Archiv für Juni, 2009
Freitag, den 26. Juni 2009   

mein michael jackson

Der selb­ster­nan­nte König der Pop­musik ist nicht mehr. Jet­zt wird es zahlre­iche Rück­blicke und Wehmuts­bekun­dun­gen geben. dangerous

Das fand ich aber keinen Grund auf eine kleine eigene Erin­nerungs­dar­legung zu verzicht­en. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mich in ein­er R.i.P.-Sendung vom ZDF wiederfind­en kön­nte.

Michael Jack­sons Dan­ger­ous Album war eines der ersten englis­chsprachi­gen Alben, die ich von A bis Z durch gehört habe. Die 90er waren sowieso eine sehr bunte Zeit für Musik. Wenn man die Pop­musik damals Zirkus nen­nen wollte, dann war Jack­son Carn.

1991 war ich 13, bes­timmt habe ich zuvor von ihm gehört. Die erste Sin­gle aus Dan­ger­ous, Black or white, fand ich zwar nach einigem warm wer­den gut, aber das war eher ein Lied für den Main­stream. Die poli­tis­che Aus­sage über die Gle­ich­heit von Men­schen (wenn’s auch kitschig klingt: Da war eine Aus­sage in Pop­musik!) hat­te ich ver­standen und fand sie gut. Danach kam Remem­ber the time, was schon vom Stil her grund­ver­schieden war. Aber das war eben Michael Jack­son in den 90ern: Stark, wech­sel­haft und immer ganz groß. Unvergessen für mich das Live-Erleb­nis seines Auftritts bei Wet­ten, dass…?.

Das habe ich immer zuerkan­nt, auch wenn ich selb­st nie aller­größter Fan gewor­den bin und die Selb­st­betitelung als King of Pop damals allzu anmaßend emp­fand. Aber irgend­wie königlich anders war er damals dur­chaus in der Darstel­lung. Das Einzige was sich heute resümierend dazu sagen lässt, ist wohl: Er hat keinen Nach­fol­ger. Er geht ver­längert densel­ben Gang wie Kurt Cobain: Ganz großes Idol, per­sön­lich unver­standen, ganz großer Absturz und klaf­fende Lücke hin­ter­lassend.

Mein Song auf Dan­ger­ous war Give in to me. Das hörte irgen­wie nie­mand anders, mir gefiel es, da es etwas ener­gis­ch­er als der Rest rüberkam, unbe­quem war.

Aber so wie zu Dan­ger­ous-Zeit­en war er wohl nie wieder, wenn er es über­haupt war. Das, was er damals darstellte, war for­t­an weg. Dan­ger­ous wurde durch Sin­gle-Auskop­plun­gen unheim­lich aus­ge­lutscht. Dieses Album kon­nte oder wollte er nicht top­pen. For­t­an kon­nte man zunehmend den schwachen Michael Jack­son erleben. Diesem begenete man respek­tvoll, bewegt aber auch etwas befremdet.

Nichts­destotrotz: Michael Jack­son hat unter den Top100-Liedern mein­er Jugend sicher­lich so 10 beiges­teuert. Thank you for the music, Mr Jack­son, whereev­er you may be.


Donnerstag, den 25. Juni 2009   

über rhetorik und unbelehrbarkeit der zensursula

Im Artikel der Zeit, die ein Inter­view mit Franziska Heine und Ursu­la von der Leyen gemacht hat, wird von der Leyens Argu­men­ta­tion­sstrate­gie wieder vorge­führt.

Jet­zt ist ja schon etwas Zeit ver­gan­gen, seit­dem ich das let­zte Mal über die einge­führte Zen­sur in Deutsch­land geschrieben habe und sicher­lich kommt dem einem oder anderen irgend­wann die Frage: Ist das Gesetz denn so schlimm? Hat die CDU denn so Unrecht?

Daher mal in Kurz­fas­sung: Die CDU räumt ein, dass man durch dieses Gesetz nicht diejeni­gen stört, die nicht zufäl­lig auf Kinder­porno­jagd gehen. Es störe nur diejeni­gen, die zufäl­lig auf eine der­ar­tige Seite kom­men. Wie kommt man nun zufäl­lig auf eine der­ar­tige Seite? Über eine Werbe-E-mail oder über Links vorhan­den­er Inter­net­seit­en. Mein Ein­wand: Ver­linken diese ange­blichen Kinder­porno­links­versender Adressen der Form “22.22.22.22” statt “kinderporno.de” greift die Zen­sur­maß­nahme nicht, denn das funk­tion­iert tech­nisch nicht.

Die CDU glaubt allerd­ings hier ein poli­tis­ches All­heilmit­tel gefun­den zu haben: Wenn wir schon keine Sachar­gu­mente liefern kön­nen, die unsere Posi­tion stützen(und da warte ich Woche für Woche ergeb­nis­los drauf), dann argu­men­tieren wir eben rab­u­lis­tisch. Wir ren­nen auf Inseln, auf die uns kein­er fol­gt und die uns in Eins-zu-Eins-Unter­hal­tun­gen nie­mand stre­it­ig machen kann, da das ein größeres Aus­holen erforderte. Und das macht nie­mand.

So auch beim aktuellen Inter­view von von der Leyen: Sie beruft sich, wie gesagt: in der Diskus­sion schw­er angreif­bar, auf:

Das Gesetz mache deut­lich, dass Kinder­pornografie in Deutsch­land geächtet werde.

Geset­zge­bung als Zeichenset­zen. Für wen und mit welch­er Grund­lage?

Im Inter­net gel­ten keine anderen Frei­heit­en als ander­swo.

Argu­mente angreifen, die nie­mand behauptet — SpitzenIdee. Aber doch nicht mehr als alberne Rhetorik.

Wer kinder­pornografis­che Bilder im Inter­net klickt, gibt einen Anreiz für die Pro­duk­tion immer neuer Bilder.

Das stimmt nicht. Nur wenn jemand der­ar­tiges bezahlt, wird dieser Anreiz aus­gegeben.

Man schafft eine Pro­duk­tions­block­ade, wenn man den Zugang zu der­ar­ti­gen Bildern sper­rt.

Vielle­icht, aber: Der Zugang wird nicht ges­per­rt.

Die von anderen Län­dern ver­wen­de­ten Lis­ten seien oft schon alt und völ­lig über­holt. Dies sei kein wirk­lich­es Argu­ment gegen die Ver­wen­dung solch­er Lis­ten.

Hä?

Alle Staat­en, die bere­its Zugangssper­ren haben, sagen, dies sei ein wichtiger Präven­tions­baustein.

Mir ist kein einziger Staat bekan­nt, der sich dazu bish­er geäußert hat.

Es gibt keine rechtliche Möglichkeit, kinder­pornografis­che Seit­en im Aus­land abschal­ten zu lassen.

Keine? Sagen Sie mir eine, die sie schon ver­sucht haben.

Die Erfahrun­gen zeigen, dass nicht jed­er eine Stopp-Seite ein­fach umge­hen kann.

Wie oben gezeigt: Muss er gar nicht kön­nen!

Wer die Stopp­seite zu umge­hen ver­sucht, macht sich bewusst straf­bar.

Unsinn. wie oben gezeigt, kann man, falls es der­ar­tige Werbe-E-mails gibt, die Stopp­seite umge­hen ohne zu wis­sen, dass es eine Stopp­seite gibt.

X ist kein Grund, dass kinder­pornografis­che Seit­en im Inter­net zugänglich sein sollen.

Hier haben wir das Grund­prinzip der CDU-Logik: Es gibt eine Behaup­tung A (Ich kann schwim­men.) und wer dage­gen ist, sagt Nicht-A (Ich kann nicht schwim­men.). Jet­zt behauptet der gemeine CDU-Poli­tik­er zudem: Es gibt keine andere Argu­men­ta­tions­form als diese. Und diese unter­schwellige Annahme ist ein­fach falsch. Denn: Nicht-nicht-A ist nicht immer gle­ichbe­deu­tend mit A. Das wäre nach Oben­ste­hen­dem der Fall. Beispiel: Ich habe nicht zuges­timmt, ich habe nicht dage­gen ges­timmt, ich habe mich enthal­ten. Nur durch Igno­ranz dieser Möglichkeit, kann ein CDU-Poli­tik­er behaupten, jemand der sich gegen Zen­sur ausspricht, fordere den freien Zugang zu kinder­pornografis­chen Seit­en. Als ob dies dieselbe Frage sei! Ein biss­chen Respekt vor dem Denken ander­er sollte die CDU sich dann doch irgend­wann mal aneignen.

Von der Leyen wirft Heine vor, sie leugne, dass es einen Massen­markt für Kinder­pornografie gibt.

Der Nach­weis eines Massen­mark­tes ste­ht seit­ens der Erfind­er dieses Begriffs nach wie vor aus.

Dass Bilder von verge­waltigten Kindern im Netz nicht frei zugänglich ist, das ist keine Zen­sur.

Natür­lich ist das Zen­sur. Der Begriff der Zen­sur besagt ja nicht irgen­det­was über den Inhalt des Zen­sierten, son­dern nur, dass eine Obrigkeit unlieb­same Dinge ver­bi­eten möchte. Mit gle­ichem Recht kön­nen sie Verge­wal­ti­gun­gen zen­sieren, was immer das heis­sen mag. Aber wem bringt das was?

Zitat von der Leyen: “Ich meine: 134.000 Zeich­n­er, das ist schon etwas. Aber es gibt 40 Mil­lio­nen Inter­net­nutzer.”

Hier soll wohl in Anlehnung an Roland Koch gesagt wer­den, dass den 134.000 Unterze­ich­n­ern gegen die Ein­führung von Zen­sur eine schweigende Mehrheit Ander­s­denk­ender gegenübersteht[1. Auch die Junge Union ver­ste­ht die Aus­sage in dieser Lesart.]. Die Ansicht, man wisse, was andere Leute sagen, die nichts sagen, kenne ich per­sön­lich eigentlich nur von den abge­halfterten Karten­mis­ch­ern von 9live. Bestätigt ist dabei bish­er eigentlich nur die Zahl[2. https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3293] der­er, die die Peti­ton für das Zen­surge­setz unterze­ich­net haben: 348. Und 134.000 zu 348, das entspricht auch in etwa mein­er Wahrnehmung über die Mei­n­un­gen der Inter­net­nutzer über die Ablehnung resp. Befür­wor­tung der Zen­sur.

Namhafte(!) Rechtswis­senschaftler sagen: Die ver­fas­sungsrechtliche Infor­ma­tions­frei­heit deckt nicht, dass strafrech­lich rel­e­vante Inhalte zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Über das Zur-Ver­fü­gung-Stellen redet nie­mand, das ste­ht eh außer Frage. Hier auch, wie im näch­sten Punkt: Das Her­anziehen von exter­nen Mei­n­ungsautoritäten: Namhafte Recht­spro­fes­soren. Die sind ja auch irrtum­sre­sistent, so namhafte Recht­spro­fes­soren.

Peter Schaar habe sehr deut­lich gesagt, sein­er Mei­n­ung nach würde die Kom­mu­nika­tions­frei­heit durch diese Art von Sper­ren nicht gestört.Was Schaar sagt, ist fol­gen­des: Ich habe jeden­falls den Ein­druck, dass manch­es nicht bis zum Ende gedacht wurde. Es wer­den ja inzwis­chen — am Mittwoch beispiel­sweise im Innenauss­chuss — auch ver­fas­sungsrechtliche Zweifel ange­sprochen. Haf­tungsauss­chlussfra­gen sind eben­falls aufge­wor­fen. Was das im Einzel­nen bedeutet, hat man nicht aus­gelotet.

Fra­gen Sie die Wis­senschaftler(!) in der Berlin­er Char­ité, die wer­den Ihnen sagen, die Gefahr, dass das bloße Betra­cht­en von Kinder­pornobildern irgend­wann im realen Miss­brauch mün­det, ist gegeben.

Mit dieser Auf­fas­sung von Kausal­ität kön­nen sie auch sagen, dass das bloße Betra­cht­en eines Autos Leute dazu treibt, Autos zu klauen.

Fragt man nun tat­säch­lich ein­mal jeman­den von der Berlin­er Char­ité, erhält man eine Antwort, die sich als Gegen­teil dessen ent­pup­pt, was von der Leyen über die Berlin­er Char­ité behauptet:

Wenn jemand als pädophil beze­ich­net wer­den kann, sagt das nichts darüber aus, ob diese Per­son sex­uellen Kindesmißbrauch bege­ht oder nicht. Das eine ist vom andern entkop­pelt. (…) So gut wie alle Män­ner wer­den sex­uell erreg­bar sein, wenn Kinder irgend­was an ihnen vornehmen. [Danke an den Hin­weis von Flusskiesel.]

Der krö­nende Abschluss aber ist von der Leyens Ausverkauf der Poli­tik:
Poli­tik, so von der Leyen, beste­ht aus Mei­n­ungsäußerung, aber danach muss man sich Mehrheit­en suchen und auch Alter­na­tivlö­sun­gen anbi­eten. Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zerge­hen: Es geht nur um Mei­n­un­gen, nicht um Wahrheit. Und Mei­n­un­gen darf ich mit allen rhetorischen Mit­teln durchs Dorf scheuchen, um Mei­n­ungs­be­für­worter zu find­en. So geht das Spiel.

Anders aus­ge­drückt: Es ist unmöglich, Frau von der Leyen poli­tisch von Wahrheit­en zu überzeu­gen, da es in ihrer Welt nur Mei­n­un­gen gibt. Eine solche Sichtweise nimmt man über­haupt nur an, wenn man meint, dass man mit Wahrheit­en nicht überzeu­gen kann.

Das ist der wesentliche Grund, weswe­gen ich mich dage­gen wehre, selb­st unter Inter­net-Com­mu­ni­ty oder link­er Polemik sub­sum­iert zu wer­den: Die wichtige Frage in dieser Debat­te ist doch: Ges­tat­ten wir es Poli­tik­ern wie von der Leyen zu Gun­sten von Mei­n­ungs­mache auf Wahrheit­en zu verzicht­en?

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Donnerstag, den 18. Juni 2009   

oma-überführung auf holländisch

Unsere Nieder­ländis­chen Nach­barn haben die lustige Ange­wohn­heit, alte deutsche Lieder toll zu find­en, irgend­wie ins Nieder­ländis­che zu über­set­zen und das bringt dort dann echt Kohle. Dazu zählt auch ein­er der größten Hits der 90, der­jenige Song, durch den Jan­t­je Smit bekan­nt gewor­den ist: Ik zing dit lied vor jou alleen.

Das ist ein Lied für die Omas, die offen­bar finanziell so gut aus­ges­tat­tet sind, sowas zu hypen. Das Lied han­delt von der besun­genen Oma, der Jan­t­je immer weiße Rosen mit­bringt, die aber ankündigt, bald den Löf­fel in den Besteck­kas­ten zu schmeis­sen. Und als sie dann das Zeitliche geseg­net hat, ist Jan­t­je ganz schön ein­sam, hört aber den­noch mit dem Plär­ren nicht auf. Sterbesongs für den Geld­beu­tel. Diesen Denk-an-dein-Ableben-Song gibt’s auch in deutsch­er Über­set­zung, die war aber nicht ganz so erfol­gre­ich.

Das Übel in die Welt geset­zt hat übri­gens in den 70ern Jack White, der Andrea Jür­gens Ich zeige Dir mein Paradies sin­gen liess. Immer­hin muss die gute Andrea nicht sin­gen, dass ihre Oma doch mal bitte bald in die Kiste hüpfen soll. Aber die Geschichte, dass sie einen bun­ten Vogel ein­fängt, in ihr Zim­mer ver­schleppt, ihm ihre Poster erk­lärt und ihm dann “das Paradies zeigt”, klingt nach der härtesten Aus­gabe der Super­nan­ny. Wahrschein­lich hat die geschiede­nen Hip­pie-Eltern auch ein­fach nicht so inter­essiert, dass ihrer allein­ge­lasse­nen Töchter im Dro­gen­rausch Fed­ervieh für das Paradies prä­pari­ert.


Samstag, den 13. Juni 2009   

die neue abseits ist da

abseits

Die neue Aus­gabe von Abseits ist in Osnabrücks Fuss­gänger­zo­nen wieder erhältlich. Ich hat­te schon geunkt, dass es die Zeitung gar nicht mehr gibt, weil das let­zte Leben­sze­ichen im Inter­net aus dem Jahr 2007 stammt. Aber jet­zt habe ich wieder Verkäufer gese­hen und dann nimmt man sowas eben mit. 1,10€ kostet das gute Stück, wovon die Hälfte an den Verkäufer geht. The­ma dieser Aus­gabe ist Inte­gra­tion und es kom­men Rus­s­land­deutsche und Polen zu Wort, die in Osna ihre Heimat gefun­den haben. Sehr lesenswert!

Freitag, den 12. Juni 2009   

deutsche identität

Ich war mal in Dubrovnik auf ein­er Kant-Tagung und dort meinte ein Philoso­phie-Pro­fes­sor im Zuge ein­er Unter­hal­tung über Europas Ver­fas­sung, man solle doch den Begriff der deutschen Iden­tität ad acta leg­en. Die Deutschen hätte damit keine gute Erfahrung gemacht und genau definiert wäre dieser Begriff auch nicht.

Ich habe mich dage­gen aus­ge­sprochen, diesen Begriff los zu lassen; nicht weil ich nationale Gefüh­le hege, son­dern weil ich meine, darunter lässt sich etwas ver­ste­hen.

Unter Iden­tität ver­ste­he ich zunächst, dass es eine Vielzahl an Ein­flüssen gibt, durch die wir unsere eigene Per­son tagtäglich gekennze­ich­net sehen. Erin­nerun­gen, psy­chis­che Zustände, Gedanken, soziale und phänom­e­nale Umge­bung und so weit­er. Ich glaube nicht, dass man jed­erzeit alle ver­füg­baren der­ar­ti­gen Ein­flüsse braucht, um sich selb­st als die Per­son zu iden­ti­fizieren, die man ist. Aber wenn keine der­ar­ti­gen Ein­flüsse da sind, oder zumin­d­est nur sehr wenige, dann hat man für sich selb­st keine Iden­tität. Vielle­icht gibt es dann noch Fotos oder Papiere, die etwas über seine eigene Per­son aus­sagen. Wenn man keine Ein­flüsse hat, kann man anhand der­er seine eigene Iden­tität wieder auf­bauen.

Wenn man von ein­er deutschen Iden­tität spricht, dann heisst das, dass es Ein­flüsse gibt, die aus der deutschen Region stam­men. Man liesst deutsche Zeitun­gen, schaut deutsches Fernse­hen, liesst deutsche Büch­er etc. Ich glaube nicht, dass es biol­o­gis­ches Deutsch­sein gibt, das man über­tra­gen kön­nte. Ehrlich gesagt, ich halte es auch für Blödsinn, so etwas an zu nehmen. Rein wis­senschaftlich muss man aber sagen, es gibt keinen Nach­weis, dass sich Gedanken biol­o­gisch weit­ergeben liessen. Das kön­nen auch die nicht, die irgen­det­was in der Hin­sicht behaupten und insofern ist es her­beigewunken, der­art von einem Deutsch­sein zu sprechen.

Ich denke, jemand der ein­er deutschen Lin­ie entstammt, in Deutsch­land geboren wurde und dann ohne weit­eren deutschen Ein­fluss irgend­wo anders aufwächst und sich an ander­er Kul­tur ori­en­tiert: Der­jenige hat haupt­säch­lich keine deutsche Iden­tität. Ander­sherum: Jemand, der ein­er nicht­deutschen Lin­ie entstammt, und in Deutsch­land mit all der deutschen Kul­tur groß wird: Der­jenige hat eine deutsche Iden­tität. Vielle­icht in Teilen auch eine franzö­sis­che oder amerikanis­che. Das kommt ganz auf die Ein­flüsse an. Und diese Ein­flüsse sind sehr frei annehm­bar. Wir haben einen viel besseren Kon­takt zu aus­ländis­chen Ideen als vor Jahrhun­derten. Das spiegelt sich auch in den per­sön­lichen Iden­titäten wieder.

Und hier­aus ergibt sich meines Eracht­ens ein ger­adezu logis­ches Scheit­ern der deutschen Rechten[1. Man muss den Begriff der Iden­tität nicht deswe­gen fall­en lassen, weil er den Recht­en nützt, son­dern sollte ihn analysieren, ger­ade weil er ihnen nur nützt, wenn man das nicht tut. ]: Ihr Iden­titäts­be­griff ist so falsch wie ver­al­tet, ihre Behaup­tun­gen über die Welt sach­lich nicht überzeu­gend und kein­er Analyse stand­hal­tend, so dass ihnen immer nur bleibt, her­auszu­posaunen, dass sie Opfer sind: Opfer der aktuellen Poli­tik, der Medi­en, der Mächti­gen, die ihre Macht nur deswe­gen ausüben, weil sie sie haben. Opfer vor allem ihrer eige­nen Eng­stirnigkeit. Wäre das irgend­wie anders, müssten sie nicht dauernd selb­st­gewählt die Opfer­rolle bek­lei­den und müssten neuerd­ings nicht gekün­stelt die Argu­mente ihrer Geg­n­er über den bösen Kap­i­tal­is­mus annehmen. Da ist nichts eigenes, was heute erfol­gre­ich ver­wen­det wer­den kann. Kurz gesagt: Keine deutsche Iden­tität, nur Angst, Hass und das Ver­lan­gen, eben dieser Angst und dem Hass Gehör zu ver­schaf­fen.

An dieser Angst- und Has­si­den­tität haben die meis­ten Deutschen kein Inter­esse. Von den Recht­en wird hierzu gerne gesagt, dass sei ein Ver­we­ich­lichungs­ge­habe, diese Leute seien von den Mächti­gen ent­mündigt. Wer Ent­mündigten helfen möchte, kann das aber nur durch Aufk­lärung tun. Aufk­lärung, die die großen deutschen Dichter und Denker befördert haben. Auf diese Denker ver­weisen die Recht­en als “Denker” gerne, verken­nen aber, dass die großen deutschen Denker alle links gewe­sen sind.

Die recht­sna­tionale Idee ist in Deutsch­land keine Erfol­gs­geschichte und die recht­en Parteien sind nur bleibende Erin­nerung an das stetige Scheit­ern dieser Idee. Diese Erken­ntis ist auch und ger­ade Teil mein­er deutschen Iden­tität.


Dienstag, den 9. Juni 2009   

die parteien-wahlschlappe

Jörn Thießen von der SPD hat gefordert, man solle Bürg­er mit Bußgeld bele­gen, wenn sie nicht wählen gehen. und bekun­det damit: Die Krise in der SPD geht weit­er.

Denn hin­ter dieser Forderung ste­ht ja die Hal­tung, der poten­tielle Wäh­ler wäre aus Faul­heit zuhause geblieben. Das glaube ich nicht. Zwar ist das EU-Par­la­ment der Ort, an dem die Poli­tik­er am meis­ten ver­di­enen und über­aus wichtige Entschei­dun­gen gefällt wer­den. Aber über die Arbeit der deutschen Poli­tik­er dort erfährt man doch erschreck­end wenig. Es ist doch beze­ich­nend, dass die bekan­nteste EU-Poli­tik­erin eine Son­nen­schein­poli­tik­erin ist. Noch nicht ein­mal in der FPD kann ihnen jemand sagen, was Koch-Mehrin im EU-Par­la­ment kon­struk­tiv geleis­tet hat, die sagen nur es sei vor­bildlich, wie sie Fam­i­lie und Beruf unter einen Hut brächte. Wohl gemerkt: Zeitlich, nicht inhaltlich.

Kann man jet­zt FPD wählen, ohne seine Stimme Koch-Mehrin geben zu wollen? Nö. Man kann nur bed­ingt auf eigene Ansicht­en beim Wählen einge­hen. Auf die Aus­führen­den hat die Wahlentschei­dung im Einzelfall über­haupt keine Auswirkung: CDU und SPD kom­men z.B. mit großer Sicher­heit ins EU-Par­la­ment, wer da in der Liste an 1 ste­ht muss eigentlich nicht um seinen Einzug kämpfen, müssen nicht hof­fen, gewählt zu wer­den.

Bürg­er wählen pauschal Parteien, die sich selb­st kaum erhel­lend posi­tion­ieren. Bei den Grü­nen wird vor die Inhalte noch ein WUMS getack­ert, um es noch mehr zu ver­schleiern. Man wählt ins Blaue und ver­lässt sich dabei auf die Sym­pa­thie, die man der einen oder der anderen Partei zuweist.

Eine mod­erne, attrak­tive demokratis­che Wahl sieht für mich anders aus.


Samstag, den 6. Juni 2009   

nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

affen

Die drei Affen sind eigentlich eine bildliche Darstel­lung aus dem Japanis­chen. An ihnen ist höch­stin­ter­es­sant, dass sich der Inhalt der Aus­sage vom Japanis­chen in den europäis­chen Raum hinein verän­dert hat:

Im Japanis­chen ist dies ein Bild der Weisheit; es sei weise, Bös­es nicht zu hören, Bös­es nicht zu sehen und darüber Stillschweigen zu vere­in­baren. So ver­hin­dert man Klatsch und Tratsch und ani­miert nie­man­den zur Nachah­mung dum­mer Sachen.

Im europäis­chen Raum hinge­gen wird dieses Bild oft­mals so inter­pretiert, dass es falsch sei, bei unan­genehmen Wahrheit­en wegzuhören, wegzuse­hen und den Mund zu hal­ten. Die drei Affen sind so gese­hen die Ver­bildlichung des Man­gels an Zivil­courage.

Nur die Deutschen gehen dabei wieder ihren eige­nen Weg und noch einen Schritt weit­er:

Koket­terie dem Wäh­ler gegenüber, dem Zuschauer und dem sachkundi­gen Bürg­er. Ein Bild als stille Mah­nung, nicht jedem blind­links alles abzukaufen.

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Donnerstag, den 4. Juni 2009   

es muss ein druck durch deutschland gehen

Fol­gen­den Text habe ich vor drei Jahren ein­mal zur dama­li­gen Ein­führung von Stu­di­enge­bühren an der Uni­ver­sität Biele­feld geschrieben. Im Tenor hat sich der Text ein­fach nicht über­lebt.

Es muss ein Druck durch Deutsch­land gehen[1. 1. Inzwis­chen schnallt die Über­schrift nicht mehr jed­er. Es han­delt sich dabei um eine Anspielung an die erste Berlin­er Rede von Roman Her­zog, die ich weit­er­hin für lesenswert halte. ]

In Biele­feld sind Stu­di­enge­bühren einge­führt. Auf kom­plizierte Begrün­dun­gen hat man verzichtet. Man müsse unbe­d­ingt vor­sor­gen für den Fall, dass z.B. in Köln Stu­di­enge­bühren einge­führt wür­den. Ken­nen Sie diesen Spruch aus dem Rek­torat? Die Angst ist wohl, dass Köl­ner die Biele­felder Uni über­fluten. Sagen wir’s mal so: Noch
nicht mal in Düs­sel­dorf gab es so eine Befürch­tung.

Es war vorge­se­hen, Stu­di­enge­bühren in Biele­feld erst dann einzuführen, wenn es ein für alle Stu­den­ten gerecht­es Mod­ell gibt. Hierzu zählt ein „gerecht­es“ Kred­it­fi­nanzierungsmod­ell. Nun zahlt hier­bei ein auf Kred­it angewiesen­er Regel-Stu­dent nach dem Bach­e­lor schon min­destens 1170€ mehr für sein Studi­um als jemand, der keinen Kred­it benötigt. Nach dem Mas­ter zahlt er min­destens 2550€ mehr. „Was anderes kann man den Banken nicht zumuten“, meinte das Rek­torat den Fach­schaften gegenüber. Dem Rek­torat zu Folge kämen bei ein­er anderen Lösung „die Reichen“ und näh­men die Banken aus. Das scheint ein Naturge­setz zu sein. Das Schlimm­ste für das Rek­torat ist dem­nach wohl ein reich­er Köl­ner: Qua­si eine Bil­dung­sheuschrecke.

Die Fach­schaften merk­ten an, dass durch „mehr Geld“ kein Dozent, der eine schlechte Lehre macht, plöt­zlich zu jeman­dem wird, der eine gute Lehre macht. Die Reak­tion des Rek­torats: „Ja, aber das ist doch das Schöne am neuen Sys­tem. Wir kön­nen denen jet­zt endlich Druck machen!“ — All­ge­meines Kopf­schüt­teln der Fach­schaften, dabei hat­te doch nur ein Päd­a­goge seine Sehn­sucht aus­ge­drückt. Die Fach­schaften erk­lärten beiläu­fig, dass sie den Bach­e­lor-Stu­di­en­gang für Qual­itätsver­luste in den Abteilun­gen ver­ant­wortlich macht­en. Viele Studierende seien zwar auf einem Niveau, nur sei das Niveau im Keller. Hierzu meinte der Rek­tor: „Ja, sehen Sie: Das, was Sie da so neg­a­tiv sehen, das sehe ich als Erfolg“. Das ist ein typ­isch neuzeitlich­es Gerede: „Ich hab’ meine Mei­n­ung. Du hast deine Mei­n­ung. Jet­zt lass mich mal reden und dann darf­st du mal reden. Und hin­ter­her sind wir dann alle, alle glück­lich.“ Aber es gibt dann nur noch Mei­n­un­gen, keine Wahrheit­en mehr.

Den Fach­schaften wurde aber noch ein zusät­zlich­er Köder vom Rek­torat ange­boten: „Wenn Sie Prob­leme haben mit einem Dozen­ten, dann kom­men Sie zu uns. Wir gehen dann dahin und machen dem schon Druck!“ Das wäre aber auch dumm, wenn ein deutsches Sys­tem ohne funk­tion­ierende Befehlshier­ar­chie und Dif­famierungsmöglichkeit auskom­men müsste. Es war ja nicht alles schlecht früher. Sie sehen aber an dieser Stelle deut­lich, dass das Rek­torat in die Debat­te nicht mehr ein­bringt als Mei­n­un­gen, Köder und Kraftausdrücke[2. 2. So philosophisch war meine Abteilung damals, dass es ein Dok­torant für nötig emp­fand, mich darauf hin zu weisen, dass der hier ver­wen­dete Begriff “Kraftaus­druck” falsch sei. Damit wür­den vul­gäre Begriffe gemeint sein. Ver­standen wor­den bin ich den­noch ;-). ] .

Wochen später stell­ten die Fach­schaften dem Rek­torat eine neue Frage. In den aktu­al­isierten Kred­itbe­din­gun­gen war die Klausel mit der Begren­zung der Zin­ser­höhung gefall­en. Zinssätze kön­nen nun während der Kred­it­nahme beliebig hoch ansteigen. Die einzige Antwort des Rek­torats auf die Frage, was es von dieser Verän­derung hält, war: „Hören Sie auf zu opponieren, das alte Bil­dungssys­tem ist tot!“ Uns stört gar nicht unbe­d­ingt, dass Fra­gen nicht gut beant­wortet wer­den. Was anderes ist bei diesem Rek­torat nicht zu erwarten. Was uns Sorge bere­it­et, ist, dass der Gedanke der Uni­ver­sität abgewick­elt wird. Es wird nicht mehr disku­tiert. Es wer­den nur noch Sachzwänge her­beiar­gu­men­tiert, die jede Diskus­sion erübri­gen. So überzeugt man dann auch nie­man­den mehr, son­dern drängt ihn höch­stens zu resig­nieren. Glauben Sie ern­sthaft, dass es all diese Sachzwänge gibt?

Statt gute Begrün­dun­gen zu liefern, gibt das Rek­torat auch nur noch „Updates“ von Mei­n­un­gen her­aus. Über die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen meinte das Rek­torat zunächst, diese hät­ten „auf gar keinen Fall mit Stu­di­enge­bühren und NC“ zu tun, son­dern mit der prekären Sicher­heit­slage an der Uni. Prob­lem­los schien das Rek­torat die Motive von nie an der Uni gewe­se­nen Nich­tan­fängern aus­machen zu kön­nen. Dann hat man erkan­nt, dass das doch etwas albern klingt, und es kam ein Update her­aus. Die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen seien „nicht auf Stu­di­enge­bühren, aber auf die neuen NC“ zurück­zuführen. Eine Woche später kam das näch­ste Update: Eigentlich haben wir nicht weniger Stu­den­ten, es hat sich nur „anders verteilt“. Wir kön­nen Ihnen schon jet­zt eine Pre­view auf das kom­mende Update geben: Man hat fest­gestellt, dass es ver­mut­lich ein geburten­schwach­er Jahrgang war und deswe­gen haben wir eigentlich, obwohl wir weniger haben, mehr.

Wieso es nur Updates gibt? Wegen eines Sachzwangs: Das Rek­torat meint, es würde an Glaub­würdigkeit ver­lieren, wenn es öffentlich Fehlein­schätzun­gen eingeste­hen würde. Das ist in etwa auch der Grundgedanke aus Des Kaisers neue Klei­der. Ähn­lich ver­fuhr das Rek­torat mit dem The­ma „Park­stu­den­ten“. Das sind solche, die keine Zusage für ihr gewün­scht­es Fach haben und sich deswe­gen irgend­wo anders ein­schreiben, nur um an der Uni zu sein. „Irgend­wo anders“ war in diesem Jahr z.B. der NC freie Physik-Stu­di­en­gang. Und wis­sen Sie, was das Rek­torat derzeit über diese Entwick­lung sagt? Man habe einen außeror­dentlichen Boom in der Physik fest­gestellt, was eine Bestä­ti­gung der guten Leis­tun­gen in Biele­feld sei. Das ist das Vorteil­hafte, wenn man nur über Mei­n­un­gen ver­fügt: Man kann alles, aber auch wirk­lich alles schönre­den. Nur hil­ft das zur Bewäl­ti­gung der Prob­lematik von Park­stu­den­ten nicht weit­er.

Sofern die Studieren­den von der ungle­ichen Machtverteilung in der Stu­di­enge­bühren-Debat­te abse­hen, protestieren sie gegen die Gebühren. Die Dozen­ten waren bis­lang deut­lich zurück­hal­tender. Wer tat­säch­lich von all diesen Sachzwän­gen überzeugt ist, der gehe mit dem Rek­torat! Entledi­gen Sie sich des über­holten Uni­ver­sitäts­be­griffs! Dies ist ein Wirtschaft­sun­ternehmen!

Machen Sie, liebe Dozen­ten, sich nur auf eines gefasst: Irgend­wann wird ein Män­nchen in ihrem Büro ste­hen, dass von Inhalt und Methodik ihres Fach­bere­ichs keine Ahnung hat, weil es das Fach nie studiert hat. Aber dieses Män­nchen wird Ihnen sagen, was Sie zu tun haben. Und wenn Sie dann ver­suchen, gute Gründe gegen diese Bevor­mundung einzubrin­gen, dann wird das Män­nchen einen Zettel aus sein­er Hose ziehen und Ihnen die Leit­sätze dieser Bewe­gung vor­lesen:

Das ist Ihre Mei­n­ung.
Ich hab meine Mei­n­ung.
Hören Sie auf zu opponieren.
Das alte Bil­dungssys­tem ist tot.

Schöne, neue Uni-Welt…[3. 3. Ein Dozent der philosophis­chen Abteilung meinte auf diesen Text bezo­gen zu mir: “Herr Herken­hoff, ich stimme Ihnen mit diesem Text in allen Din­gen zu, außer der unter­schwelli­gen Annahme, früher sei es an den Uni­ver­sitäten bess­er gewe­sen. Das stimmt nicht.” ]


Mittwoch, den 3. Juni 2009   

der traum einer ideologiefreien internetdebatte

Hein­rich Wef­ing hat bei der Zeit eine Posi­tion­ierung gegenüber der von ihm so genan­nten Inter­net­ge­meinde dargelegt: Wider die Ide­olo­gen des Inter­nets!

Der Text ist nicht unin­ter­es­sant, wenn ich ihm auch größ­ten­teils nicht zus­timme. Wenn Wef­ing behauptet, es gin­ge nicht um Zen­sur, und großspurig von Frei­heit spricht oder der ange­blichen Rechtsablehnung der Inter­net­ge­meinde ( Eine Ide­olo­gie: die Ide­olo­gie vom wilden, freien, unab­hängi­gen Inter­net, in dem keine Regeln gel­ten.) und daher für eine Gel­tung des Rechts im Inter­net plädiert, überzeugt mich das nicht: Es geht nicht um die Gel­tung­machung des Rechts im Inter­net, es geht um die Rechtsver­fol­gung. Alle Inter­net­nutzer in einen Pott zu schmeis­sen und sie als latente Rechts­brech­er und ille­gale Down­loader zu charak­ter­isieren, ent­larvt sich eben­so als  zu kurz gegrif­f­en. Im Namen der Frei­heit wird der Aus­tritt aus dem Recht propagiert. Das mag ein R.A.F.-Credo gewe­sen sein, trifft aber sicher­lich nicht auf die Masse der Inter­net­nutzer zu.

Werf­ing kul­miniert seinen Gedanken dann in fol­gen­dem Satz:

Es geht darum, die Debat­te um das Inter­net zu entide­ol­o­gisieren und das Netz als einen Raum zurück­zuer­obern, in dem die Gel­tung des Rechts so selb­stver­ständlich akzep­tiert wird wie im richti­gen Leben.

Der zweite Teil des Satzes ist natür­lich Unsinn. Die Akzep­tanz der Gel­tung des Rechts im richti­gen Leben, was neben­bei bemerkt eine Sache der Erziehung und nicht der Juris­terei sein dürfte, ist im dig­i­tal­en Leben dieselbe. Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand wegen Rechtsmiss­brauchs im Inter­net verurteilt wurde und sich gegen eine sach­lich kor­rek­te Verurteilung erfol­gre­ich wehren kon­nte. Und Schmu gegenüber rechtlichen Regelun­gen wird außer­halb des Inter­nets sicher­lich inten­siv­er betrieben, ohne gle­ich davon zu sprechen, dort wür­den rechts­freie Räume entstehen[1. Auch der auf der­sel­ben Seite pub­lizierte Video-Pod­cast von Jens Jessen erweckt eher den Ein­druck, als ob die Kinder der 70er begrif­f­en hät­ten, dass der Spruch Teacher — leave us kids alone falsch ist und kor­rigiert wer­den müsste. Die 1:1-Projektion auf die Inter­net­ge­meinde ist dabei erk­lärungs­bedürftig.]. Auf diese Weise nährt Wef­ing nur den Ver­dacht, selb­st Reit­er ein­er bes­timmten Sache, Ide­olo­gie, wie er es nen­nt, zu sein.

Aber der erste Teil des Satzes ist befür­wortenswert. Eine entide­ol­o­gisierte Debat­te über das Inter­net ist abso­lut wün­schenswert. Die Inter­net­ge­meinde darf sich schon fra­gen, inwieweit das Verunglimpfen von der Leyens durch Grafiken nicht ide­ol­o­gisch gewe­sen ist. Da habe ich so meine Zweifel. Ander­er­seits ist ger­ade in dieser Debat­te bei diesem Auftreten der Poli­tik­er die Frage mehr als berechtigt, inwieweit die Poli­tik­er ide­olo­giefrei auf sach­liche Argu­men­ta­tion konzen­tri­ert, vorge­hen wollen.


Mittwoch, den 3. Juni 2009   

wes’ brot guttenberg isst

Die Frau Merkel und der Herr Gut­ten­berg waren am Dien­stag bei Lob­by­is­ten ein­ge­laden. Dort durften sie Durch­hal­teparolen für die deutsche Wirtschaft raus­posaunen. Macht man ja gerne für die Lob­by­is­ten.

Der Ver­anstal­ter zitiert dabei Her­rn Gut­ten­berg wie fol­gt:

Es müsse für staatliche Maß­nah­men klare Kri­te­rien geben. “Diese Kri­te­rien kön­nen nicht die Laut­stärke des Rufens sein und auch nicht die Medi­en­rel­e­vanz der betrof­fe­nen Unternehmen”, so Gut­ten­berg.

Oh, hab ich vergessen, wer Ver­anstal­ter war? Das war die heiss­geliebte Ini­tia­tive Neue Deutsche Mark­twirtschaft. Diese wird vom lieben Her­rn Gut­ten­berg eben­so für ihre mah­nen­den Worte gelobt. Als mah­nend beschreibt die Ini­tia­tive selb­st ihre Aktion, einen Dop­pel­gänger Lud­wig Erhardts in New York rum­ren­nen zu lassen. Also, ich glaub ja nicht, dass Medi­en­rel­e­vanz und lautes rufen der INSM für Gut­ten­berg auss­chlaggebend gewe­sen ist, bei denen vorzu­dack­eln. Das wird bes­timmt sehr gute andere Gründe haben[1. Ein Video von der Ver­anstal­tung gibt’s bei Spiegel (via) ].

Über diesen Blog­a­r­tikel der Lud­wig-Erhardt-Aktion gerät man flux auch zum Lexikon der INSM. Denn diese Banau­sen wollen immer noch Begriffe für die Deutschen definieren.

Sehr putzig wird das beim Begriff der Frei­heit. Was daherkommt als Begriffs­de­f­i­n­i­tion ist eine lose Ansamm­lung irgendwelch­er Gedanken von Denkern, die man dem Lib­er­al­is­mus zurech­net. Und natür­lich meint man: Nur was die Lib­er­al­is­ten denken, ist richtig. An Denkern zitiert man von Hayek und Locke. Raus kommt dabei unge­fähr dieser Unfug:

Im lib­eralen Denken ist deshalb auch die Tren­nung zwis­chen Staat und Gesellschaft ver­ankert: Auf­gabe des Staates soll nicht nur die rechtliche Absicherung der indi­vidu­ellen Frei­heit sein, son­dern auch die Gewährung ein­er Rah­menord­nung, die es den Indi­viduen ges­tat­tet, selb­ständig im Rah­men “spon­tan­er Ord­nun­gen” (Friedrich A. von Hayek) nach Wegen zu Wohl­stand und Glück zu suchen.

So, und nun stellen Sie sich mal einen Staat vor, der alle indi­vidu­ellen Frei­heit­en ges­tat­tet, aber den Indi­viduen spon­tane Ord­nun­gen ver­bi­etet, durch die sie Wohl­stand und Glück(!) bekom­men kön­nen. Hayek selb­st hat nie genau dargelegt, was unter ein­er solchen “spon­ta­nen Ord­nung” genau zu ver­ste­hen ist.

John Locke wird in diese Chose mit einge­bun­den, in dem von der Aufk­lärung behauptet wird,

Die wesentliche Grund­lage des Frei­heit­sprinzips ist die Überzeu­gung der Aufk­lärung des 18. Jahrhun­derts, dass jed­er Men­sch frei geboren, mit gle­ichen Recht­en aus­ges­tat­tet und ver­nun­ft­be­gabt ist. Eine unab­d­ing­bare Voraus­set­zung der Frei­heit ist das Vorhan­den­sein von per­sön­lichem Eigen­tum.

Das stimmt soweit, zumin­d­est für die englis­che Aufk­lärung. In Deutsch­land war maßge­blich Immanuel Kant beteiligt. Dessen Namen sucht man auf den Seit­en der INSM natür­lich verge­blich. Der Grund hier­für ist sim­pel: Kant hat in Ablehnung der Lock­eschen Ansicht die Frei­heit des Men­schen begrün­det, ohne dabei auf Eigen­tum zu sprechen zu kom­men. Keineswegs ist Eigen­tum die unab­d­ing­bare Voraus­set­zung von Frei­heit. Frei­heit beze­ich­net nach Kant lediglich den Umstand der Selb­st­ge­set­zge­bung eines Men­schen. Das hat mit Eigen­tum zunächst ein­mal nichts zu tun.

Das Geschwurbel der INSM geht dann wie fol­gt weit­er:

Das nor­ma­tives Grun­dan­liegen des Frei­heit­sprinzips ist die möglichst große Unab­hängigkeit des Einzel­nen vom Staat und die Ermöglichung sein­er geistig-sit­tlichen Ent­fal­tung, um in Eigen­ver­ant­wor­tung und auch in Ver­ant­wor­tung gegenüber der Umwelt sein Recht auf “Selb­steigen­tum” (John Locke) zu wahren. Und hol­ter­dipolter holt man dann unge­nan­nt doch Kant noch mit ins Boot: Die Gren­zen per­sön­lich­er Frei­heit wer­den dort gese­hen, wo die Frei­heit­en ander­er ver­let­zt wer­den.

Für Locke endet Frei­heit dort, wo ich von meinen Eigen­tümern keinen Gebrauch mehr machen kann. Das Frei­heit­srechtver­let­zen ander­er ist ein Argu­ment Kants. Das wird von den Ver­fassern dieser Begriff­s­miss­deutern ein­fach mal her­beigewunken. Und diese Masche zieht sich durch das ganze Denken, dass hier im Namen der INSM vor­ge­tra­gen wird: Unter dem Deck­man­tel philosophis­ch­er Wahrheit­s­analyse wird ohne halt­bare Argu­men­ta­tion alles frei nach Schnau­ze in unter­stellte Zusam­men­hänge gepackt, die einzig dem Ziel dienen sollen, der eige­nen Posi­tion einen wis­senschaftlichen Touch zu ver­lei­hen. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Schon inter­es­sant, von wem sich da unsere Bun­desregierung zum Essen ein­laden lässt, wem es für Mah­nung und Ori­en­tierung dankt.

Die CDU glaubt übri­gens nach wie vor, sozial sei, was Arbeit schafft. _______________________


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