Sonntag, den 21. März 2010   

mischa-sarim vérollet — das leben ist keine waldorfschule

Nach Kant hat richtig gute Kun­st immer auch für den Betra­chter das Authen­tis­che, das Für­wahrhal­ten, das Irri­tierende, nicht den Gegen­stand als etwas Erkün­steltes zu erken­nen, an sich.

Und genau damit habe ich auch bei Mis­cha-Sarim Vérol­lets Buch Das Leben ist keine Wal­dorf­schule zu kämpfen. Als reines Lit­er­atur­ob­jekt fällt es bei mir durch. Das Buch ist wenig über­raschend, sprach­lich okay, aber nicht umw­er­fend, es bleibt immer auf dem­sel­ben Niveau, es bewegt den Leser nicht in seinem Inner­sten und sowas. Aber das Buch soll ja auch gar nicht reines Lit­er­atur­ob­jekt sein. Was dann?

Vérol­let ist in lit­er­arisch­er Hin­sicht Slam Poet, das bedeutet, seine Texte erweckt er durch Darstel­lung vor Pub­likum zum Leben. Ihn daher in der oben angedeuteten Lin­ie zu ver­reißen, wäre also so geistre­ich, wie She loves you, yeah, yeah, yeah von den Bea­t­les nur auf Grund des Textge­haltes zu beurteilen.

So sieht man aber gle­ich, dass nach kon­ser­v­a­tiv­er Strickart Vérol­lets Texte arg­wöh­nisch betra­chtet wer­den: Soll­ten gute Texte nicht alleine für sich sprechen kön­nen? Das dür­fen sie gerne, das soll­ten sie bess­er bei heiklen The­men auch. Das müssen sie aber nicht in jedem Kon­text.

So erspielt sich Vérol­let seine Niesche im Lit­er­aturbe­trieb als geschicht­en­erzäh­len­der Fips Asmussen. Das sollte mir nie­mand übel nehmen, auch Fips Asmussen war und ist schließlich enorm erfol­gre­ich. Ich habe mich tot­gelacht, als ich 10 war. Seine Witze für sich sind ohne Auf­führung irri­tierend geist­los, wie Oliv­er Kalkofe gezeigt hat. Das Irri­tierende kommt allerd­ings teils auch daher, dass man weiß, was Asmussen für einen bre­it gestreuten Erfolg hat. Aber den hat er als auftre­tender Kün­stler und durch CDs mehr als als Büch­er­schreiber.

Natür­lich ist Fips Asmussen platt, genau das macht ja auch seinen Witz aus: Die Irri­ta­tion, dass das, was er vorträgt dort ein­fach ist, wo man Kom­plex­eres erwartet. Eben­so ist Vérol­let ein­fach für seine Zuhör­er. Sie find­en sich mit der melodis­chen Sprach­hand­habung Vérol­lets und den unbeküm­merten Geschicht­en schnell angenehm ver­traut, da stört es nicht, das der Buchti­tel nicht son­der­lich neu ist oder die Geschicht­en nie tiefge­hend, allen­falls anzüglich. Und auch die Optik des Buch­es mit dem bun­ten Cov­er und die den Text beglei­t­en­den Zeich­nun­gen ähneln frap­pierend den Taschen­büch­ern von Fips Asmussen.

Dies soll kein Ver­riss sein, nur eine Art, die Qual­ität dieser Kun­st aufzuzeigen: Sein Pub­likum der­art einz­u­fan­gen, schafft längst nicht jed­er.

Über den Gehalt des Buch­es habe ich somit wenig bis nichts gesagt, was mir allerd­ings auf Grund der Form recht­fer­tig­bar erscheint. Inhaltlich beste­ht das Buch aus diversen kurzweili­gen, aufge­hüb­scht­en Selb­st­be­tra­ch­tun­gen in beson­deren All­t­agssi­t­u­a­tio­nen, die sich, zumin­d­est bei mir, nicht ins Hirn ein­bren­nen.


Sonntag, den 21. März 2010   

skimmen

[Ich muss hier mal einen Ein­trag in Fußnoten­form machen für den Fall, dass ich mich hier­auf mal rück­beziehen möchte.]

Das Wort skim­men hat im Deutschen eigentlich bis­lang eine andere Ver­wen­dung als diejenige, die ich ver­wen­den möchte. Aber diese ist so sel­ten ver­wen­det, dass ich meine, man kann meine Ver­wen­dung gut gle­ichzeit­ig ste­hen lassen.

Mit skim­men meint man eigentlich das Schmutz­ab­saugen ein­er Ober­fläche. Damit ist die Ver­wen­dung, die ich meine, schon ver­gle­ich­sweise beschrieben: Skim­men ist im englis­chen, und damit auch in anderen Län­dern, die Fähigkeit durch stich­probe­nar­tiges Lesen eines Textes dessen Klas­si­fika­tion schnell einord­nen zu kön­nen [s.a. Wikipedia: Skim­ming / Speed read­ing . Einen deutschen Ter­mi­nus scheint es mir hier­für bish­er nicht zu geben. Die Redewen­dung einen Text über­fliegen trifft die Sache nicht richtig.].

Diese Fähigkeit lässt sich einüben und auf viele, wenn auch nicht alle, Texte anwen­den. Zum Erler­nen nimmt man sich ein­fach ein paar Zeitung­s­texte und ver­sucht, sich genau die Stellen her­auszupick­en, an denen man wichtige Pas­sagen annimmt. Für den Anfang reichen da also Tex­tan­fang, Textmitte und die Textstelle kurz vor dem Textschluss.

Man wird an diesen Stellen Hin­weise find­en, für wie gebildet der Schreiber den Leser hält, wie infor­ma­tion­sstark der Text ist, ob er wis­senschaftlich oder nur pop­ulär geschrieben ist. Je nach Maß­gabe der eige­nen Textsuche kann man nun also schon Texte voneinan­der tren­nen: Wis­senschaftliche von nichtwissenschaftlichen Tex­ten oder ander­srum: leicht ver­ständliche von schw­er ver­ständlichen Tex­ten.

Je kom­plex­er und sprach­codiert­er Texte allerd­ings wer­den, desto nut­zlos­er ist Skim­men. Es ist allerd­ings für viele Texte sehr gut brauch­bar.


Sonntag, den 21. März 2010   

reinhard marx – das kapital

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gion und Reli­gion­sphiloso­phie auseinan­der­set­zt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholis­chen Hirten anzuse­hen. Vorgenom­men habe ich mir mal Das Kap­i­tal von Rein­hard Marx, dem Erzbischof von München und Freis­ing.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwätzig, nicht über­wis­senschaftlich, anek­doten­re­ich, ein­heitschaf­fend. Es bein­hal­tet aber inter­es­san­ter­weise in poli­tis­ch­er oder philosophis­ch­er Hin­sicht alles, was man heute an der Katholis­chen Kirche kri­tisieren mag.

Rein­hard Marx begin­nt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gle­ich seine Überzeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwis­chen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Rein­hard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist ander­er­seits ein­fach eine Form von Respek­t­losigkeit, anderen Men­schen irgendwelche Behaup­tun­gen unterzu­jubeln, nur weil diese Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen wehren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Friedrich Niet­zsche” so getan, wo er behauptet, hätte Niet­zsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evan­gele gewe­sen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, worunter er Karl Marx ver­ste­ht, gegen die Katholis­che Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinan­dertr­e­f­fen ein­er Lehre auf eine Philoso­phie. Das Prob­lem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt wer­den muss, nicht überzeu­gend begrün­det wie eine Philoso­phie sein muss, um akzept­abel zu sein. Wobei in diesem Zusam­men­hang zu beacht­en ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx ste­ht, ein­fach nur Skep­tizis­mus ist: Das Angreifen von Din­gen, die für Werte gehal­ten wer­den.

Diese Werte entstam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Detlef Horster, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­liche Beleg­meth­ode von Richard Marx: Das Her­anziehen der Mei­n­ung eines großen Geistes als Ersatz für die Begrün­dung ein­er eige­nen Mei­n­ung. Fast schon gön­ner­haft geste­ht Rein­hard Marx der Philoso­phie der Aufk­lärung zu, dass sie Begrün­dun­gen für moralis­che Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offen­sichtlich ist es Rein­hard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhan­den­sein von Werten wichtiger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholis­chen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grundle­gen­der ein katholis­ch­er Fun­da­men­tal­is­mus gegen objek­tive Begrün­dun­gen, worunter man Philoso­phie ver­ste­hen kann.

Die katholis­che Soziallehre sieht in Marx ihren größten Geg­n­er sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Bre­un­ing (S. 32))

Wie großzügig. Die katholis­che Soziallehre kennze­ich­net sich durch eine Weltan­schau­ung, in der Indi­viduen durch Sol­i­dar­ität und Sub­sidiar­ität miteinan­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem seien poli­tisch und wirtschaftlich alle Frei­heit­en gegeben, solange sie in einem moralis­chen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rechte ander­er möglich sind. Marx meint offen­sichtlich, dass dies schlichte Motiv ein­er aus­gear­beit­eten Philoso­phie gle­ichkommt, diese gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­tete Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katholis­che Soziallehre näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bess­er als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch ange­blich denkt, dass Reli­gion nicht nur Pri­vat­sache sei, son­dern dass Kirche eine gesellschaft­spoli­tis­che Auf­gabe habe (S. 63) gäbe es den Reli­gion­sun­ter­richt in Deutsch­land in der vor­liegen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bindung der evan­ge­lis­chen und der katholis­chen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthal­ten eines Staat­slenkers.

Aber diese eigen­willige Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholis­che, ist die Insti­tu­tion der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kirche ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­geliefert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Übere­in­stim­mung mit Immanuel Kant, was sein Men­schen­bild bet­rifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt gerne von Geistlichen als Gewährs­mann vere­in­nahmt ohne auf seine Reli­gion­skri­tik einzuge­hen) und eben­so in Übere­in­stim­mung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Fam­i­lie als Geburt­sort von Moral ange­ht: Für Marx sei die Fam­i­lie wichtig­ster Ort der Wertev­er­mit­tlung, daher sei Fam­i­lien­poli­tik wie Bil­dungspoli­tik vorauss­chauende Sozialpoli­tik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen lassen oder hin­ter­fra­gen. Bei let­zterem ist man sich sel­ber aber Philosoph, und das für viele zwangsläu­fig. Denn beim Stich­wort Fam­i­lie muss man ja bei der katholis­chen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Fam­i­lie sind. Eine Fam­i­lie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebens­ge­mein­schaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholis­che Kirche die sex­uellen Auswüchse neueren Datums mit zu ver­ant­worten. Die Soziallehre der katholis­chen Kirche lässt völ­lig unbeant­wortet, warum man sich nicht ein­fach durch eine ver­traute Bezugsper­son eben so gut moralisch entwick­eln kann, wie durch ver­heiratete Eltern. Und ob es ger­ade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf ver­ständliche, begrün­dete Ver­mit­tlung von moralis­chen Ver­hal­tensweisen ankommt als auf Werte-Tra­di­tion.

Man begeg­net in diesem Buch Rein­hard Marx an den Stellen, die den Men­schen an der katholis­chen Kirche so unheim­liche Prob­leme bere­it­en. Man find­et aber als Reak­tio­nen darauf nur fun­da­men­tal­is­tis­che Durch­hal­teparolen vor, die für sich genom­men nicht überzeu­gen. Aber das sollen sie ja auch nicht.