bezahltes bumsen in westfalen

Par­al­lel­wel­ten sind ja was Schönes, wenn man Gele­gen­heit hat, da mal rein zu schauen. Man ver­ste­ht draunter ein­fach soziale Räume, denen man selb­st nicht ange­hört, deren Regeln man erst noch begreifen muss.

Im Inter­net find­et sich für mich und sich­er auch für einige andere Men­schen eine solche Par­al­lel­welt unter owlforum.com. Dort tauschen sich Puffgänger aus. Wenn unsere­ins darüber spricht, kommt zuerst immer der skep­tis­che Blick mit Namen: Sag mal, weswe­gen inter­essiert dich das?. Bemerkenswert, dass das immer noch ein schlüpfriges The­ma ist.

Aber warum inter­essiert mich das? Weil es um Sex­u­al­ität geht? Weniger, es gibt ein­deutig angenehmere For­men von Sex­u­al­ität. Weil mich die Möglichkeit, selb­st mal Pros­ti­tu­ierte aufzusuchen, inter­essiert? Nein. Ich gehöre zu den Typen, die die Idee von Sex mit Leuten, die nicht selb­st mit einem haben wollen, mehr als abturnt und die dafür auch kein Geld aus­geben wür­den. Insofern geht da gar nichts.

Nein, ich denke, auch in solchen, für mich skurilen Wel­ten sind inter­es­sante Geschicht­en zu find­en. Vielle­icht habe ich einen Hau, was das ange­ht. Aber gut.

In diesem Forum tauschen sich, wie gesagt, erfahrene Puffgänger und Puffgänger in spe aus. Region­al betra­chtet wird genau meine Region abgedeckt, also Biele­feld, Osnabrück und Ibben­büren. Man sollte immer beacht­en: Die Seite des Gegenübers, der Pros­ti­tu­ierten, fehlt eigentlich voll­ständig. Einige Pros­ti­tu­ierte haben sich zwar auch angemeldet, aber oft auch nur aus wirtschaftlichen Grün­den; Kun­den­bindung oder sowas. Dieser Aus­tausch beste­ht aus Hin­weisen, welche Pros­ti­tu­ierte gut für Anfänger ist, wer wieviel kostet, wer einen übers Ohr haut, wer was mit sich machen lässt, wer eine angenehme Per­sön­lichkeit hat, wer nicht.

Schon diese Stelle wird eini­gen Lesern als respek­t­lose Hal­tung vorkom­men. Spätestens, wenn Gespräche darüber geführt wer­den, dass bes­timmte Pros­ti­tu­ierte keine opti­male Fig­ur haben. Da gibt es dann Puffgänger, die anführen, dass sei entschuld­bar, schliesslich habe man selb­st keine gute Fig­ur. Andere erzür­nen sich darüber, dass der­ar­tige Recht­fer­ti­gun­gen abge­lassen wer­den, schliesslich sei das Ganze ein Geschäft und die Pros­ti­tu­ierten soll­ten sich daher etwas um ihre Fig­ur küm­mern. Diese Puffgänger suchen schon nach ein­er Hal­tung, ein­er geisti­gen Ein­stel­lung bei dem, was sie da tun, und kom­men dann zu sowas.

Grund­sät­zlich ist es ihnen oft­mals gesellschaftlich pein­lich, dort gese­hen zu wer­den. Der Puff­gang im Heima­tort ist oft ver­pöh­nt, eben­so wie Puffs direkt an ein­er gut ersichtlichen Strasse. Tipps, wo man gut unauf­fäl­lig parken kann, sind die Regel. Puff­parken scheint auch so seinen eige­nen Geset­zen zu fol­gen.

Die lustig­ste Geschichte fand ich aber bei ein­er Pros­ti­tu­ierten, die in Biele­feld wohl dicht bei mein­er Woh­nung pri­vat arbeit­et (Adresse nur auf Anfrage). Die Dame wird hoch gehan­delt für Ein­steiger ins Besuchen ein­er Pros­ti­tu­ierten. Wenn ich es richtig aus den Tex­ten rauslese, würde man von dieser Dame im All­t­ag wohl sagen, sie hat Klasse. Dieses Bewusst­sein scheint sie auch selb­st zu haben. Ein Puffgänger berichtet, dass sie nach dem Verkehr mit ihm gemeint habe: Also, mit Typen wie ihm, da würde sie frei­willig nie in die Kiste steigen.

Was so ein Ausspruch der weib­lichen Seele bringt, weiss ich nicht. Vielle­icht erdet das, viel­lecht entschuldigt das das eigene Geschäft, vielle­icht gewin­nt man dadurch etwas. Aber der so aus­ge­führte Angriff auf die männliche Psy­che saß natür­lich: Der Puffgänger schreibt weit­er: Na, darüber wäre er sich doch schon im Klaren, aber das müsse man doch nicht extra nochmal sagen.

Puffgänge sind neben bezahltem Sex wohl meis­tens auch ein Kampf ums eigene Ego.

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der sex-skandal der uni bielefeld

[ Aktu­al­isierun­gen:  1.7.2.7.3.7.4.7.7.7.9.7. | 14.11.]

Dies könnte die Feier­laune der Biele­felder Universitätsleitung etwas trüben: Im 40. Jahr ihres Beste­hens bekommt die Universität einen hand­festen Sex-Skan­dal.

Nun sollte man sich streng vor Augen hal­ten, dass die Unschuldsver­mu­tung bei den beteiligten Per­so­n­en Vor­rang haben muss. Nie­man­dem ist geholfen, an Hand der Persönlichkeiten des ver­meintlichen Opfers und des ver­meintlichen ¤ters rumzupsy­chol­o­gisieren. Vor Gericht wird diese Angele­gen­heit des weit­eren ver­han­delt.

Verstörend ist ein ander­er Umstand:

Offen­bar hat die Universitätsleitung 9 Monate lang[1. In diesem Blog wer­den Dinge gestrichen, die sich der Sache nach als über­holt oder falsch her­ausstellen. Durch die Stre­ichung wird aber das vor­ma­lige Vorhan­den­sein der Textstelle doku­men­tiert. Zu dieser Stelle, an der von 9 Monat­en die Rede ist, hat die Universitätsleitung im Artikel der Neuen Westfälischen am 3. Juli Stel­lung bezo­gen. ] erfol­g­los ver­sucht, diese Angele­gen­heit intern zu regeln. Die Staat­san­waltschaft kon­tak­tierte man erst, als eine beteiligte Per­son eine Klage erhob. Ein sich der Universitätsleitung wohl rein juris­tisch aufdrängender Schritt. In der Zeitung liest sich das Vorge­hen dann so:

Zunächst habe man aber von ein­er strafrechtlichen Ver­fol­gung abge­se­hen.

[Fra­gen: Wer ist man ? Was genau heisst an dieser Stelle abse­hen ? ]

Auf­grund des nun ein­set­zen­den Rechtsver­fahrens möchte die Universitätsleitung for­t­an zu dieser Sache keine Stel­lung nehmen. Dabei verken­nt sie den Schaden, den sie anrichtet:

Welche Stu­dentin, welche son­stige Mitar­bei­t­erin an der Universität möchte sich derzeit ver­trauensvoll bei einem Angriff auf ihre Per­son an die Universitätsleitung wen­den, wenn sie davon aus­ge­hen kann, dass diese sich mitunter ein Jahr schlep­pend damit beschäftigt.

Vielle­icht gibt es tatsächlich gute Gründe, diese Angele­gen­heit 9 lange Monate intern zu ver­han­deln. Zum jet­zi­gen Zeit­punkt aber mit Hin­weis auf das laufende Ver­fahren keine Stel­lung­nahme abzugeben, um selb­st möglichst schaden­frei davon zu kom­men, ist wohl ein falsches Zeichen.

Aktu­al­isierung am 1. Juli
Im Laufe des Tages hat sich die Universitätsleitung ent­ge­gen der Mit­teilung bei der Neuen Westfälischen (der Text wurde mit­tler­weile geändert) doch noch zu Wort gemeldet. Mit Bezug auf einen Bericht des West­falen-Blatts wird ein ter­min­lich­er Ablauf des Prozed­eres aus der Sicht der Universitätsleitung gegeben.

Auf den sowohl im West­falen-Blatt als auch in der Neuen Westfälischen beschriebe­nen Umstand, die Universitätsleitung sei seit Herb­st ver­gan­genen Jahres über die Vor­würfe unter­richtet gewe­sen, geht die Universitätsleitung nicht ein.

Die Universitätsleitung gibt dage­gen an, schnellstmöglich gehan­delt zu haben.

Aktu­al­isierung am 2. Juli

Auch in den zwei großen Zeitun­gen Biele­felds wird heute das Beze­ich­nen des Han­delns der Uni­ver­sität­sleitung als schnell­st­möglich in Frage gestellt.

Die Neue West­fälis­che beschreibt den Fall heute aus­führlich­er und resümiert:

Obwohl der Fall im Haus also min­destens seit zehn Wochen bekan­nt war, kon­nte sich das Rek­torat erst gestern dazu durchrin­gen, den beschuldigten Pro­fes­sor bis zur Klärung des Fall­es vom Lehrbe­trieb auszuschließen.

Im West­falen-Blatt wird ein Mit­glied der betrof­fe­nen Fakultät in Bezug auf das Vorge­hen der Uni­ver­sität­sleitung mit deut­lichen Worten zitiert:

Ein Vertreter der Fakultät kri­tisierte [das Vorge­hen der Uni­ver­sität­sleitung] gestern als Ver­let­zung der Für­sorgepflicht. Eine Uni­ver­sität müsse für alle jun­gen Men­schen ein Schutzraum sein«.

Die Für­sorgepflicht ist im Bürg­er­lichen Geset­zbuch (BGB) in §§241. Abs. 2, 617–619 fest­gelegt. Die Mis­sach­tung der Für­sorgepflicht kann zu Schadenser­satzansprüchen und anderen Recht­sansprüchen des Arbeit­ge­bers führen. Vom nicht­ma­teriellen Schaden ein­mal abge­se­hen.

Uwe Koch kom­men­tiert im West­falen­blatt: Unter den Tep­pich gekehrt.

Aktu­al­isierung vom 3. Juli
Die Neue West­fälis­che berichtet heute über den kom­plet­ten Rück­tritt der Gle­ich­stel­lungskom­mis­sion der Uni Biele­feld betrof­fe­nen Fakultät. Im Zuge dessen zitiert man einen Uni-Sprech­er, dass das Inken­nt­nis­set­zen der Uni­ver­sität­sleitung im ver­gan­genen Okto­ber densel­ben Pro­fes­sor, aber einen “ganz anderen Fall” betr­e­ffe. Damit möchte man wohl Wind aus den Segeln nehmen.

Aber nochmal in Ruhe: Zweimal inner­halb eines einzi­gen Semes­ters gibt es offen­bar unab­hängig voneinan­der den Vor­wurf ein­er sex­uell motivierten Mis­se­tat gegen einen Pro­fes­sor und die Universitätsleitung wen­det sich erst an die Staat­san­waltschaft, unmit­tel­bar nach­dem eine Klage im zweit­en Fall ein­gere­icht wird, und sus­pendiert den Pro­fes­sor erst, unmit­tel­bar nach­dem die Zeitun­gen darüber bericht­en.

Es erscheint mir nahe­liegend, dass einige Per­so­n­en nun die Ein­hal­tung der Für­sorgepflicht seit­ens der Uni­ver­sität in Frage stellen. Ger­ade angesichts des Umstandes, dass das wohl wichtig­ste hier­für ein­gerichtete Gremi­um geschlossen zurück­tritt.

Die Uni­ver­sität­sleitung sollte schnell­stens dar­legen, was das Diszi­pli­narver­fahren eigentlich brin­gen sollte. Wenn man den betrof­fe­nen Pro­fes­sor für so verdächtig hält, dass ein Ver­fahren ein­geleit­et wer­den soll, dann doch im ersten Sinne kein Diszi­pli­narver­fahren. Sex­uelle Nöti­gung ist ein Straftatbe­stand. Und die Ver­fol­gung von Straftat­en ist Sache der Staat­san­waltschaft, nicht Sache eines inter­nen Klärungsver­suchs. Fris­ten in einem Diszi­pli­narver­fahren kön­nen da meines Eracht­ens nicht auss­chlaggebend sein.
Ander­er­seits: Wenn man die Angaben des ver­meintlichen Opfers für unglaub­würdig hält, ergibt ein Diszi­pli­narver­fahren gegen den betrof­fe­nen Pro­fes­sor gar keinen Sinn.

Eine Erk­lärung tut not, nicht dass irgen­dein find­i­ger Jurist an dieser Stelle noch eine Straftat wäh­nt.

Ein ver­ständlich­es Vorge­hen wäre doch fol­gen­des:

1. Ver­ständi­gung der Staat­san­waltschaft zur Prü­fung, ob es sich bei dem Vor­wurf ein­er Straf­sache rechtlich gese­hen tatsächlich um eine Straf­sache han­delt. Während dieser Unter­suchung hat die Presse nicht informiert zu wer­den. Somit wäre nicht davon auszuge­hen, das zu diesem Zeit­punkt irgendwem eine über­mäßige Rufschä¤digung entste­ht.

2. Je nach Ergeb­nis der Unter­suchung unter 1. Ein­leitung des Strafver­fahrens und des Diszi­pli­narver­fahrens oder Abweis des Vor­wurfs.

Ich zitiere nochmal wie die Neue West­fälis­che die Uni­ver­sität­sleitung zitiert: Zunächst habe man aber von ein­er strafrechtlichen Ver­fol­gung abge­se­hen. Hat sich hier nicht jemand vol­lkom­men in seinen Kom­pe­ten­zen ver­hoben? Seit wann ist eine Uni­ver­sität­sleitung eine Rechtsin­stanz, die von strafrechtlich­er Ver­fol­gung abse­hen kann?

Ist das der Nor­mal­fall? Eine Stu­dentin kommt zur Uni­ver­sität­sleitung mit dem Vor­wurf ein­er Straf­sache und die Uni­ver­sität­sleitung schlägt ihr vor, das erst­mal intern zu regeln? So als ob es Abhängigkeitsver­hält­nisse in der Uni­ver­sität, in denen Stu­den­ten schlechter gestellt sind, über­haupt nicht bestün­den und sie im uni­ver­sitären Kon­text völ­lig frei wären?

Dass der betrof­fene Pro­fes­sor Klage gegen Ver­leum­dung erhebt, ist im Zuge des Ver­fahrens, das die Uni­ver­sität­sleitung ein­geleit­et hat, ver­ständlich. Worauf soll auch ein so ein­geleit­etes Diszi­pli­narver­fahren fußen? Stellt sich her­aus, dass keine Straf­sache vor­liegt, hat man den Pro­fes­sor nur auf­grund ein­er nicht halt­baren Behaup­tung sus­pendiert.

Aktu­al­isierung vom 4. Juli
Die Uni-Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragte Uschi Baak­en und Universitäts-Rektor Dieter Tim­mer­mann haben der Neuen West­fälis­chen ein Inter­view gegeben, das heute erschien. Tim­mer­mann wieder­holte die Aus­sagen seines Presseref­er­enten und wies darauf hin, dass die Angele­gen­heit nicht früher der Staat­san­waltschaft gemeldet wurde, weil die betrof­fene Dok­torandin noch nicht bere­it dazu gewe­sen sei. Dem Vor­wurf der späten Sus­pendierung ver­sucht (“Fakt ist…”) Tim­mer­mann den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er sagt, dass er wenige Tage zuvor den Auf­trag erteilt habe, die Angele­gen­heit an die Staat­san­waltschaft zu übergeben. Aber eben erst nach­dem der betrof­fene Pro­fes­sor Klage erhob.

Die Redeweise von Tim­mer­mann ist bisweilen putzig:

Wir haben die junge Frau gle­ich im ersten Gespräch darauf hingewiesen, ob es nicht ein Fall für die Staat­san­waltschaft sei — weil es um Gewalt ging.

Diese Angele­gen­heit ist nicht ein Fall für die Staat­san­waltschaft, weil diese für Gewalt zuständig ist, son­dern weil sie als Entschei­dungsin­stanz für die Strafver­fol­gung zuständig ist. Jet­zt stelle man sich mal vor, in diesem Zitat stünde kor­rek­ter­weise weil es um Strafver­fol­gung geht. Die Frage an die Dok­torandin, ob es ein Fall für die Staat­san­waltschaft sei, ist zudem Wass­er auf die Mühlen all der­jeni­gen, die eine Ver­let­zung der Für­sorgepflicht sehen. Denn bei es han­delt es sich doch offenkundig um die Vor­würfe der Dok­torandin verge­waltigt und sex­uell genütigt wor­den zu sein. Bei­des ein­deutige Straftatbestünde.

Frau Baak­en gibt an, man habe

das jet­zt nach außen gegeben, als deut­lich wurde, dass der Fall intern nicht zu klären ist.

Klar wurde ist offen­bar bedeu­tungs­gle­ich mit dem, was im Text der Neuen West­fälis­chen die Reak­tion darauf, dass der betrof­fene Pro­fes­sor Klage wegen Ver­leum­dung erhoben hat, war. Abge­se­hen davon: Man hat 10 Wochen lang ver­sucht, den Vor­wurf von Straftatbeständen intern zu klären?

Inter­es­sant ist auch, dass der Vor­wurf der Dok­torandin, verge­waltigt und sex­uell genötigt wor­den zu sein, bei Tim­mer­mann lediglich es heisst und bei Baak­en lediglich das.

Ein selt­sames Inter­view. Da wird der Uni­ver­sität­sleitung vorge­wor­fen, sich mehr um das Renomée der Uni zu küm­mern als um ern­ste Angele­gen­heit­en sein­er Beschäftigten, und dann gibt man ein Inter­view, das zur Hälfte das Renomée der Uni­ver­sität in Form von Für­sorge-Pro­jek­ten zum Gegen­stand hat. Stellen Sie sich mal vor, der Köl­ner Ober­bürg­er­meis­ter wäre zum Ein­sturz des Stadtarchivs inter­viewt wor­den und hätte geant­wortet: “Ja, stimmt schon, das Ding ist eingestürzt. Aber wir haben da vor 2 Wochen ein Turn­halle gebaut: Die ste­ht noch!” An die Uni­ver­sität­sleitung wird doch nicht der Vor­wurf herange­tra­gen, etwas zu ver­tuschen, wie Tim­mer­mann meint. Die Art der Behand­lung der Angele­gen­heit ste­ht in der Kri­tik.

So wieder­holt dann auch die Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragte der betrof­fe­nen Fakultät als einzig Verbliebene des Gremi­ums gegenüber der Neuen West­fälis­chen ihre Kri­tik an der Uni­ver­sität­sleitung, sich im Miss­brauchs­fall zu spät um Aufk­lärung bemüht zu haben.

Aktu­al­isierung vom 7. Juli
Auf der Seite OWL-Vielfalt wird ein Bericht des West­falen-Blatts veröf­fentlicht. Auch ein früher­er Dekan der betrof­fe­nen Fakultät kri­tisiert hierin das Ver­fahren der Uni­ver­sität­sleitung:

Die Uni­ver­sität­sleitung hat­te den Pro­fes­sor schließlich ver­gan­genen Mittwoch sus­pendiert. Zu spät, wie ein früher­er Dekan am Fre­itag kri­tisierte: »Das ist ein Fall nur für Polizei und Jus­tiz. Das Rek­torat hat keine eigene Gerichts­barkeit.«

Der Sinn des Gesagten ist wohl klar, den­noch sei fest­ge­hal­ten: Als Instanz bezüglich Diszi­pli­narstrafen hat die Uni­ver­sität­sleitung sehr wohl eine eigene Gerichts­barkeit.

In diesem Artikel wird auf der­sel­ben Seite kri­tisiert, dass Berichte, die über diese Angele­gen­heit als Sex-Skan­dal klas­si­fizierten, die Angele­gen­heit ver­harm­losten. Dem stimme ich nicht zu, da die Angele­gen­heit ein­er­seits nicht gek­lärt wurde, d.h. möglicher­weise ist es “nur” zu Sex gekom­men, wie die Blog­boys auch meinen, ander­er­seits habe ich grund­sät­zlich nichts gegen die Ver­wen­dung eines Begriffes wie “erzwun­gener Sex” und sehe darin selb­stver­ständlich eine rechts­brechende Gewal­tein­bringung. Der Begriff Sex ist nicht gen­uin roman­tisch.

Aktu­al­isierung vom 9. Juli

In der Neuen Westfälischen wird heute der Vor­wurf der Gle­ich­stel­lungskom­mis­sionsvor­sitzen­den der Fakultät an die Uni­ver­sität­sleitung konkretisiert:

Die Vor­sitzende der fakultät­seige­nen Gle­ich­stel­lungskom­mis­sion, die als Ver­traute der Anzeigen­er­stat­terin intern in die Kri­tik ger­at­en war (“Ver­men­gung von Funk­tion und Pri­vat­mei­n­ung”), bekräftigte nach dem Inter­view mit Rek­tor Tim­mer­mann ihre Vor­würfe gegen die Entschei­dun­gen der Uni-Leitung: “Der Name der Betrof­fe­nen ist schon im Novem­ber im Per­son­aldez­er­nat genan­nt wor­den.” Allerd­ings noch nicht im Zusam­men­hang mit den erst am 20. April geäußerten Vor­wür­fen, son­dern “als abhängige Mitar­bei­t­erin”. (…) Wed­er die Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragte der Uni noch die Per­son­aldez­er­nentin hät­ten damals die 27-Jährige zum Einzelge­spräch gebeten, so die Kri­tik: “Das war Nichthil­fe und ver­let­zte Für­sorgepflicht.

Wie gesagt, der Umstand, dass min­destens zweimal inner­halb eines Semes­ters an die Uni­ver­sität­sleitung gerichtete Kla­gen von Stu­dentin­nen bezüglich des Umgangs mit dem­sel­ben Pro­fes­sor auf­tauchen, ist laut Uni­ver­sität­sleitung als ver­schiedene Fälle zu betra­cht­en. Selb­st das Nieder­schreiben dieses Satzes gestal­tet sich schwierig. Wahrschein­lich ist auch für die Universitätsleitung die ignori­erte Klage von Stu­dentin­nen über das ange­blich sex­is­tis­che Ver­hal­ten des Pro­fes­sors vom ver­gan­genen März ein ganz ander­er Fall. Und die Klage als abhängige Mitar­bei­t­erin — sicher­lich ein ganz ander­er Fall. Die Klage, bezüglich der­er der Pro­fes­sor in diesem Semes­ter einen Ein­trag in die Per­son­alak­te erhielt: Ganz was anderes.

Der beschuldigte Pro­fes­sor sein­er­seits bleibt sus­pendiert:

(D)er Beschuldigte soll sus­pendiert bleiben, bis über den Sachver­halt (sex­uelle Nöti­gung oder Vortäuschen ein­er Straftat) in ein­er Gerichtsver­hand­lung entsch­ieden wor­den ist.

Und der Grund ist, dass er Klage wegen Ver­leum­dung erhoben hat? Dass er verk­lagt wurde wegen derzeit nicht bewiesen­er sex­ueller Nöti­gung, die er abstre­it­et? Dass diverse Leute sich ihr Maul über ihn zer­reis­sen?
Oder vielle­icht doch der Selb­stschutz der Uni­ver­sität­sleitung, die in diesem Ver­fahren möglicher­weise Fehler gemacht hat, und deren Renomée nicht noch mehr beschädigt wer­den soll? Dann kön­nte man ja wenig­stens einen der drei hier beteiligten Haup­tak­teure schätzen. Immer­hin.

Aktu­al­isierung vom 14.11.

Die NW berichtet: Für die Staat­san­waltschaft ste­ht in dieser Angele­gen­heit Aus­sage gegen Aus­sage, so dass man nicht Anklage erheben möchte. Der Anwalt der betrof­fe­nen Stu­dentin sieht das anders.

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es muss ein druck durch deutschland gehen

Fol­gen­den Text habe ich vor drei Jahren ein­mal zur dama­li­gen Ein­führung von Stu­di­enge­bühren an der Uni­ver­sität Biele­feld geschrieben. Im Tenor hat sich der Text ein­fach nicht über­lebt.

Es muss ein Druck durch Deutsch­land gehen[1. 1. Inzwis­chen schnallt die Über­schrift nicht mehr jed­er. Es han­delt sich dabei um eine Anspielung an die erste Berlin­er Rede von Roman Her­zog, die ich weit­er­hin für lesenswert halte. ]

In Biele­feld sind Stu­di­enge­bühren einge­führt. Auf kom­plizierte Begrün­dun­gen hat man verzichtet. Man müsse unbe­d­ingt vor­sor­gen für den Fall, dass z.B. in Köln Stu­di­enge­bühren einge­führt wür­den. Ken­nen Sie diesen Spruch aus dem Rek­torat? Die Angst ist wohl, dass Köl­ner die Biele­felder Uni über­fluten. Sagen wir’s mal so: Noch
nicht mal in Düs­sel­dorf gab es so eine Befürch­tung.

Es war vorge­se­hen, Stu­di­enge­bühren in Biele­feld erst dann einzuführen, wenn es ein für alle Stu­den­ten gerecht­es Mod­ell gibt. Hierzu zählt ein „gerecht­es“ Kred­it­fi­nanzierungsmod­ell. Nun zahlt hier­bei ein auf Kred­it angewiesen­er Regel-Stu­dent nach dem Bach­e­lor schon min­destens 1170€ mehr für sein Studi­um als jemand, der keinen Kred­it benötigt. Nach dem Mas­ter zahlt er min­destens 2550€ mehr. „Was anderes kann man den Banken nicht zumuten“, meinte das Rek­torat den Fach­schaften gegenüber. Dem Rek­torat zu Folge kämen bei ein­er anderen Lösung „die Reichen“ und näh­men die Banken aus. Das scheint ein Naturge­setz zu sein. Das Schlimm­ste für das Rek­torat ist dem­nach wohl ein reich­er Köl­ner: Qua­si eine Bil­dung­sheuschrecke.

Die Fach­schaften merk­ten an, dass durch „mehr Geld“ kein Dozent, der eine schlechte Lehre macht, plöt­zlich zu jeman­dem wird, der eine gute Lehre macht. Die Reak­tion des Rek­torats: „Ja, aber das ist doch das Schöne am neuen Sys­tem. Wir kön­nen denen jet­zt endlich Druck machen!“ — All­ge­meines Kopf­schüt­teln der Fach­schaften, dabei hat­te doch nur ein Päd­a­goge seine Sehn­sucht aus­ge­drückt. Die Fach­schaften erk­lärten beiläu­fig, dass sie den Bach­e­lor-Stu­di­en­gang für Qual­itätsver­luste in den Abteilun­gen ver­ant­wortlich macht­en. Viele Studierende seien zwar auf einem Niveau, nur sei das Niveau im Keller. Hierzu meinte der Rek­tor: „Ja, sehen Sie: Das, was Sie da so neg­a­tiv sehen, das sehe ich als Erfolg“. Das ist ein typ­isch neuzeitlich­es Gerede: „Ich hab’ meine Mei­n­ung. Du hast deine Mei­n­ung. Jet­zt lass mich mal reden und dann darf­st du mal reden. Und hin­ter­her sind wir dann alle, alle glück­lich.“ Aber es gibt dann nur noch Mei­n­un­gen, keine Wahrheit­en mehr.

Den Fach­schaften wurde aber noch ein zusät­zlich­er Köder vom Rek­torat ange­boten: „Wenn Sie Prob­leme haben mit einem Dozen­ten, dann kom­men Sie zu uns. Wir gehen dann dahin und machen dem schon Druck!“ Das wäre aber auch dumm, wenn ein deutsches Sys­tem ohne funk­tion­ierende Befehlshier­ar­chie und Dif­famierungsmöglichkeit auskom­men müsste. Es war ja nicht alles schlecht früher. Sie sehen aber an dieser Stelle deut­lich, dass das Rek­torat in die Debat­te nicht mehr ein­bringt als Mei­n­un­gen, Köder und Kraftausdrücke[2. 2. So philosophisch war meine Abteilung damals, dass es ein Dok­torant für nötig emp­fand, mich darauf hin zu weisen, dass der hier ver­wen­dete Begriff “Kraftaus­druck” falsch sei. Damit wür­den vul­gäre Begriffe gemeint sein. Ver­standen wor­den bin ich den­noch ;-). ] .

Wochen später stell­ten die Fach­schaften dem Rek­torat eine neue Frage. In den aktu­al­isierten Kred­itbe­din­gun­gen war die Klausel mit der Begren­zung der Zin­ser­höhung gefall­en. Zinssätze kön­nen nun während der Kred­it­nahme beliebig hoch ansteigen. Die einzige Antwort des Rek­torats auf die Frage, was es von dieser Verän­derung hält, war: „Hören Sie auf zu opponieren, das alte Bil­dungssys­tem ist tot!“ Uns stört gar nicht unbe­d­ingt, dass Fra­gen nicht gut beant­wortet wer­den. Was anderes ist bei diesem Rek­torat nicht zu erwarten. Was uns Sorge bere­it­et, ist, dass der Gedanke der Uni­ver­sität abgewick­elt wird. Es wird nicht mehr disku­tiert. Es wer­den nur noch Sachzwänge her­beiar­gu­men­tiert, die jede Diskus­sion erübri­gen. So überzeugt man dann auch nie­man­den mehr, son­dern drängt ihn höch­stens zu resig­nieren. Glauben Sie ern­sthaft, dass es all diese Sachzwänge gibt?

Statt gute Begrün­dun­gen zu liefern, gibt das Rek­torat auch nur noch „Updates“ von Mei­n­un­gen her­aus. Über die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen meinte das Rek­torat zunächst, diese hät­ten „auf gar keinen Fall mit Stu­di­enge­bühren und NC“ zu tun, son­dern mit der prekären Sicher­heit­slage an der Uni. Prob­lem­los schien das Rek­torat die Motive von nie an der Uni gewe­se­nen Nich­tan­fängern aus­machen zu kön­nen. Dann hat man erkan­nt, dass das doch etwas albern klingt, und es kam ein Update her­aus. Die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen seien „nicht auf Stu­di­enge­bühren, aber auf die neuen NC“ zurück­zuführen. Eine Woche später kam das näch­ste Update: Eigentlich haben wir nicht weniger Stu­den­ten, es hat sich nur „anders verteilt“. Wir kön­nen Ihnen schon jet­zt eine Pre­view auf das kom­mende Update geben: Man hat fest­gestellt, dass es ver­mut­lich ein geburten­schwach­er Jahrgang war und deswe­gen haben wir eigentlich, obwohl wir weniger haben, mehr.

Wieso es nur Updates gibt? Wegen eines Sachzwangs: Das Rek­torat meint, es würde an Glaub­würdigkeit ver­lieren, wenn es öffentlich Fehlein­schätzun­gen eingeste­hen würde. Das ist in etwa auch der Grundgedanke aus Des Kaisers neue Klei­der. Ähn­lich ver­fuhr das Rek­torat mit dem The­ma „Park­stu­den­ten“. Das sind solche, die keine Zusage für ihr gewün­scht­es Fach haben und sich deswe­gen irgend­wo anders ein­schreiben, nur um an der Uni zu sein. „Irgend­wo anders“ war in diesem Jahr z.B. der NC freie Physik-Stu­di­en­gang. Und wis­sen Sie, was das Rek­torat derzeit über diese Entwick­lung sagt? Man habe einen außeror­dentlichen Boom in der Physik fest­gestellt, was eine Bestä­ti­gung der guten Leis­tun­gen in Biele­feld sei. Das ist das Vorteil­hafte, wenn man nur über Mei­n­un­gen ver­fügt: Man kann alles, aber auch wirk­lich alles schönre­den. Nur hil­ft das zur Bewäl­ti­gung der Prob­lematik von Park­stu­den­ten nicht weit­er.

Sofern die Studieren­den von der ungle­ichen Machtverteilung in der Stu­di­enge­bühren-Debat­te abse­hen, protestieren sie gegen die Gebühren. Die Dozen­ten waren bis­lang deut­lich zurück­hal­tender. Wer tat­säch­lich von all diesen Sachzwän­gen überzeugt ist, der gehe mit dem Rek­torat! Entledi­gen Sie sich des über­holten Uni­ver­sitäts­be­griffs! Dies ist ein Wirtschaft­sun­ternehmen!

Machen Sie, liebe Dozen­ten, sich nur auf eines gefasst: Irgend­wann wird ein Män­nchen in ihrem Büro ste­hen, dass von Inhalt und Methodik ihres Fach­bere­ichs keine Ahnung hat, weil es das Fach nie studiert hat. Aber dieses Män­nchen wird Ihnen sagen, was Sie zu tun haben. Und wenn Sie dann ver­suchen, gute Gründe gegen diese Bevor­mundung einzubrin­gen, dann wird das Män­nchen einen Zettel aus sein­er Hose ziehen und Ihnen die Leit­sätze dieser Bewe­gung vor­lesen:

Das ist Ihre Mei­n­ung.
Ich hab meine Mei­n­ung.
Hören Sie auf zu opponieren.
Das alte Bil­dungssys­tem ist tot.

Schöne, neue Uni-Welt…[3. 3. Ein Dozent der philosophis­chen Abteilung meinte auf diesen Text bezo­gen zu mir: “Herr Herken­hoff, ich stimme Ihnen mit diesem Text in allen Din­gen zu, außer der unter­schwelli­gen Annahme, früher sei es an den Uni­ver­sitäten bess­er gewe­sen. Das stimmt nicht.” ]

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40 jahre uni bielefeld, quo vadis?

Die Biele­felder Uni­ver­sität wird in diesem Jahr 40 Lenze alt. Grund genug für die Uni­ver­sität­sleitung, ein Fest zu pla­nen. Dazu hätte man gerne auch eine geistige Auseinan­der­set­zung, eine gewisse Zierde eben. Es wäre doch schön, wenn sich ein Red­ner fände, der die Frage klären kön­nte: Was ist eigentlich der Sinn dieser Uni­ver­sität?

Sowas kön­nte ein Philosoph behan­deln, aber ob sich in der hau­seige­nen Abteilung jemand find­et, der dazu sprechen möchte, ist wohl noch offen. Vor kurzem hat Jür­gen Mit­tel­straß in Biele­feld über die uni­ver­sitätsin­terne Rolle der Philoso­phie gesprochen. Auch kein so ein­fach­es The­ma. Er nahm Kant zu Hil­fe. Das ist vielle­icht etwas ungewöhn­lich für die Rich­tung, aus der Mit­tel­straß kommt, aber es gibt halt auch kaum einen anderen guten Philosophen, der sich damit auseinan­der geset­zt hat. Dem anwe­senden Rek­tor hat’s wohl gefall­en.

Kant set­zt sich im von Mit­tel­straß herange­zo­ge­nen Buch Der Stre­it der Fakultäten eben­so mit der Frage nach dem Sinn ein­er Uni­ver­sität  auseinan­der. Nun ist das sicher­lich, ger­ade für Fach­fremde, keine son­der­lich leichte Lek­türe. Ich bringe Kants Hal­tung mal auf den kleinen, aber ver­ständlichen Nen­ner: Was ist der vor­rangige Sinn der Uni­ver­sität? Wahrheits­find­ung oder Nutzen­max­imierung? Und hier liegt die Biele­felder Crux: Kants Antwort und die, die offen­sichtlich in Biele­feld beherzigt wird, sind grund­ver­schieden. Vielle­icht find­et man ja einen Geist, der bess­er zu Biele­feld passt. Kant ist ein­fach zu links für Biele­feld.

Der präferierte Gedanke zieht sich bis in die philosophis­che Abteilung hinein. Dort ist man besorgt über die gerin­gen Mas­ter-Studieren­den­zahlen. Nach­dem man dort ver­nom­men hat, ich hätte Stu­den­ten emp­fohlen, nicht in Biele­feld Philoso­phie zu studieren, wurde ich ange­sprochen. Ich könne ja ruhig meine eigene Mei­n­ung haben, aber ob ich diese nicht für mich behal­ten könne, wurde ich gefragt[1. Als Stu­den­ten­vertreter muss man sagen: Nein. Man muss nach­fol­gende Stu­den­ten über kri­tis­che Ein­schätzun­gen, über Risiken des bevorste­hen­den Studi­ums natür­lich, möglichst ohne Schwarz­malerei, in Ken­nt­nis set­zen; abge­se­hen davon, dass in diesem Fall die unter­stellte Behaup­tung gar nicht von mir vertreten wurde. ] . Ich bestritt diese Äußerung, wandte mich gegen den Inhalt der Aus­sage, und fragte nach genauem Wort­laut der Anschuldigung und nach Urhe­ber dieser diskred­i­tieren­den Anschuldigung. Dazu erhielt ich keine Antwort. Für wen der Nutzen entschei­dend ist, ist eine Wahrheit­s­analyse eben manch­mal Zeitver­schwen­dung.

5 Mal wollte man mich in diesem Gespräch durch die Aus­sage Geld ist kein Prob­lem zu irgen­det­was motivieren. Als Gewin­ner dieser Unter­hal­tung ver­ließ ich das Gespräch sicher­lich nicht: In ein­er Ord­nung, in der das Cre­do Richtig ist das, was Geld bringt vorherrscht[1. Und machen wir uns nichts vor: Selb­st bei Bewer­bun­gen für Pro­fes­suren in der Biele­felder Abteilung für Philoso­phie ist mitentschei­dend, wieviele Drittmit­tel die Kan­di­dat­en in pet­to haben, Grundge­setz hin oder her. ], wer­den diejeni­gen als Spin­ner ange­se­hen, die ihre Ide­ale nicht verkaufen.  In der darauf­fol­gen­den Qual­itätssitzung saßen dann ger­adezu demon­stra­tiv Stu­den­ten ohne eigene kri­tis­che Mei­n­ung und Ide­ale. Das war den anwe­senden Lehren­den auch irgend­wie nicht recht.

Man kann behaupten, der vorherge­hende Absatz sei mein Nachtreten, meine Genug­tu­ung oder so etwas. Ich kann nur dage­gen­be­haupten, dage­gen­schreiben, dass mein Anliegen ein anderes ist: Mit diesem Absatz wollte ich nur exem­plar­isch dar­legen, was für einige Leute in Biele­feld der Kri­tik schon zuviel ist. Vielle­icht kann man ja daraus einen Uni­ver­sitäts­be­griff strick­en.

mehr Zur Ein­führung von Stu­di­enge­bühren an der Uni Biele­feld: Es muss ein Druck durch Deutsch­land gehen

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zu besuch bei einer schlagenden bielefelder verbindung

Ein Bekan­nter feierte einst eine Par­ty und wie ich irgend­wann fest­stellte, war dies im Hause ein­er Biele­felder Stu­den­ten­verbindung. In der Uni­ver­sität haben die Verbindun­gen unter den Studieren­den oft­mals keine gute Stel­lung, es gibt eine Mehrheit von Studieren­den, die sich als links betra­cht­en. Linke Stu­den­ten has­sen Stu­den­ten­verbindun­gen, aus per­sön­lich-poli­tis­chem Ermessen. Ich kan­nte bis dato keine der­ar­ti­gen Verbindun­gen und da ich keine Berührungsäng­ste ver­spürte und wis­sen wollte, was meinen Bekan­nten zu ein­er der­ar­ti­gen Verbindung treibt, fol­gte ich der Ein­ladung.

Diese Verbindung besitzt ein eigenes Haus an ein­er viel­be­fahre­nen Straße, Bier ist immer da, mehr Bet­ten als dort Wohnende, alte Schränke, antike Tis­che, es herrscht eine zuge­tane Stim­mung unter den Anwe­senden. In den Schrankvit­ri­nen ste­hen Holz­fig­uren, ver­al­tete Atlanten und alte Büch­er, deren Autoren mir nichts sagen. Wir sitzen am Tisch, Bier wird gere­icht, man quatscht über dies und das. Der Senior der Runde stellt sich als Kristalli­sa­tion­spunkt der Unter­hal­tung her­aus. Man spricht zu ihm, wenn etwas erzählt wer­den soll. Wenn er nicht mal heftigst gegen einen Küchen­schrank gelaufen ist, zeugt seine Stirn wohl von Charak­ter­stärke. Er spricht laut und gewandt. Er adelt die humor- und span­nungs­freien Geschicht­en der Nachkömm­linge mit sein­er Aufmerk­samkeit. Anwe­sende Frauen wer­den nicht ins Gespräch mit ein­be­zo­gen. Nie­mand würde auf das, was ich sage, einge­hen, außer dem Senior. Mir teilt er mit, dass er schon von mir gehört habe. Das klingt so schme­ichel­nd wie unglaub­würdig. Ich darf ihm erzählen, was ich so treibe und so erzäh­le ich unver­fänglich­es Zeugs. Das Bier ist leer, neues kommt.

Ein weit­er­er Gast beehrt die Runde, es ist ein Verbindungs­gast mit säch­sis­chem Sprachk­lang. Auch er wen­det sich an den Senior mit seinen Geschicht­en. Und obwohl ich nicht den Ein­druck gewinne, dass man sich son­der­lich gut kenne, reicht auch ihm die Adelung sein­er Geschicht­en durch Aufmerk­samkeit des Häuptlings. Er ist zufrieden. So zufrieden, dass er die schön­ste Neuigkeit seines Pri­vatlebens preis geben mag: Er hat neuerd­ings eine Fre­undin. Wie schön. Und er hat sog­ar Glück gehabt, es sei ein “richtig deutsches Mädel.”

Meine Miene friert etwas ein und ich ver­suche mein sar­donis­chen Lächeln etwas zu ver­ber­gen. Aber entwed­er hat der Senior dies bemerkt oder diese Bemerkung ist ihm selb­st nicht ganz geheuer. Jeden­falls übern­immt er noch ver­stärkt die Redeleitung, erzählt von etwas völ­lig anderem. Was sein deutsches Mädel so deutsch macht, erfahre ich nicht. Ich bere­ichere das weit­ere Gespräch mit Par­ty-Small-Talk und ab und an iro­nis­chen Sprüchen, merke aber fix: Ironie ist hier kein Aspekt der gewohn­ten Unter­hal­tung. Lach­er brin­gen die Geschicht­en, bei denen referiert wird, welche Per­son sich auf welch­er Par­ty wann übergeben hat. Von diesen Geschicht­en gibt es viele. Und der Senior lacht über jede Kotzgeschichte.

Dass ich irgend­wie anders rede, wird aber wahr genom­men. Wir ver­lassen den Raum, teilen uns etwas auf und jemand stupst mich von der Seite an, um mir eine Frage zu stellen: Sag mal, für wen schreib­st du? Für wen ich schreibe? Ja, du musst doch für wen schreiben. Die Frage über­rascht mich in der Tat. Wer sollte jeman­den beauf­tra­gen, eine Verbindungspar­ty dazu zu nutzen, um darüber zu schreiben? Die lokale Zeitung? Ich hat­te bis­lang nie­man­den über seine Motive zur Nähe zu dieser Stu­den­ten­verbindung gefragt, selb­st das The­ma Burschen­schaft ist bis­lang nicht aufgekom­men. Okay, wenn ich den Mund auf­mache, dann bedacht. Sowas macht mich hier wohl schon zu etwas Extrav­a­gan­tem. Oder Anwe­sende ängsti­gen sich vor Öffentlichkeit. Jedem seine Para­noia. Wie sich erprügelte Charak­ter­stärke mit der Angst vor ein­er sach­lich­er Darstel­lung ihrer Aktiv­itäten vere­ini­gen lässt, erfahre ich an diesem Abend nicht. (Wenn ich jet­zt darüber schreibe, dann deswe­gen, weil ich es inter­es­sant finde. Meine Moti­va­tion für den und beim Besuch war es nicht.)

Ich lerne englis­che Stu­den­ten dort ken­nen, die sich hier ein­quartiert haben. Ja, die anderen Bewohn­er hät­ten schon so ihre Eige­narten. Man sei auch daheim ange­hal­ten wor­den, nicht bei ein­er deutschen Burschen­schaft zu über­nacht­en. Aber die Über­nach­tungskosten seien so niedrig, dass man sich doch dafür entsch­ieden habe. Man macht Trinkspielchen. Verbindungsstu­den­ten ver­ständi­gen sich rade­brechend auf englisch mit den Gästen. Alko­hol besorgt den Rest der Ver­ständi­gung.

Gen Ende der Par­ty möchte mir noch ein einge­fleis­chter Ver­bun­den­er erk­lären, dass die Burschen­schaften auf wun­der­bare Weise Werte weit­ergäben. Dass sie schon vor dem Zweit­en Weltkrieg für demokratis­che Struk­turen stark gemacht hät­ten, dass kon­ser­v­a­tive Werte über­haupt stärk­er an Her­anwach­sende ver­mit­telt wer­den müssten. Ich wende ein, dass meinem Bekan­nten beispiel­sweise der­ar­tiger Werte­trans­port doch völ­lig am Aller­w­ertesten vor­beige­ht, dass das Rumge­lage hier doch keinen Wert darstelle, und dass der his­torische Rück­bezug albern sei und ernte ein hil­flos­es: “Doch!”

Die Verbindung ist dur­chaus gast­fre­undlich, das sollte man sagen. Die dort ver­bre­it­eten Ansicht­en, die Vere­ins­meier- und Men­schen­fis­cherei bleiben mir allerd­ings wesens­fremd. Aber gefährlich ist das nicht.

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bielefelder negerstreit

Die Blog­boys haben die Diskus­sion zwis­chen dem Biele­felder IBZ (Inter­na­tionales Begen­gungszen­trum) und dem Biele­felder Stadt­magazin Ulti­mo um deren Ver­wen­dung des Wortes “Neger” ins Inter­net gebracht. Damit ist auch die Diskus­sion “Worum geht’s da eigentlich?” im Inter­net gelandet.
Man kann grund­sät­zlich sagen, dass da eine Vere­ini­gung (IBZ) ein­er anderen (Ulti­mo) einen bes­timmten Wort­ge­brauch vorschreiben möchte und ankrei­det, let­ztere habe ein Wort (“Neger”) in diskri­m­inieren­der Weise ver­wen­det. Genauer gesagt denkt man wohl, das Wort “Neger” sei schlicht und ein­fach rein diskri­m­inierend.

Darf man das nicht sagen? Was darf man sagen? Wer bes­timmt, was man sagen darf?

Jet­zt hat sich Indi­me­dia aus nicht näher bekan­nten Grün­den eingeschal­tet, die auch ganz genau wis­sen, dass es sich bei den Wortver­wen­dun­gen des Stadt­magazins um Ras­sis­mus han­delt, und bekam post­wen­dend von Ulti­mo eine Retourkutsche durch den Tele­fon­hör­er.

Soweit wohl der Stand der Dinge.

Der Stre­it um eine rechte Ver­wen­dung von Begrif­f­en ist ein philosophis­ch­er, so abge­halftert das an dieser Stelle auch klin­gen mag. Der Biele­felder Philosoph Michael Wolff hat in seinem Buch Prinzip­i­en der Logik die Mei­n­ung vertreten, dass sein­er Ansicht nach man Begriffe ver­wen­den könne, wie man wolle. Ich sym­pa­thisiere doch sehr stark mit dieser Ansicht. Man kann hinzufü­gen, dass in bes­timmten sozialen Kon­tex­ten es ange­bracht ist, auf seine Wort­wahl zu acht­en, um nicht unnötig anzueck­en, aber ver­boten ist da nichts. Es ist dage­gen etwas anderes, durch seine Worte klar­erweise jeman­den zu diskri­m­inieren. Wenn man diesen Vor­wurf erhebt, sollte man aber zugle­ich dar­legen kön­nen, weswe­gen irgen­det­was klar­erweise so und nicht anders ist.

Die Sprachver­wen­dung der Ulti­mo ist nun klar­erweise mitunter iro­nisch, ori­en­tiert sich nicht an polit­i­cal cor­rect­ness, ist sprach­lich nicht immer 100%ig aus­ge­feilt. Damit rech­net der erfahrene Ulti­moleser, jed­er neue Ulti­moleser gewöh­nt sich schnell daran. Diese Ironie ist zuge­s­tanden­er­weise nicht immer geglückt, sprich: nicht jede For­mulierung sollte man ein zu eins in Mar­mor hauen. Aber das Heft ist kosten­los, da sollte man Schwächen hier und dort erwarten. Wer nun der Ulti­mo klar­erweise Ras­sis­mus vor­wirft, verken­nt oder ignori­ert den Sprachkon­text, in dem die Ulti­mo sich befind­et. Und das ist eine Diskri­m­inierung. Und das ist der eigentliche Punkt, um den es hier geht. Ich glaube, man muss Wort­wahlen tolerieren, wenn sie nicht klar­erweise direkt jeman­den angreifen, was hier nicht geschehen ist.

Zugegeben — in den Antworten auf diese Vor­würfe war die Ulti­mo größ­ten­teils geschmack­los, allerd­ings auf Grund der Art, wie dort welche Vor­würfe gemacht wur­den. Wer hat denn ern­sthaft von der Ulti­mo einen anderen Stil erwartet? Nein, nein, das muss man alles aushal­ten kön­nen, so lei­d­voll es für den einen oder die andere sein mag.

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zur lage der philosophen in bielefeld

Die Uni­ver­sität Biele­feld wurde 1969 gegrün­det und vom Sozi­olo­gen Schel­sky konzip­iert. In dieser Konzep­tion war für die Philosophen vorge­se­hen, in ein Haus einzuziehen, das außer­halb der Uni­ver­sität am Hang des Teu­to­burg­er Waldes liegt. Heutzu­tage find­et man dort das ZiF, das Zen­trum für inter­diszi­plinäre Forschung.
Die Philosophen soll­ten von dieser höher gele­ge­nen Stelle einen guten Blick runter auf die Uni­ver­sität wer­fen kön­nen. Ein altes Bild, das auch gerne in Pla­tons Dialo­gen ver­wen­det wird. Auch dort begaben sich die Besser­wiss­er wie Sokrates gerne runter zum Mark­t­platz, legten dort die Argu­men­ta­tio­nen des gemeinen Volks auseinan­der, und gin­gen dann wieder zurück, hin­auf zu ihrer erhöht­en Res­i­denz.
Die Philosophen kamen aber als Abteilung dort nie an. Sie resi­dieren im acht­en Stock­w­erk des T-Zahns in der Uni­ver­sität. Von dort kann man zwar auch run­ter­schauen, aber es ist doch irgend­wie nicht das­selbe.
Die Ide­ale Schel­skys haben sich auch in ander­er Hin­sicht nicht erfüllt. Die Uni­ver­sität Biele­feld startete als “Refor­mu­ni­ver­sität”, als ein Gegen­ver­such zu all den Uni­ver­sitäten, bei denen “unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren” herrschte. Diesem Anspruch ist die Uni­ver­sität nie gerecht gewor­den, auch wenn es ein paar bekan­nte Wis­senschaftler her­vorge­bracht hat.

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bielefeld und die provinzialität

Biele­feld wird gerne als Inbe­griff von Prov­inz ver­wen­det. Selb­st in Orten, die noch prov­inzieller daherkom­men als Biele­feld. Das ist ein­er­seits der Inhalt der Biele­feld-Ver­schwörung, der andere ist der Nerv-Fak­tor, den dieser ‘Witz’ Biele­feldern bere­it­et, wenn darauf Anspie­lende meinen, sie erzählten einen guten, ger­adezu neuen Witz.
Bei der Luh­mann-Preisver­lei­hung an Dworkin durch Haber­mas ver­wen­dete der Ober­bürg­er­meis­ter Biele­felds in Anwe­sen­heit dieser Per­so­n­en der Zeit­geschichte eine geschla­gene Vier­tel­stunde auf den Nach­weis, Biele­feld sei eben keine Prov­inz. Es gibt wohl keinen besseren Beweis dafür, dass Biele­feld Prov­inz ist, als dass man für die Aus­bre­itung der Gegen­these länger als eine Vier­tel­stunde braucht.
Das Prov­inzielle wird aber kaum ein Biele­felder bestre­it­en. Dabei ist die Möglichkeit der Mobil­ität, denke ich, wesentlich bedeut­samer für die Darstel­lung des eige­nen qual­i­ta­tiv­en Lebensstils als der momen­tane Aufen­thalt­sort.
Aber es gibt Kleinigkeit­en, da spielt sich das Prov­inzielle eben aus. Jed­er Biele­felder, zum Beispiel, ken­nt die “Begleit­musik” der Stadt­bahn. Steigt man an der End­hal­testelle aus, knarzt eine Frauen­stimme behar­rlich “Mobil sagt tschüss, bis zum näch­sten Mal.”. Und ich glaube, genau­so behar­rlich, lässt sich der gemeine Stadt­bah­n­fahrer nicht ern­sthaft von ein­er Ton­band­stimme grüßen.
Zum anderen wird an der Hal­testelle “Haupt­bahn­hof” eine Klin­gel­ton­ver­sion Beethovens Für Elise zur Vertrei­bung der ort­san­säs­si­gen Pen­ner ver­wen­det. Der Erfolg dieser Aktion ist, dass man die Pen­ner sage und schreibe 5 Meter links und rechts in die Flucht geschla­gen hat. Wenn über­haupt. Wäre ich Ini­tia­tor ihrer, würde ich sagen, die Aktion ist sub­op­ti­mal gelaufen, das Ziel eigentlich ver­fehlt. Müsste das der Ver­ant­wortliche nicht auch denken? Nur dann nicht, wenn es gar kein Ziel gegeben hat oder das Ziel oder die Aktion vergessen wurde. Sowas ist in der Prov­inz aber eben okay. Ein Auf­muck­en wird es da so wenig geben wie Danksa­gun­gen irgendwelch­er Bürg­er: “Liebe Stadt Biele­feld, vie­len Dank für diesen Beethoven-Klin­gel­ton, der die Pen­ner nervt. Er nervt uns zwar noch mehr, da er uns das elendi­ge Rum­ste­hen an der düsteren Hal­testelle frühzeit­ig ankündigt. Aber diese akustis­che Beläs­ti­gung ist eigentlich nichts gegen die vor­mals visuelle.”
Anhand der­ar­tiger Aktio­nen man­i­festiert sich Prov­inzial­ität, gese­hen als Rück­ständigkeit, wesentlich inten­siv­er als an geo­graphis­ch­er Lage.

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wehlers humanismus

Erneut hat es das Forum offene Wis­senschaft in Biele­feld geschafft, Hans-Ulrich Wehler für einen Vor­trag mit dem Titel “Die Idee der Human­ität in Geschichte und Gegen­wart” zu gewin­nen.
Das let­zte Mal, dass ich Wehler im FoW gese­hen habe, wet­terte er ein­drucksvoll und bes­timmt, manche werteten das als polemisierend, gegen eine Auf­nahme der Türkei in die EU. Damals erzählte er eine Anek­dote über den sein­erzeit­i­gen Außen­min­is­ter Josch­ka Fis­ch­er. Den habe er in Berlin auf ein­er Par­ty getrof­fen und nach­dem man den einen oder anderen intus hat­te, soll Fis­ch­er einen Ver­gle­ich zu Gen­sch­er gezo­gen haben: “Halb soviele Amt­s­jahre, aber dop­pelt soviel Flug­meilen!” Dem Pub­likum gefiel natür­lich diese Anek­dote, man traute sie Fis­ch­er ja auch ohne weit­eres zu. In diesem Kon­text wirk­te sie allerd­ings befremdlich, aber Wehler kon­nte sie sich leis­ten.
Heute Abend nun sprach Wehler über Human­is­mus. Man durfte ges­pan­nt sein, schliesslich wagte Wehler sich damit ausser­halb seines Forschungs­bere­ichs. Dies räumte Wehler vor ein­er hör­saalfül­len­den Fange­meinde auch ein, warb aber dafür den Human­is­mus als europäis­ches Kul­turgut, das auf dem Chris­ten­tum aufge­baut wor­den sei, weit­er zu befördern. Das Chris­ten­tum habe gezeigt, dass es ein der­ar­tiges Kul­turgut ver­bre­it­en könne. Daher habe er auch nichts dage­gen, es in eine europäis­che Ver­fas­sung Gott einzu­binden, da der christliche Glaube eben auch europäis­ches Kul­turgut sei, auch wenn er selb­st die jüdis­che Reli­gion der christlichen in inhaltlich­er Sicht bevorzu­gen würde.
Bezo­gen auf let­zteres sagte er, es sei leichter an einen einzi­gen geset­zgeben­den Gott zu glauben als an ein gemis­cht­es Team aus Gott, Engeln und son­sti­gen Wesen. Wehler betonte, in einem der­ar­ti­gen Rah­men sei es immer rat­sam, den Inhalt mit ein­er poli­tis­chen Aus­sage zu verknüpfen, das erk­lärte sein Wer­ben für die Anerken­nung des Human­is­mus als europäis­chem Exportschlager. Andere Reli­gio­nen oder Ameri­ka mit seinem Way-of-life hät­ten eine der­ar­tige Werte­tra­di­tion nicht vorzuweisen.
Und an diesem Punkt sprach Wehler, der jahre­lang in den Vere­inigten Staat­en lehrte, doch noch etwas für mich inter­es­santes an. Ihn habe dieser starre, uner­schüt­ter­liche Glaube an den amer­i­can way of life immer irri­tiert. Die Geschichte des Teller­wäsch­ers, der zum Mil­lionär wird, würde immer wieder durch die eine oder andere der­ar­tige Geschichte bestätigt, während sich nie­mand über die oft­mals fehlende Kranken­ver­sicherung wun­derte. Der Glaube, der Einzelne müsse nur hart genug arbeit­en, dann bekomme er schon seinen ver­di­en­ten Lohn, sei wesentlich grundle­gen­der ver­ankert als die Idee von ein­er umfassenden Sozialver­sorgung.
Jet­zt leuchtet mir schon eher ein, weswe­gen aktuelle amerikanis­che Filme ums Ver­reck­en nicht auf den Einen, der alle ret­tet, verzicht­en kann, aber Rawls’ The­o­rie muss ich darauf hin nochmal testen.

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7 uhr morgens in ostwestfalen

Klin­gelt doch heute mit­ten in der Nacht um 7 das Tele­fon. Mut­tern dran. “Du, sam­ma, schneit das bei euch auch?” “Hmmm, ähhh, jo, schneit, wieso?” — “Wollt ich nur wis­sen.” — “Aha, son­st nix?” — “Post ist angekom­men.” — “Aha, son­st nix?” — “Nö.” — “Deswe­gen ruf­ste an?” — “Kon­nt ich ja nicht wis­sen, dass da wer ran geht.” Stimmt, da hatse recht.

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