zakhor

Joan hat ihre über Jahre ange­sam­melten Ein­träge in die Soft­ware Obsid­i­an, eine Art Zettelka­s­ten, gelöscht, da die Vielzahl an Erin­nerungsstück­en darin wohl irgend­wann belas­ten­der als helfend gewe­sen sind.

Ich weiß noch, dass ich schon so ein Unbe­ha­gen gefühlt habe, als ich als Schüler Vok­a­beln mit einem Karteikas­ten gel­ernt habe. Das hat dann auch nur mäßig funk­tion­iert. Ein Buch mit diversen Ein­trä­gen auf ein­er Seite, mitunter dop­pelt, hat bei mir bess­er funk­tion­iert als so ein Einzel­stück­sam­mel­sys­tem.

Aber ja, irgend­wie ver­suche ich auch diesem Unbe­ha­gen seit jeher zu ent­ge­hen und es klappt in unter­schiedlichen Weisen ganz gut. Im Lokalgeschichts­bere­ich habe ich ein Wiki angelegt, das Untergedanken miteinan­der ein­fach verbinden lässt, so bekommt man eine Verbindung zu Einzelein­trä­gen und kommt dauernd auf alte Ein­träge, die man nochmal durch­denkt und verbessert. Das Wiki ist ein offenes Ange­bot für alle Inter­essierte, aber eben auch ein Werkzeug für mich selb­st.

Ich saß mal in ein­er Beru­fungskom­mis­sion an der Uni für die Stelle ein­er Lehrkraft, die Lehramtsstudierende für den All­t­ag ins Gleis set­zen sollte. Da stellte sich eine Bewer­berin vor, die sagte, sie ori­en­tierte sich ger­ade nicht an Lit­er­atur oder philosophis­chen Büch­ern, son­dern ver­suche sich selb­st und damit anderen zu erk­lären, wie sie an Wis­sen kommt. Dazu nutzte sie das Bild ein­er Treppe, die sie mit ihren Fin­gern hochtap­ste. Ich fand das unge­mein sym­pa­thisch und für ange­hende Lehrer richtig, um sich selb­st mal in Frage zu stellen und neu zu kon­stru­ieren, wusste aber auch, dass die Bewer­berin von den Uni­ver­sität­sangestell­ten nicht genom­men würde.

Man sieht auch da wieder, wie Kreativ­ität und Druck sich gegen­seit­ig im Weg ste­hen kön­nen. Joan weist auf das jid­dis­che Wort Zakhor hin, dass so viel bedeutet wie Erin­nere dich! Ein Wort, dass Erin­nerung und Hand­lung umfasst, wie sie schreibt. Wenn diese Tätigkeit allerd­ings nicht mit einem Kick, einem geisti­gen Witz, mit etwas, das einen ans­pornt weit­erzu­machen, begleit­et wird, läuft sie Gefahr sich totzu­laufen. Wer übt schon gerne müßige Hand­lun­gen aus, die zu nichts irgend­wie Beson­derem führen?

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