Dienstag, den 9. März 2010   

auf dem rücksitz

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Tax­i­fahrer in Biele­feld erwis­cht. Eigentlich hat er eine Fin­ka auf Malle oder so und fährt nur noch spo­radisch in Biele­feld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi ver­bringt, füllt er immer mit inter­es­san­ten Geschicht­en.

Als ich gestern ein­stieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Dis­play WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt über­haupt nur noch ein Biele­felder. Nur ein Biele­felder, was ist denn daran Arminia Biele­feld? Außer­dem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird über­haupt nichts mehr, die über­schätzen sich ein­fach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hin­ten auf der Rück­bank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Dau­men über seine Schul­ter nach hin­ten)

und haben ihre dreck­i­gen Geschäfte aus­gemacht und gemeint, wir hier vorne ver­ste­hen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jet­zt… 55 Jahre wäre ich inzwis­chen Mit­glied beim VfB, die heis­sen ja jet­zt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht aus­ge­treten wär. Ich hat­te als kurz­er Ben­gel immer so einen Trick, wie ich umson­st da reinkom­men kon­nte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekom­men habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nach­na­men ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hin­ten saß mit ein­er blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und ein­mal, da sagt der: Herr Tax­i­fahrer, ken­ntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachricht­en und da sagten sie, dass jet­zt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skan­dal ver­wick­elt wäre. Her­ste? sagte der dann zu der Blonden, Her­ste? Die wollen mir diskraminieren. ‘Diskraminieren’ hat er gesagt. Tief ver­wick­elt war der. Ein dreck­iges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich ver­ab­schieden, da winkt er mich noch kurz her­an:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Ein­mal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Sta­dion und das Spiel war so aufre­gend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekom­men hat. Mit­ten im Sta­dion. Und hin­ter­her erfährste, dass das Spiel schon vorher entsch­ieden war. Vorher schon. Der hätte fast den näch­sten Herzkasper bekom­men. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekom­men? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Tax­i­fahrer, da möchte man am lieb­sten gle­ich mit zurück fahren.


Dienstag, den 9. März 2010   

ernst tugendhat zum 80.: die tugendhatsche wende

Es gibt eine Anek­dote unter Stu­den­ten über einem Vor­trag von Ernst Tugend­hat über Moral in Göt­tin­gen, die unter Stu­den­ten als die Tugend­hatsche Wende bekan­nt ist.

Die Räum­lichkeit, in der Tugend­hat seinen Vor­trag hielt, war gut gefüllt, die Stu­den­ten in den mit­tleren und hin­teren Rei­hen und auf­fäl­lig vorne diejeni­gen, die sich wichtig vorka­men, die Fans der Ana­lytis­chen Philoso­phie, sprich die aufge­blase­nen Wichtigtuer, die nahe an ein­er Geis­tes­größe sein woll­ten, weil sie sich eben­bür­tig sehen.

Nach dem Vor­trag ist es bei den Philosophen so, dass direkt Fra­gen zum Gesagten gestellt wer­den. Wenn das gut ist, nimmt die Frage genauen Bezug auf den Vor­trag, schwieriger wird es, wenn freiere Asso­ti­a­tio­nen zum Vor­trag the­ma­tisiert wer­den sollen.

Ein­er dieser Fans nun, fein in Anzug und Krawat­te, wurde aufgerufen und durfte die erste Frage stellen:

Ja, aber Moral.… Dazu braucht man aber immer doch auch MACHT?!

Tugend­hat war vor ihm ste­hen geblieben, atmete nun hör­bar tief ein, sagte dehnend Jaaa­jaaaaaaa, drehte auf dem Absatz kehrt, schwieg ein wenig nick­end und nahm den Näch­sten dran. Geboren war: die Tugend­hatsche Wende. Das zur Schau gestellte Überge­hen ein­er für unpassend gehal­te­nen Frage.

Tugend­hat hat sich nie genötigt gese­hen, irgend­wo unbe­d­ingt dabei sein zu müssen. Deswe­gen zählt man ihn nicht zu ein­er untere­inan­der ver­bun­de­nen Gruppe von Philosophen, wed­er his­torisch noch aktuell. Man stellt ihn auch nicht als Vor­re­it­er ein­er bes­timmten Rich­tung dar. Und vielle­icht erk­lärt das irgend­wie auch seine per­sön­liche Heimat­losigkeit.

Dabei ist Tugend­hat die Liebenswürdigkeit in Per­son, bemüht um fairen, vorurteils­freien Umgang, leicht sich ver­ständlich machend, ein Philosoph, der eine starke Abnei­gung gegen falsche Fre­unde hat.

Wenn früher ein Stu­dent zu ihm kam mit ein­er sehr trock­e­nen Arbeit, dann, wird von Tugend­hat erzählt, habe er gefragt

Sagen Sie mal, haben Sie nicht irgend­was Inspi­ra­tives?

Das passt auf jeden Fall zu Tugend­hat: Die Anre­gung, sich doch bitte mit etwas zu beschäfti­gen, das einen selb­st und dadurch vielle­icht auch andere anregt.

Sowas kann man von Tugend­hat ler­nen, auch wenn er selb­st eben nicht frei von Vorurteilen ist. Ich hadere seit langem mit Tugend­hats merk­wüdi­ger Kant-Analyse, die ärg­er­lich unge­nau und platt ist, aber für einige Philosophen dur­chaus maßgebend und für Tugend­hats eigene Philoso­phie rich­tungsweisend. Ich habe nie ver­standen, was genau hin­ter der Antipathie gegenüber der kan­tis­chen Philoso­phie stand. Mir schienen es nie Sach­gründe zu sein, die ein­fach darstell­bar sind — sehr ungewöhn­lich für Tugend­hat. Ander­er­seits kann einem Philosophen auch nichts schlim­meres passieren, als bei einem solchen Denker eine Nei­gung zu ver­spüren, in dessen philosophis­chen Her­leitun­gen rumzupsy­chol­o­gisieren.

Was ich Rumpsy­chol­o­gisieren nenne, habe ich ein­mal betrieben, als ich die Gele­gen­heit hat­te, mit Tugend­hat über einige Texte zu sprechen, die andere Philosophen über seine Philoso­phie schrieben. Ich hat­te ihn darauf ange­sprochen, dass ich seinen Wohlwollen sehr schätze, mit dem er in seinen Rep­liken zu den Texte der anderen, auf die wirk­lich schwachen Teile dieser Texte nicht eingin­ge, nur auf die guten. Nein, nein, erwiderte Tugend­hat, das sei kein Wohlwollen, er habe schlicht nur das gele­sen, was ihn inter­essiere.

Neben großen Prob­le­men taucht bei Tugend­hat eben immer auch eine äußerst angenehme Leichtigkeit auf, die man anderen Men­schen im Leben gerne wün­schen würde.

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Mar­tin Seel — Ein Solitär