Donnerstag, den 21. Januar 2010   

bielefelder religionszwist

Ein recht unver­ständlich­er, klein­er Reli­gion­skrieg ist da zwis­chen Biele­feld und Berlin ent­bran­nt zwis­chen Prof. Heinz Gess [auch bei Twit­ter] und Prof. Abdur­rahim Vur­al, in dem bei­de teils ein­sichtlich recht und bei­de teils unrecht haben.

Vur­al erzürnt sich darüber, dass Gess den Islam eine Zwangsneu­rose nen­nt. Von allzu inten­siv­en Rechtss­chwierigkeit­en möchte ich hier­bei ein­mal abse­hen, denn inwiefern wer für was rechtlich zu haften hat, das kann ich nicht entschei­den. Vur­al jeden­falls sieht in den Aus­führun­gen von Gess Belei­di­gun­gen gegen sich und seine Reli­gion. Dage­gen sieht sich Gess von Vur­al bedro­ht:

Mir ist völ­lig klar, dass die Auf­forderung mus­lim­is­ch­er Führer, Kri­tik­er zu bestrafen, unter solchen Umstän­den jed­erzeit jeden in Deutsch­land tre­f­fen kann, der es nur wagt, den Mund aufzu­tun und neg­a­tive Kri­tik an den unzu­mut­baren Ver­hält­nis­sen in diesem Land der Unzu­mut­barkeit­en zu üben, deren eine und nicht ger­ing­ste die ver­bre­it­ete kon­formierende Asozial­ität ist, die sich unter anderem auch als pas­siv-kon­formistis­che Hin­nahme islamis­ch­er Herrschaft­sansprüche äußert. Die kap­i­tale Kul­turindus­trie und deren Massen­me­di­en ver­stärken bis auf wenige Aus­nah­men diesen Trend nach­haltig, indem sie erstens einem Kul­tur­rel­a­tivis­mus huldigen, der schon längst die Gren­ze zum völkisch-religiösen Kul­tur­ras­sis­mus, jen­er ide­ol­o­gis­chen Form, für die das „ger­man­is­che“ oder „deutsche Chris­ten­tum“ das über­trag­bare Par­a­dig­ma bere­it­stellt, über­schrit­ten hat, zweit­ens die grundle­gende Dif­ferenz zwis­chen Reli­gion­skri­tik als Ide­olo­gie und Xeno­pho­bie durch beab­sichtigte Ver­schiebung und Verdich­tung der bei­den Begriffe zu einem Begriff „Islam­o­pho­bie“ ver­wis­chen, der als solch­er darum schon eine sys­tem­a­tisch falsche Zustel­lung und als Begriff Ide­olo­gie ist, und drit­tens schließlich den in sich verkehrten, ide­ol­o­gis­chen Begriff „Islam­o­pho­bie“ dann auch noch als eine Form von unter­schwelligem Anti­semitismus oder als eine dem Anti­semitismus struk­tur­gle­iche Hal­tung definieren, mit dem para­dox­en Resul­tat, dass die Kri­tik am islamis­chen Anti­semitismus bzw. Anti­ju­dais­mus, die zugle­ich auch Kri­tik am Islam in sein­er gegen­wär­ti­gen Ver­fass­theit ist, selb­st — weil ange­blich „islam­o­phob“ — als struk­turell „anti­semi­tisch“ zu gel­ten hat und dem Tabu ver­fällt.

[Falls mal jemand ein Buch schreibt mit dem Titel “Sätze, mit denen man seine Leser abhängt”: Dieser Satz da oben sollte nicht fehlen!]

Unrecht hat Vur­al meines Eracht­ens darin, Zitate von Inter­net­seit­en, zu denen Gess in kein­er Verbindung ste­ht, diesem anzu­las­ten. Auf anderen Seit­en ste­ht zwar, Gess (der durch den Urhe­ber fälschlicher­weise “Pro­fes­sor der Uni­ver­sität Biele­feld” genan­nt wird) habe gesagt, der Islam sei eine kollek­tive Zwangsneu­rose, aber ein ver­i­fiziertes Zitat ist das alleine nicht. Insofern müsste der Betreiber der Seite beklagt wer­den. Genau diese Hal­tung hat Gess, und ich denke, insofern hat er hier recht.

Grund­sät­zlich Recht hat Vur­al darin, zu bean­standen, dass der Islam eine Zwangsneu­rose genan­nt wird. Das ist eine pauschale Verunglimp­fung ein­er Reli­gion. Gess ist in Bezug auf Sig­mund Freud, auf den die Rede von Reli­gion als ein­er Zwangsneu­rose zurück­ge­ht, bemerkenswert textgläu­big: Er nen­nt Freuds Behaup­tun­gen schlicht Erkennntisse und insofern wirkt die Rede von ein­er Zwangsneu­rose eben nicht wie ein Zitat von Freud, son­dern wie eine ange­bliche Erken­nt­nis. Warum Gess sich aber außer sein­er Textgläu­bigkeit an Freud dazu wis­senschaftlich berechtigt fühlt, vom Islam als Neu­rose zu sprechen, darüber bleibt er eine Antwort schuldig. Neu­rosen sind schließlich nicht Gess’ Fachge­bi­et. Argu­mente, die diese Behaup­tun­gen stützen und die insofern für andere ver­ste­hbar sein kön­nen, bietet er nicht an. Das wäre ger­ade deswe­gen inter­es­sant, weil Gess meint, er führe einen wis­senschaftlichen Diskurs.

Gess ver­fällt zudem im in einem hol­pri­gen Schrift­deutsch ver­fassten “Kollek­tive Zwangsneu­rose oder Straf­be­stand Islam­o­pho­bie” [pdf] in eine Art Gal­gen­hu­mor: Über die ange­sproch­ene Präsi­dentin der FH Biele­feld kündigt er zur Schlich­tung der Angele­gen­heit seinen Ein­tritt in die islamis­che Reli­gion­s­ge­mein­schaft an. Auf diese Art wird das Bemühen des Lesers Her­rn Gess ernst zu nehmen, auf eine harte Probe gestellt:

Ich gehe davon aus, dass Sie meine Stel­lung­nahme dem Präsi­den­ten der islamis­chen Reli­gion­s­ge­mein­schaft zuschick­en. Deshalb möchte ich hinzufü­gen, dass ich den Präsi­den­ten darum bitte, mir das Beitritts­for­mu­lar zur islamis­chen Glaubens­ge­mein­schaft zuzuschick­en, damit es mit der Bestra­fung und der Angst endlich ein Ende hat.

Manch­mal sind auch Präsi­dentin­nen nicht zu benei­den.

An diesen offe­nen Brief ange­hängt find­et man zudem das Sol­i­dar­itätss­chreiben von Dr. Richard Albrecht. Dieser kann sich zwar nicht genau an seine Freud-Lek­türe erin­nern, aber er find­et es über­zo­gen, in der Betitelung des Islams als Zwangsneu­rose eine Belei­di­gung zu sehen, weil Freuds Rede von der Reli­gion als kollek­tiv­er Zwangsneu­rose in aller Munde sei. Er endet seinen Unter­stützung­s­text mit der Annahme,

dass die aus dunkelmän­ner­isch-obscu­ran­tis­tis­ch­er Anti- und Gege­naufk­lärung gespeis­ten Anwürfe gegen Dr. Heinz Geiss wenn nicht von den Urhe­bern selb­st zurückgenom­men so doch behördlich­er­seits als absurd zurück­gewiesen wer­den.

Nee, is klar. Dunkelmän­ner­isch-obscu­ran­tis­tisch! Soviel mal zum The­ma Neu­rose.

Wer in diesem Stre­it Recht hat? Man sollte sich am besten selb­st darüber ein Bild ver­schaf­fen, bei­de Pro­fes­soren hal­ten Ihre Leser schließlich über ihre Inter­net­seit­en auf dem Laufend­en.

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10 kommentare

  • Es gibt einen Shirt-Spruch, der lautet “Reli­gion ist heil­bar”. Als Satz auf ein­er Tex­tilie völ­lig OK, ich find’ ihn sog­ar gut. Als Grund­lage für eine ern­sthafte Auseinan­der­set­zung in akademis­chem Duk­tus ist er aber denkbar ungeeignet.

    Grund­sät­zlich kommt diese “Neue Atheisten”-Haltung schon wie ein Beißre­flex rüber, und das nervt. Genauer gesagt kann man wegen der Ide­olo­giehöhe die eigentlich wis­senschaftlich argu­men­tieren­den Athe­is­ten kaum noch, und wenn dann nur sehr schw­er unter­schei­den von denen, die sie angreifen. Schade!

  • Ja, T-Shirt-Sprüche sollte man T-Shirt-Sprüche sein lassen. Ich erin­nere mich an einen Bekan­nten, der rot vor Wut wurde bei dem Spruch “God hates us all”, der irgend­wo stand. Ver­schwen­dete Energie irgend­wie.

    Reli­gion ist sicher­lich für viele die Form ein­er ein­fachen Beant­wor­tung von Fra­gen, die man nicht abweisen kann. Man macht es sich aber zu ein­fach wie Dawkins & Co. wenn man schlicht behauptet, dass empirische Analy­sen der Reli­gion den Boden unter den Füßen weg ziehen. Das tun sie eben nicht, oder zumin­d­est nur dem schwärmerischen Reli­gion­s­glauben, der Geschehnisse in der Welt ohne kri­tis­ches Hin­ter­fra­gen und Argu­men­tieren schlicht für göt­tlich­es Ein­greifen hält.

    Ich finde Kants Gedanken ganz ein­leuch­t­end, dass die Men­schen ein­er Idee Gottes als ein­heitschaf­fende Idee bedür­fen, wenn sie die Frage quält, wozu ihr gut intendiertes Han­deln let­zten Endes führt. Aber es ist eben nur eine Idee und für Men­schen, die diese Frage nicht quält uner­he­blich. Den­noch ver­wen­den diesen Gedanken viele Men­schen, die sich eigentlich als Athe­is­ten beze­ich­nen wür­den.

  • Hm, “God hates us all” ist der Titel eines Slay­er-Albums ;o)

    Ich kann dein Argu­ment nachvol­lziehen, bin aber eher auf der Seite der knall­harten Wis­senschaftler. Natür­lich ist es für einen Gläu­bi­gen irrel­e­vant, dass die Wahrschein­lichkeit für die Exis­tenz von Göt­tern äußerst ger­ing ist. Aber das sollte man respek­tieren, anstatt es zum Anlass zu nehmen, zu spot­ten.

    Ich habe das vor einiger Zeit in einen Artikel ein­fließen lassen, wenn ich den grade mal kre­den­zen darf: http://tina-andi.blogspot.com/2009/08/was-alice-schwarzer-und-die-neuen.html

    Danke ;o)

  • Ja, siehste, wieder mal ne Wis­senslücke geschlossen, bin aber auch kein Slay­er-Experte.

    Das mit der “Seite der knall­harten Wis­senschaftler” ist allerd­ings äußerst selb­st­be­weihräuch­ernd, das soll ja auch nur dazu dienen, ohne Argu­mente andere auszuschließen. War Kant etwa kein der­ar­tiger Wis­senschaftler? Sein Gedanke von der “notwendi­gen Idee Gottes” wird in den “knall­harten” Nar­tur­wis­senschaften als reg­u­la­tives Prinzip allen­thal­ben eben­so ver­wen­det. Natür­lich ohne dass deren Forschungsergeb­nisse sich auf diese, sagen wir mal, Hil­f­san­nahme als Ursache beziehen.

    Ein Gläu­ber muss über­haupt nicht an die Wirk­lichkeit von Göt­tern glauben, das ist ja ger­ade die Cruix. Eine notwendi­ge Idee sagt nichts über die wirk­liche Exis­tenz des Inhalts dieser Idee aus. Man muss nur über­prüfen, ob es sich dabei nicht um eine, wie Kant es nen­nt, Chimäre, also ein Trug­bild han­delt. Daher schei­det der Man­ag­er-Gott aus.

    Allerd­ings ist der Ver­such, die Idee Gottes zu fal­si­fizieren eben­so aus­sicht­s­los wie der Ver­such, ein phänom­e­nales Ein­wirken eines über allem wachen­den Gottes in der Welt zu beweisen.

  • Da habe ich wohl etwas zu forsche Worte benutzt, tut mir leid. Na klar war Kant in sein­er Meth­ode knall­hart. Nachzule­sen zb in der philosophis­chen Hin­tertreppe …

    Ich ver­ste­he Deinen Ein­wand in etwa so: Pipi Langstrumpf hat eine Idee des “Spunk”. Ich kann ver­suchen ihr zu beweisen, dass es keinen Spunk gibt. Und werde scheit­ern, weil ich es in let­zter Kon­se­quenz nie kön­nen werde. Und selb­st wenn es gelingt: Pipi hat ja die IDEE vom Spunk.

    Na, auf der Grund­lage kön­nen wir nochmal über Göt­ter reden. Oder fliegende Spaghet­ti­mon­ster, unsicht­bare rosa Ein­hörn­er oder was man sich noch alles hat ein­fall­en lassen. Die Idee eines Gottes lässt sich so natür­lich nicht wider­legen, aber warum auch, wenn die wahre Exis­tenz eines solchen ohne­hin so gut wie aus­geschlossen ist?!

    Und zuguter­let­zt hat das, was im Namen von Göt­tern bis­lang so verzapft wurde, in sehr vie­len und in sehr drastis­chen Fällen eher nichts mit gut intendiertem Han­deln zu tun …

  • Also, nichts, von dem, was ich hier von mir gebe, ist auch nur irgend­wie per­sön­lich her­ab­set­zend gemeint. Salopp gesagt, nicht per­sön­lich, aber das ist es ja doch irgend­wie.

    Die philosophis­che Hin­tertreppe ist nun sehr knapp gehal­ten, darauf würde ich eher ungern ver­weisen. Aber egal.

    Ich habe mir schon gedacht, dass deine The­men­be­gren­zung die Gläu­bi­gen als Für­wahrhal­ter der­ar­tiger Spunks ein­gren­zt. Es gibt sicher­lich auch solche Men­schen. Allerd­ings umfasst diese Begren­zung eben nicht das gesamte Gebi­et, von dem als Reli­gion gesprochen wird.

    In der Philoso­phie ist dein Spunk ver­gle­ich­bar mit der per­fek­ten Insel, die ein Mönch gegen Anselm von Cater­bury auf­führt, um zu zeigen, dass dessen Idee Gottes eben nur eine willkür­lich für per­fekt gehal­tene Idee ist ohne Ver­i­fizierungsmöglichkeit.

    Anselm ver­weist selb­st aber darauf, dass dem Men­schen diese Idee von Vol­lkom­men­heit (“das, über das hin­aus nichts größeres gedacht wer­den kann”), was als sein Gottes­be­griff genom­men wird, wesentlich näher ist als der Gedanke irgend eines andern für per­fekt gehal­te­nen Objek­ts.

    Nun shceint Anselm auf Grund dieser Beziehung auf das men­schliche Denken davon aus zu gehen, dass dieses Objekt Real­ität besäße, was wohl ein Fehlschluss ist.

    Damit ist aber ein­er­seits die Idee Gottes nicht aus dem Felde geschla­gen. Ander­er­seits ist nicht gezeigt, dass es sich bei dieser Idee um ein unhalt­bares Trug­bild han­delt, nur weil Natur­wis­senschaften für Natur­phänomene die kom­plex­esten Erk­lärun­gen gefun­den haben.

    Das heisst selb­stver­ständlich nicht, dass hier nun von ein­er anderen Art des Denkens ist, von einem Auss­chal­ten der Ver­nun­ft als Über­gang zu ein­er Tätigkeit des Glaubens.

    Natur­wis­senschaftler fal­si­fizieren aber nun ein­mal diese Idee nicht im ger­ing­sten, auch diese “Die Wahrschein­lichkeit, dass es Gott gibt, ist gering”-Thesen sind keine Aus­sagen über die Welt. Kant geht nur soweit zu sagen, dass es eine recht­mäßige Ver­wen­dung der Idee Gottes gibt (nicht des Begriffs), worüber man sicher­lich stre­it­en kann. Ein Spunk oder eine per­fek­te Insel fall­en allerd­ings nicht unter diese Ansicht.

  • Ich finde du argu­men­tierst hart an der Sache, ich habe mich bis­lang nicht her­abge­set­zt gefühlt.

    Ich kenne mich in dem Bere­ich wenig aus, aber ich ver­suche es zu ver­ste­hen. Mein Ein­wand wäre: Die Nich­tex­is­tenz ein­er “Idee” kann nicht bewiesen wer­den. Nie. Und es ist daher egal, wie diese Idee aussieht.

    Göt­tliche Ideen gibt und gab es in Hülle und Fülle. Und es waren einige dabei, die alles andere als vol­lkom­men waren. Einige dieser Ideen gehen so weit, dass diese Göt­ter fehlbar sind und gegeneinan­der kämpfen.

    Es ist vielle­icht eher eine Frage der Def­i­n­i­tion, was hier genau mit “Göt­tlichkeit” oder “Vol­lkom­men­heit” gemeint ist. Denn auch oder ger­ade die (mit Ver­laub übri­gens äußerst abstrak­te) IDEE von Göt­tlichkeit spiegelt am Ende vielle­icht nur eine allzu­men­schliche Sehn­sucht wider, die er, der Men­sch, (und das ist ja abslut ver­ständlich) wiederum zu bestäti­gen, zu ret­ten ver­sucht.

    Du siehst, ich kann nicht anders, als den Glauben als Phänomen zu sehen, den man kul­tur­wis­senschaftlich, vielle­icht psy­chol­o­gisch und mit­tler­weile ja sog­ar neu­rol­o­gisch unter­suchen kann.

    Und ganz abge­se­hen von abstrak­ten Begrif­f­en finde ich es schlicht nicht akzept­abel, Glaubensin­halte mit Waf­fenge­walt umzuset­zen (dabei darf man übri­gens auch gerne mal an die IRA denken, die macht immer mal wieder gerne den ein oder anderen Anschlag), sie als Mit­tel zur Umset­zung eigen­er wirtschaftlich­er oder poli­tis­ch­er Ziele einzuset­zen, mit ihnen unlieb­same Frauen zu ver­bren­nen oder sie zu nutzen um kleinen Jungs am Schnie­pel rumzus­pie­len (dazu ein klein­er Auss­chnitt, der mich jedes Mal fas­sungs­los wer­den lässt: http://feuerbringer.com/2009/05/28/opfer-des-irischen-missbrauchs-spricht/ ) . Beispiel­sweise. Und deshalb ist es aus mein­er Sicht abso­lut gut und richtig, die Vor- und die Nachteile abzuwä­gen, die eine kul­tur­prä­gende Reli­gion so hat. Und bei bis­lang kein­er über­wiegen da die Vorteile. Das ist alles so was von über­haupt nicht vol­lkom­men oder gut intendiert gehan­delt, dass ich den Gegen­be­weis ein­er gut klin­gen­den Idee gerne schuldig bleibe.


    Es macht Spaß, eine solche Diskus­sion zu führen. Was mir bei meinem ersten Kom­men­tar aber eigentlich wichtig war ;o) ist, dass man Gläu­bige nicht aus ein­er Art Almanachar­ro­ganz abw­er­tend behan­deln darf, ganz gle­ich ob man gute Argu­mente oder wis­senschaftliche Erken­nt­nisse hat. Und der Ver­gle­ich mit ein­er Geis­teskrankheit oder Störung gehört mein­er Ansicht nach genau in diese Kat­e­gorie.

  • Ich denke, bei Kant ist es sehr wichtig zu sehen, dass er von ein­er notwendi­gen Idee Gottes spricht und nicht von einem Begriff, also etwas, das man begreifen kann, von dem man sich einen Begriff macht. Und von dieser Idee gilt es bei Kant oder nach der Kan­tis­chen Argu­men­ta­tion­slin­ie zu zeigen, dass diese eine berechtigte Anwen­dung hat.

    In dieser Her­leitung, weswe­gen man die Idee mit Recht anwen­den darf, unter­schei­det sich diese Idee bspw. von der Idee eines Spunks. Es ist nicht völ­lig her­beigewunken, was zu dieser Idee gehört und was nicht. Ein Ein­greifen Gottes in die phänom­e­nale Welt oder ein Ver­ant­wor­tung-auf Gott-abschieben lässt sich darauf so wenig beziehen wie ein Für-wahr-hal­ten, dass Gott existiert.

    Kant kann man sich ja insoweit näh­ern, dass man ein­räumt, dass für einige Men­schen eine der­ar­tige Idee ihrem Denken ein hil­fre­ich­es Ord­nung­sprinzip ver­schafft.

    Kant set­zt mit sein­er notwendi­gen Idee Gottes hier an. Er meint, dass der Men­sch sich zwangsläu­fig fragt, was denn dabei wohl rauskommt, wenn er sich immer sich und anderen gut gegenüber ver­hält. Die Gefahr ist also, dass er skep­tisch meinen kön­nte, gutes Ver­hal­ten wäre für ihn let­zten Endes nut­z­los.

    Wir sind also hier weniger in einem philosophis­chen als mehr in einem anthro­pol­o­gis­chen Bere­ich. Man kann ja sagen, die Chan­cen, dass gutes Ver­hal­ten mir schadet oder nutzt (oder zumin­d­est nicht schadet) ste­hen 50:50. Durch seinen Skep­tizis­mus wären viele Men­schen wohl geneigt, hier­durch pes­simistisch zu sein oder neg­a­tiv gese­hen, oppor­tunis­tisch, was das Aus­nutzen des Ver­hal­ten ander­er ange­ht.

    Insofern ist die Idee Gottes ein passendes Hil­fkon­strukt. Das finde ich auch soweit eher unprob­lema­tisch. Diese Möglichkeit kann man ja ein­räu­men, und wenn man ihrer nicht bedarf, kann man sie ignori­eren.

    Kurz: Wenn der Men­sch eine natür­liche oder sit­tliche Ord­nung denken will, benötigt er die Idee Gottes, da sich anson­sten eine der­ar­tige Ord­nung nicht denken lässt. Dazu ist das men­schliche Denken schlicht zu begren­zt, auch heute noch, was einige Natur­wis­senschaftler gerne über­spie­len möcht­en. Aus dieser Idee selb­st erwach­sen aber keine Erken­nt­nisse (und der Kreation­is­mus ist doch eigentlich nur das, woge­gen die Natur­wis­senschaftler ange­hen) und auch keine dog­ma­tis­chen Forderun­gen (das uns Irri­tierende bei vie­len islamis­chen Regeln, aber auch wenn Bis­chöfin Käß­mann meint, man könne nicht gegen etwas han­deln, was die Bibel fordere).

    Natur­wis­senschaftler ver­wen­den selb­stver­ständlich eine solche Ord­nung vorgebende Idee, sie nen­nen es halt manch­mal eher Natur. Wür­den sie annehmen, es sei irra­tional ein­er der­ar­ti­gen, gän­zlich unbe­grün­de­ten Ord­nung hin­ter­herzu­forschen, dann wäre es ja irra­tional zu forschen. Die Forschungsergeb­nisse sprechen hier schon ein­fach gegen und ich denke das Forschen beflügelt nicht nur das Anhäufen von Ergeb­nis­sen, son­dern eben­so der Gedanke an das Aufdeck­en der Idee dieser Ord­nung.

  • KLasse, vie­len Dank für die Erk­lärung. Ich denke, langsam komme ich dahin­ter. Und wie ver­mutet, ist es eine Def­i­n­i­tion­ssache:

    Natur­wis­senschaftler ver­wen­den selb­stver­ständlich eine solche Ord­nung vorgebende Idee, sie nen­nen es halt manch­mal eher Natur.”

    –>Was andere Natur nen­nen, nen­nt Kant Gott. Auch wenn er da an einen ganz bes­timmten Gott denkt, und nicht uni­versell (also inkon­se­quent) ist, würde ich mal sagen: Hm, von mir aus ;o)

    Wis­senschaftler sträuben sich auch nicht wirk­lich gegen eine Idee in diesem Sinne, son­dern gegen die sich daraus bilden­den Reli­gio­nen und ihre Auswirkun­gen. Kreation­is­mus gehört sich­er dazu, ist aber nur eine Auswirkung von vie­len.

    Dass ger­ade Kant mit ein­er so schw­er greif­baren, mit dem Ver­stand nicht erfass­baren Erk­lärung kommt, finde ich komisch. Er war es, der eine wun­der­bar ein­fache Möglichkeit aus­bal­dovert hat, mit der moralis­ches Han­deln ganz ohne göt­tliche Ein­mis­chung geregelt wer­den kann. Ich meine den kat­e­gorischen Imper­a­tiv. Der Satz agiert mit den Fol­gen moralis­chen und nicht-moralis­chen Han­delns, nur mit Hil­fe des Ver­standes, ganz ohne Gott.

    In dem “Reli­gion­szwist” geht es IMHO auch nicht um die Negierung ein­er göt­tlichen Idee im Kan­tis­chen Sinne, son­dern um die Belei­dun­gung ein­er “Reli­gion” (bzw., wie Rou­ven richtig ein­wen­det, eigentlich “aller Reli­gio­nen”). Und das, da sind wir uns ja einig, sind zwei unter­schiedliche Ebe­nen. Wer Reli­gion ablehnt, hat über diese kan­tis­che Idee dem­nach ja noch gar keine Aus­sage gemacht. Trotz­dem, span­nen­der Exkurs!!

  • auch wenn er da an einen ganz bes­timmten Gott denkt, und nicht uni­versell (also inkon­se­quent) ist

    Nee. Kant denkt gar nicht an einen Gott. Er geht ja so weit, zu sagen, es gibt wed­er the­o­retis­che noch prak­tis­che Erken­nt­nis über Gott. Und inkon­se­quent ist er, soweit ich das sehe, auch nicht.

    Dass ger­ade Kant mit ein­er so schw­er greif­baren, mit dem Ver­stand nicht erfass­baren Erk­lärung kommt

    Nee. Kants Aus­führun­gen sind dur­chaus ver­ständlich. Moral- und Reli­gion­sphiloso­phie bee­in­flussen sich bei Kant den Begrün­dun­gen nach nicht. Der skep­tis­che Zweifel am Ergeb­nis ver­meintlich guten Han­delns ruft allerd­ings die Reli­gion­sphiloso­phie auf den Plan. Wer einen der­ar­ti­gen Zweifel nicht ken­nt oder ohne Reli­gion auskom­men will, der hat sich nach Kant immer noch an die moralis­chen Geset­ze zu hal­ten, denn die sind ohne göt­tlichen Ein­fluss begrün­det.

    -

    Beim Rechtsstre­it, in den ich mich wie geschrieben nicht ein­mis­chen möchte, geht es sicher­lich um Belei­di­gun­gen. Diesen liegt aber eine unter­schiedliche Reli­gion­sauf­fas­sung zugrunde, die zunächst von Her­rn Gess the­ma­tisiert wurde. Und dieser habe ich mich kri­tisch genähert.

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