Stichwort: geschichten
Donnerstag, den 21. Mai 2009   

maulwurf ante portas

Manchmal, da spielen sich die lustigsten Geschichten doch zuhause ab. Bei meinen Eltern ist vor ein paar Wochen ein Untermieter eingezogen. Besser gesagt: Ein Einmieter untergezogen. Der untere Bereich der Rasenfläche ist das Wohnzimmer eines Maulwurfs. Man bemerkt den ungebetenen Gast nur dadurch, dass allmorgendlich ein neuer Maulwurfshügel die Gartenansicht bereichert.

Diese Windmühlen Hügel haben meinen Vater auf den Plan gerufen. Man kann den Rasen zwar nicht im Ansatz einen englischen Rasen nennen, aber so ein Maulwurf mit seinen Ausgrabungen, der wurmt schon. Und so zog mein Vater in den Krieg. Da wurden Buddeltunnel geflutet, Flaschen eingegraben, der Rasen mit Forken durchstochert und Haufen plattgetrampelt. Das Resultat war leider suboptimal: Der Maulwurf störte sich an nichts. Ich weiss noch nicht einmal, ob er Notitz genommen hat von all dem Radau an der Erdoberfläche. Aber so ist das halt in Deutschland: Ist der Mieter erst einmal eingezogen, dann bekommt man ihn kaum noch raus.

Meine Familie ist natürlich so putzig, mir erstmal nichts von dem Untermieter zu erzählen. Deswegen war ich leicht überrascht, als ich zum ersten Mal meinen Vater vorm Frühstück in den Garten rauslaufen sah, mit einer Spitzhacke bewaffnet, und kurze Zeit später energisch auf den Rasen einprügelnd.

Man gewöhnt sich daran. Jeden Morgen also, wenn sich ein neuer Maulwurfhaufen auf dem Rasen finden lässt, rennt mein Vater zum Rasenprügeln nach draußen. Hoffnungsvoll, ergebnislos, aber unnachgiebig. Der Szenerie wohnt schon ein Hauch von Weltliteratur inne, wenn mein Vater nach getaner Arbeit die Stufen zur Terasse zurückschreitet, sich noch einmal umwendet und wie Käpt’n Ahab den Blick über die weite Rasenfläche schweifen lässt. Als wäre es möglich, dass sein Intimfeind an der Oberfläche auftaucht und sich zu erkennen gibt.

Sehen Sie in meinem Vater bitte keinen Vandalen. Das hat alles seine Richtigkeit. Arthur Schopenhauer hat einmal ausgeführt, dass man eine Mücke töten darf, wenn sie durch ihr Gesäusel dem Menschen tierisch auf die Nerven geht. Die psychische Befindlichkeit eines Menschen ist als Ausdruck einer höherer Entwicklungsstufe relevanter als das Weiterlebensrecht einer Mücke. Bei so einer Sachlage müssen sich Maulwürfe warm anziehen.

Nachdem die bisherigen Techniken nicht anschlugen, half ein Freund und wohl begnadeter Maulwurfjäger weiter. Er lieh Vattern folgenden Gegenstand aus:

DSCF0364

Was hier aussieht wie eine Flughafenlandebeleuchtung ist ein solarbetriebenes Multifunktionsmaulwurfverscheuchungsgerät. Es sendet diverse Signale, negative Schwingungen, Quietschtöne, Flüche und Verwünschungen aus. Und bestimmt kann man irgendetwas an ihm auch noch in PS angeben. Harrr, harrr, harrr. Jeder richtige Mann sollte so ein Ding sein Eigen nennen.

Feierlich wurde diese Speerspitze menschlicher Erfindungskunst gestern Abend in den neuesten aller Maulwurfshügel gepropft und festgedrückt. Beseelt ging mein Vater schlafen und schlief so gut wie lange nicht mehr.

Und wie reagiert der gemeine Maulwurf nun auf diese professionell erarbeitete Finte?

Der gräbt sich noch einmal durch den Gang zum letzten Hügel, stuppst so lange gegen das feindliche Gerät bis es immer höher rutscht, aus dem Hügel fällt: Die Solar-Rezeptoren bekommen keine Sonneneinstrahlung mehr, wodurch sich die Batterie entläd, das Gerät nach einer Weile seinen Geist aufgibt und endlich Ruhe ist. Scheint nicht viel von Schopenhauer zu halten, so ein Maulwurf.

Meinem Vater geht es derweil auch ganz gut. Aufgeregt stürmte er eben ins Wohnzimmer, benachrichtigte mich: „Da draußen ist ne Ratte!“ und verschwand im Hobby-Keller. Bestimmt auf der Suche nach so einer vollelektronischen Solar-Tröt-Ratten-Vertreibungsmaschine. Die soll ja wahre Wunder helfen.


Samstag, den 27. Dezember 2008   

lateinstunde

Ein Bekannter von mir hat Latein und Griechisch auf Lehramt studiert und musste ab und an dazu als Hospitant sich in Klassen setzen und zusehen. Von einer typischen Stunde berichtete er wie folgt:

Es war eine 11. Klasse, bei der der Lateinunterricht noch verpflichtet gewesen ist. Also mit das Schlimmste, was einem Lehrer sowieso passieren kann. Die Schüler denken sich bei sowas: Naja, wenn ihr unsere Interessen nicht berücksichtigt, kommen wir auch nicht auf euch zu. Sehr simpler Gedanke eigentlich.

Die Lehrerin wollte den Unterricht beginnen, da meldete sich ein Schüler und erklärte: „Also wir hier haben alle dieselben Lösungen. Die macht immer einer, diesmal war der da dran (zeigt auf Mitschüler). Wenn das falsch ist, zahlt er in die Kasse ein. Davon fahren wir dann hinterher nach Malle.“

Tja, mein Bekannter hat die Idee, Lehrer zu werden, an den Nagel gehängt und promoviert inzwischen. Weswegen man ihm das wohl verübeln sollte?!


Freitag, den 16. Mai 2008   

killerprovinzposse

Mein Heimatort ist nur wenige Kilometer von Emsdetten entfernt. Emsdetten erlangte bundesweite Berühmtheit durch den versuchten Anschlag eines jungen Mannes an seiner früheren Schule. Dieser Amoklauf brach in unsere kleinwestfälisch heile Welt ein wie ein unerwartetes Gewitter. Es war nicht zu erwarten, dass routiniert mit diesem Vorfall umgegangen wird. Auch gestandene Wissenschaftler wie der Gewaltforscher Heitmeyer oder der Kinderexperte Hurrelmann aus Bielefeld schoben im ersten Gewirr eine Schuld den Ego-Shootern zu, beide revidierten ihre Haltung aber schnell.

In Ibbenbüren hat nun, anderthalb Jahre später, die Caritas einen Jahresbericht herausgegeben, in dem sich auch auf diesen Amoklauf bezogen wird. Man habe einen Experten gefunden, der endlich das ausdrücke, was sie auch meinten. Dieser mache verändertes Verhalten durch falschen Computerspielgebrauch erklärbar.

Naja, was will man schon von einer kleinen Caritasgruppierung in der Provinz erwarten. Der Experte zumindest, den man ausgegraben hat, ist Gerald Hüther. Von diesem wird bei Wikipedia erwähnt, dass er im Oktober letzten Jahres wegen einer Publikation in einer rechten Zeitschrift Kritik auf sich gezogen hat. In seinem Text klingt das dann so: „Nur die Institutionalisierung des Verhaltens, nur durch die Entlastung des einzelnen durch gemeinschaftlich anerkannte Maßstäbe im Sprechen, Tun, Reagieren kann eine Gemeinschaft als Gemeinschaft leben und ihre einzelnen Mitglieder „stabilisieren“, ihrem Leben einen „Sinn“ geben.“ Woher weiß ein Hirnforscher, der nicht mit Jugendlichen arbeitet, so etwas? Und wieso posaunt er es ohne Rücksicht auf soziale Forschungen, ethische Vorstellungen und psychologische Analyen in die Welt hinaus?

Hier äußert sich meines Erachtens ein Biologe über Gebiete, für die er einfach kein Fachmann mehr ist. Und für die Angehörigen der Caritas schein sein Professorentitel Legitimation genug zu sein für eine willkürlich herbeiargumentierte, tendentiöse Meinung. Das Biologisieren von Sozialräumen ist Unfug. Ob bei Hüther eine private, politische Haltung durchscheint, mag ich nicht beurteilen, interessiert mich auch nicht weiter. Man hüte sich nur im Umgang mit Jugendlichen derartigen Scharlatanen auf den Leim zu gehen. Oder glauben Sie wirklich hinter derartigen Sätzen stünde ein fasslicher, guter Gedanke: „Wie lange eine Gesellschaft Bestand haben kann, die gegen das eine oder das andere Prinzip der inneren Strukturierung des menschlichen Gehirns verstößt, bleibt abzuwarten.“ Von Hüther und Provinz-Caritas-Verbänden erhoffe ich mir ein schweigendes Abwarten.


Montag, den 22. November 2004   

aufzugsgeflüster

Es ist wieder ar….kalt in Bielefeld. Ist mir heut morgen gar nicht zu unwarm vorgekommen aufm Fahrrad, aber jetzt gerade könnt ich etwas warmen Sonnenschein schon gut gebrauchen. Mir ist in den Sinn gekommen, dass es doch sehr merkwürdige Situationen in Aufzügen kommen kann. Man trifft hin und wieder Dozenten und kennt sich doch so gut, dass ein Gespräch nicht völlig widersinnig wäre. Aber worüber eigentlich? Das Wetter ist in Bielefeld augenscheinlich bescheiden, da bedarf es keiner expliziten Erwähnung, für eigene Ausarbeitungen sind die jeweiligen Sprechstunden gedacht, das Fahrtziel ist auch meist klar und Fussball schaut von denen keiner. Also wat nu? Einen guten Witz anbringen? Erzählen, was man zum Frühstück hatte? Stories der Art „Was mir letztens mal passiert ist…“ sind meinst banal und wenn die Pointe nicht rüberkommt auch unpassend. Am besten man drückt auf die Taste der nächstkommenden Etage und macht sich per pedes weiter, da muss man auch nicht so oft bei reden…


Freitag, den 20. August 2004   

rumschwangern

Es ist wieder soweit: Man kann nicht mehr in die Innenstadt, ohne jemanden Bekanntes zu treffen, der schanger ist. Ernsthaft motiviert sind ja irgendwie die wenigsten Fälle, die ich so kenne. Hab nix zu tun, da kann ich auch gleich schwanger werden ist eher die Devise. Oder wir sind jetzt drei Jahre zusammen, man wird nicht jünger, ich hab die Lehre fertig, kommt grad nix in Fernsehn … Diese Leute können nun aber auch nicht anders als schwangern. Schwanger sein ist ja eigentlich nur dieser shit-happens-Zustand, den man nach wenigen Wochen bemerkt. Aber dieses „Ich bin schwanger ich darf mich jetzt auch so verhalten“, das ist ja erst das Rumschwangern, was Männern die Nerven kostet. Ob sie jetzt mit der Sache direkt zu tun haben oder nicht. Die Fressattacken sind ja noch verständlich, alles okay, geschenkt. Aber das Rumtröddeln inner Fussgängerzone, bei dem jeder Bekannte lang und breit angequatscht wird, an jedem BilligKlamottenDiscounter an jedem Drehständer alles angetatsch wird, Babystrampler am Kleiderbügel hochgehalten und erstmal zurechtgeschüttelt werden, die Miene kritisch verzogen und zum Mitläufer rübergeschaut wird, das braucht Nerven. Die Sachen werden eh nicht gekauft, ausser sie sind deftig runtergesetzt. Nach dem langen Stehen vor dem Drehständer geht dann irgendwann mal die Hand ins Kreuz, es es wird sich aufgestämmt und ein „Huiuiuiuiui“ ausgepustet, weils dann doch mal im Rücken zieht. Auf gehts zum nächsten Klamottenverscherbler oder ins Eiscafé. Es gibt allerdings Frauen, die kommen während der Schwangerschaft ohne das alles aus. Die verzichten auf eine ausschweifende Leidensgeschichte und reden lieber über interessante Sachen. Sie kriegen nicht permanent verbale Ausfälle, weil da wer wieder tritt oder der Rücken zwickt. Warum leben diese Frauen nur nicht hier? In Westfalen gehört wohl das rumschwangern einfach dazu…


Samstag, den 29. Mai 2004   

zwei ecken zu heidegger

Freitag hab ich doch glatt in einem Philoseminar eine bestimmte These aufgestelllt, dass Heidegger und Kant unterschiedliches Vokabular, in diesem Fall betraf es ein einzelnes Wort, verwenden. Nach dem Seminar meinte eine echte Heideggerschülerin zu mir, sie wäre überrascht, dass ich in dem Punkt „mehr drauf“ hätte, als sie gedacht hat. Kann auch nicht jeder von sich behaupten, sowas gesagt zu bekommen 😉


Dienstag, den 20. April 2004   

es tropft nicht mehr

Mein Duschhahn [wie issn da die korrekte Bezeichnung?] für Kaltwasser jedenfalls tut wieder. Wenn man alles so fix repaieren könnte wie Wasserhähne, wäre das Leben viel ähhh kürzer oder so. Naja, nu tuts ja wieder und das war mir der Eintrag wert ;-). Achja, die Arminia hat Aachen 3-0 weggepustet und mein Wettkonto verdoppelt, auch nett.


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