Montag, den 23. März 2009   

der grönemeyer der deutschen philosophie

Peter Slo­ter­dijk hat der FAZ wieder ein Inter­view gegeben und das gibt mir den Anlass mal kurz über Peter Slo­ter­dijk zu reflek­tieren. Denn Peter Slo­ter­dijk ist dur­chaus ein Phänomen. Und das meine ich in der alltäglichen Redeweise, dass er dem reinen Wort­laut nach eine Erschei­n­ung ist, weiss man ohne hinzuguck­en. Peter Slo­ter­dijk gehört sicher­lich zu den bekan­ntesten Philosophen Deutsch­lands und mit der “Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft” hat er eines oder gar das meistverkaufteste Buch eines zeit­genös­sis­chen Philosophen deutsch­er Zunge geschrieben.

Dem gegenüber ste­ht, dass Slo­ter­dijk an deutschen Uni­ver­sitäten auf dem Lehrplan eigentlich nicht vorkommt, man liest ihn nicht, er lehrt wed­er an ein­er son­der­lich bekan­nten Uni­ver­sität, er resi­diert nicht an ein­er philosophis­chen Abteilung, die wenig­stens fach­in­tern bekan­nt wäre, noch gäb es irgendwelche Fachar­tikel von Slo­ter­dijk die im Fach ein­schlägig bekan­nt sind. Kurzum: Slo­ter­dijk ist fach­in­tern bedeu­tungs­los, er ist ein Philosoph des Feuil­letons und des Lit­er­aturbe­triebs.

Dies ist kein Ausweis darüber, dass Slo­ter­dijk ein schlechter Philosoph ist. Gott bewahre. Viele gute Philosophen sind selb­st fach­in­tern unbekan­nt. Inter­es­sant ist, dass Slo­ter­dijk fachex­tern so bekan­nt ist. Dass oft­mals, wenn eine philosophis­che Mei­n­ung gefragt ist, er gerufen wird. Obwohl er fach­in­tern so ignori­ert wird, sein Buch zwar gut verkauft wor­den ist, den genauen Inhalt aber kaum jemand ken­nt.

Das hängt ein wenig auch mit dem Philoso­phi­estil Slo­ter­dijks zusam­men. Zwar fasst er dur­chaus nicht unkom­plexe Gedanken zusam­men und bekommt diese auch so gut auf den Schirm, dass er Zuhör­ern eine inter­es­sante Dar­legung eines Sachver­haltes gibt. Allerd­ings ver­wen­det Slo­ter­dijk dabei soviele unerk­lärte Meta­phern, dass der Zuhör­er ein­fach kaufen muss, nicht alle Worte genau zu ver­ste­hen. Das ist der­selbe Vor­wurf, den Gröne­mey­er-Ablehn­er Gröne­mey­er-Hör­ern machen: Was bringt dir das, etwas anzuhören, dass du wed­er wörtlich noch inhaltlich genau ver­stehst? Na, es hört sich halt schön an.

Das ist aber ein ästhetis­ches Argu­ment, des Philosophen Auf­gabe ist es aber nicht, über Ästhetik Auskun­ft zu geben. Er soll als Philosoph nicht sagen, dies oder das ist schön. Das kann er als Pri­vat­per­son sagen. Er soll sagen, welche Begrün­dung an welch­er Stelle ange­bracht ist und ob sie überzeugt. Und dafür sollte er klar her­ausstellen, in welch­er inhaltlichen Bedeu­tung er welche Begriffe ver­wen­det. Let­zteres macht Slo­ter­dijk beispiel­sweise viel zu sel­ten.

Der haut lieber Sätze raus wie “Intel­li­genz existiert in pos­i­tiv­er Kor­re­la­tion mit dem Willen zur Selb­st­be­wahrung. Seit Adorno wis­sen wir, dass diese Kor­re­la­tion in Frage gestellt wer­den kann — das war die sug­ges­tivste Idee der älteren Kri­tis­chen The­o­rie.” Den ersten Satz kann ich auch sehr gut ohne Adorno in Frage stellen, allein deswe­gen schon, weil er kaum ver­ständlich ist. Aber so bauscht man die Bedeu­tung der eigene Schule noch mal auf, bevor sie vol­lends vergessen wird.

Für’s Feuil­leton reicht das allerd­ings: Da ist eh’ kein Platz für Erörterun­gen. Da darf sich ein Philosoph als Leben­srat­ge­ber hin­stellen und nie­mand fragt, was ger­ade ihn dazu eigentlich berechtigt. Als reinen Philosophen berechtigt ihn näm­lich nichts. Ver­dammen Sie mir nur den Slo­ter­dijk nicht: Er kann für Einzelne so gewinnbrin­gend sein wie Gröne­mey­er als Musik­er.

Soll man denn nun Slo­ter­dijk lesen, wenn der Autor dieses Artikels so wenig Gutes an ihm lässt? Ja, natür­lich. Lesen Sie Slo­ter­dijk. Fan­gen Sie an mit der “Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft”. Machen Sie sich ein eigenes Bild. Zwar bin ich per­ma­nent über die Vor­ein­genom­men­heit­en, die Slo­ter­dijk seinen Lesern und Zuhör­ern unter­jubelt, gen­ervt, den­noch regt Slo­ter­dijk zum Denken an. Und in dieser Hin­sicht ist Slo­ter­dijk sicher­lich bess­er als manch andere Philosophen, die sich tage­sak­tuellen Prob­le­men nicht stellen.

| kurz-url | Schlagwörter: , kategorie: bedachtes

Schreibe einen Kommentar

Benötigte Felder sind mit * gekennzeichnet- E-Mail-Adressen werden nicht veröffentlicht.