Stichwort: düsseldorf
Freitag, den 23. Juli 2010   

wärst du düssel doch im dorf geblieben

Schon wieder ein paar Tage in Düs­sel­dorf. Gestern war es etwas bedeckt, aber irgend­wann ließ sich die Sonne dann doch sehen. Wir saßen am Rhein und tat­en, was wir immer macht­en, wenn wir am Rhein sitzen: Wir erfind­en Biogra­phien der Vor­beilaufend­en.

Zumin­d­est das lässt sich her­vor­ra­gend vol­lziehen in der Rhe­in­stadt. Wom­it für mich allerd­ings noch nicht ganz gek­lärt ist, weswe­gen mir Düs­sel­dorf wie das Biele­feld des Rhein­lan­des vorkommt. Auch wenn es nicht aus der Welt ist, so zieht es uns Mün­ster­län­der kaum dort hin. Nach Köln schon, aber Düs­sel­dorf? Nein, eigentlich weniger. Den­noch hal­ten sich die Düs­sel­dor­fer mit ger­ade ein­mal 260.000 Ein­wohn­ern mehr als Biele­feld für Großstädter. Weil man alles zu Fuß erre­ichen kann. Klares Zeichen für eine Großs­tadt, wenn man mich fragt.

Mein kleines Lester­schwein hab ich mal gefragt, ob sie mir als Wahl-Essener­in nicht mal die Affinität von Großstädtern zu Großstädten erk­lären könne könne:

Ja, das ist ein­fach so: Die brauchen ein­fach Beton!

Während meine bessere Hälfte meinte:

Es geht nicht um den Beton, son­dern um den Ges­tank.

Ich forsche weit­er.


Montag, den 12. Juli 2010   

düsseldorf und zurück

Ich hab schon wieder ein paar Tage in Düs­sel­dorf ver­bracht und dem Düs­sel­dor­fer ist doch der Städtev­er­gle­ich ein wichtiges Anliegen. Jet­zt habe ich es lei­der ver­säumt ein paar Fotos in Düs­sel­dorf zu schießen, obwohl meine Kam­era eigentlich immer Griff­bere­it war. Naja, wenn die Erleb­n­sise für sich genom­men wichtiger sind, dann denkt man eben auch nicht immer ans Knipsen. Für den Metropolen-Ver­gle­ich ver­weise ich somit mal an Har­ald Schmidt:

Und wir wun­dern uns: Es hat doch damals tat­säch­lich zur Har­ald-Schmidt-Show den Vide­o­recorder angeschmis­sen und das Aufgenommene kon­serviert. Und! Hel­mut Zer­lett hat­te mal Haare!

Das ist nun schon etwas älter, dürfte aber wohl noch hinkom­men. Für mich als Prov­inz-NRWler ist Düs­sel­dorf ja ein Inbe­griff für Kul­tur, sprich, Museen, The­ater, dann natür­lich die Kö, der Rhein, die Toten Hosen. Ja, aber ein Must-Go ist Düs­sel­dorf irgend­wie nicht, wenn man nicht Pri­vatan­reize hat. Das Non­plusul­tra fehlt gegen über dem beschaulicheren West­falen, wenn Düs­sel­dorf auch dur­chaus Atmo­sphäre ver­sprüht.

Statt Karten eigen­er Bilder abschließend dann mal das Gewit­ter von Sam­stag auf Son­ntag am Rhein:


Donnerstag, den 4. Juni 2009   

es muss ein druck durch deutschland gehen

Fol­gen­den Text habe ich vor drei Jahren ein­mal zur dama­li­gen Ein­führung von Stu­di­enge­bühren an der Uni­ver­sität Biele­feld geschrieben. Im Tenor hat sich der Text ein­fach nicht über­lebt.

Es muss ein Druck durch Deutsch­land gehen[1. 1. Inzwis­chen schnallt die Über­schrift nicht mehr jed­er. Es han­delt sich dabei um eine Anspielung an die erste Berlin­er Rede von Roman Her­zog, die ich weit­er­hin für lesenswert halte. ]

In Biele­feld sind Stu­di­enge­bühren einge­führt. Auf kom­plizierte Begrün­dun­gen hat man verzichtet. Man müsse unbe­d­ingt vor­sor­gen für den Fall, dass z.B. in Köln Stu­di­enge­bühren einge­führt wür­den. Ken­nen Sie diesen Spruch aus dem Rek­torat? Die Angst ist wohl, dass Köl­ner die Biele­felder Uni über­fluten. Sagen wir’s mal so: Noch
nicht mal in Düs­sel­dorf gab es so eine Befürch­tung.

Es war vorge­se­hen, Stu­di­enge­bühren in Biele­feld erst dann einzuführen, wenn es ein für alle Stu­den­ten gerecht­es Mod­ell gibt. Hierzu zählt ein „gerecht­es“ Kred­it­fi­nanzierungsmod­ell. Nun zahlt hier­bei ein auf Kred­it angewiesen­er Regel-Stu­dent nach dem Bach­e­lor schon min­destens 1170€ mehr für sein Studi­um als jemand, der keinen Kred­it benötigt. Nach dem Mas­ter zahlt er min­destens 2550€ mehr. „Was anderes kann man den Banken nicht zumuten“, meinte das Rek­torat den Fach­schaften gegenüber. Dem Rek­torat zu Folge kämen bei ein­er anderen Lösung „die Reichen“ und näh­men die Banken aus. Das scheint ein Naturge­setz zu sein. Das Schlimm­ste für das Rek­torat ist dem­nach wohl ein reich­er Köl­ner: Qua­si eine Bil­dung­sheuschrecke.

Die Fach­schaften merk­ten an, dass durch „mehr Geld“ kein Dozent, der eine schlechte Lehre macht, plöt­zlich zu jeman­dem wird, der eine gute Lehre macht. Die Reak­tion des Rek­torats: „Ja, aber das ist doch das Schöne am neuen Sys­tem. Wir kön­nen denen jet­zt endlich Druck machen!“ — All­ge­meines Kopf­schüt­teln der Fach­schaften, dabei hat­te doch nur ein Päd­a­goge seine Sehn­sucht aus­ge­drückt. Die Fach­schaften erk­lärten beiläu­fig, dass sie den Bach­e­lor-Stu­di­en­gang für Qual­itätsver­luste in den Abteilun­gen ver­ant­wortlich macht­en. Viele Studierende seien zwar auf einem Niveau, nur sei das Niveau im Keller. Hierzu meinte der Rek­tor: „Ja, sehen Sie: Das, was Sie da so neg­a­tiv sehen, das sehe ich als Erfolg“. Das ist ein typ­isch neuzeitlich­es Gerede: „Ich hab’ meine Mei­n­ung. Du hast deine Mei­n­ung. Jet­zt lass mich mal reden und dann darf­st du mal reden. Und hin­ter­her sind wir dann alle, alle glück­lich.“ Aber es gibt dann nur noch Mei­n­un­gen, keine Wahrheit­en mehr.

Den Fach­schaften wurde aber noch ein zusät­zlich­er Köder vom Rek­torat ange­boten: „Wenn Sie Prob­leme haben mit einem Dozen­ten, dann kom­men Sie zu uns. Wir gehen dann dahin und machen dem schon Druck!“ Das wäre aber auch dumm, wenn ein deutsches Sys­tem ohne funk­tion­ierende Befehlshier­ar­chie und Dif­famierungsmöglichkeit auskom­men müsste. Es war ja nicht alles schlecht früher. Sie sehen aber an dieser Stelle deut­lich, dass das Rek­torat in die Debat­te nicht mehr ein­bringt als Mei­n­un­gen, Köder und Kraftausdrücke[2. 2. So philosophisch war meine Abteilung damals, dass es ein Dok­torant für nötig emp­fand, mich darauf hin zu weisen, dass der hier ver­wen­dete Begriff “Kraftaus­druck” falsch sei. Damit wür­den vul­gäre Begriffe gemeint sein. Ver­standen wor­den bin ich den­noch ;-). ] .

Wochen später stell­ten die Fach­schaften dem Rek­torat eine neue Frage. In den aktu­al­isierten Kred­itbe­din­gun­gen war die Klausel mit der Begren­zung der Zin­ser­höhung gefall­en. Zinssätze kön­nen nun während der Kred­it­nahme beliebig hoch ansteigen. Die einzige Antwort des Rek­torats auf die Frage, was es von dieser Verän­derung hält, war: „Hören Sie auf zu opponieren, das alte Bil­dungssys­tem ist tot!“ Uns stört gar nicht unbe­d­ingt, dass Fra­gen nicht gut beant­wortet wer­den. Was anderes ist bei diesem Rek­torat nicht zu erwarten. Was uns Sorge bere­it­et, ist, dass der Gedanke der Uni­ver­sität abgewick­elt wird. Es wird nicht mehr disku­tiert. Es wer­den nur noch Sachzwänge her­beiar­gu­men­tiert, die jede Diskus­sion erübri­gen. So überzeugt man dann auch nie­man­den mehr, son­dern drängt ihn höch­stens zu resig­nieren. Glauben Sie ern­sthaft, dass es all diese Sachzwänge gibt?

Statt gute Begrün­dun­gen zu liefern, gibt das Rek­torat auch nur noch „Updates“ von Mei­n­un­gen her­aus. Über die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen meinte das Rek­torat zunächst, diese hät­ten „auf gar keinen Fall mit Stu­di­enge­bühren und NC“ zu tun, son­dern mit der prekären Sicher­heit­slage an der Uni. Prob­lem­los schien das Rek­torat die Motive von nie an der Uni gewe­se­nen Nich­tan­fängern aus­machen zu kön­nen. Dann hat man erkan­nt, dass das doch etwas albern klingt, und es kam ein Update her­aus. Die rück­läu­fi­gen Anfängerzahlen seien „nicht auf Stu­di­enge­bühren, aber auf die neuen NC“ zurück­zuführen. Eine Woche später kam das näch­ste Update: Eigentlich haben wir nicht weniger Stu­den­ten, es hat sich nur „anders verteilt“. Wir kön­nen Ihnen schon jet­zt eine Pre­view auf das kom­mende Update geben: Man hat fest­gestellt, dass es ver­mut­lich ein geburten­schwach­er Jahrgang war und deswe­gen haben wir eigentlich, obwohl wir weniger haben, mehr.

Wieso es nur Updates gibt? Wegen eines Sachzwangs: Das Rek­torat meint, es würde an Glaub­würdigkeit ver­lieren, wenn es öffentlich Fehlein­schätzun­gen eingeste­hen würde. Das ist in etwa auch der Grundgedanke aus Des Kaisers neue Klei­der. Ähn­lich ver­fuhr das Rek­torat mit dem The­ma „Park­stu­den­ten“. Das sind solche, die keine Zusage für ihr gewün­scht­es Fach haben und sich deswe­gen irgend­wo anders ein­schreiben, nur um an der Uni zu sein. „Irgend­wo anders“ war in diesem Jahr z.B. der NC freie Physik-Stu­di­en­gang. Und wis­sen Sie, was das Rek­torat derzeit über diese Entwick­lung sagt? Man habe einen außeror­dentlichen Boom in der Physik fest­gestellt, was eine Bestä­ti­gung der guten Leis­tun­gen in Biele­feld sei. Das ist das Vorteil­hafte, wenn man nur über Mei­n­un­gen ver­fügt: Man kann alles, aber auch wirk­lich alles schönre­den. Nur hil­ft das zur Bewäl­ti­gung der Prob­lematik von Park­stu­den­ten nicht weit­er.

Sofern die Studieren­den von der ungle­ichen Machtverteilung in der Stu­di­enge­bühren-Debat­te abse­hen, protestieren sie gegen die Gebühren. Die Dozen­ten waren bis­lang deut­lich zurück­hal­tender. Wer tat­säch­lich von all diesen Sachzwän­gen überzeugt ist, der gehe mit dem Rek­torat! Entledi­gen Sie sich des über­holten Uni­ver­sitäts­be­griffs! Dies ist ein Wirtschaft­sun­ternehmen!

Machen Sie, liebe Dozen­ten, sich nur auf eines gefasst: Irgend­wann wird ein Män­nchen in ihrem Büro ste­hen, dass von Inhalt und Methodik ihres Fach­bere­ichs keine Ahnung hat, weil es das Fach nie studiert hat. Aber dieses Män­nchen wird Ihnen sagen, was Sie zu tun haben. Und wenn Sie dann ver­suchen, gute Gründe gegen diese Bevor­mundung einzubrin­gen, dann wird das Män­nchen einen Zettel aus sein­er Hose ziehen und Ihnen die Leit­sätze dieser Bewe­gung vor­lesen:

Das ist Ihre Mei­n­ung.
Ich hab meine Mei­n­ung.
Hören Sie auf zu opponieren.
Das alte Bil­dungssys­tem ist tot.

Schöne, neue Uni-Welt…[3. 3. Ein Dozent der philosophis­chen Abteilung meinte auf diesen Text bezo­gen zu mir: “Herr Herken­hoff, ich stimme Ihnen mit diesem Text in allen Din­gen zu, außer der unter­schwelli­gen Annahme, früher sei es an den Uni­ver­sitäten bess­er gewe­sen. Das stimmt nicht.” ]


Sonntag, den 8. Oktober 2006   

verstörungen

Gestern war mal wieder ein Muse­um­stag ange­sagt. In Düs­sel­dorf gibts ger­ade zwei sehr inter­es­sante Ausstel­lun­gen, die von Car­avag­gio und die von Fran­cis Bacon. Die lassen sich sog­ar nacheinan­der bestaunen, soviele Bilder sinds nichts. Bei­de haben was drastis­ches an sich, also ein rein ästhetis­ch­er Wohlgenuss will sich nicht sofort ein­stellen, man muss schon was dafür tun. Aber dann reitzt einen das Schaf­fen der bei­den schon. Car­avag­gio stellt in seinen Bildern beina­he psy­chol­o­gis­che Stu­di­en über die Gemal­ten an. Der Betra­chter fragt sich fortwährend, was die Per­so­n­en da tun und weswe­gen sie es tun. Deswe­gen scheinen seine Bilder speziell für Krim­i­nalschrift­steller inter­es­sant. Im Ein­gang des “Kun­st Palastes” in Düs­sel­dorf wird Hen­ning Mankell zitiert, dass Car­avag­gio immer etwas suche, statt diesem aber was anderes finde. Im Inter­net find­et sich das State­ment von Ingrid Noll, dass Car­avag­gio Krim­i­nalgeschicht­en in Bilder ver­packe. Naja, davon muss man nicht viel hal­ten, um einen eige­nen Genuß an den Bildern zu find­en. Aber zum Spekulieren regt es alle­mal an. Bei Fran­cis Bacon ste­hen keine krim­inelle Hand­lun­gen im Vorder­grund, son­dern meist Sex­u­al­ität, Ein­samkeit und Schreie. Dem Betra­chter überkommt eine Bek­lom­men­heit, die einige Kri­tik­er als Gewal­taus­druck in den Bildern iden­ti­fizieren. Gewalt hab ich jet­zt nicht gese­hen, die Bilder sind für mich eher kom­plex und mitunter ver­störend. Und das hat auch was…


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