Stichwort: begriffe
Donnerstag, den 20. Mai 2010   

nacktmodel oder nacktmodell

Ich habe eine Bekan­nte, die genetisch einen an der Klatsche hat, man möge mir diese Aus­druck­sweise verzei­hen. Es hat sich nur eine kog­ni­tive Fehlleis­tung eingestellt, was das Erken­nen von Zeichen bet­rifft, und dieses erschw­ert Lesen und Schreiben. Dies hat aber keinen intellek­tuellen Ursprung und ist insofern qua­si nur ne Macke.

Ich befand mich mit ihr dann mal in der Gele­gen­heit, Wortschreib­weisen durchzu­denken, und irgend­wie kam das Wort­paar Model/Modell zur Sprache. Glo­r­re­ich und voller Überzeu­gung habe ich den Unter­schied bei­der Worte natür­lich genau falsch dargelegt und wurde gott­sei­dank danach berichtigt. Sprach­lich habe ich eben ab und zu Mack­en.

Heute kam die wieder auf den Plan, als ich ein akzept­a­bles Wort für Play­mate her­anziehen wollte. Geschrieben habe ich Nack­t­mod­ell. Das kam mir irgend­wann verkehrt vor, da diese Tus­sis, die pop­kul­turtech­nisch dargestellt wer­den, doch immer Mod­els heißen. Also nahm ich ein l weg. Aber man sagt doch Nack­t­mod­ell?!

Also nichts wie rauf auf Twit­ter mit dieser Schwierigkeit und hey, da gibt es jeman­den, dem eine inter­es­sante Antwort ein­fällt zum Unter­schied zwis­chen Nacht­mod­ell und Nacht­mod­el:

Zunächst ein­mal finde ich die Erk­lärung ganz lustig. Die kön­nte aber auch hinkom­men: Ein Nack­t­mod­ell ist ja kom­plett nackt für einen Maler beispiel­sweise und es geht mit die Model­lar­tigkeit der vorgegebe­nen Fig­ur, anhand der­er man dann ein Por­trait formt.

Nack­t­mod­els wer­den oft­mals in Foto­streck­en aufgenom­men, bei denen langsam weniger Klam­ot­ten getra­gen wer­den. Es ste­ht zumin­d­est nicht der rein ästhetis­che Gesicht­spunkt im Vorder­grund, son­dern der ero­tis­che Reiz. Und das kön­nte tat­säch­lich der wesentliche Unter­schied sein. Zumin­d­est reicht es aus für den näch­sten Par­tytalk.


Freitag, den 4. Dezember 2009   

bratwurstjournalismus vs. fastfoodjournalismus

bratwurst

Während einige Print­me­di­en ja noch den Blog­gern ent­ge­gen­hal­ten, dass sie keine Konkur­renz für den wahren Qual­ität­sjour­nal­is­mus sein kön­nen, da nur der pro­fes­sionelle Jour­nal­ist eben richtig gute Qual­ität her­vor­bringt, brin­gen eben diese pro­fes­sionellen Medi­en neue For­men von Jour­nal­is­ten her­aus: Den Bratwurstjour­nal­is­ten und den Fast­food­jour­nal­is­ten.

Für den let­zteren Begriff muss ich gradeste­hen, da ich zu Bratwurstjour­nal­ist eine begrif­fliche Entsprechung gebraucht habe. Denn auf meinen Ein­trag So ist das mit dem Jour­nal­is­mus gab es die Erwiederung, der dort beschriebene Jour­nal­is­mus würde seit neuestem Bratwurstjour­nal­is­mus genan­nt.

Was ich mit dem­jeni­gen Jour­nal­is­mus beschrieb, der offen­sichtlich vergeigten Aktio­nen im Lokalbere­ich mit Schön­fär­bung begeg­net, damit seine Leser sich nicht von ihm abwen­den, scheint mir doch noch etwas anderes zu sein als Bratwurstjour­nal­is­mus. Um mich mal selb­st zu zitieren:

Bratwurstjour­nal­is­mus beze­ich­net vielle­icht nur den alltäglichen Lokaljour­nal­is­mus, der belan­glosen Aktio­nen ein­fach begrif­flich nichts mehr abgewin­nen kann: Dem Advents­basar der Frauenge­mein­schaft, den Ehrun­gen zur 25jährigen Mit­glied­schaft des Kegel­clubs, das Ton­tauben­schießen des Schützen­vere­ins und so.

Was ich meinte, war ja die gewollte Fast­foo­d­isierung des Lokaljour­nal­is­mus’. D.h. die Her­vor­bringung eines Pro­duk­ts, das ohne Nährstoffe ist, schnell verzehrbar, leicht ver­daulich und unter Ver­mei­dung jeglichen Anspruch­es.

Das scheint mir den herkömm­lichen Lokaljour­nal­is­mus noch zu top­pen. Der Bratwurstjour­nal­ist kann irgend­wie nicht anders, der Fast­food­jour­nal­ist soll und darf nicht anders. Und er merkt dem Pro­dukt seine Ver­fehlung irgend­wann nicht mehr an.

Frank Schirrma­ch­er hat vor 2 Jahren ein­mal den Qual­ität­sjour­nal­is­mus in Form der Tageszeitung her­aus­ge­hoben durch dessen mehrma­lige textliche Über­ar­beitung:

Im Inter­net“, so erzählte [ein dänis­ch­er Kol­lege], „hän­gen die Redak­teure weniger an ihrem Text. In der Zeitung muss ich um jedes Redi­gat stun­den­lange Diskus­sio­nen führen.

Wenn die Her­aus­ge­ber der Zeitun­gen dem wirtschaftlichen Druck allerd­ings weit­er der­art durch Verzicht ein­er kri­tis­chen Hal­tung des berich­t­en­den Jour­nal­is­ten weit­er betreiben, dann wird uns eines Tages der Qual­ität­sjour­nal­is­mus so antiquiert vorkom­men, wie heutzu­tage das von Schirrma­ch­er beschriebene Warten vor Tele­fon­häuschen.


Donnerstag, den 3. Dezember 2009   

so ist das mit dem journalismus

Neulich erzählte mir jemand, bei der Lokalzeitung sei das so eine Sache mit der kri­tis­chen Berichter­stat­tung. Wenn der gemeine West­fale einen Veriss läse in der Zeitung, dann würde der pampig reagieren, einen bösen Leser­brief schreiben und dann die Zeitung abbestellen. Heutzu­tage natür­lich ein ger­adezu ver­häng­nisvolles Ver­hal­ten. Wer abon­niert schon wieder eine Zeitung, die er mal abbestellt hat. Daher würde man kritsche Bemerkun­gen bei der Zeitung inzwis­chen eher ver­mei­den.

Aber­mals neulich erzählte mir jemand von einem Konz­ertabend, den er besucht habe. Die Band wäre noch pass­abel gewe­sen, die Sän­gerin aber hätte nie zur recht­en Zeit einen richti­gen Ton getrof­fen. Nach der Pause hing sie wohl so inten­siv an ihrem Mikro­fon­stän­der, dass sich der Ein­druck nicht ver­scheuchen ließ, dass sie derbe einen im Tee hat­te. Derbe einen im Tee habe dann wohl auch der Zeitungs­berichter­stat­ter gehabt, dem das schau­drige Gekrächze laut Zeitungs­bericht wie hold­er Engels­ge­sang vorgekom­men sein muss.

Die Real­ität schön schreiben als Wirtschaftsmod­ell — da schreibt man sich wohl eher von der einen in die andere Krise.


Freitag, den 12. Juni 2009   

deutsche identität

Ich war mal in Dubrovnik auf ein­er Kant-Tagung und dort meinte ein Philoso­phie-Pro­fes­sor im Zuge ein­er Unter­hal­tung über Europas Ver­fas­sung, man solle doch den Begriff der deutschen Iden­tität ad acta leg­en. Die Deutschen hätte damit keine gute Erfahrung gemacht und genau definiert wäre dieser Begriff auch nicht.

Ich habe mich dage­gen aus­ge­sprochen, diesen Begriff los zu lassen; nicht weil ich nationale Gefüh­le hege, son­dern weil ich meine, darunter lässt sich etwas ver­ste­hen.

Unter Iden­tität ver­ste­he ich zunächst, dass es eine Vielzahl an Ein­flüssen gibt, durch die wir unsere eigene Per­son tagtäglich gekennze­ich­net sehen. Erin­nerun­gen, psy­chis­che Zustände, Gedanken, soziale und phänom­e­nale Umge­bung und so weit­er. Ich glaube nicht, dass man jed­erzeit alle ver­füg­baren der­ar­ti­gen Ein­flüsse braucht, um sich selb­st als die Per­son zu iden­ti­fizieren, die man ist. Aber wenn keine der­ar­ti­gen Ein­flüsse da sind, oder zumin­d­est nur sehr wenige, dann hat man für sich selb­st keine Iden­tität. Vielle­icht gibt es dann noch Fotos oder Papiere, die etwas über seine eigene Per­son aus­sagen. Wenn man keine Ein­flüsse hat, kann man anhand der­er seine eigene Iden­tität wieder auf­bauen.

Wenn man von ein­er deutschen Iden­tität spricht, dann heisst das, dass es Ein­flüsse gibt, die aus der deutschen Region stam­men. Man liesst deutsche Zeitun­gen, schaut deutsches Fernse­hen, liesst deutsche Büch­er etc. Ich glaube nicht, dass es biol­o­gis­ches Deutsch­sein gibt, das man über­tra­gen kön­nte. Ehrlich gesagt, ich halte es auch für Blödsinn, so etwas an zu nehmen. Rein wis­senschaftlich muss man aber sagen, es gibt keinen Nach­weis, dass sich Gedanken biol­o­gisch weit­ergeben liessen. Das kön­nen auch die nicht, die irgen­det­was in der Hin­sicht behaupten und insofern ist es her­beigewunken, der­art von einem Deutsch­sein zu sprechen.

Ich denke, jemand der ein­er deutschen Lin­ie entstammt, in Deutsch­land geboren wurde und dann ohne weit­eren deutschen Ein­fluss irgend­wo anders aufwächst und sich an ander­er Kul­tur ori­en­tiert: Der­jenige hat haupt­säch­lich keine deutsche Iden­tität. Ander­sherum: Jemand, der ein­er nicht­deutschen Lin­ie entstammt, und in Deutsch­land mit all der deutschen Kul­tur groß wird: Der­jenige hat eine deutsche Iden­tität. Vielle­icht in Teilen auch eine franzö­sis­che oder amerikanis­che. Das kommt ganz auf die Ein­flüsse an. Und diese Ein­flüsse sind sehr frei annehm­bar. Wir haben einen viel besseren Kon­takt zu aus­ländis­chen Ideen als vor Jahrhun­derten. Das spiegelt sich auch in den per­sön­lichen Iden­titäten wieder.

Und hier­aus ergibt sich meines Eracht­ens ein ger­adezu logis­ches Scheit­ern der deutschen Recht­en1: Ihr Iden­titäts­be­griff ist so falsch wie ver­al­tet, ihre Behaup­tun­gen über die Welt sach­lich nicht überzeu­gend und kein­er Analyse stand­hal­tend, so dass ihnen immer nur bleibt, her­auszu­posaunen, dass sie Opfer sind: Opfer der aktuellen Poli­tik, der Medi­en, der Mächti­gen, die ihre Macht nur deswe­gen ausüben, weil sie sie haben. Opfer vor allem ihrer eige­nen Eng­stirnigkeit. Wäre das irgend­wie anders, müssten sie nicht dauernd selb­st­gewählt die Opfer­rolle bek­lei­den und müssten neuerd­ings nicht gekün­stelt die Argu­mente ihrer Geg­n­er über den bösen Kap­i­tal­is­mus annehmen. Da ist nichts eigenes, was heute erfol­gre­ich ver­wen­det wer­den kann. Kurz gesagt: Keine deutsche Iden­tität, nur Angst, Hass und das Ver­lan­gen, eben dieser Angst und dem Hass Gehör zu ver­schaf­fen.

An dieser Angst- und Has­si­den­tität haben die meis­ten Deutschen kein Inter­esse. Von den Recht­en wird hierzu gerne gesagt, dass sei ein Ver­we­ich­lichungs­ge­habe, diese Leute seien von den Mächti­gen ent­mündigt. Wer Ent­mündigten helfen möchte, kann das aber nur durch Aufk­lärung tun. Aufk­lärung, die die großen deutschen Dichter und Denker befördert haben. Auf diese Denker ver­weisen die Recht­en als “Denker” gerne, verken­nen aber, dass die großen deutschen Denker alle links gewe­sen sind.

Die recht­sna­tionale Idee ist in Deutsch­land keine Erfol­gs­geschichte und die recht­en Parteien sind nur bleibende Erin­nerung an das stetige Scheit­ern dieser Idee. Diese Erken­ntis ist auch und ger­ade Teil mein­er deutschen Iden­tität.

  1. Man muss den Begriff der Iden­tität nicht deswe­gen fall­en lassen, weil er den Recht­en nützt, son­dern sollte ihn analysieren, ger­ade weil er ihnen nur nützt, wenn man das nicht tut.

Mittwoch, den 6. Mai 2009   

moral und moralität

Ich will mal in einzel­nen Artikel bes­timmte Begriff­sklärun­gen, von denen ich denke, dass ich sie im Fol­gen­den noch gebrauchen kann, fes­thal­ten.

Ich beginne mit Moral und Moral­ität. Es ist sin­nvoll den Unter­schied zwis­chen dem Beze­ich­neten bei­der Begriffe vor Augen zu haben. Mit Moral lassen sich gesellschaftlich anerkan­nte Sit­ten klas­si­fizieren. Diese Fol­gen bezüglich der Gel­tung das Moses-Prinzip: Es gibt einen Kat­a­log mit Grund­sätzen, der befol­gt wird. Eine Begrün­dung dafür, Folge zu leis­ten, ist dabei unklar, wird oft­mals ohne weit­eres angenom­men. Beim Moses-Prinzip kön­nte man von göt­tlich­er Weisung sprechen, aber was das genau heißt, ist auch noch unklar. Und weswe­gen man dies befol­gen muss eben­so. Papst Benedikt XVI. spricht an solchen Stellen davon, dass sich die göt­tlichen Geset­ze mit dem deck­ten, was “dem Men­schen ins Herz geschrieben” sei, belässt es aber bei dieser schwammi­gen, metapho­rischen Aus­druck­sweise und klärt die Sach­lage nicht weit­er1.

Man kann von den Inhal­ten der 10 Gebote sagen, sie seien Werte. Bringe nie­man­den um, begehre nicht deines Nach­barn Frau, stehle nicht. Fragt man nach ein­er Begrün­dung, so scheinen doch die einzel­nen Gebote unter­schiedlich stark gew­ertet zu wer­den: Man hält doch das Begehren der Frau seines Nach­barn für weniger schlimm, wenn über­haupt, als das Ermor­den ein­er Per­son. His­torisch gese­hen machte aber das Stehl-Ver­bot größere Prob­leme: die Men­schen­rechte, gese­hen als ein der­ar­tiger Wertekat­a­log, ent­standen dadurch, dass sich Bürg­er an die Kirche wandten mit ihrem Gewis­senskon­flikt, sel­ber gut leben zu kön­nen, während andere Hunger­snot lei­den. Ange­hörige der Kirche reagierten daraufhin, in dem sie fes­thiel­ten, man dürfe sich des Hab und Guts eines anderen bedi­enen, wenn dies die einzige Möglichkeit zum Über­leben sei2.

Unter Moral­ität ver­ste­he ich nun die Gesin­nung eines Men­schen und basiert auf Recht­fer­ti­gun­gen vor sich selb­st. Die Gesin­nung geht nicht voll­ständig in der­ar­ti­gen Moralkat­a­lo­gen auf. Man muss darunter vielle­icht nicht zwangsläu­fig das ver­ste­hen, was Kant unter Moral­ität ver­stand, aber es gibt gute Gründe, es so anzunehmen.

  1. Joseph Ratzinger, Der angezweifelte Wahrheit­sanspruch, (pdf) S. 4ff. “Der Sieg des Chris­ten­tums über die hei­d­nis­chen Reli­gio­nen wurde nicht zulet­zt durch den Anspruch sein­er Vernün­ftigkeit ermöglicht. Ein zweites Motiv ist gle­ichbe­deu­tend damit ver­bun­den. Es beste­ht zunächst, ganz all­ge­mein gesagt, im moralis­chen Ernst des Chris­ten­tums, den freilich wiederum schon Paulus in Zusam­men­hang gebracht hat­te mit der Vernün­ftigkeit des christlichen Glaubens: Das, was das Gesetz eigentlich meint, die vom christlichen Glauben ins Licht gestell­ten wesentlichen Forderun­gen des einen Gottes an das Leben des Men­schen, deckt sich mit dem, was dem Men­schen, jedem Men­schen, ins Herz eingeschrieben ist, so daß er es als das Gute ein­sieht, wenn es vor ihn hin­tritt. Es deckt sich mit dem, was „von Natur gut ist“ (Röm 2,14f.).
  2. 2. s. Scott Swan­son, “The Medieval Foun­da­tions of John Locke’s The­o­ry of Nat­ur­al Rights: Rights of Sub­sis­tence and the Prin­ci­ple of Extreme Neces­si­ty ” His­to­ry of Polit­i­cal Thought 18 (1997) 399­459, S. 399–459.

Dienstag, den 17. März 2009   

das wort, das nicht gesagt werden darf

Eine Recht­san­wältin erzählte mir, der Sohn ein­er Man­dan­tin sei am Mon­tag von der Polizei “wegen akuter Amokge­fahr” aus dem Unter­richt geholt wor­den, weil ein Päd­a­goge bei ihm ein über­triebenes Inter­esse für Paint­ball fest­gestellt habe. In Schram­berg wird ein 16-jähriger von der Polizei festgenom­men und abge­führt, weil er in einem Brief an einen Mitschüler salopp einen Amok­lauf ankündigt.

Man erwartet von Her­anwach­senden, um zurecht zu kom­men, eine aus­geprägte Rück­sicht­nahme auf wohlmögliche Äng­ste, die sie anderen bere­it­en. Sie müssen wis­sen, welche Sprengkraft allein ihre Sätze ange­blich haben. Sie sollen dem Reiz, Aufmerk­samkeit zu bekom­men, wenn sie pro­vokant das Wort “Amok­lauf” ver­wen­den, wider­ste­hen. Son­st riskieren sie Polizeibesuch und die Härte des Geset­zes.

Ein Ibben­büren­er Lehrer erzählte mir mal, das in let­zter Zeit Irri­tieren­ste an seinem Job seien 13-jährige, die wegen zu schwachem Schuler­folg glauben, keine Chance mehr im Leben zu haben. Diese Gesellschaft ist so weit, dass schon 13-jährige nicht völ­lig unbe­grün­det an Job- und Exis­ten­zäng­sten lei­den.

So, und jet­zt beant­worten Sie mir mal fol­gende Frage: Wen kann eigentlich ein 13-jähriger verk­la­gen, wenn man ihm so eine Angst macht?


Sonntag, den 15. März 2009   

laufend amok

Jet­zt ist also der näch­ste Amok­lauf eines jun­gen Men­schen passiert und man muss nicht unken, es wird kom­mende geben. Schule war immer eine Meta­pher für die Gesellschaft, war immer Ort von Demü­ti­gun­gen. Als ich die ersten Infor­ma­tio­nen von der Tat in Win­nen­den bekom­men habe, war ich nicht geschockt, war nicht bren­nend inter­essiert, jede Infor­ma­tion über die Medi­en zu ergat­tern. War das zynisch? Ich hat­te ein­fach keine Lust, mich dafür inter­essieren zu müssen, was das nun schon wieder für ein Jugendlich­er ist, der sich gedemütigt fühlt und der meint, eine der­ar­tige Tat sei ein ihm zuste­hen­des Mit­tel, um sich für die Demü­ti­gun­gen, die er emp­fun­den hat, zu entschädi­gen.

Ganz in der Nähe meines Heima­tortes liegt Ems­det­ten, der Stadt, in der der let­zte medi­al stark aufgenommene Amok­lauf an ein­er deutschen Schule stat­tfand. Damals ver­streute der Amok­läufer viele Infor­ma­tio­nen im Inter­net. Pro­file in irgendwelchen Foren, Videos mit irri­tieren­den Darstel­lun­gen, ein Abschiedsvideo, Tage­buchaufze­ich­nun­gen, die 30 Tage vor der Tat anfan­gen und langsam, Tag für Tag runter zählen: 30, 29, 28… Ich war schock­iert über das abzählen der Tage, das Num­merieren, das Bewusst­sein: Noch 30 Tage bis zum Ende, noch 29,… noch 2 Tage, … Ende. Ich sah den jugen Mann auf Straßen, die mir wohl bekan­nt waren, die ich eben­so ent­langge­fahren bin, sah ihn mit Feuer­waf­fen posieren im Teck­len­burg­er Wald, meinem Teck­len­burg­er Wald. Ich habe alles gele­sen, was er im Inter­net hin­ter­lassen hat und ich habe ver­standen, wie bedrängt er sich gefühlt hat. Das kann man ver­ste­hen und das ist kein krum­mer Gedanke.

Wenn jet­zt wieder ein Wort Johannes Raus her­vorge­holt wird, dass „Wir diese Tat ein­fach nicht ver­ste­hen“, so bin ich wider­willig. Ich toleriere die Entschei­dung nicht, dass man wegen des Gedankens, man selb­st sei bedrängt, zum Los­er abgestem­pelt, um Chan­cen beraubt, die eigene Sub­jek­tiv­ität werde von der Gesellschaft negiert, eine Gewal­tat gegen irgendwen, gegen Und­schuldige untern­immt. Hier bergrün­det man einen Krieg, der vorher nur einge­bildet war. Die Schu­lam­ok­läufer hät­ten darauf kom­men kön­nen, dass ihre Tat ihnen selb­st ver­boten ist, das war aber lei­der nicht der Fall. Der Men­sch ist dem Men­schen ein Wolf, er muss zur Gesellschaft erzo­gen wer­den. Der Ems­det­ten­er Amok­läufer schreibt in seinem Tage­buch über einen Lehrer, der ihm fre­undlich gesin­nt war, der ver­suchte auf ihn einzuge­hen, dessen Einge­hungsver­such der Schüler aber ablehnt. Der Rachegedanke saß wohl schon tief, aber es ist sein eigen­er Fehler, eine aus­gestreck­te Hand abzuwehren. Ein moralis­ch­er Gedanke, der diesem jugen Mann dur­chaus bewusst wer­den musste, den dieser aber selb­st weggestoßen hat.

Ich habe vor einiger Zeit mit einem Hauptschullehrer gere­det, der mir sagte, das Irri­tieren­ste für ihn sei, dass er Klassen habe mit 13jährigen, die glauben, keine Chance mehr im Leben zu haben. Und er ertappe sich bei dem Gedanken, dass diese Schüler vielle­icht nicht ganz unrecht haben. Diese Gesellschaft ist soweit, dass 13jährige berechtigter­weise Exis­ten­zangst haben. Und da stellen sich Leute hin und sagen, sie ver­ste­hen nicht, wie es zu der­ar­ti­gen gegen die Gesellschaft unter­nomme­nen Aus­brüchen kommt? Damit bestätigt man den Ver­dacht der Bedrängten, sich ignori­ert, sich in ihrer Sub­jek­tiv­ität ungeachtet zu fühlen.

Wenn jemand anständig auf diese Amok­läufe reagieren möchte, dann bitte nicht, indem er Johannes Rau zitiert. Sor­gen Sie sich um die Frage: Was macht diese Gesellschaft für ihre Nach­fol­ger? Was bietet sie ihnen an? Was mutet sie ihnen zu? Was ist in der städtis­chen Poli­tikaus­rich­tung für sie vorge­se­hen, was nicht? Wäre ich wohl ein zufrieden­er Men­sch, wenn ich unter den Bedin­gun­gen eines sozialschwachen Mit­glieds dieser Gesellschaft aufwach­sen müsste? Wieviel gibt meine Stadt für Jugen­dar­beit aus und wieviel für die Wirtschafts­förderung? Ich will keine best­mmte Antwort hier hören, ich will nur, dass Leute sich solche Fra­gen stellen. Man kann die gefühlten Ver­lier­er nicht mit Igno­ranz ihrer Prob­leme vergüten dafür, dass sie nicht zur Waffe greifen.


Montag, den 9. März 2009   

authentisch öffentlich beziehunggsgemäßes

Und wenn ich schon ein­mal dabei bin, hier zu sam­meln, was ich ander­swo inten­siv kom­men­tiere, hier mal meine Ansicht­en zum authen­tis­che PR-Blog­a­r­tikel bei talk­a­bout:

[1]

Der Text ist gut les­bar, soviel will ich mal voran schick­en. Für einen kleinen Schön­heits­fehler empfinde ich, dass der Begriff “Authen­tiz­ität” nicht gek­lärt wird, nur in Rich­tung “Ehrlichkeit” geschub­st wird. Nun beste­ht hierin aber ger­ade die Cruix. Ein PRler hat wie auch immer die Auf­gabe, einen Verkaufsvor­gang zu unter­stützen. Es wäre also von einem ange­sproch­enen, poten­tiellen Käufer etwas naiv, nicht im Hin­terkopf zu haben, dass da ger­ade jemand etwas verkaufen will, auch wenn diverse Infor­ma­tio­nen, die der Verkäufer hat, stich­haltig sind. So ist von Pro­dukt zu Pro­dukt, von Fir­ma zu Fir­ma, von Verkäufer zu Verkäufer immer neu zu erken­nen, in wie weit eine Verkauf­sstrate­gie Rück­sicht auf “Authen­tiz­ität” nehmen sollte.
Gewin­nt der Ange­sproch­ene den deut­lichen Ein­druck, die vorgegebene Ehrlichkeit sei nur Teil ein­er Verkauf­skam­pagne, und damit nur Heuchelei, kann der Schuss sehr sim­pel nach hin­ten gehen.

Grund­set­zlich kann man aber sagen, dass man nie sich­er sein kann, dass irgen­dein Käufer einen Verkäufer gän­zlich für authen­tisch, und somit für einen aus­gewiese­nen, unpartei­is­chen Sach­ber­ater hält. Dazu wäre sehr viel per­sön­lich­es Ver­trauen nötig oder viel Naiv­ität.

[2]

Ja, also ich bin lei­der noch so viel Philosoph, dass ich grund­sät­zliche Aus­gangspunk­te gar nicht teile. (Auch der andere Text ist gut gegliedert und geschrieben, btw.)

Prob­lema­tisch ist fol­gen­des:
a) Begrif­fliche Unklarheit­en
b) Die Ver­mis­chung von Ethik und Wirtschaft, d.h. die Ver­mis­chung von Wis­senschaftlichkeit und Organ­i­sa­tion­sein­heit­en, die dem Maßstab von Wis­senschaftlichkeit, der da ist, der Wahrheit verpflichtet zu sein, nicht notwendig unter­liegen müssen.

a) ist bei Prof. Marten schon zu find­en, der insofern Recht hat, als dass es sicher­lich der Fall ist, dass das In-Kauf-nehmen von Täuschun­gen durch Wirtschaft­sak­teure zu deren Reper­toir gehört. Der Begriff ‘Lizenz’ ist wenn nicht irreführend, dann falsch. Falsch insofern, als dass hier etwas eigentlich Ver­botenes erlaubt sei. Irreführend, wenn damit gemeint ist, es sei eine akzep­tierte Tech­nik. Den Begriff ‘täuschen’ ver­wen­det er so, als könne man ihn auss­chöpfend behan­deln. Es liegt aber an Fähigkeit­en einzel­ner, wie und wie gut sie täuschen und wie und wie gut sie getäuscht wer­den kön­nen. Ich zweifel, dass man das all­ge­mein darstellen kann. Meine gebliebene Kri­tik an der Ver­wen­dung des Wortes “Authen­tiz­ität” haben hier­mit und mit b) zu tun.

b) Ich kenne keine sin­nvolle Her­leitung der Ansicht, dass es einen speziellen Bere­ich der Ethik gibt, die sich eigens auf wirtschaftliche Dinge bezieht. Während Ethik das Han­deln von men­schlichen Akteuren sich selb­st und anderen gegenüber regeln soll, sofern ihre Hand­lun­gen Gefahr laufen, in die Frei­heit­en ander­er unrecht­mäßig einzu­greifen, wer­den in der Wirtschaft Han­dels­beziehun­gen geregelt. Es geht dort um Han­del, nicht um die indi­vidu­ell ver­ant­wortete Sit­ten­beach­tung Einzel­ner. Insofern kann man von diesen wirtschaftlichen Han­dels­beziehun­gen von einem Spiel sprechen, dass gespielt wird. Natür­lich kann es in Sit­u­a­tio­nen, die wegen wirtschaftlichen Inter­essen zus­tande kom­men, zu etis­chen Prob­le­men zwis­chen diesen Indi­viduen kom­men, aber das ist nicht Gegen­stands­bere­ich von Wirtschaft. Denn diese hat dem moralis­chen Ver­hal­ten Einzel­ner nichts zu sagen, da dieser allein­ver­ant­wortlich ist und seine Ver­ant­wor­tung wed­er rechtlich noch seinem Gewis­sen gegenüber able­gen kann.

Einen Kodex für PRler bezüglich des fairen Umgangs miteinan­der auszuk­lügeln, ist sicher­lich reizvoll, scheit­ert aber als Wahrheit­san­nahme meines Eracht­ens an Grun­dan­nah­men, die nicht gerecht­fer­tigt sind. Nochmal: So gut die Texte dazu auch for­muliert sind. Ein kat­e­gorisch­er Imper­a­tiv bezo­gen auf wirtschaftliche Han­dels­beziehun­gen ist nicht rat­sam, weil er in ein­er All­ge­mein­heit für die einzel­nen Beschäftigten nicht denkbar ist. Diese müssen selb­st wis­sen, wie sie wirken, wie sie überzeu­gen, wie sie etwas gut verkaufen. Denn an let­zterem, an einem äußeren Zweck, wer­den sie gemessen. Ethik ste­ht und fällt nicht mit einem der­ar­ti­gen äußeren Zweck. Ob jemand ehrlich ist, kann höch­stens jed­er alleine wirk­lich fest­stellen, nie­mand von außen.

Als Spiel­regel kann man sowas lassen. Dann würde ich aber enorm viel Platz lassen für die indi­vidu­ellen Aus­gangsla­gen. Da du aber schon von ein­er “prak­tis­chen Beschrei­bung” von Authen­tiz­ität sprichst, kommt das dem, was ich Spiel­regeln nenne nahe. Prak­tis­che Beschrei­bun­gen scheinen keinem Wahrheit­sanspruch zu unter­liegen, son­dern hier sollen sich Ein­schätzun­gen in der Prax­is bewähren. Damit gin­ge ich d’akkord. “Authen­tiz­ität” als “Glaub­würdigkeit” ohne notwendi­gen Wahrheits- oder Wis­senschaft­sanspruch, was nicht im Umkehrschluss heißt, dass notwendig gel­o­gen oder bewußt getäuscht werde.

[3]

Ich befürchte nur, der Begriff “Authen­tiz­ität” birgt ein Prob­lem. Ohne ethis­che Kon­no­ta­tion, ohne eine indi­vidu­elle, pri­vate Hal­tung, kann man ihn ver­wen­den, was für viele aber in den Bere­ich Täuschung fällt, also ein tak­tisch motiviert­er Umgang mit Wahrheit­en. Es ist bei Prof. Merten schön zu sehen, was für eine Law­ine der Unge­hal­tenheit wegen sein­er selt­samen Ver­wen­dung des Wortes “Lizenz” aufkommt.

Das Ganze soll doch einen trans­par­enten PR-Knigge ergeben, der für Käufer und Verkäufer opti­male Fair­ness bietet. (Was in der Philoso­phie seit 30 Jahren auf die Ideen von John Rawls hin­aus läuft.)

Wäre sicher­lich nutzvoll, kenne ich bis­lang nicht und kön­nte vielle­icht auf den Begriff der “Authen­tiz­ität” verzicht­en, weil er viele reizt, ihn nur nach den eige­nen Vorstel­lun­gen zu ver­ste­hen. Da wäre ein neuer Begriff vielle­icht bess­er.


Sonntag, den 8. Februar 2009   

das spiel mit der erkenntnis

Die Katholis­che Kirche gerät ger­ade unglaublich ins Schlingern bezüglich eines ihrer Mit­glieder, das die Ver­ga­sung von Men­schen jüdis­chen Glaubens anzweifelt.

Ich bin Mit­glied der Katholis­chen Kirche und habe damit eigentlich kein son­der­lich­es Prob­lem. Ich teile grund­sät­zliche Stand­punk­te bezüglich des Glaubens an sowas wie Gott, Drei­heiligkeit, Unfehlbarkeit des Pap­stes und pipa­po über­haupt nicht. Ich glaube allerd­ings, dass die pos­i­tiv­en Wirkun­gen dieser Kirche immer noch bess­er sind als eine Welt ohne diese Kirche vom jet­zi­gen Stand­punkt aus gese­hen. Das soll keine Recht­fer­ti­gung sein, nur der Hin­weis, ein­fach draufk­lop­pen auf die Katholis­che Kirche erscheint mir heuch­lerisch zu sein.

Neben der jahre­lang anschwil­len­den Glaubens- hat sich die Katholis­che Kirche somit auch ein Erken­nt­nis­prob­lem an Land gezo­gen. Und ohne die Philoso­phie scheint sie es nicht lösen zu könne. Wieso? Nun, die Prob­lem­lage ist fol­gende: Wenn es keine Erfahrungs­be­weise gibt, nur Papiere und Videodoku­mente, heißt das nicht: Es liegen keine Beweise vor?

Die öffentliche Lage sieht so aus, dass es eine Mehrheitsmei­n­ung gibt, die diesen Ver­dacht als unanständig ansieht, es sei daher auch unanständig, so etwas in die Welt zu posaunen, ger­ade im Namen der Katholis­chen Kirche. Dass es unanständig oder würde­los ist, behan­dle ich später. Zunächst nur: Diese Mehrheitsmei­n­ung ist nicht entschei­dend. Es wäre auch schlimm, gäbe es nur eine Mehrheitsmei­n­ung.

Entschei­dend wird es bei der philosophis­chen Frage, was ist eigentlich Geschichtss­chrei­bung? Geschichtss­chrei­bung ist mit­tler­weile eine stan­dar­tisierte, genauest­mögliche Wider­gabe von Geschehen­em zunächst durch eine Per­son. So fing man an. Weswe­gen war das akzept­abel als Wieder­gabe von tat­säch­lich Geschehen­em?

Weil es der Art entspricht, wie Men­schen sich ihre Iden­tität kon­stru­ieren. Ich bin der Überzeu­gung, dass ich es war, der gestern die Piz­za in den Ofen geschoben hat. Ich habe keine Videoauf­nah­men davon oder Doku­mente. Hätte ich welche, wäre ich nicht noch überzeugter. Ich habe eine Vielzahl zusam­men­hän­gen­der Ein­drücke, die mich dies denken lassen.

Dementsprechend ist Geschichtss­chrei­bung ein men­schlich­es Ver­fahren, Geschehenes weit­er zu leit­en. Dieses Ver­fahren wird seit Jahrhun­derten gepflegt, Stan­dards unter­wor­den und immer kri­tisch begleit­et. Dass etwas Ver­gan­ge­nes als wahr betra­chtet wird, hängt also nicht an ein­er Mehrheitsmei­n­ung, nicht allein an Aufze­ich­nun­gen, son­dern auch an der men­schlichen Eige­nart, zu Wis­sen zu gelan­gen, an sich.

Die Shoa oder Einzel­heit­en dieser zu leug­nen, würde also nur um den Preis der Leug­nung der men­schlichen Natur zu bekom­men sein. Und das ist nicht überzeu­gend. Im Falle der Katholis­chen Kirche wird es ja noch kon­fuser, weil diese Her­ren doch ger­ade mit dem Glauben mit einem Phänomen zu tun haben, dass eine sehr selt­same Eigen­schaft der men­schlichen Natur ist. Wieso leugnet man diesen nicht gle­ich auch?

Würde­los wird dieses Spielchen in bezug auf so ein­schnei­dende his­torische Ereignisse wie der Shoa. Denn man macht sich des fahrläs­si­gen Miss­brauchs des eige­nen Denkver­mö­gens schuldig, wenn man ern­sthaft in Erwä­gung zieht, den Opfern des Drit­ten Reichs das let­zte zu nehmen, was ihnen gebührt: Die Anerken­nung ihres Lei­dens.

Auf den Umgang mit diesem The­ma seit­ens der Katholis­chen Kirche bin ich den­noch ges­pan­nt. Jet­zt hat man schon gesagt, der Vatikan habe nicht alle Infor­ma­tio­nen gehabt bezüglich dieser Angele­gen­heit. Man hätte auch sagen kön­nen, dass die Unfehlbarkeit des Pap­stes ger­ade nicht ganz so gut funk­tion­iert hat. Daneben bieten sich ihr nicht son­der­lich viele nichtweltliche Instru­mente an, mit der The­matik umzuge­hen, außer eines Rede­ver­botes. Zeit für Verän­derun­gen. Wegen mir kön­nte Oba­ma in 8 Jahren Papst wer­den. Wäre doch mal was.


Mittwoch, den 14. Januar 2009   

bielefelder negerstreit

Die Blog­boys haben die Diskus­sion zwis­chen dem Biele­felder IBZ (Inter­na­tionales Begen­gungszen­trum) und dem Biele­felder Stadt­magazin Ulti­mo um deren Ver­wen­dung des Wortes “Neger” ins Inter­net gebracht. Damit ist auch die Diskus­sion “Worum geht’s da eigentlich?” im Inter­net gelandet.
Man kann grund­sät­zlich sagen, dass da eine Vere­ini­gung (IBZ) ein­er anderen (Ulti­mo) einen bes­timmten Wort­ge­brauch vorschreiben möchte und ankrei­det, let­ztere habe ein Wort (“Neger”) in diskri­m­inieren­der Weise ver­wen­det. Genauer gesagt denkt man wohl, das Wort “Neger” sei schlicht und ein­fach rein diskri­m­inierend.

Darf man das nicht sagen? Was darf man sagen? Wer bes­timmt, was man sagen darf?

Jet­zt hat sich Indi­me­dia aus nicht näher bekan­nten Grün­den eingeschal­tet, die auch ganz genau wis­sen, dass es sich bei den Wortver­wen­dun­gen des Stadt­magazins um Ras­sis­mus han­delt, und bekam post­wen­dend von Ulti­mo eine Retourkutsche durch den Tele­fon­hör­er.

Soweit wohl der Stand der Dinge.

Der Stre­it um eine rechte Ver­wen­dung von Begrif­f­en ist ein philosophis­ch­er, so abge­halftert das an dieser Stelle auch klin­gen mag. Der Biele­felder Philosoph Michael Wolff hat in seinem Buch Prinzip­i­en der Logik die Mei­n­ung vertreten, dass sein­er Ansicht nach man Begriffe ver­wen­den könne, wie man wolle. Ich sym­pa­thisiere doch sehr stark mit dieser Ansicht. Man kann hinzufü­gen, dass in bes­timmten sozialen Kon­tex­ten es ange­bracht ist, auf seine Wort­wahl zu acht­en, um nicht unnötig anzueck­en, aber ver­boten ist da nichts. Es ist dage­gen etwas anderes, durch seine Worte klar­erweise jeman­den zu diskri­m­inieren. Wenn man diesen Vor­wurf erhebt, sollte man aber zugle­ich dar­legen kön­nen, weswe­gen irgen­det­was klar­erweise so und nicht anders ist.

Die Sprachver­wen­dung der Ulti­mo ist nun klar­erweise mitunter iro­nisch, ori­en­tiert sich nicht an polit­i­cal cor­rect­ness, ist sprach­lich nicht immer 100%ig aus­ge­feilt. Damit rech­net der erfahrene Ulti­moleser, jed­er neue Ulti­moleser gewöh­nt sich schnell daran. Diese Ironie ist zuge­s­tanden­er­weise nicht immer geglückt, sprich: nicht jede For­mulierung sollte man ein zu eins in Mar­mor hauen. Aber das Heft ist kosten­los, da sollte man Schwächen hier und dort erwarten. Wer nun der Ulti­mo klar­erweise Ras­sis­mus vor­wirft, verken­nt oder ignori­ert den Sprachkon­text, in dem die Ulti­mo sich befind­et. Und das ist eine Diskri­m­inierung. Und das ist der eigentliche Punkt, um den es hier geht. Ich glaube, man muss Wort­wahlen tolerieren, wenn sie nicht klar­erweise direkt jeman­den angreifen, was hier nicht geschehen ist.

Zugegeben — in den Antworten auf diese Vor­würfe war die Ulti­mo größ­ten­teils geschmack­los, allerd­ings auf Grund der Art, wie dort welche Vor­würfe gemacht wur­den. Wer hat denn ern­sthaft von der Ulti­mo einen anderen Stil erwartet? Nein, nein, das muss man alles aushal­ten kön­nen, so lei­d­voll es für den einen oder die andere sein mag.


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