Dienstag, den 6. Oktober 2009   

michael buback – der zweite tod meines vaters

– Am 20. August 2009 wurde seitens der Bundesanwaltschaft das Auffinden von DNA-Spuren Verena Beckers am Bekennerschreiben zum Mord an Generalbundesanwalt Buback bekannt gegeben. Daraufhin wurde ihre Wohnung durchsucht.[1]

– Am 27. August 2009 wurde Verena Becker aufgrund des dringenden Tatverdachts, am Mordanschlag auf Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein, festgenommen.

– Am 28. August 2009 wurde ein Haftbefehl gegen sie erlassen.[2][3] Im Zuge der neu aufgenommenen Ermittlungen bestätigten sich frühere Berichte, dass Verena Becker als Informantin für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätig gewesen war.[4]

Der Fall Buback ist wohl einer der merkwürdigsten in der Geschichte der deutschen Bundesanwaltschaft. Der Vorwurf seines Sohnes Michael Buback an offizielle Stellen ist nicht von Pappe: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wurde bei der juristischen Aufarbeitung des Mordes aus der Schusslinie genommen, obwohl Indizien darauf hindeuten, dass sie selbst den Abzug betätigte. So kann man es in der jetzt erschienenen, erweiterten Ausgabe Der zweite Tod meines Vaters von Michael Buback nachlesen.

Das Buch ist äußerst lesenswert, weil man einem intelligenten Menschen in die Küche schauen kann, wenn er logische Bezüge zwischen Fakten herstellt, kontrolliert, beiseite schiebt oder eben zum Vorwurf erhebt. Im Raum steht dabei, dass Buback sich als Verschwörungstheoretiker aufspielt, aber es wäre vermessen, diesen Vorwurf auf das ganze Buch auszustrecken. Es ist allerdings bspw. bei der Heranziehung des Ohnesorg-Falls unsauber argumentiert, von diesem Fall bezüge auf Ermittlungen im Buback-Fall zu ziehen. Das widerstrebt dem ansonsten logischem Vorgehen Michael Bubacks. Dies führte ihn zu der sich nun als richtig herausgestellten Vermutung, Becker habe für den Verfassungsschutz gearbeitet.

Die Bundesanwaltschaft glaubt wohl immer noch nicht, dass es Becker gewesen ist, die vom Soziussitz des Tatmotorrads aus Siegfried Buback und seine zwei Begleiter schoß. Aber es sind wohl auch die drängenden Nachforschungen Michael Bubacks gewesen, die den Fall juristisch neu aufleben lassen. Becker, die mit der Tatwaffe 3 Wochen nach dem Mord einen Polizisten schwer verletzte, war bei einem Telefongespräch mit Brigitte Mohnhaupt abgehört worden, in dem sie sagte, dass sie keine Unannehmlichkeiten im Fall Buback erwarte, da die Sachbeweise fehlten, „außer die Bekennerbriefe“. Und eben darauf fand man nun Fingerabdrücke Beckers.

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weiter:
hintergrund.de
Verschlussache Becker
Nils Minkmar
Die Einsamkeit des Michael Buback
Hans LeyendeckerDas Mädchen Verena


Dienstag, den 6. Oktober 2009   

sloterdijk vs. honneth: altherrenreputationen

Gerade habe ich drüben gepostet, was David Letterman gerade an Reputationskämpfen durchsteht. In Deutschland sieht das etwas anders aus. Da wird nicht so stark über die Medien über Geld und über das eigene Ansehen verhandelt. Das hat unterschiedliche Gründe. Nehmen wir die Stutenbissigkeiten zwischen Naddel und Giulia Siegel. Da könnte es um Geld gehen, vielleicht macht man sich ja für irgendwelche Medien interessant, also auch um Medienpräsenz. Aber Reputation? Nein, die können die beiden kaum verspielen.

Da haben es die Philosophen Peter Sloterdijk und Axel Honneth schon etwas besser. Es geht beiden in ihrem bei FAZ und der ZEIT ausgetragenen Sticheleien vielleicht auch irgendwie um Geld, wenn auch nicht unbedingt das eigene, viel mehr dafür um Reputation. Honneth hat Sloterdijk attestiert, mit diesem Artikel ein Manifest für Marktradikale etabliert haben zu wollen, um e s mal in meine Worte zu fassen. Sloterdijk hatte eine Antwort auf Honneth unterlassen mit dem Hinweis, diesem Fehlten 6-8000 Seiten der Lektüre des Sloterdijkschen Eposses.

Man sieht leicht: Reputationen grenzen sehr nah an Albernheiten. Wenn Sloterdijk meint, seine Gedanken seien erst nach 8000 Lektüreseiten ernsthaft verständlich, entzeiht er sich jedem ernsthaften gesellschaftlichem Diskurs. Naja, vielleicht will er das auch. Honneths Analyse des Sloterdijkschen Papiers finde ich gar nicht so uninteressant, mir fehlt nur an dieser Stelle die Zeit und der Raum, das intensiv zu behandeln. Ich empfehle daher die eigene Lektüre seines Artikels.

Was aber auch noch aus dem Rahmen fällt, und weswegen Sloterdijk wohl keine Auseinandersetzung eingehen mag, ist, dass Honneth das Phänomen Sloterdijk ins Visier nimmt. Sloterdijk ist in der universitätsinternen Diskussion nämlich keni Begriff: Er wird so gut wie nie in der Universität behandelt, er taucht in keinem Themenkomplex sonderlich auf, er hat keinen interessanten Lehrstuhl inne und er ist nicht Teil aktueller fachwissenschaftlicher Analysen. Und wie Honneth ihm unterstellt: Er kennt den aktuellen Stand der Forschung auch nicht.

Trotzdem ist Sloterdijk bekannt, das aber wohl eher als philosophischer Literat. Von Nietzsche übernimmt Sloterdijk das in Metaphern Schwelgende, das reisserisch Endstimmung Verbreitende, das bemerkenswerte Interesse von Leserschichten, aber auch das völlige Fehlen von sachlich stichhaltiger Argumentation: Die Schlüsse, die Sloterdijk zieht, wenn er welche zieht, sind nie zwingend, auch wenn er gerne sie so darstellt. Es ist ja auch nicht alles völlig falsch, was Sloterdijk anführt, nur lässt er seine Leser damit allein, wenn dieser die Methode des Erforschens von Sloterdijk irgendwie verstehen möchte. Das schliesst ihn von den wissenschaftlichen Thematisierungen aus.

In dieses Wespennest hat Honneth gestochen, vielleicht nicht allzu behutsam, denn auch seine Äußerungen sind nicht trennscharf, was inhaltliche und persönliche Kritik an Sloterdijk angeht. Aber die Behandlung ist für die breite Öffentlichkeit längst überfällig.