Stichwort: sachbuch
Montag, den 7. Februar 2011   

marcel rosenbach, holger stark — staatsfeind wikileaks

Dieses Buch wartet mit diversen Anek­doten rund um Wik­ileaks, Wik­ileaks-Grün­der Julian Assange und Fol­ge­be­tra­ch­tun­gen der Veröf­fentlichun­gen von Wik­ileaks auf, ufert nach der Hälfte des Buch­es aber in Über­legun­gen über den recht­en Jour­nal­is­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wirken. Also ein klas­sis­ches SPIEGEL-Pro­dukt. Tief­ere Ein­blicke in die Funk­tion­sweise von Wik­ileaks gibt es nicht und auch anson­sten bleibt der Blick meist außen vor.


Freitag, den 28. Januar 2011   

eric t. hansen — nörgeln! des deutschen größte lust

Nörgeln — wer ken­nt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Hansen hat sich des The­mas auf sehr humor­volle Weise angenom­men. Ger­ade auf den ersten Seit­en erweist er sich als Fach­mann des Nörgelns und des wis­senschaftlichen Nörgelns.

In der Nörgelgeschichte der Lit­er­atur ste­ht Faust als lit­er­arisches Meis­ter­w­erk ein­sam da. Goethes wahres Genie im Erschaf­fen dieser Jahrtausend­fig­ur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit anderen großen lit­er­arischen Jam­mer­ern der Weltlit­er­atur ver­gle­icht. Wie viel kon­se­quenter und authen­tis­cher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzufrieden wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfol­gre­ich, wohlhabend,
erbe dem­näch­st ein Kön­i­gre­ich,
und bin lei­der auch gutausse­hend,
die sexy Ophe­lia macht mir dur­chaus
Augen mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und finde alles genau­so Scheiße wie zuvor.

Die Lek­türe unter­hält also ganz beschaulich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei allerd­ings eine Abgren­zung von Nörgeln zu gerecht­fer­tigter Kri­tik. War dieser Satz jet­zt in Hansens Augen nur nörgeln? Im zweit­en Teil des Buch­es geht dem Autor dann auch in dieser Hin­sicht die Puste aus und es wird sehr weitläu­fig von Nörgeln gesprochen, was wed­er überzeugt, noch witzig ist. Dafür ist der Leser durch den ersten Teil schon hin­re­ichend entschädigt. Eine unterm Strich sehr geistre­iche Lek­türe.


Montag, den 24. Januar 2011   

benedikt xvi. — licht der welt

Peter See­wald inter­viewt Pap­st Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und agiert dabei als Fan der Katholis­chen Kirche im Gewand eines ser­iösen Jour­nal­is­ten. Vielle­icht mag das in dieser Form kirchen­in­tern okay sein, aber einen kri­tis­chen Ansatz zu den Bemerkun­gen des Pap­stes, trotz aller kri­tis­chen Ansätze beim Fra­gen, ver­mis­st man doch schmer­zlich. Spätestens wenn See­wald ein “brasil­ian­is­ches Mod­el” mit Aller­weltsweisheit­en anführt, knirscht der Leser mit den Zäh­nen. Und dann all diese alber­nen Tat­sachen­be­haup­tun­gen See­walds, die glauben machen, es gehe in diesem Buch auch um die Ansicht­en See­walds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Pap­st. Warum schreibt See­wald nicht ein eige­nes Buch, wenn er sich genötigt fühlt, die Posi­tion der Katholis­chen Kirche zu recht­fer­ti­gen?

Aber es passt auch irgend­wie zu dem, was der Pap­st da von sicht gibt. Der Pap­st ist und bleibt halt auf seine Weise Fun­da­men­tal­ist, zieht sich immer wieder auf selb­ster­fül­len­de Prophezeiun­gen zurück. Schwul­sein ist halt unnatür­lich — obwohl es doch dauernd in der Natur vorkommt — und soll nicht Anreiz zum Priester­w­er­den sein. Sexverzicht sei eben­so von Gott aufer­legt, wasim­mer das genau heißen soll. Let­zten Endes wird immer auf irgen­det­was Unbeleg­bares ver­wiesen, keine einzige der­ar­tige Ansicht ist beleg­bar. Immer­hin ver­weist der Pap­st auf eine ange­bliche Immerver­füg­barkeit von Kon­domen und lässt im Raume ste­hen, ob dies eine akzept­able Möglichkeit sein soll.

Aber auch son­st ist es inter­es­sant, was der Pap­st da vom Stapel lässt:

Die monogame Ehe gehört zum Fun­da­ment, auf dem die Zivil­i­sa­tion des West­ens beruht. Wenn sie zusam­men­bricht, bricht Wesentlich­es unser­er Kul­tur zusam­men.

In der Sicht der Katholis­chen Kirche bricht immer irgend­was zusam­men, wenn man an ihren fun­da­men­tal­is­tis­chen Sichtweisen rüt­telt. Warum soll­te über­haupt gle­ich etwas zusam­men­brechen, wenn Monogamie nicht der Stan­dard bleibt?

Ein Großteil der heuti­gen Philosophen beste­ht tat­säch­lich darauf, zu sagen, der Men­sch sei nicht wahrheits­fähig. Aber so gese­hen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Pap­st ist auf dem Laufend­en, was in der Philoso­phie so abge­ht. Das Prob­lem an dieser Stelle ist nur: Diese Philosophen bezweifeln ja auch diesen Ethos. Und dage­gen ver­richtet man mit einem schlicht behaupteten Gegen­satz nichts.

Es bre­it­et sich eine neue Intol­er­anz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt einge­spiel­te Maßstäbe des Denkens, die allen aufer­legt wer­den sol­len. Diese wer­den dann in der soge­nan­nten neg­a­tiven Tol­er­anz verkün­det. Also etwa, wenn man sagt, der neg­a­tiven Tol­er­anz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäu­den geben. Im Grun­de erleben wir damit die Aufhe­bung der Tol­er­anz, denn das heißt ja, dass die Reli­gion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sicht­bar aus­drück­en darf.

Natür­lich darf er das, nur nicht vorgeschrieben wirk­end in der Schule. Aber einem Fun­da­men­tal­is­ten kön­nen sie auch kaum erk­lären, dass er Fun­da­men­tal­ist ist.

Eine bloße Fix­ierung auf das Kon­dom bedeutet eine Banal­isierung der Sex­u­al­ität, und die ist ja ger­ade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Men­schen in der Sex­u­al­ität nicht mehr den Aus­druck ihrer Liebe find­en, son­dern nur noch eine Art von Dro­ge, die sie sich selb­st verabre­ichen.

Dro­ge, natür­lich, da drun­ter wäre keine Meta­pher des Bösen zu find­en. Dabei will ja nie­mand eine bloße Fix­ierung auf Kon­dome. Über­haupt sind Vorstel­lun­gen von Leuten, die nie Sex hat­ten, über Sex, dass dieser auss­chließlich Aus­druck von Liebe sei, höch­st skuril.

In Deutsch­land hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Reli­gion­sun­ter­richt. Wieso dann gar so wenig hän­gen bleibt, um es mal so auszu­drück­en, ist unbe­grei­flich. Hier müssen die Bis­chöfe in der Tat ern­sthaft darüber nach­denken, wie der Kat­e­ch­ese ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben wer­den kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Laufend­en: Nicht jedes Kind hat neun bis dreizehn Jahre Reli­gion­sun­ter­richt. Und die Ansicht, dass die Bis­chöfe der Basis­ar­beit in der Katholis­chen Kirche zu Pop­u­lar­ität ver­helfen kön­nen, finde ich eher belusti­gend.

Die Kirche hat “kein­er­lei Voll­macht”, Frauen zu wei­hen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, son­dern: wir kön­nen nicht. Der Herr hat der Kirche eine Gestalt gegeben mit den Zwölfen — und in deren Nach­fol­ge dann mit den Bis­chöfen und den Pres­bytern, den Priestern.

Schnöff, tä täääääää. Warum wirkt der Gott der Katho­liken auf Katho­liken nur immer so irra­tional? Sicher auch nur eine Prü­fung für Katho­liken, damit wäre die Sache dann wieder rund.

Ent­täuscht wer­den sich von diesem Buch auch alle sehen, die sich in den Miss­brauchsskan­dalen Aufk­lärung seit­ens der Katholis­chen Kirche wün­schen: Nach dem Pap­st sieht der nor­male Prozess hier so aus: Erst den miss­braucht­en Schäfchen helfen, dann die Täter strafen und dann das Ver­brechen aufk­lären. Nach Belieben der Katholis­chen Kirche wird hierüber die Öffentlichkeit informiert. Vom rechtzeit­i­gen Ein­bezug rechtsstatlicher Organe keine Rede. Von der Kri­tik von Miss­brauch­sopfern, dass die Katholis­che Kirche Aufk­lärung mutwillig behin­dert — keine Rede. Nur Rede davon, dass gesamt­ge­sellschaftlich gese­hen ver­hält­nis­mäßig wenig Miss­brauch in der Katholis­chen Kirche stat­tfind­et. Das soll dann wohl was Gutes sein.


Freitag, den 21. Januar 2011   

karen duve — anständig essen

Dieses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wieso es ger­ade so oft in den Medi­en zu find­en ist. Ich habe auch nicht ver­standen, ob ein­er der Grün­de, dass es dieses Buch ist, der­jenige ist, dass eine Autor­in ihrem Ver­lag mal wieder ein Buch ver­schaf­fen muss. Das Buch nervt schlicht wegen seines über­bor­den­den Sub­tex­tes, durch den man irgend­wann nicht mehr durch­schaut und durch­schauen will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexikon der berühmten Tiere meine Lieblingsklolek­türe geschaf­fen. Dabei ist die Grun­daus­gangslage von Anständig essen leicht erläutert:

Die Grausamkeit­en, Gemein­heit­en und Rück­sicht­slosigkeit­en, die Men­schen wie ich jden Tag bege­hen, sind die Fol­gen eines bil­o­gis­chen Prinzips, das wir mit allen anderen Spiezies auf diesem Plan­eten teilen, dem Prinzip Eigen­nutz.

So gese­hen ist das Essen von Tieren legit­imiert. In Fragestel­lun­gen darüber, ob und auf welche Weise Tiere genutzt wer­den dür­fen, wird oft auf Tierethik ver­wiesen. Nur gibt es schlicht keinen Grund, Ethik auf Tiere selb­st auszuweit­en. Daher ver­weist auch Duve auf Mitleid oder Mit­ge­fühl, um Tier­nutzung als ethis­che Angele­gen­heit auszugeben. Aber dies ist schlicht nur ein argu­men­ta­tiver Grund­fehler. Als argu­men­ta­tive Herange­hensweise taugt das Buch somit nicht. Vielle­icht sen­si­bil­isiert es den­noch einige Leser, was ihr Essver­hal­ten bet­rifft. Und auch als eine Art per­sön­licher Erzäh­lung mag es seine Berech­ti­gung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der ganze teils naiv-per­sön­liche Sub­text. Das ver­wässert nur das ganze The­ma. Besser Thilo Bode lesen.


Sonntag, den 16. Januar 2011   

thilo bode — die essensfälscher

Es gab vor ein paar Jahren ja ein Buch, dass “Endlich Nich­traucher” oder so hieß. damals habe ich von vie­len gehört, dass dies für sie ein Ende machte mit allen Selb­st­täuschun­gen über ihr Rauchver­hal­ten. Ähn­lich kön­nte es Lesern bei der Lek­türe von Die Essens­fälscher. Was Lebens­mit­telkonz­erne uns auf die Teller lügen von Thilo Bode, derzeit auch in der Sach­buchbest­sellerlis­te zu find­en, gehen.
Bode verdeut­licht, wie oft­mals ver­steckt zuck­er­haltig Vieles im Super­markt ist, dass nicht Bewe­gung, son­dern Ernährung das Prob­lem des all­ge­mein ansteigen­den Übergewichts ist, und wie faden­scheinig Ver­braucher­poli­tik und wie notwendig ver­ständliche Pro­duk­t­in­for­ma­tion ist.

Das geht in diesem Buch vor allem auf die Kappe der CDU. Für Bode ist das Ver­brauch­er­schutzmin­is­teri­um von Ilse Aign­er schlicht ein Lob­bymin­is­teri­um:

Ger­adezu ab­surd ist de­shalb die Forderung von Bun­desver­brauch­er­schutzmin­is­terin Ilse Aign­er (CSU), die Gas­tronomie solle sich die »frei­willige Selb­stverpflich­tung« aufer­legen, keine Lebens­mit­tel-Im­itate mehr anzu­bi­eten. [W]arum soll­te massen­hafter Geset­zes­bruch, den schon staatliche Kon­trolleure nicht eindäm­men kön­nen, plöt­zlich weniger wer­den, nur weil Ver­bands­funk­tionäre eine entsprechen­de Selb­stverpflich­tung abgeben? Die Forderung nach frei­williger Selb­stkon­trolle durch die Un­ternehmen ist ein beson­ders krass­es Beispiel von Im­itat-Poli­tik, die de fac­to jene weit­er­hin schützt, die endlich wirk­sam kon­trol­liert und sank­tion­iert wer­den müssten.

Aber auch Julia Klöck­n­er, die ger­ade ver­sucht, in Rhein­land-Pfalz Min­is­ter­präsi­dentin zu wer­den, kriegt ihr Fett weg:

So war sich die Par­la­men­tarische Staatssekretärin im Bun­desmin­is­teri­um für Ernährung, Land­wirtschaft und Ver­brauch­er­schutz, Ju­lia Klöck­ner (CDU), beim Neu­jahrsemp­fang des BLL An­fang 2010 sich­er, dass die Am­pelkennze­ich­nung bei Lebens­mit­teln »keine wis­senschaftliche Grund­lage« habe und »keinen Nutzen« bringe. An­gesichts von Hun­derten, wenn nicht Tausenden von Wis­senschaftlern und Ärzten unter den Am­pel-Be­für­wortern ist so eine Be­haup­tung mehr als be­merkenswert. Zu erk­lären ist solche Ig­no­ranz nur damit, dass Ver­bände, Un­ternehmen und Poli­tik in Deutsch­land seit Jahrzehn­ten in einem Raum­schiff leben, durch dessen Wän­de nicht mehr dringt, was »draußen« passiert.

Zwar ist Bode manch­mal etwas schwatzend und wieder­holt sich des öfteren. Aber dieses Buch muss man derzeit ein­fach gele­sen haben.


Mittwoch, den 5. Januar 2011   

thilo sarrazin – deutschland schafft sich ab: wie wir unser land aufs spiel setzen

Let­ztens habe ich einen Bericht gese­hen, in dem es darum ging, dass Thilo Sar­raz­in auf irgen­dein­er Karnevalsver­anstal­tung war und draußen jemand gegen ihn demon­stri­erte. Das Ganze fand ich so däm­lich, dass ich mich endlich mal durchgerun­gen habe, Sar­razins Buch zu lesen.

Was mich in der Sar­raz­in-Debat­te fort­laufend gestört hat, war, dass nie­mand mit deut­lich sagen kon­nte, was das Buch eigentlich taugt, wo seine Schwächen und wo seine Stärken sind. Und irgend­wie fand ich, dass da ein Sub­text war, der mir noch nicht ganz klar gewor­den ist.

Nun, dieser Sub­text ist schlicht fol­gen­der: Sar­raz­in ist ein Nation­al­ist. Das sagt Sar­raz­in auch ziem­lich deut­lich:

Ich glaube, dass wir ohne einen gesun­den Selb­st­be­haup­tungswil­len als Nation unsere gesellschaftlichen Prob­le­me aber nicht lösen wer­den.

Warum eigentlich nicht? Und warum hat noch nie­mand den Glauben Sar­razins the­ma­tisiert? Das ist etwas Wesentlich­es in diesem Buch. Nation­al­ist muss man nun so ver­ste­hen: Nehmen wir mal Europa als Staaten­bund, dann hat Europa für sich keinen Kern, keine Keimzelle, der­ar­tiges Fes­ti­gen­des find­et sich für einen Nation­al­is­ten nur in den Nation­al­staaten. Daher muss man diese stärken.

Ich habe mich zunäch­st etwas gewun­dert, dass Hans-Ulrich Wehler gemeint hat, dass man Sar­raz­in nicht pauschal verurteilen soll­te, son­dern bei dieser Fak­ten­menge, die Sar­raz­in her­bei­holt, auf diese einge­hen müsse. Sowas kommt ja einem Rit­ter­schlag gle­ich. Aber Wehler denkt auch ähn­lich. Ich habe ihn mal in Biele­feld reden hören, und da sagte er, die Türkei kön­ne nicht in die Europäis­che Union aufgenom­men wer­den, weil sie schlicht nicht zur Idee Europas gehört. Wehlers Auss­chlussgedanke hat aber nichts mit fol­gen­dem zu tun:

Die Gegen­po­si­tion zu der­ar­tigem Nation­al­is­mus ist Kant. Kant argu­men­tiert für die Repub­lik als gerecht­este Staats­form, eine Staats­form, die man heute oft begrif­fwech­sel­nd als Demokratie auf­fasst. Unter Demokratie ver­ste­ht Kant allerd­ings Mehrheits­bes­tim­mungen, die möglicher­weise Min­der­heit­srechte diskri­m­inieren. Diese Repub­liken sol­len sich zu einem Völker­bund mit dem Ziel des ewigen Friedens zusam­men­schließen. Kern ist also nicht der Nation­al-, son­dern der Rechtsstaat. Für Kant wäre Sar­razins Nation­aldenken Mumpitz.

In Deutsch­land geht vie­len ja schon der Hut hoch, wenn sie das Wort Nation­al­ist auch nur hören, das wird der Sache meines Eracht­ens aber nicht gerecht und man macht einen Sachver­halt obskur­er als er ist.

Sar­razins Geis­te­shal­tung ist somit klar und seine Aus­gangspo­si­tion eben­so:

Für mich ist es eine offene Frage, ob und inwieweit es über­haupt möglich ist, Refor­men gegen struk­turelle Verän­derun­gen von Wirtschaft, Gesellschaft und deren beständig sich ändern­de Rah­menbe­din­gun­gen durchzuset­zen.

Wer diese Annah­me Sar­razins ablehnt, für wen es also keine Frage darstellt, wird aus der Lek­türe nichts gewin­nen, so das denn möglich ist. Sar­razins Aus­flüge in Sozi­olo­gie und Philoso­phie (z.B. die Möglichkeitswer­dung der Aufk­lärung) sind Bruch­landun­gen eines Fach­frem­den, die keine tief­ere Beschäf­ti­gung erfordern. Seine Beispiel­samm­lun­gen sind dage­gen dur­chaus inter­es­sant. Denn Sar­razins Prog­nosen über kün­ftige Entwick­lun­gen in Deutsch­land kön­nten ja ein­tr­e­f­fen. Und so gese­hen, darf man sich dur­chaus mal auf Gedanken­spiele ein­lassen, was wenn wäre.

Aber es sind eben Gedanken­spiele, nicht löf­fel­ge­fressene Weisheit­en, wie Sar­raz­in selb­st zu denken scheint. Man soll­te Sar­raz­in also nicht ver­teufeln, dazu fehlt ihm auch das For­mat, und darf ihn ruhig lesen.


Freitag, den 12. November 2010   

richard david precht: die kunst, kein egoist zu sein

Das was Sascha Lobo für die Blog­ger­szene ist, ist Richard David Precht für die Lit­er­atur: Ein hal­bge­bilde­ter Schwätzer. Und so erzählt Precht in seinem neuesten Pop­ulis­muskitschw­erk die Mär von heutiger Moral, ver­packt für Leute, die nicht an ein­er ern­sthaften Befas­sung mit der The­matik inter­essiert sind. Das ist so elendig viel Gelaber und so wenig Sub­stanz, so gar kein roter Faden und gelebtes Besser­wis­ser­tum, dass das Buch von Anfang bis Ende in sein­er Klugscheis­serei nervt. Wenn Precht sich dann mal dazu erhebt, Klar­text zu reden, ist es auch gle­ich nichts:

Was ist das über­haupt — die Moral? Es ist die Art, wie wir miteinan­der umge­hen.

Das ist schlicht falsch: Die Art, wie Men­schen miteinan­der umge­hen, ist das Sozialver­hal­ten. Moral ist das Nor­men­sys­tem, nach dem gehan­delt wer­den soll.

Das sind so Bücher, für die es vielle­icht einen Markt, aber der Sache nach keine Berech­ti­gung gibt. Schund eben.


Sonntag, den 21. März 2010   

reinhard marx – das kapital

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gion und Reli­gion­sphiloso­phie auseinan­der­set­zt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuel­len Schinken der katholis­chen Hirten anzuse­hen. Vorgenom­men habe ich mir mal Das Kap­i­tal von Rein­hard Marx, dem Erzbischof von München und Freis­ing.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­this­ch, geschwätzig, nicht über­wis­senschaftlich, anek­doten­re­ich, ein­heitschaf­fend. Es bein­hal­tet aber inter­es­san­ter­weise in poli­tis­cher oder philosophis­cher Hin­sicht alles, was man heute an der Katholis­chen Kirche kri­tisieren mag.

Rein­hard Marx begin­nt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gle­ich seine Überzeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwis­chen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Rein­hard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist ander­er­seits ein­fach eine Form von Respek­t­losigkeit, anderen Men­schen irgendwelche Behaup­tun­gen unterzu­jubeln, nur weil diese Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen wehren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Friedrich Niet­zsche” so getan, wo er behauptet, hät­te Niet­zsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evan­gele gewe­sen. Ich glaube dies alles nicht. 

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, worun­ter er Karl Marx ver­ste­ht, gegen die Katholis­che Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinan­dertr­e­f­fen ein­er Lehre auf eine Philoso­phie. Das Prob­lem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt wer­den muss, nicht überzeu­gend begrün­det wie eine Philoso­phie sein muss, um akzept­abel zu sein. Wobei in diesem Zusam­men­hang zu beacht­en ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx ste­ht, ein­fach nur Skep­tizis­mus ist: Das Angreifen von Din­gen, die für Werte gehal­ten wer­den.

Diese Werte entstam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Detlef Horster, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­liche Beleg­meth­ode von Richard Marx: Das Her­anziehen der Mei­n­ung eines großen Geis­tes als Ersatz für die Begrün­dung ein­er eige­nen Mei­n­ung. Fast schon gön­ner­haft geste­ht Rein­hard Marx der Philoso­phie der Aufk­lärung zu, dass sie Begrün­dun­gen für moralis­che Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offen­sichtlich ist es Rein­hard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhan­den­sein von Werten wichtiger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholis­chen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grundle­gen­der ein katholis­cher Fun­da­men­tal­is­mus gegen objek­tive Begrün­dun­gen, worun­ter man Philoso­phie ver­ste­hen kann.

Die katholis­che Soziallehre sieht in Marx ihren größten Geg­n­er sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Bre­un­ing (S. 32))

Wie großzügig. Die katholis­che Soziallehre kennze­ich­net sich durch eine Weltan­schau­ung, in der Indi­viduen durch Sol­i­dar­ität und Sub­sidiar­ität miteinan­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem seien poli­tis­ch und wirtschaftlich alle Frei­heit­en gegeben, solange sie in einem moralis­chen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rechte ander­er möglich sind. Marx meint offen­sichtlich, dass dies schlichte Motiv ein­er aus­gear­beit­eten Philoso­phie gle­ichkommt, diese gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­tete Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katholis­che Soziallehre näm­lich nicht: Sie ist ein­fach besser als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch ange­blich denkt, dass Reli­gion nicht nur Pri­vat­sache sei, son­dern dass Kirche eine gesellschaft­spoli­tis­che Auf­gabe habe (S. 63) gäbe es den Reli­gion­sun­ter­richt in Deutsch­land in der vor­liegen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bindung der evan­ge­lis­chen und der katholis­chen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthal­ten eines Staat­slenkers.

Aber diese eigen­willige Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholis­che, ist die Insti­tu­tion der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kirche ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehrlos allen Übeln in der Welt aus­geliefert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Übere­in­stim­mung mit Immanuel Kant, was sein Men­schen­bild bet­rifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt gerne von Geistlichen als Gewährs­mann vere­in­nahmt ohne auf seine Reli­gion­skri­tik einzuge­hen) und eben­so in Übere­in­stim­mung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Fam­i­lie als Geburt­sort von Moral ange­ht: Für Marx sei die Fam­i­lie wichtig­ster Ort der Wertev­er­mit­tlung, daher sei Fam­i­lien­poli­tik wie Bil­dungspoli­tik vorauss­chauen­de Sozialpoli­tik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen lassen oder hin­ter­fra­gen. Bei let­zterem ist man sich sel­ber aber Philosoph, und das für viele zwangsläu­fig. Denn beim Stich­wort Fam­i­lie muss man ja bei der katholis­chen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Fam­i­lie sind. Eine Fam­i­lie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebens­ge­mein­schaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholis­che Kirche die sex­uel­len Auswüch­se neueren Datums mit zu ver­ant­worten. Die Soziallehre der katholis­chen Kirche lässt völ­lig unbeant­wortet, warum man sich nicht ein­fach durch eine ver­traute Bezugsper­son eben so gut moralis­ch entwick­eln kann, wie durch ver­heiratete Eltern. Und ob es ger­ade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf ver­ständliche, begrün­de­te Ver­mit­tlung von moralis­chen Ver­hal­tensweisen ankommt als auf Werte-Tra­di­tion.

Man begeg­net in diesem Buch Rein­hard Marx an den Stel­len, die den Men­schen an der katholis­chen Kirche so unheim­liche Prob­le­me bere­it­en. Man find­et aber als Reak­tio­nen darauf nur fun­da­men­tal­is­tis­che Durch­hal­teparolen vor, die für sich genom­men nicht überzeu­gen. Aber das sol­len sie ja auch nicht.


Dienstag, den 6. Oktober 2009   

michael buback – der zweite tod meines vaters

- Am 20. August 2009 wur­de seit­ens der Bun­de­san­waltschaft das Auffind­en von DNA-Spuren Ver­e­na Beck­ers am Beken­ner­schreiben zum Mord an Gen­er­al­bun­de­san­walt Buback bekan­nt gegeben. Daraufhin wur­de ihre Woh­nung durch­sucht.[1]

- Am 27. August 2009 wur­de Ver­e­na Beck­er auf­grund des drin­gen­den Tatver­dachts, am Mor­dan­schlag auf Siegfried Buback beteiligt gewe­sen zu sein, festgenom­men.

- Am 28. August 2009 wur­de ein Haft­be­fehl gegen sie erlassen.[2][3] Im Zuge der neu aufgenomme­nen Ermit­tlun­gen bestätigten sich frühere Berichte, dass Ver­e­na Beck­er als Infor­man­tin für das Bun­de­samt für Ver­fas­sungss­chutz tätig gewe­sen war.[4]

Der Fall Buback ist wohl ein­er der merk­würdig­sten in der Geschichte der deutschen Bun­de­san­waltschaft. Der Vor­wurf seines Sohnes Michael Buback an offizielle Stel­len ist nicht von Pappe: Die ehe­ma­lige RAF-Ter­ror­istin Ver­e­na Beck­er wur­de bei der juris­tis­chen Aufar­beitung des Mordes aus der Schus­slin­ie genom­men, obwohl Indizien darauf hin­deuten, dass sie selb­st den Abzug betätigte. So kann man es in der jet­zt erschiene­nen, erweit­erten Aus­gabe Der zweite Tod meines Vaters von Michael Buback nach­le­sen.

Das Buch ist äußer­st lesenswert, weil man einem intel­li­gen­ten Men­schen in die Küche schauen kann, wenn er logis­che Bezüge zwis­chen Fak­ten her­stellt, kon­trol­liert, bei­seite schiebt oder eben zum Vor­wurf erhebt. Im Raum ste­ht dabei, dass Buback sich als Ver­schwörungs­the­o­retik­er auf­spielt, aber es wäre ver­messen, diesen Vor­wurf auf das ganze Buch auszus­treck­en. Es ist allerd­ings bspw. bei der Her­anziehung des Ohne­sorg-Falls unsauber argu­men­tiert, von diesem Fall bezüge auf Ermit­tlun­gen im Buback-Fall zu ziehen. Das wider­strebt dem anson­sten logis­chem Vorge­hen Michael Bubacks. Dies führte ihn zu der sich nun als richtig her­aus­gestell­ten Ver­mu­tung, Beck­er habe für den Ver­fas­sungss­chutz gear­beit­et.

Die Bun­de­san­waltschaft glaubt wohl immer noch nicht, dass es Beck­er gewe­sen ist, die vom Soz­ius­sitz des Tat­mo­tor­rads aus Siegfried Buback und seine zwei Begleit­er schoß. Aber es sind wohl auch die drän­gen­den Nach­forschun­gen Michael Bubacks gewe­sen, die den Fall juris­tis­ch neu aufleben lassen. Beck­er, die mit der Tat­waf­fe 3 Wochen nach dem Mord einen Polizis­ten schw­er ver­let­zte, war bei einem Tele­fonge­spräch mit Brigit­te Mohn­haupt abge­hört wor­den, in dem sie sagte, dass sie keine Unan­nehm­lichkeit­en im Fall Buback erwarte, da die Sach­be­weise fehlten, “außer die Beken­ner­briefe”. Und eben darauf fand man nun Fin­ger­ab­drücke Beck­ers.

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weit­er:
hintergrund.de
Ver­schlus­sache Beck­er
Nils Minkmar
Die Ein­samkeit des Michael Buback
Hans Leyen­deck­erDas Mäd­chen Ver­e­na


Sonntag, den 31. Mai 2009   

christoph schlingensief – so schön wie hier kanns im himmel gar nicht sein!

schlingensief

Seit­dem ich Christoph Schlin­gen­siefs Arbeit ken­ne, ver­fahre ich immer auf diesel­be Weise: Sofern ich zu ihr Zugang habe, beschöftige ich mich so lange damit, bis ich meine zu wis­sen, was dahin­ter steckt oder bis sie mir etwas sagt.

Nun hat er ein Tage­buch während sein­er Kreb­serkrankung ver­fasst. Es ist eine Auf­nah­me sein­er Wut, des Angriffs auf seine Per­son, der The­matiken, die sich ihm auf­drän­gen. Er schwimmt sich frei und man bekommt den Ein­druck: Dadurch bekommt er ein Stückchen mehr Leben­squal­ität.

Das Buch ist ein lesenswertes Doku­ment der Nich­tauf­gabe sein­er eige­nen Per­son, das einem Aufruf gle­ichkommt, um sein Leben zu kämpfen.


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