johanna adorján — eine exklusive liebe

Johan­na Ador­ján hat ein Buch geschrieben. Nicht ver­wun­der­lich, wer schreibt heute kein Buch. Ador­ján ist im Feuil­leton der Frank­furter All­ge­meinen Zeitung tätig. Sie kann schreiben, wie man so schön sagt. Inter­es­sant wird es, wenn sie über ihre Ansicht­en ihrerselb­st in der Pop­kul­tur schreibt. Alles andere wirkt unpassend. Inter­viewt sie jeman­den, dann dreht sich ein Teil des Inter­views immer auch um sie. Ver­sucht sie irgen­det­was zu kom­men­tieren, wird das so seicht, dass man sagen muss: Da gibt es wesentlich Gehaltvolleres, das schon gesagt wor­den ist.

Nun hat sie ein Buch über ihre Großel­tern geschrieben, die im Jahre 1991 Selb­st­mord began­gen. Man muss vieles kaufen, um diese Geschichte zu lesen. Zunächst natür­lich das Buch. Dann die Pop­kul­tur­at­titüde, mit der Johan­na Ador­ján sich umgibt, den jour­nal­is­tis­chen, unbel­letris­tis­chen Schreib­stil und ganz viel Kitsch.

Das fängt schon beim Cov­er an. Im Titel ist “Liebe” in ein­er aus­laden­den, geschwun­genen Schrift gehal­ten, das Cov­er ziert ein Papier­bänd­chen mit der Ein­schätzung Lily Bretts, die die Autorin inspiri­ert hat, und innen drin sieht man ein Foto Ador­jáns. Und all das ist schon ganz schreck­lich. Warum muss durch das hingeschwun­gene “Liebe” der Kitsch auf die Front­seite gehoben wer­den? Naja, lassen wir das. Lily Brett, ihres Zeichens wohl nicht ganz objek­tiv, hat sie die Autorin doch zum Nieder­schreiben der Geschichte ani­miert, resümiert das Buch wie fol­gt: “Ein ein­dringliche, kom­plexe, hin­reißende, lei­den­schaftliche, schmer­zliche und oft komis­che Liebesgeschichte.” Ziem­lich viele Adjek­tive für 178 Seit­en. Die Bemerkung trifft und trifft auch wieder nicht. Denn das Buch ist wed­er ein­dringlich, kom­plex, hin­reißend, lei­den­schaftlich oder schmer­zlich, zumin­d­est nicht für den Leser. Und komisch? Nein, es ist nicht komisch. Es ist seicht. Es ist geschrieben, als gehöre es eigentlich in einen Feuil­leton­teil, nicht zwis­chen Buchdeck­el. Emo­tion­al wer­den wohl nur Leute mitgenom­men, die auch bei Pret­ty Woman Heulkrämpfe kriegen. Jet­zt wis­sen Sie unge­fähr, welche Leser­schaft dieses Buch haben soll.

Wieso trifft diese Bemerkung? Sie trifft, weil sie dem Schreib­stil Ador­jáns ähnelt. Da wer­den Worte in Neben­satzket­ten geschub­st, die gut klin­gen (lesen Sie die Sätze ein­mal laut), mit derem Inhalt der Leser aber alleine klarkom­men soll. Das Buch ist voll von eige­nen Mut­maßun­gen der Autorin, die lose im Raum ste­hen, voll von lit­er­arisch ange­haucht­en, aber eben nicht ein­leuch­t­en­den Beschrei­bun­gen. Abgerun­det wird das Cov­er durch ein Bild Ador­jáns, dass eine Cov­erver­sion eines anderen Bild von ihr ist. Wieder geht auf dem Bild die Hand zum Hals, wurde ger­ade das Haar übers Ohr gestreift, wieder soll Ver­let­zlichkeit Werther­schen Aus­maßes dargestellt wer­den. Nur dies­mal eben in rosa und blond, nicht in blau und gelb. Soviel Spiel­erei geste­he ich gerne zu.

Weg von Äußer­lichkeit­en. Wenn man das Cov­er bei­seite lässt, kön­nte man dem Buch noch eine Chance geben. Aber das wird schwierig. Ador­ján schreibt die Geschichte ein­er Enke­lin, ein­er Fam­i­lien­ange­höri­gen über ihre Großel­tern. Dass das sub­jek­tiv ist, ist unmöglich zu bemän­geln. Dass man darüber in eigen­er Form ein Buch ver­fassen darf, sei unbenom­men. Dass die Wahl der Mit­tel hier­für eben­so sub­jek­tiv ist, jaja, das geht alles klar.

Aber ein unbe­friedigter Leser sollte klar­ma­chen dür­fen, was ihn unbe­friedigt gelassen hat. Wer erwartet, dass bei ein­er Geschichte des Selb­st­mords eines Ehep­aars, das schein­bar größere Gefahren schon über­standen hat, über deren Motive, zumin­d­est sofern davon etwas zu erfahren war, erzählt wird, sieht sich ent­täuscht, ger­ade weil das Buch doch einen so sub­jek­tiv­en Ton anschlägt. Es gibt nur Mut­maßun­gen, nur lose Ein­schätzun­gen, und das Zutr­e­f­fen dieser Mut­maßun­gen ist kaum erkennbar. Kann sein, kann nicht sein, nahe­liegend klingt das nicht. Warum kann Ardor­ján den Fig­uren nicht näher kom­men, als indem sie ihre Gebrauchs­ge­gen­stände anschaut und Lebensweg­be­gleit­ern Fra­gen stellt? Da, wo der Leser, die Stärken des Buch­es erwartet, ist es schwach. Dabei ist die Methodik Ardor­jáns nicht ungeeübt, nicht fehl am Platz.

Das soll hier kein Veriss wer­den. Ador­ján gehört fra­g­los zu den weni­gen Feuil­leton­is­ten, die wegen der Beherrschung ihres Handw­erks Aufmerk­samkeit ver­di­enen. Das Buch hat das Recht, so sub­jek­tiv zu sein, wie es will. Mir scheint es, einen Man­gel zu haben, aber es wird Leserin­nen finden.

[Leseprobe]

Weiterlesen

der spiegel und ich

Ich habe mich mal beim Han­dels­blatt über den SPIEGEL aus­ge­lassen. Thomas Knüw­er befasst sich dort einge­hend mit der Titel­sto­ry der let­zten Woche über soziale Net­zw­erke wie Face­book oder Twit­ter. Weiss gar nicht, ob, wann und was da immer für jour­nal­is­tis­che Ohren zuu­u­uu kri­tisch ist, das hier ist jeden­falls mein Statement:

Die gute Analyse des Artikels ist fast schon über­flüs­sig, es schürt eine Aufmerk­samkeit, die der Artikel nicht ver­di­ent. Was mich ver­wun­dert ist: Der wievielte Artikel über Twit­ter ist das nun? Und wie oft wurde viel geschrieben ohne auf die bemerkenswerten Wech­sel­wirkun­gen des Dien­stes einzuge­hen, weil man sie nicht ken­nt? Stattdessen immer diese süff­isant unter­schwellige Ablehnung ein­er ver­meintlichen Mod­eer­schei­n­ung. Die Zeitun­gen wollen sich nicht erlauben, nicht darüber zu schreiben, erlauben aber sehr wohl mis­er­abel darüber zu schreiben. Ich tue es ungern, aber ich zitiere Pis­pers 15 Jahre alten Spruch “Das einzige, was an diesem Jour­nal­is­mus noch kri­tisch ist, ist sein Geis­teszu­s­tand.” Etwas zu ver­all­ge­mein­ernd, aber man weist es kaum noch von der Hand.

Den Spiegel selb­st las ich mit 13 das erste Mal. Mir bran­nte sich ein Text über einen fast gle­ichal­tri­gen Jun­gen aus Rumänien ein, der krank in einem rumänis­chen Waisen­haus veren­dete. Das war für den Leser mark­er­schüt­ternd, ver­let­zend, wütend machend, prä­gend und den­noch oder vielmehr ger­ade deshalb ein Page-Turn­er. Das traue ich dem Spiegel von heute nicht mehr zu, aber was noch schlim­mer ist: Die Jour­nal­is­ten scheinen sich an das frühere Niveau nicht ein­mal mehr zu erinnern.

Weiterlesen

authentisch öffentlich beziehunggsgemäßes

Und wenn ich schon ein­mal dabei bin, hier zu sam­meln, was ich ander­swo inten­siv kom­men­tiere, hier mal meine Ansicht­en zum authen­tis­che PR-Blog­a­r­tikel bei talk­a­bout:

[1]

Der Text ist gut les­bar, soviel will ich mal voran schick­en. Für einen kleinen Schön­heits­fehler empfinde ich, dass der Begriff “Authen­tiz­ität” nicht gek­lärt wird, nur in Rich­tung “Ehrlichkeit” geschub­st wird. Nun beste­ht hierin aber ger­ade die Cruix. Ein PRler hat wie auch immer die Auf­gabe, einen Verkaufsvor­gang zu unter­stützen. Es wäre also von einem ange­sproch­enen, poten­tiellen Käufer etwas naiv, nicht im Hin­terkopf zu haben, dass da ger­ade jemand etwas verkaufen will, auch wenn diverse Infor­ma­tio­nen, die der Verkäufer hat, stich­haltig sind. So ist von Pro­dukt zu Pro­dukt, von Fir­ma zu Fir­ma, von Verkäufer zu Verkäufer immer neu zu erken­nen, in wie weit eine Verkauf­sstrate­gie Rück­sicht auf “Authen­tiz­ität” nehmen sollte.
Gewin­nt der Ange­sproch­ene den deut­lichen Ein­druck, die vorgegebene Ehrlichkeit sei nur Teil ein­er Verkauf­skam­pagne, und damit nur Heuchelei, kann der Schuss sehr sim­pel nach hin­ten gehen.

Grund­set­zlich kann man aber sagen, dass man nie sich­er sein kann, dass irgen­dein Käufer einen Verkäufer gän­zlich für authen­tisch, und somit für einen aus­gewiese­nen, unpartei­is­chen Sach­ber­ater hält. Dazu wäre sehr viel per­sön­lich­es Ver­trauen nötig oder viel Naivität.

[2]

Ja, also ich bin lei­der noch so viel Philosoph, dass ich grund­sät­zliche Aus­gangspunk­te gar nicht teile. (Auch der andere Text ist gut gegliedert und geschrieben, btw.)

Prob­lema­tisch ist folgendes:
a) Begrif­fliche Unklarheiten
b) Die Ver­mis­chung von Ethik und Wirtschaft, d.h. die Ver­mis­chung von Wis­senschaftlichkeit und Organ­i­sa­tion­sein­heit­en, die dem Maßstab von Wis­senschaftlichkeit, der da ist, der Wahrheit verpflichtet zu sein, nicht notwendig unter­liegen müssen.

a) ist bei Prof. Marten schon zu find­en, der insofern Recht hat, als dass es sicher­lich der Fall ist, dass das In-Kauf-nehmen von Täuschun­gen durch Wirtschaft­sak­teure zu deren Reper­toir gehört. Der Begriff ‘Lizenz’ ist wenn nicht irreführend, dann falsch. Falsch insofern, als dass hier etwas eigentlich Ver­botenes erlaubt sei. Irreführend, wenn damit gemeint ist, es sei eine akzep­tierte Tech­nik. Den Begriff ‘täuschen’ ver­wen­det er so, als könne man ihn auss­chöpfend behan­deln. Es liegt aber an Fähigkeit­en einzel­ner, wie und wie gut sie täuschen und wie und wie gut sie getäuscht wer­den kön­nen. Ich zweifel, dass man das all­ge­mein darstellen kann. Meine gebliebene Kri­tik an der Ver­wen­dung des Wortes “Authen­tiz­ität” haben hier­mit und mit b) zu tun.

b) Ich kenne keine sin­nvolle Her­leitung der Ansicht, dass es einen speziellen Bere­ich der Ethik gibt, die sich eigens auf wirtschaftliche Dinge bezieht. Während Ethik das Han­deln von men­schlichen Akteuren sich selb­st und anderen gegenüber regeln soll, sofern ihre Hand­lun­gen Gefahr laufen, in die Frei­heit­en ander­er unrecht­mäßig einzu­greifen, wer­den in der Wirtschaft Han­dels­beziehun­gen geregelt. Es geht dort um Han­del, nicht um die indi­vidu­ell ver­ant­wortete Sit­ten­beach­tung Einzel­ner. Insofern kann man von diesen wirtschaftlichen Han­dels­beziehun­gen von einem Spiel sprechen, dass gespielt wird. Natür­lich kann es in Sit­u­a­tio­nen, die wegen wirtschaftlichen Inter­essen zus­tande kom­men, zu etis­chen Prob­le­men zwis­chen diesen Indi­viduen kom­men, aber das ist nicht Gegen­stands­bere­ich von Wirtschaft. Denn diese hat dem moralis­chen Ver­hal­ten Einzel­ner nichts zu sagen, da dieser allein­ver­ant­wortlich ist und seine Ver­ant­wor­tung wed­er rechtlich noch seinem Gewis­sen gegenüber able­gen kann.

Einen Kodex für PRler bezüglich des fairen Umgangs miteinan­der auszuk­lügeln, ist sicher­lich reizvoll, scheit­ert aber als Wahrheit­san­nahme meines Eracht­ens an Grun­dan­nah­men, die nicht gerecht­fer­tigt sind. Nochmal: So gut die Texte dazu auch for­muliert sind. Ein kat­e­gorisch­er Imper­a­tiv bezo­gen auf wirtschaftliche Han­dels­beziehun­gen ist nicht rat­sam, weil er in ein­er All­ge­mein­heit für die einzel­nen Beschäftigten nicht denkbar ist. Diese müssen selb­st wis­sen, wie sie wirken, wie sie überzeu­gen, wie sie etwas gut verkaufen. Denn an let­zterem, an einem äußeren Zweck, wer­den sie gemessen. Ethik ste­ht und fällt nicht mit einem der­ar­ti­gen äußeren Zweck. Ob jemand ehrlich ist, kann höch­stens jed­er alleine wirk­lich fest­stellen, nie­mand von außen.

Als Spiel­regel kann man sowas lassen. Dann würde ich aber enorm viel Platz lassen für die indi­vidu­ellen Aus­gangsla­gen. Da du aber schon von ein­er “prak­tis­chen Beschrei­bung” von Authen­tiz­ität sprichst, kommt das dem, was ich Spiel­regeln nenne nahe. Prak­tis­che Beschrei­bun­gen scheinen keinem Wahrheit­sanspruch zu unter­liegen, son­dern hier sollen sich Ein­schätzun­gen in der Prax­is bewähren. Damit gin­ge ich d’akkord. “Authen­tiz­ität” als “Glaub­würdigkeit” ohne notwendi­gen Wahrheits- oder Wis­senschaft­sanspruch, was nicht im Umkehrschluss heißt, dass notwendig gel­o­gen oder bewußt getäuscht werde.

[3]

Ich befürchte nur, der Begriff “Authen­tiz­ität” birgt ein Prob­lem. Ohne ethis­che Kon­no­ta­tion, ohne eine indi­vidu­elle, pri­vate Hal­tung, kann man ihn ver­wen­den, was für viele aber in den Bere­ich Täuschung fällt, also ein tak­tisch motiviert­er Umgang mit Wahrheit­en. Es ist bei Prof. Merten schön zu sehen, was für eine Law­ine der Unge­hal­tenheit wegen sein­er selt­samen Ver­wen­dung des Wortes “Lizenz” aufkommt.

Das Ganze soll doch einen trans­par­enten PR-Knigge ergeben, der für Käufer und Verkäufer opti­male Fair­ness bietet. (Was in der Philoso­phie seit 30 Jahren auf die Ideen von John Rawls hin­aus läuft.)

Wäre sicher­lich nutzvoll, kenne ich bis­lang nicht und kön­nte vielle­icht auf den Begriff der “Authen­tiz­ität” verzicht­en, weil er viele reizt, ihn nur nach den eige­nen Vorstel­lun­gen zu ver­ste­hen. Da wäre ein neuer Begriff vielle­icht besser.

Weiterlesen

interviews mit und von twitterern

Wir haben ein neues, kleines Pro­jekt ges­tartet namens Twin­ter­view. Dort inter­viewen wir Twit­ter­er, die bekan­nt oder inter­es­sant oder bekan­nt und inter­es­sant sind. Dies geschieht lediglich unter der Beschränk­theit der 140 Zeichen, die einem bei Twit­ter pro Ein­trag zur Ver­fü­gung ste­hen. Das bedeutet: Man fasse sich kurz und präg­nant. Bish­er haben sich Olaf Kracht (RTL Explo­siv — Der heisse Stuhl) und Zé do Rock (Fom Winde fer­feelt) unseren Fra­gen gestellt. Es fol­gen weit­ere. Das Pro­jekt ste­ht unter keinem son­der­lichen Druck. Wir inter­viewen daher Per­so­n­en, wie es uns passt und gefällt.

Weiterlesen

laufend amok

Jet­zt ist also der näch­ste Amok­lauf eines jun­gen Men­schen passiert und man muss nicht unken, es wird kom­mende geben. Schule war immer eine Meta­pher für die Gesellschaft, war immer Ort von Demü­ti­gun­gen. Als ich die ersten Infor­ma­tio­nen von der Tat in Win­nen­den bekom­men habe, war ich nicht geschockt, war nicht bren­nend inter­essiert, jede Infor­ma­tion über die Medi­en zu ergat­tern. War das zynisch? Ich hat­te ein­fach keine Lust, mich dafür inter­essieren zu müssen, was das nun schon wieder für ein Jugendlich­er ist, der sich gedemütigt fühlt und der meint, eine der­ar­tige Tat sei ein ihm zuste­hen­des Mit­tel, um sich für die Demü­ti­gun­gen, die er emp­fun­den hat, zu entschädigen.

Ganz in der Nähe meines Heima­tortes liegt Ems­det­ten, der Stadt, in der der let­zte medi­al stark aufgenommene Amok­lauf an ein­er deutschen Schule stat­tfand. Damals ver­streute der Amok­läufer viele Infor­ma­tio­nen im Inter­net. Pro­file in irgendwelchen Foren, Videos mit irri­tieren­den Darstel­lun­gen, ein Abschiedsvideo, Tage­buchaufze­ich­nun­gen, die 30 Tage vor der Tat anfan­gen und langsam, Tag für Tag runter zählen: 30, 29, 28… Ich war schock­iert über das abzählen der Tage, das Num­merieren, das Bewusst­sein: Noch 30 Tage bis zum Ende, noch 29,… noch 2 Tage, … Ende. Ich sah den jugen Mann auf Straßen, die mir wohl bekan­nt waren, die ich eben­so ent­langge­fahren bin, sah ihn mit Feuer­waf­fen posieren im Teck­len­burg­er Wald, meinem Teck­len­burg­er Wald. Ich habe alles gele­sen, was er im Inter­net hin­ter­lassen hat und ich habe ver­standen, wie bedrängt er sich gefühlt hat. Das kann man ver­ste­hen und das ist kein krum­mer Gedanke.

Wenn jet­zt wieder ein Wort Johannes Raus her­vorge­holt wird, dass „Wir diese Tat ein­fach nicht ver­ste­hen“, so bin ich wider­willig. Ich toleriere die Entschei­dung nicht, dass man wegen des Gedankens, man selb­st sei bedrängt, zum Los­er abgestem­pelt, um Chan­cen beraubt, die eigene Sub­jek­tiv­ität werde von der Gesellschaft negiert, eine Gewal­tat gegen irgendwen, gegen Und­schuldige untern­immt. Hier bergrün­det man einen Krieg, der vorher nur einge­bildet war. Die Schu­lam­ok­läufer hät­ten darauf kom­men kön­nen, dass ihre Tat ihnen selb­st ver­boten ist, das war aber lei­der nicht der Fall. Der Men­sch ist dem Men­schen ein Wolf, er muss zur Gesellschaft erzo­gen wer­den. Der Ems­det­ten­er Amok­läufer schreibt in seinem Tage­buch über einen Lehrer, der ihm fre­undlich gesin­nt war, der ver­suchte auf ihn einzuge­hen, dessen Einge­hungsver­such der Schüler aber ablehnt. Der Rachegedanke saß wohl schon tief, aber es ist sein eigen­er Fehler, eine aus­gestreck­te Hand abzuwehren. Ein moralis­ch­er Gedanke, der diesem jugen Mann dur­chaus bewusst wer­den musste, den dieser aber selb­st weggestoßen hat.

Ich habe vor einiger Zeit mit einem Hauptschullehrer gere­det, der mir sagte, das Irri­tieren­ste für ihn sei, dass er Klassen habe mit 13jährigen, die glauben, keine Chance mehr im Leben zu haben. Und er ertappe sich bei dem Gedanken, dass diese Schüler vielle­icht nicht ganz unrecht haben. Diese Gesellschaft ist soweit, dass 13jährige berechtigter­weise Exis­ten­zangst haben. Und da stellen sich Leute hin und sagen, sie ver­ste­hen nicht, wie es zu der­ar­ti­gen gegen die Gesellschaft unter­nomme­nen Aus­brüchen kommt? Damit bestätigt man den Ver­dacht der Bedrängten, sich ignori­ert, sich in ihrer Sub­jek­tiv­ität ungeachtet zu fühlen.

Wenn jemand anständig auf diese Amok­läufe reagieren möchte, dann bitte nicht, indem er Johannes Rau zitiert. Sor­gen Sie sich um die Frage: Was macht diese Gesellschaft für ihre Nach­fol­ger? Was bietet sie ihnen an? Was mutet sie ihnen zu? Was ist in der städtis­chen Poli­tikaus­rich­tung für sie vorge­se­hen, was nicht? Wäre ich wohl ein zufrieden­er Men­sch, wenn ich unter den Bedin­gun­gen eines sozialschwachen Mit­glieds dieser Gesellschaft aufwach­sen müsste? Wieviel gibt meine Stadt für Jugen­dar­beit aus und wieviel für die Wirtschafts­förderung? Ich will keine best­mmte Antwort hier hören, ich will nur, dass Leute sich solche Fra­gen stellen. Man kann die gefühlten Ver­lier­er nicht mit Igno­ranz ihrer Prob­leme vergüten dafür, dass sie nicht zur Waffe greifen.

Weiterlesen

das wort, das nicht gesagt werden darf

Eine Recht­san­wältin erzählte mir, der Sohn ein­er Man­dan­tin sei am Mon­tag von der Polizei “wegen akuter Amokge­fahr” aus dem Unter­richt geholt wor­den, weil ein Päd­a­goge bei ihm ein über­triebenes Inter­esse für Paint­ball fest­gestellt habe. In Schram­berg wird ein 16-jähriger von der Polizei festgenom­men und abge­führt, weil er in einem Brief an einen Mitschüler salopp einen Amok­lauf ankündigt.

Man erwartet von Her­anwach­senden, um zurecht zu kom­men, eine aus­geprägte Rück­sicht­nahme auf wohlmögliche Äng­ste, die sie anderen bere­it­en. Sie müssen wis­sen, welche Sprengkraft allein ihre Sätze ange­blich haben. Sie sollen dem Reiz, Aufmerk­samkeit zu bekom­men, wenn sie pro­vokant das Wort “Amok­lauf” ver­wen­den, wider­ste­hen. Son­st riskieren sie Polizeibesuch und die Härte des Gesetzes.

Ein Ibben­büren­er Lehrer erzählte mir mal, das in let­zter Zeit Irri­tieren­ste an seinem Job seien 13-jährige, die wegen zu schwachem Schuler­folg glauben, keine Chance mehr im Leben zu haben. Diese Gesellschaft ist so weit, dass schon 13-jährige nicht völ­lig unbe­grün­det an Job- und Exis­ten­zäng­sten leiden.

So, und jet­zt beant­worten Sie mir mal fol­gende Frage: Wen kann eigentlich ein 13-jähriger verk­la­gen, wenn man ihm so eine Angst macht?

Weiterlesen

niggemeiers deformations- und systemgedanken

Mein Post beim Ste­fan Nigge­meier von let­zter Nacht wollte ich hier auch mal eben fes­thal­ten. Mehr für mich als für den geneigten Leser.
Lieber Ste­fan Niggemeier,

ich bin mit der Aus­rich­tung dieses Artikels nicht ein­ver­standen und muss auch Gerd Blank, mit dem ich auf twinterview.de ein Gespräch über seinen Artikel, den du hier erneut ver­linkst, in Schutz nehmen.

Gerd Blank ist nicht deformiert und sein Artikel ist auch nicht Teil eines Sys­tems, das sich gegen Pri­vatan­wen­der von Twit­ter richtet. Die Sache ist nicht der­art rund, wie du sie hier darstellst, auch wenn die Kom­men­tarschreiber rel­a­tiv unkri­tisch bis­lang dem trotzi­gen Ton zustimmen.

Gerd Blank ist sicher­lich ein net­ter Typ, der aus gutem Grund bes­timmte Tweets am Tage des Amok­laufs für anstand­s­los emp­fand. So weit ist das okay. Aber ich glaube, dass er den besagten STERN-Artikel in der Hitze des Augen­blicks schrieb, so dass teils unver­ständlich ist und teils bspw. bzgl. der Gegenüber­stel­lung Qual­ität­sjour­nal­ist und Twit­ter­er völ­lig über­zo­gen und unzutr­e­f­fend. Der Artikel lässt eine sach­liche Ebene zu stark ver­mis­sen und hätte viel bess­er in einen pri­vat­en Blog gepasst als auf eine offizielle Seite des STERN.

Der Artikel passt nur insofern in die derzeit bekla­genswert niveauar­men Jour­nal­is­te­nar­tikel, als dass er fiebrig ver­fasst zu sein scheint. Diese Fiebrigkeit ist am aktuellen Jour­nal­is­mus bekla­genswert, macht aber kein Sys­tem aus. Alle Zeitun­gen wollen was über den Amok­lauf bericht­en, dabei sind die Bilder doch größ­ten­teils schon bekan­nt. Man würde sich oft wieder­holen. Bis man an ein sach­lich gutes, beschreibenswertes Bild des Täters her­ankommt, ist die Sto­ry „Amok­lauf” längst wieder out.

Also stürzt man sich auch auf Nebenkriegss­chau­plätze, auf denen schein­bar nichts zu ver­lieren ist. Außer eben das Anse­hen bei den poten­tiellen Lesern. Es sind viel zu viele „Jour­nal­is­ten” unter­wegs, die dem The­ma nicht gewach­sen sind, aber den­noch was sagen. Denen man ent­ge­gen­schreien möchte: „Nun halt doch endlich deine Fresse!” Sie verkaufen die Würde ihres Berufs ger­ade für die Hoff­nung, erster Berichter­stat­ter dieser Sto­ry zu sein, und im Namen von Zeitun­gen und Mag­a­zi­nen, die einst Qual­ität­sjour­nal­is­mus in Deutsch­land mit einge­führt haben. Als ob es bei dieser Geschichte irgen­det­was zu gewin­nen gäbe.

Weiterlesen

flieger-martin

Heute ist Welt-Down-Syn­drom-Tag, welch­er mich an meine Zivi-Zeit erin­nert. Damals hat­te ich die unter­schiedlich­sten Auf­gaben. Eine davon war, mor­gens Rol­lis und andere Behin­derte zu deren Arbeitsstätte zu fahren. Auf ein­er dieser Touren war Flieger-Mar­tin mit dabei.

Flieger-Mar­tin heißt Flieger-Mar­tin, weil er jeden Tag einen Flieger, einen Papier­flieger bastelt. Er nen­nt das “Flieger baun”. Ein Tag kann nur dann ein guter Tag für Mar­tin sein, wenn er einen Flieger gebaut hat. Und solange er noch keinen Fleiger gebaut hat, ist das eben auch noch kein zufrieden­stel­len­der Tag. Dann ist er nicht gut gelaunt.

Mar­tin redet gerne davon: Dass er Flieger gebaut hat, dass er noch einen Flieger bauen muss, wie schön es ist, Flieger zu bauen. Sie müssen ihm nur ein paar Minuten zu hören, und sie bekom­men Lust, auf die Schnelle auch so einen Flieger zusam­men zu fal­ten. “Flieger baun!” sagt er mehrmals am Tag, “Mar­tin geht jet­zt Flieger baun! Fff‑, Fff‑, Flieger baun!”.

Von so einem Men­schen ist man natür­lich zunächst irri­tiert, manch­mal nervt es einen auch, aber irgend­wann dann nimmt man es sportlich. Und dann nervt es auch gar nicht mehr.

Also fragte  ich Mar­tin eines Morgens:
“Du, sag’ mal, Mar­tin, glaub­st du eigentlich an Gott?”
— “Jahaa!”
— “Und wo wohnt der?”
— “Im Himmel!”
—  “Und was macht der so den ganzen lieben, lan­gen Tag?”
— “Fff‑, Fff‑, Fff‑, Flieger baun!”

Ich per­sön­lich habe keinen son­der­lich tiefen Glauben an so einen per­son­ifizier­baren Gott verin­ner­licht. Aber ander­er­seits: Wenn ich an so einen Gott glaubte, ja, doch, der würde Flieger bauen, da bin ich mir sehr sicher.

Weiterlesen

der grönemeyer der deutschen philosophie

Peter Slo­ter­dijk hat der FAZ wieder ein Inter­view gegeben und das gibt mir den Anlass mal kurz über Peter Slo­ter­dijk zu reflek­tieren. Denn Peter Slo­ter­dijk ist dur­chaus ein Phänomen. Und das meine ich in der alltäglichen Redeweise, dass er dem reinen Wort­laut nach eine Erschei­n­ung ist, weiss man ohne hinzuguck­en. Peter Slo­ter­dijk gehört sicher­lich zu den bekan­ntesten Philosophen Deutsch­lands und mit der “Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft” hat er eines oder gar das meistverkaufteste Buch eines zeit­genös­sis­chen Philosophen deutsch­er Zunge geschrieben.

Dem gegenüber ste­ht, dass Slo­ter­dijk an deutschen Uni­ver­sitäten auf dem Lehrplan eigentlich nicht vorkommt, man liest ihn nicht, er lehrt wed­er an ein­er son­der­lich bekan­nten Uni­ver­sität, er resi­diert nicht an ein­er philosophis­chen Abteilung, die wenig­stens fach­in­tern bekan­nt wäre, noch gäb es irgendwelche Fachar­tikel von Slo­ter­dijk die im Fach ein­schlägig bekan­nt sind. Kurzum: Slo­ter­dijk ist fach­in­tern bedeu­tungs­los, er ist ein Philosoph des Feuil­letons und des Literaturbetriebs.

Dies ist kein Ausweis darüber, dass Slo­ter­dijk ein schlechter Philosoph ist. Gott bewahre. Viele gute Philosophen sind selb­st fach­in­tern unbekan­nt. Inter­es­sant ist, dass Slo­ter­dijk fachex­tern so bekan­nt ist. Dass oft­mals, wenn eine philosophis­che Mei­n­ung gefragt ist, er gerufen wird. Obwohl er fach­in­tern so ignori­ert wird, sein Buch zwar gut verkauft wor­den ist, den genauen Inhalt aber kaum jemand kennt.

Das hängt ein wenig auch mit dem Philoso­phi­estil Slo­ter­dijks zusam­men. Zwar fasst er dur­chaus nicht unkom­plexe Gedanken zusam­men und bekommt diese auch so gut auf den Schirm, dass er Zuhör­ern eine inter­es­sante Dar­legung eines Sachver­haltes gibt. Allerd­ings ver­wen­det Slo­ter­dijk dabei soviele unerk­lärte Meta­phern, dass der Zuhör­er ein­fach kaufen muss, nicht alle Worte genau zu ver­ste­hen. Das ist der­selbe Vor­wurf, den Gröne­mey­er-Ablehn­er Gröne­mey­er-Hör­ern machen: Was bringt dir das, etwas anzuhören, dass du wed­er wörtlich noch inhaltlich genau ver­stehst? Na, es hört sich halt schön an.

Das ist aber ein ästhetis­ches Argu­ment, des Philosophen Auf­gabe ist es aber nicht, über Ästhetik Auskun­ft zu geben. Er soll als Philosoph nicht sagen, dies oder das ist schön. Das kann er als Pri­vat­per­son sagen. Er soll sagen, welche Begrün­dung an welch­er Stelle ange­bracht ist und ob sie überzeugt. Und dafür sollte er klar her­ausstellen, in welch­er inhaltlichen Bedeu­tung er welche Begriffe ver­wen­det. Let­zteres macht Slo­ter­dijk beispiel­sweise viel zu selten.

Der haut lieber Sätze raus wie “Intel­li­genz existiert in pos­i­tiv­er Kor­re­la­tion mit dem Willen zur Selb­st­be­wahrung. Seit Adorno wis­sen wir, dass diese Kor­re­la­tion in Frage gestellt wer­den kann — das war die sug­ges­tivste Idee der älteren Kri­tis­chen The­o­rie.” Den ersten Satz kann ich auch sehr gut ohne Adorno in Frage stellen, allein deswe­gen schon, weil er kaum ver­ständlich ist. Aber so bauscht man die Bedeu­tung der eigene Schule noch mal auf, bevor sie vol­lends vergessen wird.

Für’s Feuil­leton reicht das allerd­ings: Da ist eh’ kein Platz für Erörterun­gen. Da darf sich ein Philosoph als Leben­srat­ge­ber hin­stellen und nie­mand fragt, was ger­ade ihn dazu eigentlich berechtigt. Als reinen Philosophen berechtigt ihn näm­lich nichts. Ver­dammen Sie mir nur den Slo­ter­dijk nicht: Er kann für Einzelne so gewinnbrin­gend sein wie Gröne­mey­er als Musiker.

Soll man denn nun Slo­ter­dijk lesen, wenn der Autor dieses Artikels so wenig Gutes an ihm lässt? Ja, natür­lich. Lesen Sie Slo­ter­dijk. Fan­gen Sie an mit der “Kri­tik der zynis­chen Ver­nun­ft”. Machen Sie sich ein eigenes Bild. Zwar bin ich per­ma­nent über die Vor­ein­genom­men­heit­en, die Slo­ter­dijk seinen Lesern und Zuhör­ern unter­jubelt, gen­ervt, den­noch regt Slo­ter­dijk zum Denken an. Und in dieser Hin­sicht ist Slo­ter­dijk sicher­lich bess­er als manch andere Philosophen, die sich tage­sak­tuellen Prob­le­men nicht stellen.

Weiterlesen