Sonntag, den 11. Oktober 2009   

misstrauisch bis skeptisch

Ich bin kein Sprachphilosoph. Unter einem Sprachphilosophen stelle ich mir jemanden vor, der von einer richtigen Verwendungsweise von Worten ausgeht, und eben auch von einer falschen und der denkt, sein Vorgehen wäre eine strenge Wissenschaft. Sprache ist aber eben keine strenge Wissenschaft und so gesehen stellt sich die Frage, ob sie überhaupt inhaltlich als Wissenschaft gefasst werden sollte.

Aber es gibt natürlich strategisch gut ausgerichte Sprachanwendung. Wenn man mit einem Kleinkind redet, ist es günstig, keine Fremdworte zu verwenden, wenn man sich direkt mit dem Kind verständigen möchte. Also solche Worte, die selten in der Alltagssprache vorkommen und die sich kaum dem Wortlaut nach erschliessen. Andererseits sind natürlich die meisten Worte Fremdworte für Kinder und sollten mal ausgesprochen werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich denke, es gibt immerhin in der Alltagssprache Worte die gewisse Dinge umfassen und andere, die ebenso verwendet werden, aber eigentlich nicht ganz dasselbe bedeuten.

Das ist der Fall bei den worten „skeptisch“ und „misstrauisch“. In der Alltagssprache werden beide synonym verwendet. Nach meinem Empfinden wird „skeptisch“ sogar öfter verwendet. Weil es sich so schön prägnant aussprechen lässt, so schön nach geistig erhabenem Denkprozess klingt. Dabei bedeuten beide Worte gar nicht dasselbe, selbst eine Schnittmenge beider Begriffe auszumachen ist nicht leicht.

Unter „misstrauisch“ versteht man die Grundhaltung, ein Verhalten, etwas gesagtes nicht nich als etwas Wahres, sondern zunächst nur als Behauptung anzunehmen, bei der es Ansätze gibt, dass sie falsch ist. „Misstrauisch“ klingt aber so nach einer negativen Grundeinstellung, so als ob man grundsätzlich anderen abspräche, sie könnten zu wahren Gedanken irgendetwas beitragen. Da klingt es gewitzter, sich selbst auszulegen, man sei „skeptisch“.

„Skeptisch“ widerum ist eigentlich schon eher dieses Negative, dass man dem „misstrauisch“ unterstellt. Es ist aber nicht so, dass Skeptiker anderen von vornherein misstrauen, sie stellen nur von vornherein in Abrede, dass so etwas wie einer überpersönliche Wahrheit, objektive Werte etc. gibt. Misstrauen muss dabei gar nicht vorhanden sein. Dem einzigen, dem ein Skeptiker traut ist der Ansicht, dass es eben keine gesicherten Erkenntnisse gibt.

Für mich, als jemandem, der das so nicht denkt, ist dies aber eben eine negative Grundeinstellung, die keineswegs sonderlich gewitzt ist. Mit „gewitzt“ meine ich den Spaßmoment, den ein geistreicher Gedanke einem Denkenden überkommt, und der oftmals bei eigener Herstellung den Denkenden dazu verleitet, davon aus zu gehen, hier auf eine Wahrheit gestoßen zu sein. Volker Pispers lebt von diesem Moment.

Es gibt noch so eine Verwendung wie „In diesem Punkt bin ich skeptisch“, aber das klingt so, als würde jemand auf eine bestimmte Stelle im See zeigen und sagen „An der Stelle da bin ich Nichtschwimmer.“ Ganz oder gar nicht.

Insofern ertappe ich mich dabei, immerhin so sehr noch sprachphilosophisch unterwegs zu sein, dass ich in der Alltagssprache eher „misstrauisch“ als „skeptisch“ verwende. Ich möchte meinen Äußerungen eigentlich nicht derart künstlich unterlegen, dass sie gewitzt sein sollten. Entweder erkennt ein Zuhörer das oder eben nicht. In der Alltagssprache ist es aber einverleibt, mit „skeptisch“ „misstrauisch“ zu meinen. Dagegen habe ich nichts, und ich weiss ja um die Umstände. Ein Problem stellt es für mich nicht da.

Und eben diese Flexibilität bedeutet es für den einzelnen, lebendiges Mitglied einer Sprachgemeinschaft zu sein, so hochgestochen das nun wieder klingen muss. Aber die Irritationen rund um Herta Müller scheinen mir doch genau diesen Punkt zu treffen: Da verwendet jemand Sprache als Mittel, aber nicht als die Alltagssprache, nicht als Mittel zur innersozialen Verständigung, sondern als Mittel den eigenen Geist überleben zu lassen, ihm seinen Spielraum einzuräumen trotz der Bedrängungen von außen.

Interessanterweise gibt es Gegenstimmen gegen Herta Müller. Das scheinen mir aber eben jene zu sein, denen Sprache möglichst massenkonform sein muss. Das muss sie eben nicht.

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