Freitag, den 12. Juni 2009   

deutsche identität

Ich war mal in Dubrovnik auf ein­er Kant-Tagung und dort meinte ein Philoso­phie-Pro­fes­sor im Zuge ein­er Unter­hal­tung über Europas Ver­fas­sung, man solle doch den Begriff der deutschen Iden­tität ad acta leg­en. Die Deutschen hätte damit keine gute Erfahrung gemacht und genau definiert wäre dieser Begriff auch nicht.

Ich habe mich dage­gen aus­ge­sprochen, diesen Begriff los zu lassen; nicht weil ich nationale Gefüh­le hege, son­dern weil ich meine, darunter lässt sich etwas ver­ste­hen.

Unter Iden­tität ver­ste­he ich zunächst, dass es eine Vielzahl an Ein­flüssen gibt, durch die wir unsere eigene Per­son tagtäglich gekennze­ich­net sehen. Erin­nerun­gen, psy­chis­che Zustände, Gedanken, soziale und phänom­e­nale Umge­bung und so weit­er. Ich glaube nicht, dass man jed­erzeit alle ver­füg­baren der­ar­ti­gen Ein­flüsse braucht, um sich selb­st als die Per­son zu iden­ti­fizieren, die man ist. Aber wenn keine der­ar­ti­gen Ein­flüsse da sind, oder zumin­d­est nur sehr wenige, dann hat man für sich selb­st keine Iden­tität. Vielle­icht gibt es dann noch Fotos oder Papiere, die etwas über seine eigene Per­son aus­sagen. Wenn man keine Ein­flüsse hat, kann man anhand der­er seine eigene Iden­tität wieder auf­bauen.

Wenn man von ein­er deutschen Iden­tität spricht, dann heisst das, dass es Ein­flüsse gibt, die aus der deutschen Region stam­men. Man liesst deutsche Zeitun­gen, schaut deutsches Fernse­hen, liesst deutsche Büch­er etc. Ich glaube nicht, dass es biol­o­gis­ches Deutsch­sein gibt, das man über­tra­gen kön­nte. Ehrlich gesagt, ich halte es auch für Blödsinn, so etwas an zu nehmen. Rein wis­senschaftlich muss man aber sagen, es gibt keinen Nach­weis, dass sich Gedanken biol­o­gisch weit­ergeben liessen. Das kön­nen auch die nicht, die irgen­det­was in der Hin­sicht behaupten und insofern ist es her­beigewunken, der­art von einem Deutsch­sein zu sprechen.

Ich denke, jemand der ein­er deutschen Lin­ie entstammt, in Deutsch­land geboren wurde und dann ohne weit­eren deutschen Ein­fluss irgend­wo anders aufwächst und sich an ander­er Kul­tur ori­en­tiert: Der­jenige hat haupt­säch­lich keine deutsche Iden­tität. Ander­sherum: Jemand, der ein­er nicht­deutschen Lin­ie entstammt, und in Deutsch­land mit all der deutschen Kul­tur groß wird: Der­jenige hat eine deutsche Iden­tität. Vielle­icht in Teilen auch eine franzö­sis­che oder amerikanis­che. Das kommt ganz auf die Ein­flüsse an. Und diese Ein­flüsse sind sehr frei annehm­bar. Wir haben einen viel besseren Kon­takt zu aus­ländis­chen Ideen als vor Jahrhun­derten. Das spiegelt sich auch in den per­sön­lichen Iden­titäten wieder.

Und hier­aus ergibt sich meines Eracht­ens ein ger­adezu logis­ches Scheit­ern der deutschen Rechten[1. Man muss den Begriff der Iden­tität nicht deswe­gen fall­en lassen, weil er den Recht­en nützt, son­dern sollte ihn analysieren, ger­ade weil er ihnen nur nützt, wenn man das nicht tut. ]: Ihr Iden­titäts­be­griff ist so falsch wie ver­al­tet, ihre Behaup­tun­gen über die Welt sach­lich nicht überzeu­gend und kein­er Analyse stand­hal­tend, so dass ihnen immer nur bleibt, her­auszu­posaunen, dass sie Opfer sind: Opfer der aktuellen Poli­tik, der Medi­en, der Mächti­gen, die ihre Macht nur deswe­gen ausüben, weil sie sie haben. Opfer vor allem ihrer eige­nen Eng­stirnigkeit. Wäre das irgend­wie anders, müssten sie nicht dauernd selb­st­gewählt die Opfer­rolle bek­lei­den und müssten neuerd­ings nicht gekün­stelt die Argu­mente ihrer Geg­n­er über den bösen Kap­i­tal­is­mus annehmen. Da ist nichts eigenes, was heute erfol­gre­ich ver­wen­det wer­den kann. Kurz gesagt: Keine deutsche Iden­tität, nur Angst, Hass und das Ver­lan­gen, eben dieser Angst und dem Hass Gehör zu ver­schaf­fen.

An dieser Angst- und Has­si­den­tität haben die meis­ten Deutschen kein Inter­esse. Von den Recht­en wird hierzu gerne gesagt, dass sei ein Ver­we­ich­lichungs­ge­habe, diese Leute seien von den Mächti­gen ent­mündigt. Wer Ent­mündigten helfen möchte, kann das aber nur durch Aufk­lärung tun. Aufk­lärung, die die großen deutschen Dichter und Denker befördert haben. Auf diese Denker ver­weisen die Recht­en als “Denker” gerne, verken­nen aber, dass die großen deutschen Denker alle links gewe­sen sind.

Die recht­sna­tionale Idee ist in Deutsch­land keine Erfol­gs­geschichte und die recht­en Parteien sind nur bleibende Erin­nerung an das stetige Scheit­ern dieser Idee. Diese Erken­ntis ist auch und ger­ade Teil mein­er deutschen Iden­tität.

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