westfälische idiome (vii): völlig banane sein

Das heutige Idiom gehört zu den­jeni­gen, die im West­fälis­chen vorkom­men, auch wenn der genaue Ursprung nicht bekan­nt ist. Es han­delt sich um den Ausspruch: Das ist doch völ­lig Banane.

Es kön­nen nur für den Red­ner eher abstrak­te Gegen­stände Banane sein. Man sagt also nicht Dieses Haus da ist Banane. Ein solch­er Ausspruch würde aller­höch­stens Kinder belusti­gen. (Der Geschmack eines Eis­es kann natür­lich weit­er­hin Banane sein; hier­bei bezieht man sich aber nicht auf ein Sein, son­dern lediglich auf eine sinnliche Wirkung, also ein So-Sein.)

Man kann dage­gen sagen Die Architek­tur des Haus­es finde ich völ­lig Banane. Eben­so kann man ein ver­lorenes Spiel ein­er Fuss­ball­mannschaft analysieren, indem man sagt, das tak­tis­che Vorge­hen auf dem Spielfeld sei völ­lig Banane gewe­sen.

Mit Banane bezieht man sich hier also präzise auf eine nicht-ade­quate gestal­ter­ische Umset­zung ein­er Idee, nicht auf den Gegen­stand selb­st, der diese gestal­ter­ische Umset­zung darstellt. Der Sach­lage nach kön­nte der Red­ner daher auch sagen, dass die Umset­zung der Idee der eigentlichen Idee dessen, was umge­set­zt wer­den sollte, nicht zuträglich ist. Mit Das ist doch Banane fügt der Red­ner hinzu, für wie gescheit­ert er auch per­sön­lich diese Umset­zung empfind­et. Es ist also keine rein sach­liche Analyse. Diese sind dem gemeinen West­falen aber eh sus­pekt.

Das Wort Banane wird wohl gewählt, weil eine Banane eine gekrümmte Form hat, deren Zweck (“Warum ist die Banane krumm?”) sich vie­len nicht erschließt, was widerum eine gewisse Irri­ta­tion nach sich zieht. Da diese Irri­ta­tion aber dem eige­nen Unwis­sen entstammt, nicht der Unerk­lär­barkeit, warum Bana­nen gekrümmt sind, ist diese Irri­ta­tion für Ken­ner natür­lich auch irgend­wie wieder völ­lig Banane.

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systematisches in der grundschule

Neulich in ein­er Grund­schulk­lasse. Die Klasse arbeit­et fleis­sig, da geht die Tür auf: Ein empörter Vater stürmt in die Klasse und brüllt:

Frau F.! Das kön­nen Sie so nicht machen! Sie haben uns geschrieben, unsere Tochter kommt jeden Tag 20 Minuten zu spät zum Unter­richt! Das stimmt über­haupt nicht! Das sind höch­stens 15 Minuten!

- Vielle­icht soll­ten Sie das Frau F. sagen, ich bin nicht Frau F.

Ach, Unsinn. Das hat doch alles Sys­tem! Komm Kind, wie gehen!

- Papa, wir schreiben ger­ade eine Mat­h­ear­beit.

Schnaubend ver­lässt der Vater das Klassen­z­im­mer. Meldet sich der kleine Max:

Boah,

und legt sich seine kleine Hand auf die Brust,

hab’ ich mich erschrock­en! Ich dacht’, dat wird ’n Amok­lauf!

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seltsame stilblüten der lokalpresse

Um ihren Lesern

lokal‑, region­al, bun­des- und weltweit inter­es­sante The­men anbi­eten

zu kön­nen, übern­immt das Lokalblättchen mein­er Heimat­stadt nun Texte der Zeitung Die Welt des Axel Springer Ver­lages. Für den Axel Springer Ver­lag ist das natür­lich gut: So kann man ein­fach alte Texte nochmal zu etwas Geld machen. Für den Leser ist das weniger prick­el­nd, denn der heutige Text ist ein­fach alt und hier und hier schon veröf­fentlicht.

Wenn ich Die Welt lesen wollte, würde ich Die Welt kaufen. Lokalzeitun­gen sind meines Eracht­ens wesentlich bess­er berat­en, ihre Investi­tio­nen in ihre eigene Qual­ität, ihre eige­nen Redak­teure zu steck­en.

Es ist ein selt­samer Gedanke der Redak­tion­sleitung, dass dieser Text ein Leser­in­ter­esse befriedigt. Als ob der Text außeror­dentlich gut wäre, als ob es nicht die Möglichkeit gäbe, im Inter­net Texte zu lesen, als ob es nicht die Möglichkeit gäbe, andere Zeitun­gen neben dem Lokalblatt zu lesen.

Aber bei Lokalzeitun­gen wer­den ja so manche selt­samen Ansicht­en vertreten.

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ernst tugendhat zum 80.: die tugendhatsche wende

Es gibt eine Anek­dote unter Stu­den­ten über einem Vor­trag von Ernst Tugend­hat über Moral in Göt­tin­gen, die unter Stu­den­ten als die Tugend­hatsche Wende bekan­nt ist.

Die Räum­lichkeit, in der Tugend­hat seinen Vor­trag hielt, war gut gefüllt, die Stu­den­ten in den mit­tleren und hin­teren Rei­hen und auf­fäl­lig vorne diejeni­gen, die sich wichtig vorka­men, die Fans der Ana­lytis­chen Philoso­phie, sprich die aufge­blase­nen Wichtigtuer, die nahe an ein­er Geis­tes­größe sein woll­ten, weil sie sich eben­bür­tig sehen.

Nach dem Vor­trag ist es bei den Philosophen so, dass direkt Fra­gen zum Gesagten gestellt wer­den. Wenn das gut ist, nimmt die Frage genauen Bezug auf den Vor­trag, schwieriger wird es, wenn freiere Asso­ti­a­tio­nen zum Vor­trag the­ma­tisiert wer­den sollen.

Ein­er dieser Fans nun, fein in Anzug und Krawat­te, wurde aufgerufen und durfte die erste Frage stellen:

Ja, aber Moral.… Dazu braucht man aber immer doch auch MACHT?!

Tugend­hat war vor ihm ste­hen geblieben, atmete nun hör­bar tief ein, sagte dehnend Jaaa­jaaaaaaa, drehte auf dem Absatz kehrt, schwieg ein wenig nick­end und nahm den Näch­sten dran. Geboren war: die Tugend­hatsche Wende. Das zur Schau gestellte Überge­hen ein­er für unpassend gehal­te­nen Frage.

Tugend­hat hat sich nie genötigt gese­hen, irgend­wo unbe­d­ingt dabei sein zu müssen. Deswe­gen zählt man ihn nicht zu ein­er untere­inan­der ver­bun­de­nen Gruppe von Philosophen, wed­er his­torisch noch aktuell. Man stellt ihn auch nicht als Vor­re­it­er ein­er bes­timmten Rich­tung dar. Und vielle­icht erk­lärt das irgend­wie auch seine per­sön­liche Heimat­losigkeit.

Dabei ist Tugend­hat die Liebenswürdigkeit in Per­son, bemüht um fairen, vorurteils­freien Umgang, leicht sich ver­ständlich machend, ein Philosoph, der eine starke Abnei­gung gegen falsche Fre­unde hat.

Wenn früher ein Stu­dent zu ihm kam mit ein­er sehr trock­e­nen Arbeit, dann, wird von Tugend­hat erzählt, habe er gefragt

Sagen Sie mal, haben Sie nicht irgend­was Inspi­ra­tives?

Das passt auf jeden Fall zu Tugend­hat: Die Anre­gung, sich doch bitte mit etwas zu beschäfti­gen, das einen selb­st und dadurch vielle­icht auch andere anregt.

Sowas kann man von Tugend­hat ler­nen, auch wenn er selb­st eben nicht frei von Vorurteilen ist. Ich hadere seit langem mit Tugend­hats merk­wüdi­ger Kant-Analyse, die ärg­er­lich unge­nau und platt ist, aber für einige Philosophen dur­chaus maßgebend und für Tugend­hats eigene Philoso­phie rich­tungsweisend. Ich habe nie ver­standen, was genau hin­ter der Antipathie gegenüber der kan­tis­chen Philoso­phie stand. Mir schienen es nie Sach­gründe zu sein, die ein­fach darstell­bar sind — sehr ungewöhn­lich für Tugend­hat. Ander­er­seits kann einem Philosophen auch nichts schlim­meres passieren, als bei einem solchen Denker eine Nei­gung zu ver­spüren, in dessen philosophis­chen Her­leitun­gen rumzupsy­chol­o­gisieren.

Was ich Rumpsy­chol­o­gisieren nenne, habe ich ein­mal betrieben, als ich die Gele­gen­heit hat­te, mit Tugend­hat über einige Texte zu sprechen, die andere Philosophen über seine Philoso­phie schrieben. Ich hat­te ihn darauf ange­sprochen, dass ich seinen Wohlwollen sehr schätze, mit dem er in seinen Rep­liken zu den Texte der anderen, auf die wirk­lich schwachen Teile dieser Texte nicht eingin­ge, nur auf die guten. Nein, nein, erwiderte Tugend­hat, das sei kein Wohlwollen, er habe schlicht nur das gele­sen, was ihn inter­essiere.

Neben großen Prob­le­men taucht bei Tugend­hat eben immer auch eine äußerst angenehme Leichtigkeit auf, die man anderen Men­schen im Leben gerne wün­schen würde.

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Mar­tin Seel — Ein Solitär

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stephan sulke – vergessen

… und Stephan Sulke im Inter­view mit Matthias Schu­mach­er:

Die Zeit­en, wo Du schnell mal ‘ne halbe Mio. Sin­gles verk­lop­pen kon­ntest mit ‘ner “catchy” Melodie, die sind vor­bei. Die Zeit­en, wo Du mit ‘nem großen Auto rum­fahren kon­ntest, ohne als Umwelt­fer­kel beschimpft zu wer­den, die sind auch vor­bei. Die Zeit­en, wo Du ohne wah­n­witzige Kon­trollen in den Flieger steigen kon­ntest, die sind auch vor­bei. Ander­er­seits, die Zeit­en, wo Du von Deutsch­land nach Spanien bis zu vier­mal an der Gren­ze ange­hal­ten wur­dest und zweimal Geld wech­seln musstest, die sind auch vor­bei. Aktion bewirkt Reak­tion. Die Tech­nik von heute verän­dert die Welt; wohin?

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auf dem rücksitz

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Tax­i­fahrer in Biele­feld erwis­cht. Eigentlich hat er eine Fin­ka auf Malle oder so und fährt nur noch spo­radisch in Biele­feld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi ver­bringt, füllt er immer mit inter­es­san­ten Geschicht­en.

Als ich gestern ein­stieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Dis­play WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt über­haupt nur noch ein Biele­felder. Nur ein Biele­felder, was ist denn daran Arminia Biele­feld? Außer­dem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird über­haupt nichts mehr, die über­schätzen sich ein­fach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hin­ten auf der Rück­bank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Dau­men über seine Schul­ter nach hin­ten)

und haben ihre dreck­i­gen Geschäfte aus­gemacht und gemeint, wir hier vorne ver­ste­hen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jet­zt… 55 Jahre wäre ich inzwis­chen Mit­glied beim VfB, die heis­sen ja jet­zt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht aus­ge­treten wär. Ich hat­te als kurz­er Ben­gel immer so einen Trick, wie ich umson­st da reinkom­men kon­nte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekom­men habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nach­na­men ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hin­ten saß mit ein­er blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und ein­mal, da sagt der: Herr Tax­i­fahrer, ken­ntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachricht­en und da sagten sie, dass jet­zt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skan­dal ver­wick­elt wäre. Her­ste? sagte der dann zu der Blonden, Her­ste? Die wollen mir diskraminieren. ‘Diskraminieren’ hat er gesagt. Tief ver­wick­elt war der. Ein dreck­iges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich ver­ab­schieden, da winkt er mich noch kurz her­an:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Ein­mal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Sta­dion und das Spiel war so aufre­gend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekom­men hat. Mit­ten im Sta­dion. Und hin­ter­her erfährste, dass das Spiel schon vorher entsch­ieden war. Vorher schon. Der hätte fast den näch­sten Herzkasper bekom­men. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekom­men? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Tax­i­fahrer, da möchte man am lieb­sten gle­ich mit zurück fahren.

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