zt zugeben, dass Gott nicht gegen­ständlich ist, nach Mon­ner­jahn: nicht mit Ver­nun­ft entschei­d­bar, dann kön­nen die Biolo­gen Glauben als psy­chis­ches Phänomen abstem­peln, und alle sind glück­lich. Schon an der Stelle, an der Mon­ner­jahn Huber unter­stellt, dieser erk­läre, warum Gott nicht im Uni­ver­sum vorkomme, und dass Gott nicht real, d.h. wirk­lich, sei, missver­ste­ht er ihn vorsät­zlich, da Huber davon aus­ge­ht, Glaube richtet sich auf die Wirk­lichkeit Gottes, die Raum und Zeit umgreift und über­steigt.

Was hat denn der liebe Herr Huber zum Ver­hält­nis von nicht­the­ol­o­gis­chen Wis­senschaften, dei den Glauben doch so bedrän­gen, und Glauben gesagt? Seine Rem­i­niszenz an die nicht­the­ol­o­gis­che Wis­senschaft ist der Philosoph Immanuel Kant. Und dessen Argu­men­ta­tion über die the­o­retis­che Beweis­barkeit Gottes aus der Kri­tik der reinen Ver­nun­ft wieder­holt er eigentlich nur: Gott ist the­o­retisch für Men­schen nicht beweis­bar. Man braucht also keinen Hoff­nun­gen in die Biolo­gie, Chemie oder Physik zu set­zen, dass von dort Erken­nt­nisse über Gott kämen. Das heisst allerd­ings wed­er, dass Gott nicht beweis­bar ist, wie Mon­ner­jahn es gerne hätte, noch, dass Kant die Kri­tik der reinen Ver­nun­ft geschrieben hätte, damit der Begriff Gottes als der alles umfassenden Wirk­lichkeit über­haupt wieder zur Gel­tung kom­men kann. Hubers Zweck­un­ter­stel­lung des Kan­tis­chen Buch­es ist gän­zlich aus der Luft gegrif­f­en.

Mit der Kri­tik der reinen Ver­nun­ft wollte Kant die Meta­physik als Wis­senschaft etablieren. Das ist eine Wis­senschaft, die die Möglichkeit syn­thetis­ch­er Sätze a pri­ori, d.h. Sätze, deren Wahrheits­ge­halt nicht die Erfahrung entschei­det, als (rechts-)gültiger Sätze erweist. Für viele Natur­wis­senschaftler ist hier schon das Buch zu, weil all ihre eige­nen Sätze nur solche sind, denen die Erfahrung Recht geben muss. Um wis­senschaftlich zu ergrün­den, ob und in wie weit es weit­ere erken­nt­nis­brin­gende Sätze gibt, muss man sich eben mit der Philoso­phie auseinan­der­set­zen. Das tun Biolo­gen und The­olo­gen mitunter ungern, da es erfordert, bere­it zu sein, fun­da­men­tale eigene Überzeu­gun­gen in Frage zu stellen und not­falls über Bord zu schmeis­sen. Wäre Mon­ner­jahn der­art wis­senschaftlich unter­wegs, hätte er bemerken kön­nen, dass diesel­ben Argu­mente, die Dawkins in seinem pop­ulär­wis­senschaftlichen Buch The God delu­sion vor­bringt, schon bei Niet­zsche zu find­en sind. Man sieht leicht: Dieser Stre­it ist schon vor Jahrhun­derten mit min­destens gle­ich­w­er­ti­gen Argu­menten geführt wor­den.

Was Huber in Abgren­zung zu Kant meint, kön­nte noch eine inter­es­sante Frage sein. Schein­bar fällt ihm zu Kant nur die Kri­tik der reinen Ver­nun­ft ein und nicht ein Buch wie Die Reli­gion inner­halb der Gren­zen der reinen Ver­nun­ft. Nach Kant ist Reli­gion ein Fol­gegedanke des ethis­chen Denkens des Men­schen, nicht umgekehrt recht­mäßiges ethis­ches Denken ein Fol­gegedanke der Lehre ein­er Reli­gion, so wie es die katholis­che Kirche annimmt. Nach Kant soll man sel­ber denken, nicht irgendwelche Moraltafeln von jemand anders übernehmen und denen blind­links ver­trauen.

Vol­lkom­men kon­trär zu Kant wird Huber zumin­d­est, wenn er sagt: Ger­ade weil sich das Ziel, um dessen­twillen die Welt ent­stand und das Leben sich auf der Erde bildete, nicht aus den natur­wis­senschaftlichen Ein­sicht­en selb­st erschließt, brauchen wir einen Zugang zu dem Sinn des Ganzen, der den Raum des unserem Wis­sen Zugänglichen über­schre­it­et. Huber geht von einem Wis­sen aus, dass bein­hal­tet, die Welt sei mit einem Ziel aus­ges­tat­tet und es gäbe so etwas wie einen Sinn des Ganzen. Woher weiß Herr Huber, denn an dieser Stelle scheint er ja nicht lediglich zu glauben, woher weiß er von dieser Zielaus­rich­tung?

Den Din­gen Zwecke, Ziele zu unter­stellen, ist nach Kant eine Wesen­sausstat­tung des Men­schen. Nach Kant ist es möglich, dass die Wirk­lichkeit als einem sub­jek­tun­ab­hängi­gen Wahrheit­szu­s­tand anders aussieht als Men­schen, die an ihre sub­jek­tiv­en Vorstel­lungsver­an­la­gun­gen gebun­den sind, denken oder glauben. Kurz: Es kann falsch sein, bes­timmten Din­gen einen Zweck zu unter­stellen, so wie Huber der Welt einen Zweck unter­stellt. Den­noch ist der Men­sch zu ethis­chem Han­deln verpflichtet. Mir scheint: Nach der Huber­schen Auf­fas­sung wird davon nicht aus­ge­gan­gen. Nur der Umstand, dass Gott es ange­blich gut meint mit der Welt, ergibt es, dass Men­schen gut, d.h. sich an ethis­chen Maßstäben ori­en­tierend, han­deln sollen. Ohne Gottesvorstel­lung keine Ethik. Das sieht Kant anders: Ethik wird ohne Gottesvorstel­lung konzip­iert. Ethis­ches Han­deln kann auf eine Gottesvorstel­lung angewiesen sein.