Dienstag, den 9. März 2010   

ernst tugendhat zum 80.: die tugendhatsche wende

Es gibt eine Anekdote unter Studenten über einem Vortrag von Ernst Tugendhat über Moral in Göttingen, die unter Studenten als die Tugendhatsche Wende bekannt ist.

Die Räumlichkeit, in der Tugendhat seinen Vortrag hielt, war gut gefüllt, die Studenten in den mittleren und hinteren Reihen und auffällig vorne diejenigen, die sich wichtig vorkamen, die Fans der Analytischen Philosophie, sprich die aufgeblasenen Wichtigtuer, die nahe an einer Geistesgröße sein wollten, weil sie sich ebenbürtig sehen.

Nach dem Vortrag ist es bei den Philosophen so, dass direkt Fragen zum Gesagten gestellt werden. Wenn das gut ist, nimmt die Frage genauen Bezug auf den Vortrag, schwieriger wird es, wenn freiere Assotiationen zum Vortrag thematisiert werden sollen.

Einer dieser Fans nun, fein in Anzug und Krawatte, wurde aufgerufen und durfte die erste Frage stellen:

Ja, aber Moral…. Dazu braucht man aber immer doch auch MACHT?!

Tugendhat war vor ihm stehen geblieben, atmete nun hörbar tief ein, sagte dehnend Jaaajaaaaaaa, drehte auf dem Absatz kehrt, schwieg ein wenig nickend und nahm den Nächsten dran. Geboren war: die Tugendhatsche Wende. Das zur Schau gestellte Übergehen einer für unpassend gehaltenen Frage.

Tugendhat hat sich nie genötigt gesehen, irgendwo unbedingt dabei sein zu müssen. Deswegen zählt man ihn nicht zu einer untereinander verbundenen Gruppe von Philosophen, weder historisch noch aktuell. Man stellt ihn auch nicht als Vorreiter einer bestimmten Richtung dar. Und vielleicht erklärt das irgendwie auch seine persönliche Heimatlosigkeit.

Dabei ist Tugendhat die Liebenswürdigkeit in Person, bemüht um fairen, vorurteilsfreien Umgang, leicht sich verständlich machend, ein Philosoph, der eine starke Abneigung gegen falsche Freunde hat.

Wenn früher ein Student zu ihm kam mit einer sehr trockenen Arbeit, dann, wird von Tugendhat erzählt, habe er gefragt

Sagen Sie mal, haben Sie nicht irgendwas Inspiratives?

Das passt auf jeden Fall zu Tugendhat: Die Anregung, sich doch bitte mit etwas zu beschäftigen, das einen selbst und dadurch vielleicht auch andere anregt.

Sowas kann man von Tugendhat lernen, auch wenn er selbst eben nicht frei von Vorurteilen ist. Ich hadere seit langem mit Tugendhats merkwüdiger Kant-Analyse, die ärgerlich ungenau und platt ist, aber für einige Philosophen durchaus maßgebend und für Tugendhats eigene Philosophie richtungsweisend. Ich habe nie verstanden, was genau hinter der Antipathie gegenüber der kantischen Philosophie stand. Mir schienen es nie Sachgründe zu sein, die einfach darstellbar sind – sehr ungewöhnlich für Tugendhat. Andererseits kann einem Philosophen auch nichts schlimmeres passieren, als bei einem solchen Denker eine Neigung zu verspüren, in dessen philosophischen Herleitungen rumzupsychologisieren.

Was ich Rumpsychologisieren nenne, habe ich einmal betrieben, als ich die Gelegenheit hatte, mit Tugendhat über einige Texte zu sprechen, die andere Philosophen über seine Philosophie schrieben. Ich hatte ihn darauf angesprochen, dass ich seinen Wohlwollen sehr schätze, mit dem er in seinen Repliken zu den Texte der anderen, auf die wirklich schwachen Teile dieser Texte nicht einginge, nur auf die guten. Nein, nein, erwiderte Tugendhat, das sei kein Wohlwollen, er habe schlicht nur das gelesen, was ihn interessiere.

Neben großen Problemen taucht bei Tugendhat eben immer auch eine äußerst angenehme Leichtigkeit auf, die man anderen Menschen im Leben gerne wünschen würde.

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Martin Seel – Ein Solitär

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