Mittwoch, den 21. Juli 2010   

andreas baader lässt für die deutsche bahn dna spiegeln

Neulich sind wir ja zur Bochum Total gewe­sen. Und auf der Hin­fahrt ereignete sich doch eine Sit­u­a­tion, in der man sich fast wie in Geisel­haft befand. Die passte irgend­wie nicht in den Bochum-Total-Ein­trag, deshalb lief­ere ich das mal nach.

Wir nah­men also am schwül­war­men Sam­stagabend den Zug nach Bochum und schon am Bahn­steig fiel eine bebrillte Kurzhaar­blon­dine auf, die so stakkatisch in ihn Handy redete als sei es ein Dik­tierg­erät. Ich weiß gar nicht mehr genau, warum sie mir auffiel, aber da ich nicht der Einzige war, dem das unter­lief, schaute ich eben auch diese Frau an. Und das, obwohl ich Blondi­nen eigentlich gar nicht hin­ter­her­gucke. Über irgen­det­was beschw­erte sie sich, soviel war klar, bei irgen­dein­er Beschw­erdestelle. Alle, die das wie ich mit­beka­men, fan­den es wohl etwas selt­sam, der­art unge­wollt am Gespräch teil­haben zu müssen. So schnell ist man dann in kafkaesken Sit­u­a­tio­nen, man muss nur mal irgend­wo am Bahn­steig ste­hen.

Ich musste, wie gesagt, am Bahn­steig schon unfrei­willig zuhören, denn ich für meinen Teil gehöre zu den Men­schen, die sich hörtech­nisch nicht ein­fach aus dem Moment rausziehen kön­nen. Mein klein­er Brud­er kann das dage­gen ganz her­vor­ra­gend. Neben einem laut­en Fernse­hgerät und quatschen­den Per­so­n­en kann er noch irgendwelche Berech­nun­gen auf Papi­er zus­tande brin­gen. Mir würde das so nicht gelin­gen, ich brauche Ruhe. Und mit dieser Macke scheine ich nicht alleine zu sein. Aber ich schweife ab.

Inzwis­chen war unser Zug einge­fahren. Mit mein­er Fre­undin stieg ich in den Dop­peldeck­er ein und wir sucht­en uns oben zwei Plätze, keinen Vier­er, der Zug war ziem­lich voll. Wie wir kurz nach Anfahren des Zuges fest­stellen kon­nten, war die bebrillte Kurzhaar­blon­dine im sel­ben Abteil. Das hörte man, denn sie hat­te ihr Beschw­erdege­spräch wohl wieder aufgenom­men.

Ich möchte eine Tätlichkeit melden!

brüllte sie mit Nach­druck in ihr Tele­fon. Ich schaute über­rascht meine Fre­undin an. Für einen Moment kom­men einem da so leichte Gewis­sens­bisse: Eine Tätlichkeit? Auf dem Bahn­hof wohlmöglich? Hätte man der Dame zuhil­fe kom­men müssen? Hat­te man sie ver­früht als Quäl­geist aus­gemacht? Aber das Gespräch ging ja noch weit­er:

Das ist eine große Ver­schwörung. Die werde ich zur Anzeige brin­gen. Die Bahn ver­sucht das ja zu ver­tuschen. Und die Bun­desregierung auch. Aber ich werde das öffentlich machen, …

Es klang schon sehr ernst und bedeut­sam. Was hat­te sich die Bahn wohl neben den kol­la­bieren­den Kli­maan­la­gen noch zu Schulden kom­men lassen, dass die Bun­desregierung beim Ver­tuschen helfen musste? Endlich kamen wir zum Knack­punkt der Beschw­erde:

… dass die Deutsche Bahn flächen­deck­end DNA spiegelt.

Okay, das klingt sehr meschugge. Aber ander­er­seits — man muss sich das ja nur mal eben als Schäu­ble vorstellen — ander­er­seits eben so meschugge, dass es auch schon wieder…

Die nehmen das über­all ab. Die haben ja viel davon. Und der Andreas Baad­er hat mir das ja auch schon … hal­lo? Hal­lo! Fun­kloch! Na, warte.

Da schließt sich dann der Kreis: Denn wenn Andreas Baad­er tat­säch­lich für die Deutsche Bahn DNA spiegelt, würde ich das als Bun­desregierung natür­lich auch um jeden Preis ver­tuschen wollen. Soviel ist ver­ständlich.

Ich mag so kip­pende Gespräche ja an und für sich. Und ich habe mir auch fest vorgenom­men, dass ich irgendwem mal bier­ernst eine Geschichte erzählen werde und dann neben­säch­licher­weise fall­en lasse, dass eben Andreas Baad­er aufm Handy angerufen hat. Wird bes­timmt witzig, haha. Als ob der meine Han­dynum­mer wüßte!

Aber als Beteiligter im Zug ist sowas dage­gen schon ganz schön gespen­stisch, ger­ade wenn man in einem engen Zweier die aufge­bracht enthül­lende Tele­foniererin nicht síe­ht, nur hört. Man ver­lässt ja auch nicht ein­fach den Sitz­platz und sucht sich einen anderen, nur weil da jemand laut­stark unüber­hör­baren Unfug von sich gibt. Sowas macht man ja noch. Nein, man bleibt artig auf seinem Platz, wie man das gel­ernt hat und muss den Protest mitan­hören. Man sitzt das dann ein­fach aus.

Oh, ich muss aufhören. Das Handy klin­gelt. Das ist bes­timmt der Andreas. Der ist da was Großes am Pla­nen dran.

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