westfälische idiome (vii): völlig banane sein

Das heutige Idiom gehört zu den­jeni­gen, die im West­fälis­chen vorkom­men, auch wenn der genaue Ursprung nicht bekan­nt ist. Es han­delt sich um den Ausspruch: Das ist doch völ­lig Banane.

Es kön­nen nur für den Red­ner eher abstrak­te Gegen­stände Banane sein. Man sagt also nicht Dieses Haus da ist Banane. Ein solch­er Ausspruch würde aller­höch­stens Kinder belusti­gen. (Der Geschmack eines Eis­es kann natür­lich weit­er­hin Banane sein; hier­bei bezieht man sich aber nicht auf ein Sein, son­dern lediglich auf eine sinnliche Wirkung, also ein So-Sein.)

Man kann dage­gen sagen Die Architek­tur des Haus­es finde ich völ­lig Banane. Eben­so kann man ein ver­lorenes Spiel ein­er Fuss­ball­mannschaft analysieren, indem man sagt, das tak­tis­che Vorge­hen auf dem Spielfeld sei völ­lig Banane gewe­sen.

Mit Banane bezieht man sich hier also präzise auf eine nicht-ade­quate gestal­ter­ische Umset­zung ein­er Idee, nicht auf den Gegen­stand selb­st, der diese gestal­ter­ische Umset­zung darstellt. Der Sach­lage nach kön­nte der Red­ner daher auch sagen, dass die Umset­zung der Idee der eigentlichen Idee dessen, was umge­set­zt wer­den sollte, nicht zuträglich ist. Mit Das ist doch Banane fügt der Red­ner hinzu, für wie gescheit­ert er auch per­sön­lich diese Umset­zung empfind­et. Es ist also keine rein sach­liche Analyse. Diese sind dem gemeinen West­falen aber eh sus­pekt.

Das Wort Banane wird wohl gewählt, weil eine Banane eine gekrümmte Form hat, deren Zweck (“Warum ist die Banane krumm?”) sich vie­len nicht erschließt, was widerum eine gewisse Irri­ta­tion nach sich zieht. Da diese Irri­ta­tion aber dem eige­nen Unwis­sen entstammt, nicht der Unerk­lär­barkeit, warum Bana­nen gekrümmt sind, ist diese Irri­ta­tion für Ken­ner natür­lich auch irgend­wie wieder völ­lig Banane.

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systematisches in der grundschule

Neulich in ein­er Grund­schulk­lasse. Die Klasse arbeit­et fleis­sig, da geht die Tür auf: Ein empörter Vater stürmt in die Klasse und brüllt:

Frau F.! Das kön­nen Sie so nicht machen! Sie haben uns geschrieben, unsere Tochter kommt jeden Tag 20 Minuten zu spät zum Unter­richt! Das stimmt über­haupt nicht! Das sind höch­stens 15 Minuten!

- Vielle­icht soll­ten Sie das Frau F. sagen, ich bin nicht Frau F.

Ach, Unsinn. Das hat doch alles Sys­tem! Komm Kind, wie gehen!

- Papa, wir schreiben ger­ade eine Mat­h­ear­beit.

Schnaubend ver­lässt der Vater das Klassen­z­im­mer. Meldet sich der kleine Max:

Boah,

und legt sich seine kleine Hand auf die Brust,

hab’ ich mich erschrock­en! Ich dacht’, dat wird ‘n Amok­lauf!

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seltsame stilblüten der lokalpresse

Um ihren Lesern

lokal-, region­al, bun­des- und weltweit inter­es­sante The­men anbi­eten

zu kön­nen, übern­immt das Lokalblättchen mein­er Heimat­stadt nun Texte der Zeitung Die Welt des Axel Springer Ver­lages. Für den Axel Springer Ver­lag ist das natür­lich gut: So kann man ein­fach alte Texte nochmal zu etwas Geld machen. Für den Leser ist das weniger prick­el­nd, denn der heutige Text ist ein­fach alt und hier und hier schon veröf­fentlicht.

Wenn ich Die Welt lesen wollte, würde ich Die Welt kaufen. Lokalzeitun­gen sind meines Eracht­ens wesentlich bess­er berat­en, ihre Investi­tio­nen in ihre eigene Qual­ität, ihre eige­nen Redak­teure zu steck­en.

Es ist ein selt­samer Gedanke der Redak­tion­sleitung, dass dieser Text ein Leser­in­ter­esse befriedigt. Als ob der Text außeror­dentlich gut wäre, als ob es nicht die Möglichkeit gäbe, im Inter­net Texte zu lesen, als ob es nicht die Möglichkeit gäbe, andere Zeitun­gen neben dem Lokalblatt zu lesen.

Aber bei Lokalzeitun­gen wer­den ja so manche selt­samen Ansicht­en vertreten.

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ernst tugendhat zum 80.: die tugendhatsche wende

Es gibt eine Anek­dote unter Stu­den­ten über einem Vor­trag von Ernst Tugend­hat über Moral in Göt­tin­gen, die unter Stu­den­ten als die Tugend­hatsche Wende bekan­nt ist.

Die Räum­lichkeit, in der Tugend­hat seinen Vor­trag hielt, war gut gefüllt, die Stu­den­ten in den mit­tleren und hin­teren Rei­hen und auf­fäl­lig vorne diejeni­gen, die sich wichtig vorka­men, die Fans der Ana­lytis­chen Philoso­phie, sprich die aufge­blase­nen Wichtigtuer, die nahe an ein­er Geis­tes­größe sein woll­ten, weil sie sich eben­bür­tig sehen.

Nach dem Vor­trag ist es bei den Philosophen so, dass direkt Fra­gen zum Gesagten gestellt wer­den. Wenn das gut ist, nimmt die Frage genauen Bezug auf den Vor­trag, schwieriger wird es, wenn freiere Asso­ti­a­tio­nen zum Vor­trag the­ma­tisiert wer­den sollen.

Ein­er dieser Fans nun, fein in Anzug und Krawat­te, wurde aufgerufen und durfte die erste Frage stellen:

Ja, aber Moral.… Dazu braucht man aber immer doch auch MACHT?!

Tugend­hat war vor ihm ste­hen geblieben, atmete nun hör­bar tief ein, sagte dehnend Jaaa­jaaaaaaa, drehte auf dem Absatz kehrt, schwieg ein wenig nick­end und nahm den Näch­sten dran. Geboren war: die Tugend­hatsche Wende. Das zur Schau gestellte Überge­hen ein­er für unpassend gehal­te­nen Frage.

Tugend­hat hat sich nie genötigt gese­hen, irgend­wo unbe­d­ingt dabei sein zu müssen. Deswe­gen zählt man ihn nicht zu ein­er untere­inan­der ver­bun­de­nen Gruppe von Philosophen, wed­er his­torisch noch aktuell. Man stellt ihn auch nicht als Vor­re­it­er ein­er bes­timmten Rich­tung dar. Und vielle­icht erk­lärt das irgend­wie auch seine per­sön­liche Heimat­losigkeit.

Dabei ist Tugend­hat die Liebenswürdigkeit in Per­son, bemüht um fairen, vorurteils­freien Umgang, leicht sich ver­ständlich machend, ein Philosoph, der eine starke Abnei­gung gegen falsche Fre­unde hat.

Wenn früher ein Stu­dent zu ihm kam mit ein­er sehr trock­e­nen Arbeit, dann, wird von Tugend­hat erzählt, habe er gefragt

Sagen Sie mal, haben Sie nicht irgend­was Inspi­ra­tives?

Das passt auf jeden Fall zu Tugend­hat: Die Anre­gung, sich doch bitte mit etwas zu beschäfti­gen, das einen selb­st und dadurch vielle­icht auch andere anregt.

Sowas kann man von Tugend­hat ler­nen, auch wenn er selb­st eben nicht frei von Vorurteilen ist. Ich hadere seit langem mit Tugend­hats merk­wüdi­ger Kant-Analyse, die ärg­er­lich unge­nau und platt ist, aber für einige Philosophen dur­chaus maßgebend und für Tugend­hats eigene Philoso­phie rich­tungsweisend. Ich habe nie ver­standen, was genau hin­ter der Antipathie gegenüber der kan­tis­chen Philoso­phie stand. Mir schienen es nie Sach­gründe zu sein, die ein­fach darstell­bar sind — sehr ungewöhn­lich für Tugend­hat. Ander­er­seits kann einem Philosophen auch nichts schlim­meres passieren, als bei einem solchen Denker eine Nei­gung zu ver­spüren, in dessen philosophis­chen Her­leitun­gen rumzupsy­chol­o­gisieren.

Was ich Rumpsy­chol­o­gisieren nenne, habe ich ein­mal betrieben, als ich die Gele­gen­heit hat­te, mit Tugend­hat über einige Texte zu sprechen, die andere Philosophen über seine Philoso­phie schrieben. Ich hat­te ihn darauf ange­sprochen, dass ich seinen Wohlwollen sehr schätze, mit dem er in seinen Rep­liken zu den Texte der anderen, auf die wirk­lich schwachen Teile dieser Texte nicht eingin­ge, nur auf die guten. Nein, nein, erwiderte Tugend­hat, das sei kein Wohlwollen, er habe schlicht nur das gele­sen, was ihn inter­essiere.

Neben großen Prob­le­men taucht bei Tugend­hat eben immer auch eine äußerst angenehme Leichtigkeit auf, die man anderen Men­schen im Leben gerne wün­schen würde.

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Mar­tin Seel — Ein Solitär

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auf dem rücksitz

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Tax­i­fahrer in Biele­feld erwis­cht. Eigentlich hat er eine Fin­ka auf Malle oder so und fährt nur noch spo­radisch in Biele­feld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi ver­bringt, füllt er immer mit inter­es­san­ten Geschicht­en.

Als ich gestern ein­stieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Dis­play WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt über­haupt nur noch ein Biele­felder. Nur ein Biele­felder, was ist denn daran Arminia Biele­feld? Außer­dem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird über­haupt nichts mehr, die über­schätzen sich ein­fach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hin­ten auf der Rück­bank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Dau­men über seine Schul­ter nach hin­ten)

und haben ihre dreck­i­gen Geschäfte aus­gemacht und gemeint, wir hier vorne ver­ste­hen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jet­zt… 55 Jahre wäre ich inzwis­chen Mit­glied beim VfB, die heis­sen ja jet­zt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht aus­ge­treten wär. Ich hat­te als kurz­er Ben­gel immer so einen Trick, wie ich umson­st da reinkom­men kon­nte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekom­men habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nach­na­men ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hin­ten saß mit ein­er blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und ein­mal, da sagt der: Herr Tax­i­fahrer, ken­ntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachricht­en und da sagten sie, dass jet­zt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skan­dal ver­wick­elt wäre. Her­ste? sagte der dann zu der Blonden, Her­ste? Die wollen mir diskraminieren. ‘Diskraminieren’ hat er gesagt. Tief ver­wick­elt war der. Ein dreck­iges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich ver­ab­schieden, da winkt er mich noch kurz her­an:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Ein­mal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Sta­dion und das Spiel war so aufre­gend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekom­men hat. Mit­ten im Sta­dion. Und hin­ter­her erfährste, dass das Spiel schon vorher entsch­ieden war. Vorher schon. Der hätte fast den näch­sten Herzkasper bekom­men. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekom­men? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Tax­i­fahrer, da möchte man am lieb­sten gle­ich mit zurück fahren.

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too much information 2010

Too much infor­ma­tion hat ein neues Ausse­hen bekom­men, was ich da eigentlich schon zur Genüge bre­it­ge­treten habe, ich stelle es den­noch hier nochmal vor:

Das Blog hat eine wesentlich größere Reich­weite als dieses Blog hier, dort wer­den aber nur Infor­ma­to­nen abge­han­delt, die eigentlich über­flüs­sig sind oder sein soll­ten. Diese kön­nen allerd­ings ernst, komisch oder lächer­lich sein. Das Inter­net und die Real­ität bieten reich­lich davon.

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promitalk 2010

Manch­mal fragt man sich, weswe­gen man auf bes­timmte Gedanken nicht früher gekom­men ist. Auch beim näch­sten kleinen Blog war nicht maßge­blich der Anbi­eter, son­dern vielmehr das ver­wen­dete Theme für die langsamen Ladezeit­en ver­ant­wortlich. Erst­mal was anderes draufge­spielt.

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reinhard marx – das kapital

Wenn man sich ein biss­chen mit Reli­gion und Reli­gion­sphiloso­phie auseinan­der­set­zt, kommt man nicht umhin, sich auch mal die aktuellen Schinken der katholis­chen Hirten anzuse­hen. Vorgenom­men habe ich mir mal Das Kap­i­tal von Rein­hard Marx, dem Erzbischof von München und Freis­ing.

Das Buch ist unge­fähr so wie Rein­hard Marx: Sym­pa­thisch, geschwätzig, nicht über­wis­senschaftlich, anek­doten­re­ich, ein­heitschaf­fend. Es bein­hal­tet aber inter­es­san­ter­weise in poli­tis­ch­er oder philosophis­ch­er Hin­sicht alles, was man heute an der Katholis­chen Kirche kri­tisieren mag.

Rein­hard Marx begin­nt sein Buch mit einem Brief an Karl Marx, in dem er gle­ich seine Überzeu­gung fest­stellt, dass Karl Marx nach seinem Tode wohl inzwis­chen davon überzeugt sein müsse, dass Gott existiere. Rein­hard Marx macht es so seinen Lesern von Beginn an schwierig, ihn für voll zu nehmen. Es ist ander­er­seits ein­fach eine Form von Respek­t­losigkeit, anderen Men­schen irgendwelche Behaup­tun­gen unterzu­jubeln, nur weil diese Men­schen nun tot sind, und sich nicht mehr dage­gen wehren kön­nen. Das hat­te auch schon Wal­ter Nigg in “Friedrich Niet­zsche” so getan, wo er behauptet, hätte Niet­zsche nur etwas unaufgeregter nachgedacht, wäre er überzeugter Evan­gele gewe­sen. Ich glaube dies alles nicht.

Unterm Strich spielt Rein­hard Marx ein­fach das, worunter er Karl Marx ver­ste­ht, gegen die Katholis­che Soziallehre aus. Es ist ein Aufeinan­dertr­e­f­fen ein­er Lehre auf eine Philoso­phie. Das Prob­lem ist nur, dass die Lehre lediglich geglaubt wer­den muss, nicht überzeu­gend begrün­det wie eine Philoso­phie sein muss, um akzept­abel zu sein. Wobei in diesem Zusam­men­hang zu beacht­en ist, dass für Rein­hard Marx das, wofür Karl Marx ste­ht, ein­fach nur Skep­tizis­mus ist: Das Angreifen von Din­gen, die für Werte gehal­ten wer­den.

Diese Werte entstam­men alle dem Chris­ten­tum, meint Detlef Horster, auf den sich Rein­hard Marx als Seg­nung durch einen Philosophen bezieht (S. 59). Dies ist über­haupt eine eigen­tüm­liche Beleg­meth­ode von Richard Marx: Das Her­anziehen der Mei­n­ung eines großen Geistes als Ersatz für die Begrün­dung ein­er eige­nen Mei­n­ung. Fast schon gön­ner­haft geste­ht Rein­hard Marx der Philoso­phie der Aufk­lärung zu, dass sie Begrün­dun­gen für moralis­che Werte geliefert habe, dass aber diese Werte eben schon vorher bestanden haben. Offen­sichtlich ist es Rein­hard Marx ein Anliegen zu zeigen, dass das Vorhan­den­sein von Werten wichtiger ist als das Begrün­det­sein von Werten.

Nicht nur die Soziallehre der katholis­chen Kirche wird somit in diesem Buch gegen Karl Marx aus­ge­spielt, eben­so grundle­gen­der ein katholis­ch­er Fun­da­men­tal­is­mus gegen objek­tive Begrün­dun­gen, worunter man Philoso­phie ver­ste­hen kann.

Die katholis­che Soziallehre sieht in Marx ihren größten Geg­n­er sie bezeugt ihm ihren Respekt.” (Oswald von Nell-Bre­un­ing (S. 32))

Wie großzügig. Die katholis­che Soziallehre kennze­ich­net sich durch eine Weltan­schau­ung, in der Indi­viduen durch Sol­i­dar­ität und Sub­sidiar­ität miteinan­der ver­bun­den sind (S. 95). Ein jedem seien poli­tisch und wirtschaftlich alle Frei­heit­en gegeben, solange sie in einem moralis­chen Ein­klang und in Unver­let­zung der Rechte ander­er möglich sind. Marx meint offen­sichtlich, dass dies schlichte Motiv ein­er aus­gear­beit­eten Philoso­phie gle­ichkommt, diese gar über­trifft. Eine irgend­wie gestal­tete Begrün­dung gibt es in Rein­hard Marx’ buch für die katholis­che Soziallehre näm­lich nicht: Sie ist ein­fach bess­er als alles andere.

Und weil man nach Rein­hard Marx auch ange­blich denkt, dass Reli­gion nicht nur Pri­vat­sache sei, son­dern dass Kirche eine gesellschaft­spoli­tis­che Auf­gabe habe (S. 63) gäbe es den Reli­gion­sun­ter­richt in Deutsch­land in der vor­liegen­den Form. Dies ist aber schlicht falsch. Die Ein­bindung der evan­ge­lis­chen und der katholis­chen Kirche in den Staat geht auf einen Pakt mit Hitler zurück, nicht auf ein Fürguthal­ten eines Staat­slenkers.

Aber diese eigen­willige Ansicht Rein­hard Marx’ fügt sich gut in sein Welt­bild: Die Kirche, und das heißt bei ihm eben die katholis­che, ist die Insti­tu­tion der Moral (S.62): Ihr Richt­platz. Ohne Kirche ist Moral für Rein­hard Marx wohl schutz- und wehr­los allen Übeln in der Welt aus­geliefert. Rein­hard Marx fühlt sich zudem in Übere­in­stim­mung mit Immanuel Kant, was sein Men­schen­bild bet­rifft (S. 174, Anmerk.: Kant wird über­haupt gerne von Geistlichen als Gewährs­mann vere­in­nahmt ohne auf seine Reli­gion­skri­tik einzuge­hen) und eben­so in Übere­in­stim­mung mit Karl Marx, was dessen Bild von der Fam­i­lie als Geburt­sort von Moral ange­ht: Für Marx sei die Fam­i­lie wichtig­ster Ort der Wertev­er­mit­tlung, daher sei Fam­i­lien­poli­tik wie Bil­dungspoli­tik vorauss­chauende Sozialpoli­tik.

Das kann man nun unhin­ter­fragt so ste­hen lassen oder hin­ter­fra­gen. Bei let­zterem ist man sich sel­ber aber Philosoph, und das für viele zwangsläu­fig. Denn beim Stich­wort Fam­i­lie muss man ja bei der katholis­chen Kirche immer sehen, dass Schwule keine Fam­i­lie sind. Eine Fam­i­lie ist Mama & Papa, nicht die wilde WG-Lebens­ge­mein­schaft wie in den 68ern. Die haben ja für die katholis­che Kirche die sex­uellen Auswüchse neueren Datums mit zu ver­ant­worten. Die Soziallehre der katholis­chen Kirche lässt völ­lig unbeant­wortet, warum man sich nicht ein­fach durch eine ver­traute Bezugsper­son eben so gut moralisch entwick­eln kann, wie durch ver­heiratete Eltern. Und ob es ger­ade an dieser Stelle nicht eben doch viel mehr auf ver­ständliche, begrün­dete Ver­mit­tlung von moralis­chen Ver­hal­tensweisen ankommt als auf Werte-Tra­di­tion.

Man begeg­net in diesem Buch Rein­hard Marx an den Stellen, die den Men­schen an der katholis­chen Kirche so unheim­liche Prob­leme bere­it­en. Man find­et aber als Reak­tio­nen darauf nur fun­da­men­tal­is­tis­che Durch­hal­teparolen vor, die für sich genom­men nicht überzeu­gen. Aber das sollen sie ja auch nicht.

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skimmen

[Ich muss hier mal einen Ein­trag in Fußnoten­form machen für den Fall, dass ich mich hier­auf mal rück­beziehen möchte.]

Das Wort skim­men hat im Deutschen eigentlich bis­lang eine andere Ver­wen­dung als diejenige, die ich ver­wen­den möchte. Aber diese ist so sel­ten ver­wen­det, dass ich meine, man kann meine Ver­wen­dung gut gle­ichzeit­ig ste­hen lassen.

Mit skim­men meint man eigentlich das Schmutz­ab­saugen ein­er Ober­fläche. Damit ist die Ver­wen­dung, die ich meine, schon ver­gle­ich­sweise beschrieben: Skim­men ist im englis­chen, und damit auch in anderen Län­dern, die Fähigkeit durch stich­probe­nar­tiges Lesen eines Textes dessen Klas­si­fika­tion schnell einord­nen zu kön­nen [s.a. Wikipedia: Skim­ming / Speed read­ing . Einen deutschen Ter­mi­nus scheint es mir hier­für bish­er nicht zu geben. Die Redewen­dung einen Text über­fliegen trifft die Sache nicht richtig.].

Diese Fähigkeit lässt sich einüben und auf viele, wenn auch nicht alle, Texte anwen­den. Zum Erler­nen nimmt man sich ein­fach ein paar Zeitung­s­texte und ver­sucht, sich genau die Stellen her­auszupick­en, an denen man wichtige Pas­sagen annimmt. Für den Anfang reichen da also Tex­tan­fang, Textmitte und die Textstelle kurz vor dem Textschluss.

Man wird an diesen Stellen Hin­weise find­en, für wie gebildet der Schreiber den Leser hält, wie infor­ma­tion­sstark der Text ist, ob er wis­senschaftlich oder nur pop­ulär geschrieben ist. Je nach Maß­gabe der eige­nen Textsuche kann man nun also schon Texte voneinan­der tren­nen: Wis­senschaftliche von nichtwissenschaftlichen Tex­ten oder ander­srum: leicht ver­ständliche von schw­er ver­ständlichen Tex­ten.

Je kom­plex­er und sprach­codiert­er Texte allerd­ings wer­den, desto nut­zlos­er ist Skim­men. Es ist allerd­ings für viele Texte sehr gut brauch­bar.

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mischa-sarim vérollet — das leben ist keine waldorfschule

Nach Kant hat richtig gute Kun­st immer auch für den Betra­chter das Authen­tis­che, das Für­wahrhal­ten, das Irri­tierende, nicht den Gegen­stand als etwas Erkün­steltes zu erken­nen, an sich.

Und genau damit habe ich auch bei Mis­cha-Sarim Vérol­lets Buch Das Leben ist keine Wal­dorf­schule zu kämpfen. Als reines Lit­er­atur­ob­jekt fällt es bei mir durch. Das Buch ist wenig über­raschend, sprach­lich okay, aber nicht umw­er­fend, es bleibt immer auf dem­sel­ben Niveau, es bewegt den Leser nicht in seinem Inner­sten und sowas. Aber das Buch soll ja auch gar nicht reines Lit­er­atur­ob­jekt sein. Was dann?

Vérol­let ist in lit­er­arisch­er Hin­sicht Slam Poet, das bedeutet, seine Texte erweckt er durch Darstel­lung vor Pub­likum zum Leben. Ihn daher in der oben angedeuteten Lin­ie zu ver­reißen, wäre also so geistre­ich, wie She loves you, yeah, yeah, yeah von den Bea­t­les nur auf Grund des Textge­haltes zu beurteilen.

So sieht man aber gle­ich, dass nach kon­ser­v­a­tiv­er Strickart Vérol­lets Texte arg­wöh­nisch betra­chtet wer­den: Soll­ten gute Texte nicht alleine für sich sprechen kön­nen? Das dür­fen sie gerne, das soll­ten sie bess­er bei heiklen The­men auch. Das müssen sie aber nicht in jedem Kon­text.

So erspielt sich Vérol­let seine Niesche im Lit­er­aturbe­trieb als geschicht­en­erzäh­len­der Fips Asmussen. Das sollte mir nie­mand übel nehmen, auch Fips Asmussen war und ist schließlich enorm erfol­gre­ich. Ich habe mich tot­gelacht, als ich 10 war. Seine Witze für sich sind ohne Auf­führung irri­tierend geist­los, wie Oliv­er Kalkofe gezeigt hat. Das Irri­tierende kommt allerd­ings teils auch daher, dass man weiß, was Asmussen für einen bre­it gestreuten Erfolg hat. Aber den hat er als auftre­tender Kün­stler und durch CDs mehr als als Büch­er­schreiber.

Natür­lich ist Fips Asmussen platt, genau das macht ja auch seinen Witz aus: Die Irri­ta­tion, dass das, was er vorträgt dort ein­fach ist, wo man Kom­plex­eres erwartet. Eben­so ist Vérol­let ein­fach für seine Zuhör­er. Sie find­en sich mit der melodis­chen Sprach­hand­habung Vérol­lets und den unbeküm­merten Geschicht­en schnell angenehm ver­traut, da stört es nicht, das der Buchti­tel nicht son­der­lich neu ist oder die Geschicht­en nie tiefge­hend, allen­falls anzüglich. Und auch die Optik des Buch­es mit dem bun­ten Cov­er und die den Text beglei­t­en­den Zeich­nun­gen ähneln frap­pierend den Taschen­büch­ern von Fips Asmussen.

Dies soll kein Ver­riss sein, nur eine Art, die Qual­ität dieser Kun­st aufzuzeigen: Sein Pub­likum der­art einz­u­fan­gen, schafft längst nicht jed­er.

Über den Gehalt des Buch­es habe ich somit wenig bis nichts gesagt, was mir allerd­ings auf Grund der Form recht­fer­tig­bar erscheint. Inhaltlich beste­ht das Buch aus diversen kurzweili­gen, aufge­hüb­scht­en Selb­st­be­tra­ch­tun­gen in beson­deren All­t­agssi­t­u­a­tio­nen, die sich, zumin­d­est bei mir, nicht ins Hirn ein­bren­nen.

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