karen duve — anständig essen

Dieses Buch nervt. Ich weiß auch nicht, wieso es ger­ade so oft in den Medi­en zu find­en ist. Ich habe auch nicht ver­standen, ob ein­er der Gründe, dass es dieses Buch ist, der­jenige ist, dass eine Autorin ihrem Ver­lag mal wieder ein Buch ver­schaf­fen muss. Das Buch nervt schlicht wegen seines über­bor­den­den Sub­textes, durch den man irgend­wann nicht mehr durch­schaut und durch­schauen will. Dabei hat Karen Duve auch mit dem Lexikon der berühmten Tiere meine Lieblingsklolek­türe geschaf­fen. Dabei ist die Grun­daus­gangslage von Anständig essen leicht erläutert:

Die Grausamkeit­en, Gemein­heit­en und Rück­sicht­slosigkeit­en, die Men­schen wie ich jden Tag bege­hen, sind die Fol­gen eines bil­o­gis­chen Prinzips, das wir mit allen anderen Spiezies auf diesem Plan­eten teilen, dem Prinzip Eigen­nutz.

So gese­hen ist das Essen von Tieren legit­imiert. In Fragestel­lun­gen darüber, ob und auf welche Weise Tiere genutzt wer­den dür­fen, wird oft auf Tierethik ver­wiesen. Nur gibt es schlicht keinen Grund, Ethik auf Tiere selb­st auszuweit­en. Daher ver­weist auch Duve auf Mitleid oder Mit­ge­fühl, um Tier­nutzung als ethis­che Angele­gen­heit auszugeben. Aber dies ist schlicht nur ein argu­men­ta­tiv­er Grund­fehler. Als argu­men­ta­tive Herange­hensweise taugt das Buch somit nicht. Vielle­icht sen­si­bil­isiert es den­noch einige Leser, was ihr Essver­hal­ten bet­rifft. Und auch als eine Art per­sön­lich­er Erzäh­lung mag es seine Berech­ti­gung haben. Wie gesagt, mich nervt nur der ganze teils naiv-per­sön­liche Sub­text. Das ver­wässert nur das ganze The­ma. Bess­er Thi­lo Bode lesen.

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benedikt xvi. — licht der welt

Peter See­wald inter­viewt Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger und agiert dabei als Fan der Katholis­chen Kirche im Gewand eines ser­iösen Jour­nal­is­ten. Vielle­icht mag das in dieser Form kirchen­in­tern okay sein, aber einen kri­tis­chen Ansatz zu den Bemerkun­gen des Pap­stes, trotz aller kri­tis­chen Ansätze beim Fra­gen, ver­misst man doch schmer­zlich. Spätestens wenn See­wald ein “brasil­ian­is­ches Mod­el” mit Aller­weltsweisheit­en anführt, knirscht der Leser mit den Zäh­nen. Und dann all diese alber­nen Tat­sachen­be­haup­tun­gen See­walds, die glauben machen, es gehe in diesem Buch auch um die Ansicht­en See­walds, und nicht allein um ein Gespräch mit dem Papst. Warum schreibt See­wald nicht ein eigenes Buch, wenn er sich genötigt fühlt, die Posi­tion der Katholis­chen Kirche zu recht­fer­ti­gen?

Aber es passt auch irgend­wie zu dem, was der Papst da von sicht gibt. Der Papst ist und bleibt halt auf seine Weise Fun­da­men­tal­ist, zieht sich immer wieder auf selb­ster­fül­lende Prophezeiun­gen zurück. Schwul­sein ist halt unnatür­lich — obwohl es doch dauernd in der Natur vorkommt — und soll nicht Anreiz zum Priester­w­er­den sein. Sexverzicht sei eben­so von Gott aufer­legt, wasim­mer das genau heißen soll. Let­zten Endes wird immer auf irgen­det­was Unbeleg­bares ver­wiesen, keine einzige der­ar­tige Ansicht ist beleg­bar. Immer­hin ver­weist der Papst auf eine ange­bliche Immerver­füg­barkeit von Kon­domen und lässt im Raume ste­hen, ob dies eine akzept­able Möglichkeit sein soll.

Aber auch son­st ist es inter­es­sant, was der Papst da vom Stapel lässt:

Die monogame Ehe gehört zum Fun­da­ment, auf dem die Zivil­i­sa­tion des West­ens beruht. Wenn sie zusam­men­bricht, bricht Wesentlich­es unser­er Kul­tur zusam­men.

In der Sicht der Katholis­chen Kirche bricht immer irgend­was zusam­men, wenn man an ihren fun­da­men­tal­is­tis­chen Sichtweisen rüt­telt. Warum sollte über­haupt gle­ich etwas zusam­men­brechen, wenn Monogamie nicht der Stan­dard bleibt?

Ein Großteil der heuti­gen Philosophen beste­ht tat­säch­lich darauf, zu sagen, der Men­sch sei nicht wahrheits­fähig. Aber so gese­hen wäre er auch nicht zum Ethos fähig.

Ja, der Papst ist auf dem Laufend­en, was in der Philoso­phie so abge­ht. Das Prob­lem an dieser Stelle ist nur: Diese Philosophen bezweifeln ja auch diesen Ethos. Und dage­gen ver­richtet man mit einem schlicht behaupteten Gegen­satz nichts.

Es bre­it­et sich eine neue Intol­er­anz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt einge­spielte Maßstäbe des Denkens, die allen aufer­legt wer­den sollen. Diese wer­den dann in der soge­nan­nten neg­a­tiv­en Tol­er­anz verkün­det. Also etwa, wenn man sagt, der neg­a­tiv­en Tol­er­anz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäu­den geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhe­bung der Tol­er­anz, denn das heißt ja, dass die Reli­gion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sicht­bar aus­drück­en darf.

Natür­lich darf er das, nur nicht vorgeschrieben wirk­end in der Schule. Aber einem Fun­da­men­tal­is­ten kön­nen sie auch kaum erk­lären, dass er Fun­da­men­tal­ist ist.

Eine bloße Fix­ierung auf das Kon­dom bedeutet eine Banal­isierung der Sex­u­al­ität, und die ist ja ger­ade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Men­schen in der Sex­u­al­ität nicht mehr den Aus­druck ihrer Liebe find­en, son­dern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selb­st verabre­ichen.

Droge, natür­lich, da drunter wäre keine Meta­pher des Bösen zu find­en. Dabei will ja nie­mand eine bloße Fix­ierung auf Kon­dome. Über­haupt sind Vorstel­lun­gen von Leuten, die nie Sex hat­ten, über Sex, dass dieser auss­chließlich Aus­druck von Liebe sei, höchst skuril.

In Deutsch­land hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Reli­gion­sun­ter­richt. Wieso dann gar so wenig hän­gen bleibt, um es mal so auszu­drück­en, ist unbe­grei­flich. Hier müssen die Bis­chöfe in der Tat ern­sthaft darüber nach­denken, wie der Kat­e­ch­ese ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben wer­den kann.

Da ist jemand wohl nicht auf dem Laufend­en: Nicht jedes Kind hat neun bis dreizehn Jahre Reli­gion­sun­ter­richt. Und die Ansicht, dass die Bis­chöfe der Basis­ar­beit in der Katholis­chen Kirche zu Pop­u­lar­ität ver­helfen kön­nen, finde ich eher belusti­gend.

Die Kirche hat “kein­er­lei Voll­macht”, Frauen zu wei­hen. Es ist nicht so, dass wir sagen, wir mögen nicht, son­dern: wir kön­nen nicht. Der Herr hat der Kirche eine Gestalt gegeben mit den Zwölfen — und in deren Nach­folge dann mit den Bis­chöfen und den Pres­bytern, den Priestern.

Schnöff, tä täääääää. Warum wirkt der Gott der Katho­liken auf Katho­liken nur immer so irra­tional? Sich­er auch nur eine Prü­fung für Katho­liken, damit wäre die Sache dann wieder rund.

Ent­täuscht wer­den sich von diesem Buch auch alle sehen, die sich in den Miss­brauchsskan­dalen Aufk­lärung seit­ens der Katholis­chen Kirche wün­schen: Nach dem Papst sieht der nor­male Prozess hier so aus: Erst den miss­braucht­en Schäfchen helfen, dann die Täter strafen und dann das Ver­brechen aufk­lären. Nach Belieben der Katholis­chen Kirche wird hierüber die Öffentlichkeit informiert. Vom rechtzeit­i­gen Ein­bezug rechtsstatlich­er Organe keine Rede. Von der Kri­tik von Miss­brauch­sopfern, dass die Katholis­che Kirche Aufk­lärung mutwillig behin­dert — keine Rede. Nur Rede davon, dass gesamt­ge­sellschaftlich gese­hen ver­hält­nis­mäßig wenig Miss­brauch in der Katholis­chen Kirche stat­tfind­et. Das soll dann wohl was Gutes sein.

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paul torday – the irresistible inheritance of wilberforce

Also, dies ist ein gutes Buch, kein angenehmes, ein eher bedrück­endes, schw­eres Buch. Wer es lesen möchte, sollte sich um des besseren Eigen­le­seein­drucks vielle­icht nicht weit­er­lesen. In der deutschen Über­set­zung heißt das Buch “Bor­deaux”.

Geschrieben ist die Geschichte so schlicht, wie ihr Held gestrickt ist: Es gibt keine Über­raschun­gen, keine Ironie, keine dop­pel­ten Böden, also nichts von dem, was “Lachs­fis­chen im Jemen” ausze­ich­nete.

Man kann diesen Roman ganz leicht missver­ste­hen, wenn man wie Felic­i­tas von Loven­berg annimmt, es sei so etwas wie sein Vorgänger: Lustige Pop­kul­tu­run­ter­hal­tung. Das ist es ger­ade nicht.

Aber Name­drop­ping allein macht noch keinen Weinken­ner und Tragik noch keinen Roman­helden.

Der Held des Buch­es, Fran­cis Wilber­force, ist ja auch kein son­der­lich guter Weinken­ner, das ist ja ger­ade der Witz. Der Held ist ein verkan­nter, oppor­tunis­tis­ch­er Soziopath, der sich zu Grunde säuft. Und die Per­so­n­en in seinem Umfeld ahnen das bis auf den Ex-Fre­und sein­er Frau nicht:

I don’t know why I asked him. I know noth­ing about him than when I first met him. He seems to have wan­dered into our lives from nowhere. He’s Mr Nobody.

Sein Mitun­ternehmensin­hab­er Alex bringt etwa in der Mitte das Prob­lem mit dem meist nicht mit Vor­na­men betitel­ten Wilber­force zur Sprache:

You know, when they put you togeth­er, Wilber­force, they left some­thing out. I don’t know what it is, but something’s miss­ing in you. You’re not nor­mal. I should have seen it before.

Aber was fehlt? Das muss sich der Leser zusam­men­puzzeln, will er nicht ober­fläch­lich ent­täuscht durch die Lek­türe wer­den wie Frau Loven­berg.

Angelegt ist das Buch in Rück­blick­en auf das Leben von Wilber­force, sofern es seinen Nieder­gang erk­lär­bar macht. Was fehlt Wilber­force fehlt ist Mit­ge­fühl mit anderen, das Sich-hinein-ver­set­zen-kön­nen in andere. So kann er keinen Unter­schied erken­nen zwis­chen Fre­und­schaft und ober­fläch­lich­er Bekan­ntschaft. Er entwick­elt keine tief­er­en Gefüh­le, auch nicht zu sein­er Frau. Als er deren Ex-Fre­und über sich reden hört, begreift er seine ober­fläch­liche Wirkung als Chance, sich anderen gegenüber als ver­stellt, als Rolle zu präsen­tieren. So wird er mal hier mal dor­thin getrieben und erliegt irgend­wann dem Alko­hol, den er als von anderen unerkan­nte Wis­senschaft begreift. Ein deutsch­er Weinken­ner weist ihn auf die Gefahr der ver­meindlichen Weinken­nerei hin:

Be care­ful. It is good to like wine; it is accept­able to love it, as I do; but what Fran­cis feels for wine is beyond love. You must be care­ful to stop at lik­ing. Even lov­ing is a lit­tle dan­ger­ous.

Aber das Ziehen ein­er Gren­ze find­et bei Wilber­force gar nicht statt. Und das endet für jemand anders tödlich.

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eric t. hansen — nörgeln! des deutschen größte lust

Nörgeln — wer ken­nt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Hansen hat sich des The­mas auf sehr humor­volle Weise angenom­men. Ger­ade auf den ersten Seit­en erweist er sich als Fach­mann des Nörgelns und des wis­senschaftlichen Nörgelns.

In der Nörgelgeschichte der Lit­er­atur ste­ht Faust als lit­er­arisches Meis­ter­w­erk ein­sam da. Goethes wahres Genie im Erschaf­fen dieser Jahrtausend­fig­ur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit anderen großen lit­er­arischen Jam­mer­ern der Weltlit­er­atur ver­gle­icht. Wie viel kon­se­quenter und authen­tis­ch­er wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzufrieden wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfol­gre­ich, wohlhabend,
erbe dem­nächst ein Kön­i­gre­ich,
und bin lei­der auch gutausse­hend,
die sexy Ophe­lia macht mir dur­chaus
Augen mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und finde alles genau­so Scheiße wie zuvor.

Die Lek­türe unter­hält also ganz beschaulich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­misse dabei allerd­ings eine Abgren­zung von Nörgeln zu gerecht­fer­tigter Kri­tik. War dieser Satz jet­zt in Hansens Augen nur nörgeln? Im zweit­en Teil des Buch­es geht dem Autor dann auch in dieser Hin­sicht die Puste aus und es wird sehr weitläu­fig von Nörgeln gesprochen, was wed­er überzeugt, noch witzig ist. Dafür ist der Leser durch den ersten Teil schon hin­re­ichend entschädigt. Eine unterm Strich sehr geistre­iche Lek­türe.

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