Stichwort: journalismus
Mittwoch, den 7. Oktober 2009   

die taz-piraten und die verschwörungstheorie

Fol­gen­den Text habe ich zwar schon bei toomuch­in­for­ma­tion veröf­fentlicht, aber da ich mit der Domain heute umge­zo­gen bin, und nicht alle Anbi­eter die Umstel­lung schon hin bekom­men, hier das Ganze nochmal:

Die taz-Pirat­en oder: Wie man eine Ver­schwörungs­the­o­rie entert

Wenn sich in let­zter Zeit wirk­lich eine deutsche Zeitung um ein externes Watch-Blog bemüht, dann ist es die tageszeitung, kurz taz.

Als Ines Pohl im ver­gan­genen Som­mer die Leitung der taz von Bascha Mika über­nahm sagte sie:

Bascha Mika warnt davor, dass die „taz“ zurück­fällt in eine Zeit der Grabenkämpfe und zurück­kehrt in ide­ol­o­gis­che Eck­en von vorgestern. Das wird der „taz“ auch mit mir in der Chefredak­tion nicht passieren.


Links zu sein heißt für mich auch, kri­tisch und auf­ständisch sein, Attribute, die für die „taz“ ja passen.

Wirk­lich?

In den let­zten Wochen fiel ver­stärkt auf, wie die taz die Piraten­partei ins Visi­er nahm.

Im Artikel Die Untiefen der Frei­heit kon­sta­tiert Albrecht von Lucke, man wird sich, sofern die Piraten­partei nicht ihren Frei­heits­be­griff klärte,

nicht darüber wun­dern kön­nen, wenn sich auch in Zukun­ft hin­ter dem Pirat­en-Label alle möglichen zwielichti­gen “Frei­heitlichen” ver­sam­meln wer­den.

Julia Seel­iger weiss aus dem Umstand, dass das Vor­standsmit­glied der Piraten­partei Andreas Popp naiv­er Weise der rechts­gerichteten Zeitung Junge Frei­heit ein Inter­view gegeben hat, den Schluss zu ziehen:

Aber­mals ist es der Piraten­partei passiert, unsen­si­bel gegenüber recht­slasti­gen Argu­men­ta­tio­nen gewe­sen zu sein.

Rhetorik für Anfänger. Wenn sie jeman­dem nichts direkt vor­w­er­fen kön­nen, ver­suchen sie es indi­rekt. Das Inter­view ging über­haupt nicht um rechte The­men, der Inter­view­er ver­suchte nicht, dem Inter­viewten Mei­n­un­gen unterzuschieben 1 oder zu befördern. Was also tun? Wer­fen sie ihm geschwurbeltes Zeugs vor, wie “unsen­si­bel gegenüber recht­slast­gen Argu­men­ta­tio­nen” zu sein. Recht­slastige Argu­men­ta­tio­nen sind nicht behan­delt wor­den, aber gefühlt sind sie eben für die sen­si­blen tazler immer im Spiel. Da kann man argu­men­ta­tiv nichts mehr anricht­en: Gefüh­le unter­ste­hen der pri­vat­en Äußerungs­berech­ti­gung.

Felix Lee kon­sta­tiert nach der Bun­destagswahl, die Piraten­partei freue sich über

720.000 Euro, die dem­nächst in ihre Parteikassen fließen wer­den. An der Finanzsi­t­u­a­tion wird es also nicht liegen, falls der nun anste­hende Parteiauf­bau scheit­ern sollte.

Offen­bar geht man bei der taz davon aus, dass ein anste­hen­der Parteiauf­bau scheit­ert. Lee und Seel­iger kom­men zu der erstaunlichen Ein­sicht, einiges spräche für den

Fortbe­stand der Inter­net-Partei auch nach der Bun­destagswahl. […]

Zudem würde es

nicht ver­wun­dern, wenn bere­its die näch­ste Bun­desregierung speziell einen Staatssekretär für die Online-Welt abstem­pelt.

Im Gedanken­gang der Autoren wohl das Aus für die Piraten­partei. Der Erfolg der Piraten­partei in Schwe­den

gibt den Pirat­en Selb­st­be­wusst­sein – zu Unrecht. Denn sie sind bei weit­em nicht die einzi­gen, die die Net­zwelt­the­men behan­deln.

Bei der taz weiss man wohl inzwis­chen auch, wann welche Partei zurecht selb­st­be­wusst sein darf. Ist das nicht schon ein Partei-ergreifen?

Heute schreibt Paul Wrusch den Artikel Der Pirat, der ein­mal Nazi war. Nazis, Neo-Nazis und Recht­sex­treme, das ist bei der taz offen­sichtlich ein­er­lei. Der wesentlich­ste Punkt des Artikels über ein Piraten­mit­glied, das zuvor extrem rechts engagiert war, ist hier­bei schon in der Über­schrift fest­ge­hal­ten:

Unter­wan­derung­s­ten­den­zen.

Wer die taz ver­fol­gt hat, der weiss wie Wrusch über die Piraten­partei:

Die tut sich im Umgang mit der­ar­ti­gen Fällen und der Abgren­zung nach Rechts noch schw­er.

Am Ende, als Höhep­unkt des Artikels kommt Wrusch zu sein­er eigentlichen Mes­sage, die im Kern nichts anderes ist als eine Ver­schwörungs­the­o­rie:

Die Recht­en unter­dessen wis­sen, dass ihnen von den Pirat­en Konkur­renz um Wäh­ler­stim­men dro­ht: Vor allem junge Män­ner kön­nten zu den Pirat­en über­laufen, fürcht­en sie. Auf dem Info­por­tal gesamtrechts.net fordert ein anonymer Kolum­nist daher schon Anfang August offen: “Werdet rechte Pirat­en”. Ein direk­ter Aufruf zur Unter­wan­derung.

Als ob das noch nicht pein­lich genug wäre, darf sich Wrusch seine Fehlin­ter­pre­ta­tion von den Recht­en um die Ohren hauen lassen:

Wir haben den Parteis­trate­gen des recht­en Lagers anger­at­en, sich der The­men der Piraten­partei anzunehmen, um auf diese Weise so wenige Jung- und Erst­wäh­ler wie möglich an die Piraten­partei zu ver­lieren.

Das ist in der Tat so in der zitierten Textpas­sage nachzule­sen. Dass diese Pas­sage auch von NPD-Info.net falsch gele­sen wurde, und vielle­icht vom taz-Autor nur über­nom­men wurde, lin­dert den Schaden wenig.

Kom­men wir also zum Aus­gangspunkt zurück: Der Ver­such der taz, ihre Autoren “kri­tisch” auf das ver­meintlich unge­fährliche Piraten­partei-The­ma anzuset­zen, scheint offen­sichtlich aus dem Rud­er zu ger­at­en. Denn immer wieder behan­deln die Autoren eher ihre eige­nen Posi­tio­nen und Vorurteile als Faz­it ihrer Texte, als dass sie Sach­la­gen möglichst objek­tiv analysieren. Ich weiss nicht, ob sich die Autoren damit in der ide­ol­o­gis­chen Schmud­del-Ecke befind­en, von der Bascha Mika sprach, aber sauber ist das nicht.

  1. __________________________

    1. Diskutabel ist dabei natür­lich der Satz des Inter­view­ers Linke, soziale Parteien ste­hen klas­sisch für soziale Ent­mündi­gung zugun­sten eines stark bemut­tern­den Staates. Aber Popp pari­ert diesen Satz.


Donnerstag, den 17. September 2009   

das julia-seeliger-experiment

Sowohl in Twit­ter, bei der Jun­gen Frei­heit als auch in Blogs gibt es derzeit Vor­würfe gegen Julia Seel­iger. Julia Seel­iger ist bekan­nt als Blog­gerin, Poli­tik­erin der Grü­nen und derzeit als taz-Schreiberin tätig.

Die Vor­würfe gehen in die Rich­tung, dass Seel­iger als taz-Autorin unzure­ichend ihre pri­vate, grüne Mei­n­ung aus ihrer Arbeit als Jour­nal­istin her­aushält. Seel­iger hat­te das Inter­view eines Vertreters der Piraten­partei mit der Jun­gen Frei­heit als prob­lema­tisch gerügt. Weit­erge­hend wird von Seel­igers Kri­tik­ern eine Ver­schwörungs­geschichte aufgezeigt, nach der wahlweise die taz bei Grü­nen-Anhängern Tritt fassen möchte oder die Grü­nen über die taz gegen die Piraten­partei poltert.

Die Unter­stel­lun­gen an die taz, die Grü­nen und Julia Seel­iger sind allerd­ings alle­samt albern. Wer Julia Seel­iger ein wenig liest, ken­nt ihren Stil und wusste von ihr schon vor einem Jahr, dass sie vorhat­te, sich beru­flich zu entwick­eln und sich nicht allein über die Grü­nen iden­ti­fizieren zu lassen. Dass die taz die Grü­nen instru­men­tal­isiert oder die Grü­nen die taz klingt für den einen oder anderen vielle­icht span­nend, aber hier­aus entstün­den let­zten Endes bei­den Organ­i­sa­tio­nen nur neg­a­tive Effek­te, so blöde sind bei­de  nicht.

Dass die taz Seel­iger als Schreiberin ein­stellt ist nichts­destotrotz ein Exper­i­ment. Denn Seel­iger ist mit Blogs groß gewor­den und daran ori­en­tiert sich ihre Argu­men­ta­tion­sweise: Sie fragt und behan­delt Argu­mente öffentlich, was auch heisst, dass von ihr veröf­fentliche Sätze inhaltlich über­ar­beit­et wer­den. Let­zteres ist ein Blog-Stilmit­tel, keines des Print­jour­nal­is­mus’. Wie sich dieser Schreib­stil mit der taz vere­in­baren lässt, wird sich zeigen. Aber die taz selb­st ist auch kein Blatt, von dem man sagen kann, dass es sich immer dadurch aus­geze­ich­net hat, dass die Artikelschreiber Objek­tiv­ität in der Sache jed­erzeit als aller­höch­sten Maßstab beherzigt haben. Wer jet­zt Seel­iger oder der taz den Vor­wurf macht, sie entsprächen nicht einem ange­blich all­ge­meinen Jour­nal­is­mus-Stil, der verken­nt, dass diese sich jen­em nie ver­schrieben haben.

Julia Seel­iger darf aber dur­chaus weit­er so schreiben, wie sie es gewohnt ist und die Entschei­dung der taz, Julia Seel­iger mit ins Boot zu nehmen ist auch alles andere als falsch: Seel­iger ken­nt sich her­vor­ra­gend mit Net­zw­erken aus und hat eine eigene Mei­n­ung, die sie hart­näck­ig ver­tritt.

Was Seel­igers Kri­tik am Inter­view des Piraten­parteivertreters mit der Jun­gen Frei­heit ange­ht, so ist dazu fol­gen­des zu sagen:

Julia Seel­iger schreibt darüber, dieses Inter­view zu hal­ten:

Poli­tisch war das instink­t­los, ide­ol­o­gisch prob­lema­tisch.

Das stimmt. Der Inter­viewte hat ja zugegeben, keine Ahnung gehabt zu haben, was die Junge Frei­heit für eine Zeitung ist. Mit ihrem Artikel hat Julia Seel­iger genau das offen gelegt.

Mit ihrem Ver­such, die Junge Frei­heit in die poli­tisch untrag­bare rechte Ecke zu stellen, punk­tet Julia Seel­iger aber nicht. Zwar wurde die Zeitung vom Ver­fas­sungss­chutz beobachtet, dieser wurde dafür allerd­ings vom Bun­desver­fas­sungs­gericht gerügt, da, so das Gericht, Kri­tik an der Ver­fas­sung aus rechter Sicht im Rah­men der Presse­frei­heit zuläs­sig sei.

Auch der Schmit­tismus-Vor­wurf, den sie ein­streut, will nicht überzeu­gen: Von Gessen­har­ter übern­immt sie ger­ade die Kri­tikpunk­te an der Hal­tung der Jun­gen Frei­heit, die selb­st widerum kri­tik­würdig sind:

Eine schlüs­sige Bewe­is­führung der Men­schen­rechte aber gibt es bis heute nicht.” So gele­sen in ein­er Aus­gabe [der Jun­gen Frei­heit, Anmerkung CH] im Jahr 2007. Und weit­er “Ihre natur­rechtliche Begrün­dung mit der ‚Gle­ich­heit’ aller Men­schen ist kaum überzeu­gend, weil die Men­schen von Natur eher ver­schieden sind.”

Ein schlüs­siger, d.h. logisch erwirk­ter Beweis der Men­schen­rechte, so wie all­ge­mein der Kon­vo­lut aus Rede­frei­heit, Mei­n­ungs­frei­het etc. genan­nt wird,  ist mir auch nicht bekan­nt.  Und eine natur­rech­liche Begrün­dung der Gle­ich­heit aller Men­schen wird nicht durch die Behaup­tung, alle Men­schen seien von Natur aus ver­schieden, wider­legt. Denn im ersten Fall kann man von “gle­ich an (Freiheits)-Rechten” reden, während man im zweit­en Fall von unter­schiedlichen physis­chen und psy­chis­chen Zustän­den redet.

Weil Julia Seel­iger Vorverurteilun­gen mit ein­deuti­gen Sach­la­gen ver­mis­cht, überzeugt sie nicht mit dem Vor­wurf, die Piraten­partei sei “unsen­si­bel gegenüber recht­slasti­gen Argu­men­ta­tio­nen”.

Vielle­icht liegt es an ihrer poli­tis­chen Herkun­ft, dass Seel­iger in diesem Punkt nicht so dif­feren­ziert schreibt, wie einige Leser es sich wün­schen, aber für mich ist dieser Punkt kein Grund, in der Per­sön­lichkeit Julia Seel­igers herum zu psy­chol­o­gisieren: Dass ich meine, Julia Seel­iger liegt in einem Punkt falsch, ändert nichts an den Qual­itäten von Julia Seel­iger

mehr: ef-online — Die Piraten­partei, die “taz”, die “Junge Frei­heit”: Jeho­va, Jeho­va!


Dienstag, den 8. September 2009   

schluss mit der gratiskultur

Der Tag fängt ja mal wieder belusti­gend an. Zunächst bestärkt der Axel Springer Ver­lag, dass man kün­ftig für welt.de und bild.de Ein­trittspreise haben möchte. Springer-Chef Döpfn­er meint dazu:

Die Leser haben über Jahrhun­derte bewiesen, dass sie bere­it sind, für wirk­lich attrak­tive Inhalte Geld zu bezahlen.

Ja, das glaube ich eigentlich auch, aber was um Him­mels Willen hat das mit der Bild-Zeitung zu tun?

Als näch­stes fliegt eine schöne Klatsche für Hubert Bur­da ein, der noch vor kurzem raus­posaunt hat, dass man sich in der Medi­en-Welt doch endlich auf sin­nvolle gemein­same Spiel­regeln eini­gen sollte. Mit dieser Kam­pagne hätte er wohl schon früher im eige­nen Hause anfan­gen sollen. Jet­zt klagt die Blog­gerin Mary Scherpe gegen Bur­das Ver­lag wegen Inhalts­dieb­stahl im Inter­net. Und das beschriebene Unter­fan­gen des Chefredak­teurs bei dieser ein­deuti­gen eige­nen Rechtsver­let­zung der Geschädigten noch moralisch einen reinzuwür­gen, ist schon mehr als erbärm­lich.


Mittwoch, den 12. August 2009   

auf dem rücken der journalisten

Dieter Bau­mann wurde früher ein­mal von Jour­nal­is­ten gerne als intellek­tuell gead­elt. Wahrschein­lich fühlt er sich diesem Titel verpflichtet, wenn er derzeit für die taz Kolum­nen schreibt.

Heute wurde eine Stel­lung­nahme veröf­fentlicht, in dem er dar­legt, dass der Leich­tath­letik-WM-Boykott der taz-Jour­nal­is­ten auf dem Rück­en der Sportler aus­ge­tra­gen wird, weil dieser Boykott nichts bewirke und den Sportlern kleine Por­traits in der taz ent­ge­hen. Das ist etwas stärk­er aus­ge­drückt, als der Tenor des Textes von Bau­mann daher kommt. Aber schliesslich ist der Text so über­titelt und das Ver­hal­ten der taz-Jour­nal­is­ten wird nicht weit­er beleuchtet.

Bau­manns Text scheit­ert allerd­ings bere­its beim Auf­stellen der Gegen­frage, sofern man Bau­manns Argu­men­ta­tion­slin­ie entsprechend fol­gt:

Weswe­gen sollen unbekan­nten Leich­tath­leten ein Por­trait auf dem Rück­en der Jour­nal­is­ten ver­schafft wer­den?

Ich kenne keinen guten Grund für so etwas, vol­lkom­men egal, ob eine tat­säch­liche Verän­derung der Geis­te­shal­tung von Funk­tionären dadurch bewirkt wird oder nicht.

[Erläuterung: Jour­nal­is­ten müssen für eine Zulas­sung zur Berichter­stat­tung bei der Leich­tath­letik-WM zus­tim­men, dass ihre Dat­en von Polizei und Ver­fas­sungss­chutz gründlich durch­leuchtet wer­den.]


Freitag, den 24. Juli 2009   

und ewig grüßt der qualitätsjournalismus

Ulrike Kaiser hat eine Antwort geschrieben auf die Kri­tik am DJV, der Google zur Kasse bit­ten möchte. Auch dieser Text ist eben­so unüberzeu­gend und starrsin­nig wie das Gejam­mere der Musikin­dus­trie über die fiesen 14jährigen, die ihnen ihre Musik stehlen. Da wird offenkundi­gen Gege­nar­gume­ten kon­se­quent aus dem Weg gegan­gen und Googles Leis­tung auf ein­fachen Dieb­stahl reduziert.

Dabei ist Googles Leis­tung mit news.google.de, dass von anderen frei­willig zur Ver­fü­gung gestellte Infor­ma­tio­nen gesam­melt, geord­net, durch­such­bar gemacht und via Links weit ver­bre­it­et wer­den. Und diese Leis­tung wird über Wer­bung Drit­ter bezahlt. Die Einze­lar­tikel, die ja auch nicht voll­ständig, son­dern nur stark gekürzt einge­bun­den wer­den, spie­len daher eine unter­ge­ord­nete Rolle. Sie sind eigentlich sog­ar erset­zbar, würde man ein­fach englis­che Artikel ins Deutsche über­set­zen, was ein­fach tech­nisch noch nicht so gut klappt. Aber der DJV ver­hält sich wie eine Pros­ti­tu­ierte, die sich ins Fen­ster stellt und von jedem Geld einkassieren will, der sie anschaut. Das funk­tion­iert nicht.

Wie erbärm­lich das Gejam­mere der Musikin­dus­trie in genau­so gelagerten Fall ist, zeigte schon Weird Al Yankovic und man sehnt sich schon fast nach einem Äquiv­a­lent für die Jour­nal­lie.


Mittwoch, den 27. Mai 2009   

journalismus als teil der klassengesellschaft

In Rou­vens Blog habe ich mich doch noch zum stark kri­tisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam Soboczyn­s­ki Stel­lung genom­men. Da meine bei­den Kom­mentare aneinan­derg­erei­ht schon wieder einen eige­nen Artikel darstellen, veröf­fentliche ich das ganze hier noch ein­mal:

Sobo­cyn­s­ki kämpft mit seinem Artikel offenkundig für die Intellek­tuellen und vorge­blich auch für Aufk­lärung, und unter­stellt dabei gle­ich­sam, er selb­st sei intellek­tuell und aufgek­lärt. Das ist eine typ­is­che Jour­nal­is­tenkrankheit. Intellek­tu­al­ität und Aufgek­lärtheit wird unter­stellt, nicht unter Beweis gestellt. Dass Intellek­tuelle gesellschaftlich unter Wert geschla­gen wer­den, ist eine Annahme Sobo­cyn­skis, die ich kor­rekt finde, aber das ist keine Neuheit, die das Netz her­vorge­bracht hätte. Es dem Netz anzukrei­den ist also ein­seit­ig. Warum Soboczyn­s­ki nun für Arten­schutz für Intellek­tuelle ein­tritt, ist dem Leser eben­so zunächst unklar.

Soboczyn­s­ki meint, die Net­za­k­tivis­ten missver­stün­den Demokratie, indem sie Wertin­stanzen für Inter­net­texte mis­sachteten: Wed­er die Über­tra­gung von Sou­veränität auf Vertreter [haben diese] im Blick noch robuste Insti­tu­tio­nen, die Par­tizipa­tion struk­turi­eren und begren­zen. Was er da aber beschreibt ist repräsen­ta­tive Demokratie. Er ver­wech­selt also direk­te Demokratie mit repräsen­ta­tiv­er, und unter­stellt den ange­blichen Befür­wortern direk­ter Demokratie im Inter­net rein util­i­taris­tisch (Mehrheit­sprinzip nach mark­twirtschaftlichem Vor­bild) zu sein. Mit dem Begriff der Demokratie so umzus­prin­gen ist nicht intellek­tuell, das ist chao­tisch. Warum sollen jet­zt solche Chaoten beson­ders schützenswert sein?

Ich glaube aber gar nicht, dass es Soboczyn­s­ki um Intellek­tuelle geht, eher um Leute, die sich für Über-Men­schen Niet­zscheanis­ch­er Prä­gung hal­ten. Was will denn dieser Schreiber­ling genau? Er will, dass Zeitun­gen auch im Inter­net Instanz, d.h. Gericht­shof, poli­tis­ch­er Auseinan­der­set­zun­gen sind, weil das ange­blich demokratisch sei. Stimmt über­haupt nicht. Erstens sind Zeitun­gen keine demokratis­che Instanz, son­dern nur Medi­en. Zweit­ens ist es sach­lich falsch, sie der­art als vierte Gewalt im Staate zu betra­cht­en, was nur iro­nisch-metapho­risch sinns­tif­tend ist.

Diese Möchte­gern­stel­lung bleibt durch die Blog­ger und Twit­ter­er natür­lich etwas ungeachtet, weil diese selb­st über ein in sein­er Gesamtheit größeres Net­zw­erk von Pub­lika­tion­splätzen ver­fü­gen. Diese zu benutzen, ist aber keineswegs ein Ver­stoß gegen Demokratie.

Soboczyn­s­ki befürchtet, dass die Klasse, der er ange­hört unterge­ht. Sein Vorhaben ist nichts anderes als Anti-Aufk­lärung vor­ge­tra­gen im Man­tel der Aufk­lärung. Allen den Kampf zu erk­lären, die sich im Inter­net äußern ohne aus­ge­bildete Jour­nal­is­ten zu sein, ist ein heil­los­es Unter­fan­gen. Solche Jour­nal­is­ten, die glauben, Blog­ger ließen ihre Felle davon­schwim­men, braucht nie­mand. Wenn deutsche Blog­ger weit­er­hin gegen so einen Unfug anschreiben, spricht das für sie.