einwände gegen die umstellungen in kants metaphysik der sitten durch bernd ludwig, stafano bacin und dieter schönecker

Dieser Text ist work in progress. Er ist derzeit nicht voll­ständig, aber in den Dar­legun­gen sein­er Kri­tik an den Umstel­lungsvorschlä­gen und -durch­führun­gen schon kri­tisier­bar. Bernd Lud­wig hat es in der Recht­slehre der Meta­physik der Sit­ten für ein besseres Ver­ständ­nis des Kan­tis­chen Textes als notwendig emp­fun­den, Para­graphen des Textes des Staat­srechts in der Recht­slehre umzustellen und neu zu num­merieren. Ste­fano Bacin und Dieter Schö­neck­er schla­gen ähn­lich kreativ vor, den §9 der Tugendlehre, Von der Lüge, zum besseren Ver­ständ­nis umzustellen, wenn auch nur inner­halb des Para­graphen umgestellt wer­den soll. Gegen Lud­wig muss eingewen­det wer­den, dass diverse Kan­tis­che Argu­men­ta­tio­nen durch die Umstel­lun­gen gar nicht mehr erkan­nt wer­den kön­nen, insofern kann von einem besseren Ver­ständ­nis des Textes nicht mehr die Rede sein. Gle­ich­es gilt, wenn auch nicht so schw­er, für Bacin und Schö­neck­er: Sie ord­nen den Text neu in durch ein Ord­nung­sprinzip, das dem Leser sowieso ins Auge fällt, erschw­eren aber das von Kant ver­wen­dete Ord­nung­sprinzip. Auch hier kann von ein­er Verbesserung des Ver­ständ­nis keine Rede sein. Generell ist es ziem­lich anmaßend als Inter­pret zu meinen, man habe den Autor bess­er ver­standen als dieser sich selb­st.

Bernd Lud­wigs Satzko­r­rek­tur und Umstel­lung von §48

Kants Orig­inal­text lautet:

Die drei Gewal­ten im Staate sind also erstlich einan­der, als so viel moralis­che Per­so­n­en, beige­ord­net (potes­tates coor­di­natae), d.i. die eine ist das Ergänzungsstück der anderen zur Voll­ständigkeit (com­ple­men­tum ad suf­fi­ci­en­ti­am) der Staatsver­fas­sung; aber zweit­ens auch einan­der unter­ge­ord­net (sub­or­di­natae), so daß eine nicht zugle­ich die Func­tion der anderen, der sie zur Hand geht, usurpiren kann, son­dern ihr eigenes Prin­cip hat, d.i. zwar in der Qual­ität ein­er beson­deren Per­son, aber doch unter der Bedin­gung des Wil­lens ein­er oberen gebi­etet; drit­tens durch Vere­ini­gung bei­der jedem Untertha­nen sein Recht ertheilend.

Lud­wig fügt in ein­er Fußnote zu, dass der Satz unvoll­ständig sei und fügt die Begriffe “erteilend sein” hinzu. Dies ergibt aber keinen erkennbaren Sinn. Die aus­ge­führten Sätze des Kants Zitats sind so zu lesen:

Also: Die drei Gewal­ten im Staate

- sind erstlich einan­der, als so viel moralis­che Per­so­n­en, beige­ord­net (potes­tates coor­di­natae), d.i. die eine ist das Ergänzungsstück der anderen zur Voll­ständigkeit (com­ple­men­tum ad suf­fi­ci­en­ti­am) der Staatsver­fas­sung;

-sind aber zweit­ens auch einan­der unter­ge­ord­net (sub­or­di­natae), so daß eine nicht zugle­ich die Func­tion der anderen, der sie zur Hand geht, usurpiren kann, son­dern ihr eigenes Prin­cip hat, d.i. zwar in der Qual­ität ein­er beson­deren Per­son, aber doch unter der Bedin­gung des Wil­lens ein­er oberen gebi­etet;

- sind drit­tens durch Vere­ini­gung bei­der jedem Untertha­nen sein Recht ertheilend.

Von ein­er falschen gram­matikalis­chen Zusam­men­stel­lung kann keine Rede sein, wenn diese auch umständlich ist.

Das einen Schluss anzeigende Wort also am Anfang des Para­graphen wird von Lud­wig so inter­pretiert, als hätte es keinen Bezug. Durch Lud­wigs Umstel­lung kann es keinen Bezug mehr haben, denn der Para­graph, auf den sich das Wort bezieht, ste­ht bei Lud­wig hin­ter also.

[Fol­gend: Samm­lung neuer Fehlin­ter­pre­ta­tio­nen durch die Umstel­lun­gen.]

Umstel­lun­gen von Ste­fano Bacin und Dieter Schö­neck­er in §9 der Tugendlehre, Von der Lüge [in Kant-Stu­di­en, CI, 2010, pp.247–252]

Bacin und Schö­neck­er schla­gen fol­gende Verän­derun­gen vor:

1. Vorschlag: Die Pas­sage „Der Men­sch, als moralis­ches Wesen […] zur Wa h r h a f t i g k e i t verpflichtet“ (430.14–19) wird an den Satz angeschlossen, der endet mit „[…] nicht der Men­sch selb­st“ (429.34), und zwar noch vor dem ange­hängten Gedanken­strich. Wir sprechen im Fol­gen­den von der ersten Pas­sage (430.14–19).

2. Vorschlag: Die Pas­sage „Die Lüge kann eine äußere […] ange­se­hen wer­den kön­nen“ (429.13–23) wird ver­schoben, und zwar als eigen­er Absatz nach 430.08 (also zwis­chen „[…] verächtlich machen muß“ [430.08] und „Die Wirk­lichkeit manch­er […]“ [430.09]). Wir sprechen im Fol­gen­den von der zweit­en Pas­sage (429.13–23).

Gegen den ersten Vorschlag ist einzuwen­den, dass Kant im umgeschobe­nen Satz ein­lei­t­end vom Men­schen als moralis­chem Wesen redet. Ein Gegen­satz, der seine abstrahierende Funk­tion ver­liert, wenn er in einen Textblock ver­schoben wird, in dem nicht expliz­it vom Men­schen als moralis­chem Wesen gesprochen wird.

Ein entsprechen­der Fehler stellt sich durch die zweite Umstel­lung ein: Kant redet in diesem Para­graphen ein­mal von der Lüge und expliz­it von der Lüge in ethis­ch­er Hin­sicht. Die Umstel­lung von Bacin und Schö­neck­er macht diese Unter­schei­dung in bezug auf den umgestell­ten Satz nicht mehr erkennbar.

Die Umstel­lun­gen pro­duzieren somit Textfehlin­ter­pre­ta­tio­nen und sind, selb­st wenn dieser Para­graph für irgendwelche Leser schw­er erscheint, abzulehnen.

Weiterlesen