toleranzgrenze

Tol­er­anz ist ja sowas, was man sich gerne zuschreibt. Meist auch in gedanklich­er Verbindung zu irgendwelchen Sit­u­a­tio­nen oder Ansicht­en, die man lock­er respek­tiert, ohne sie selb­st umset­zen zu wollen. Denkste. Ja, denkste. 

Gestern saßen wir in der Straßen­bahn auf einem Vier­er. Ich sitze gerne auf dem Vier­er, nicht wegen eines Vier­erall­macht­sanspruchst und ich finde es auch nicht son­der­lich skan­dalös, sich auf einen Vier­er zu set­zen, auch wenn man nur zu zweit sitzt, und eventuelle eine Vier­ergruppe zum ting veranlasst.

Jeden­falls, wo war ich? Ach ja, wir saßen zu zweit auf einem Vier­er in Fahrtrich­tung, weil der Blick von da aus angenehmer ist und man sich nicht beengt fühlt. Da kamen zwei Leute, eine ältere, mop­pelige Frau und ihr spargeltarzaniger Begleit­er here­in und zwängten sich auf die zwei freien Plätze vor uns. Erst dachte man, er sei ihr Betreuer.

War aber wohl nicht so. Vielle­icht doch eher der Sohn, oder ein Bekan­nter. Denn er erzählte von den pos­i­tiv­en Entwick­lun­gen in seinem Leben. Er sei jet­zt eine Woche schon runter vom Alko­hol, weil sein Arzt ihm gesagt hätte, das würde sich nicht mit seinen Tablet­ten vertragen.

Wenig inter­essiert begann dann die Kinnbart­tra­gende neben ihm, ihn zu befum­meln und abzuknutschen. War wohl doch irgend­wie mehr als Fre­und­schaft, auch wenn er sich nicht davon abbrin­gen ließ, die Arzt­geschichte weit­er auszuführen, als sei der Kern der Geschichte noch nicht übergekom­men. Es sah nicht gut aus. Und es hörte sich nicht gut an. Man fand es auch nicht gut, an dieser Sit­u­a­tion teil zu haben.

Spon­tan entsch­ieden wir uns, an der näch­sten Hal­testelle auszusteigen und den Rest zu Fuß zu bewälti­gen. Für noch zwei Hal­testellen hat unser Tol­er­anzver­mö­gen ein­fach nicht gereicht.

Weiterlesen

brillenfahrrad

Bril­lengeschäfte sind Geschäfte, in denen ich mich nicht son­der­lich gerne bewege. Das ist bes­timmt ein per­sön­lich­er Hau, aber es ist eben so. Brillen sind nicht ger­ade bil­lig, mir ste­hen eck­ige Brillen so gar nicht, und bunte Brillen mit dick­en Rän­dern, nein, die scheinen mir auch nicht zu ste­hen. Deswe­gen füh­le ich mich in Bril­lengeschäften, wenn ich selb­st Auss­chau halte immer wie ein Ele­fant im Porzel­lan­laden. Ich möchte am lieb­sten nicht behel­ligt wer­den, aber das lässt ja doch nie­mand zu.

Nun wollte ich doch mal wieder los, mir so ein Nasen­fahrrad zu besor­gen, denn bess­er wird die Sehfähigkeit im Alter ja auch nicht. Mein erster Spatzier­gang führte mich in das Geschäft, das mir die let­zte Brille verkauft hat­te. Der Besitzer ist inzwis­chen ver­stor­ben, lei­der und viel zu früh. Das Geschäft sah aber noch genau so aus, hat­te jedoch nur längliche, eck­ige Brillgestelle. “Was möcht­en Sie aus sich machen?”, fragte der Verkäufer. Toll, diese Gewich­tung macht mir die Suche nicht ger­ade leichter. Eck­ig kam sowieso nicht in Frage. Ich komme wieder. Sprach’s und eilte zur Tür.

Mein näch­stes Bril­len­laden­ziel führte an einem Bril­len­sta­tussym­bol­laden vor­bei. So schon mal gar nicht, denke ich beim Betra­cht­en der voll­haari­gen Bril­len­mod­els, die sich­er pri­vat nur Kon­tak­tlin­sen tragen.

Naja, da vorne ist ja schon mein Ziel. Großer Ein­gang, keine Tür auf­schieben. Dafür DINGDONG, ne Klin­gel. “Was suchen Sie?”, begrüßt mich die Bedi­enung. SEHEN SIE DAS NICHT?, brüllt mein inneres Ich, DIE KÄSEABTEILUNG! Aber nein, meine Erziehung drängt mich zu sagen, dass ich halt irgend­was, was zu diesem Quadratschädel passt haben möchte. Mir wer­den eck­ige Gestelle vorge­führt. Raus aus mein­er Pri­vat­sphäre! Doch halt.

Da liegt eine Brille, so schätze ich, die hat dieselbe Form wie meine ver­lorenge­gan­gene. Ein Ausweg. Keine Kom­pro­misse. Keine Exper­i­mente. Wie schön. “Die ste­ht Ihnen, die gefällt mir.”, sagt die Verkäuferin. Ich nehme sie trotzdem.

Jet­zt sehe ich wieder. Bes­timmt taucht die alte bald wieder auf. Ist immer so.

Weiterlesen