“hey jude” massenkaraoke

Die deutsche Telekom ver­sucht sich bei unseren Nach­barn in Großbrit­tanien ja gerne in Massen­mo­bil­isierun­gen. Die let­zte Aktion im Rah­men der “Life’s for sharing”-Reihe fand ich dann doch etwas zu plump, aber die jet­zige Karaokev­er­anstal­tung hat schon was. 13.500 Men­schen gröhlen auf dem Trafal­gar Square unter der fach­mänis­chen Anleitung von Pink “Hey Jude” von den Bea­t­les.

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die trivialisierung von folter

Kei­th Olber­mann macht wieder von sich reden. Nach­dem Sean Han­ni­ty, ein kon­ser­v­a­tiv­er Radio-Mod­er­a­tor, Buch­schreiber und Water­bor­d­ing-Befür­worter, in ein­er Fox-Nachricht­ensendung meinte, er würde sich Water­board­ing unterziehen, wenn es einem guten Zweck zu Gute käme, geht Olber­mann darauf ein. Er bietet 1000$ pro Sekunde Water­bor­d­ing an, 2000$ für die Aus­sage, dass dies eine fürchter­liche Folter sei. Olber­manns Idee dahin­ter ist offen­bar weniger die Spek­taku­lar­ität ein­er solchen Aktion, als auch darauf aufmerk­sam zu machen, dass man in dieser Sache eine gewisse Ern­sthaftigkeit bewahren sollte.

Bere­its vor eini­gen Monat­en hat­te sich der Reli­gion­skri­tik­er und Irak-Krieg-Befür­worter Christo­pher Hitchens bere­it erk­lärt, sich einem Water­board­ing zu unterziehen. Es ist Teil des Ver­such­es gewe­sen, dass Hitchens während­dessen drei Arten hat­te, ken­ntlich zu machen, dass die Aktion abge­brochen wer­den soll. Ein Umstand, den US-Gefan­gene nicht hat­ten, was die Ver­gle­ich­barkeit der­ar­tiger Ver­suche mit realen Folter­ak­tio­nen aus­set­zt. Zumal diese Foltern deut­lich länger und mit bis zu 183mal deut­lich öfter bei einzel­nen Per­so­n­en stat­tfan­den. Hitchens stoppt die Aktion nach weni­gen Sekun­den und meint danach, er hätte schwören kön­nen, das Code-Wort gesagt zu haben, auch wenn er wisse, dass das nicht der Fall gewe­sen ist.

Es ist ganz inter­es­sant zu sehen, wie in let­zter Zeit eine Art kri­tis­che Öffentlichkeit zur eige­nen Regierung und Per­so­n­en des öffentlichen Lebens wächst. Let­ze Woche hat­te der­art John Stew­art in sein­er Sendung argu­men­ta­tiv begrün­det, im ehe­ma­li­gen US-Präsi­den­ten Tru­man einen Kriegsver­brech­er zu sehen.

mehr: Äußerun­gen von Cob­dolez­za Rice zum Vor­wurf staatlich­er Folter, Eich­manns Beru­fung auf den kat­e­gorischen Imper­a­tiv

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moral und moralität

Ich will mal in einzel­nen Artikel bes­timmte Begriff­sklärun­gen, von denen ich denke, dass ich sie im Fol­gen­den noch gebrauchen kann, fes­thal­ten.

Ich beginne mit Moral und Moral­ität. Es ist sin­nvoll den Unter­schied zwis­chen dem Beze­ich­neten bei­der Begriffe vor Augen zu haben. Mit Moral lassen sich gesellschaftlich anerkan­nte Sit­ten klas­si­fizieren. Diese Fol­gen bezüglich der Gel­tung das Moses-Prinzip: Es gibt einen Kat­a­log mit Grund­sätzen, der befol­gt wird. Eine Begrün­dung dafür, Folge zu leis­ten, ist dabei unklar, wird oft­mals ohne weit­eres angenom­men. Beim Moses-Prinzip kön­nte man von göt­tlich­er Weisung sprechen, aber was das genau heißt, ist auch noch unklar. Und weswe­gen man dies befol­gen muss eben­so. Papst Benedikt XVI. spricht an solchen Stellen davon, dass sich die göt­tlichen Geset­ze mit dem deck­ten, was “dem Men­schen ins Herz geschrieben” sei, belässt es aber bei dieser schwammi­gen, metapho­rischen Aus­druck­sweise und klärt die Sach­lage nicht weiter[1. Joseph Ratzinger, Der angezweifelte Wahrheit­sanspruch, (pdf) S. 4ff. “Der Sieg des Chris­ten­tums über die hei­d­nis­chen Reli­gio­nen wurde nicht zulet­zt durch den Anspruch sein­er Vernün­ftigkeit ermöglicht. Ein zweites Motiv ist gle­ichbe­deu­tend damit ver­bun­den. Es beste­ht zunächst, ganz all­ge­mein gesagt, im moralis­chen Ernst des Chris­ten­tums, den freilich wiederum schon Paulus in Zusam­men­hang gebracht hat­te mit der Vernün­ftigkeit des christlichen Glaubens: Das, was das Gesetz eigentlich meint, die vom christlichen Glauben ins Licht gestell­ten wesentlichen Forderun­gen des einen Gottes an das Leben des Men­schen, deckt sich mit dem, was dem Men­schen, jedem Men­schen, ins Herz eingeschrieben ist, so daß er es als das Gute ein­sieht, wenn es vor ihn hin­tritt. Es deckt sich mit dem, was „von Natur gut ist“ (Röm 2,14f.). ].

Man kann von den Inhal­ten der 10 Gebote sagen, sie seien Werte. Bringe nie­man­den um, begehre nicht deines Nach­barn Frau, stehle nicht. Fragt man nach ein­er Begrün­dung, so scheinen doch die einzel­nen Gebote unter­schiedlich stark gew­ertet zu wer­den: Man hält doch das Begehren der Frau seines Nach­barn für weniger schlimm, wenn über­haupt, als das Ermor­den ein­er Per­son. His­torisch gese­hen machte aber das Stehl-Ver­bot größere Prob­leme: die Men­schen­rechte, gese­hen als ein der­ar­tiger Wertekat­a­log, ent­standen dadurch, dass sich Bürg­er an die Kirche wandten mit ihrem Gewis­senskon­flikt, sel­ber gut leben zu kön­nen, während andere Hunger­snot lei­den. Ange­hörige der Kirche reagierten daraufhin, in dem sie fes­thiel­ten, man dürfe sich des Hab und Guts eines anderen bedi­enen, wenn dies die einzige Möglichkeit zum Über­leben sei[2. 2. s. Scott Swan­son, “The Medieval Foun­da­tions of John Locke’s The­o­ry of Nat­ur­al Rights: Rights of Sub­sis­tence and the Prin­ci­ple of Extreme Neces­si­ty ” His­to­ry of Polit­i­cal Thought 18 (1997) 399­459, S. 399–459. ].

Unter Moral­ität ver­ste­he ich nun die Gesin­nung eines Men­schen und basiert auf Recht­fer­ti­gun­gen vor sich selb­st. Die Gesin­nung geht nicht voll­ständig in der­ar­ti­gen Moralkat­a­lo­gen auf. Man muss darunter vielle­icht nicht zwangsläu­fig das ver­ste­hen, was Kant unter Moral­ität ver­stand, aber es gibt gute Gründe, es so anzunehmen.

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monique smit — vrouwenalphabet (mit übersetzung)

Die kleine Schwest­er des kleinen Jan Smit, Monique, hat ein kleines weit­eres Pop­perlchen veröf­fentlicht. Viel Spaß mit dem Fraue­nal­pha­bet:

Weisst du wenig oder nichts von ein­er Frau
hab ich gute Ratschläge für dich
Willst du wis­sen, wie man uns berührt
wie man den Tiger in uns weckt
das Geheim­nis des schwachen Geschlechts
ist wir sind nicht so schwach wie du denkst
suchst du unsere gefüh­lvolle Seite
dann pass mal bess­er auf

A — Halt die Türen auf
B — und die Hände bei dir
C — gib ihr Kom­pli­mente
D — bring sie sich­er nach Haus
und tu ihre Sor­gen nicht ein­fach ab

E — Gib ihr Wärme
F — und Zärtlichkeit
G — mach sie ganz beson­ders
H — biet ihr Sicher­heit, dann wird’s schon klap­pen
Tu mal, was ich sag

Sind die Damen für dich ein Prob­lem
Biste jede Nacht wieder alleen
Suchst du auch nach dem großen Geheim­nis
dass die Frauen schwach nach dir macht?
Schnallst du nicht, warum du es nicht packst?
Folg den Regeln meines Alpha­bets
und bevor du bis 10 gezählt hast, bist du ihr Held

A — Halt die Türen auf
B — und die Hände bei dir
C — gib ihr Kom­pli­mente
D — bring sie sich­er nach Haus
und tu ihre Sor­gen nicht ein­fach ab

E — Gib ihr Wärme
F — und Zärtlichkeit
G — mach sie ganz beson­ders
H — biet ihr Sicher­heit, dann wird’s schon klap­pen
Tu mal, was ich sag

Ging mein Alpha­bet dir etwas zu schnell
hör nochmal zu, dann behält’s du es wohl
hör auf alles, was ich sag
ein­mal nur noch, was ich sag

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der verbotsreflex konservativer politiker

Immer wenn in Deutsch­land etwas ein­schnei­dend Gewalt­tätiges passiert, ste­ht ein Poli­tik­er auf und will irgen­det­was ver­bi­eten. Das ist das Mantra des kon­ser­v­a­tiv­en Poli­tik­ers, von dem er nicht abge­hen will. Weisst man ihn wie bei der Kinder­porn­ode­bat­te darauf hin, dass der­ar­tige Ver­bote nachgewiesen­er­weise untauglich sind, dann sagt er, man werde auch noch anderes unternehmen. Aber Ver­bote müssen sein. Ver­bote sind Selb­stzweck. Das ist eine sehr ein­fach gestrick­te, aber ger­adezu fun­da­men­tal­is­tisch ver­ankerte Sichtweise. Da geht der Kon­ser­v­a­tive nicht von ab. Und er glaubt auch jedem anderen Kon­ser­v­a­tiv­en, der Ver­bote fordert, unange­se­hen der Stich­haltigkeit der Argu­mente, die für ein Ver­bot sprechen sollen.

In der Kinder­porno-Debat­te meinte Frau von der Leyen, dass in Nor­we­gen täglich 18000 Besuche auf Kinder­porno­seit­en ver­hin­dert wer­den wür­den. Das MdB Kristi­na Köh­ler (CDU) glaubt das blind­links. Ohne auf die Idee zu kom­men, das in Frage zu stellen. Man müsste “Zugriffsver­such” mal erk­lären. Sind das Einzelper­so­n­en? Dann wären alle Nor­weger in den let­zten 2 Jahren auf ein­er Kinder­porno­seite gewe­sen. Oder auch Pro­gramme? In Unken­nt­nis der Zahl der­er, die erfol­gre­ich eine Kinder­porno­seite aufrufen, ist diese Zahl, von der nicht mal bekan­nt ist, auf welchen Zeitraum sie bezo­gen wird, untauglich. Krim­i­nal­beamte, die das der­ar­tige Sper­ren ken­nen, weisen darauf hin, dass dieses Sper­ren gegen vorsät­zliche Miss­brauch­er untauglich ist. Ver­hin­dert wer­den nur Zufall­sklicks. Glauben Sie, dass ein Zufall­sklick­er sofort sein Port­mon­naie zückt? Gemessen an den Men­schen, die Sie ken­nen? Wieviele, denken Sie, schließen eine der­ar­tige Seite sofort wieder?

Jet­zt möchte die CDU weit­er­ma­chen mit dem Ver­bi­eten.  Im Nach­hall der Geschehnisse von Win­nen­den meint man, Spiele wie Paint­ball und Laser­drom ver­bi­eten zu müssen. Hier werde, so CDU-Poli­tik­er Bos­bach, das Töten simuliert. So ein kon­ser­v­a­tiv­er Poli­tik­er muss nur ein­fach ein Spiel zu ein­er Tötungsaus­bil­dung umdeklar­i­eren und schon meint er, er könne Ver­bote fordern. An dieser Stelle geht es um Begriffs­be­set­zun­gen, nicht um argu­men­ta­tiv gestütztes Überzeu­gen.

Bei Laser­drom ren­nen Sie über ein Spielfeld und schießen mit Lasergewehren Lich­strahlen auf Mit­spiel­er. Sie müssen eine bes­timmte Stelle tre­f­fen, dann ist der Spiel­er getrof­fen und schei­det für eine bes­timmte Zeit aus. Der Geg­n­er kann wegren­nen, sich duck­en und zurückschießen. Bei Völker­ball ren­nen Sie über ein Spielfeld und schmeis­sen Bälle auf Mit­spiel­er. Sie kön­nen jede beliebige Stelle des Kör­pers tre­f­fen. Ist der Spiel­er getrof­fen, schei­det er aus, bis er selb­st jeman­den aus dem “Aus” her­aus trifft. Spiel­er kön­nen wegren­nen, sich duck­en und zurück­w­er­fen.

Wür­den Sie Völker­ball als Tötungssim­u­la­tion anse­hen? Und Laser­drom ist nun eine Tötungssim­u­la­tion, weil statt eines Balles Licht­strahlen ver­wen­det wer­den? Die Spielele­mente sind iden­tisch, das neuere Spiel ist eben nur elek­trotech­nisch aufge­plus­tert. Mit der­sel­ben Logik, nach der Laser­drom eine Tötungssim­u­la­tion ist und Völker­ball ein Kinder­spiel, kön­nte man Fahrräder für gut und Autos für böse hal­ten.

Glauben Sie, Jugendliche spie­len diese Spiele mit ein­er unter­schiedlichen Geis­te­shal­tung? Glauben Sie, ihre Charak­tere änderten sich zum Neg­a­tiv­en? Beim gemein­samen Spiel mit anderen? Das alles glaube ich nicht. Aus einem ein­fachen Grunde: Es sind Spiele und Men­schen wis­sen, was Spiele sind. Dieser Satz klingt sim­pel, aber Sie müssen wirk­lich mit diesem Satz brechen, um sich der kon­ser­v­a­tiv­en Lin­ie Bos­bachs anzuschliessen. Ich dage­gen glaube fol­gen­des: Ich glaube, dass es viele Erwach­sene gibt, die in Kinder- und Jugend­spiele Dinge hinein­deuten, die für die betrof­fe­nen Kinder und Jugendliche nicht Bestandteile dieser Spiele sind.

Sofern Poli­tik­er, wie sie es ger­ade tun, Gegenein­wände gegen Ver­botsvorschläge damit abtun, dass Ver­bots­geg­n­er Greueltat­en Vorschub leis­teten, ste­ht eine demokratis­che Diskus­sion­skul­tur auf dem Spiel. Wird in der poli­tis­chen Diskus­sion Sachar­gu­menten wirk­lich noch eine entschei­dende Rolle zuge­s­tanden?

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die netzwerkbedeutung des internets

Michael Mach­nig ist ehe­ma­liger Wahlkampfhelfer Ger­hard Schröders und hat einen Vor­trag zu seinem neuen Buch gehal­ten. Es ist zu großen Teilen die Bauchn­abelschau eines Poli­tik­ers, nicht son­der­lich erhel­lend und dröge vor­ge­tra­gen. Aber einen Aspekt hebt er her­aus, den ich für dur­chaus inter­es­sant erachte.

[via]

Oba­ma habe Inter­net­diskus­sio­nen ver­fol­gt und dort erfol­gre­iche Argu­men­ta­tio­nen über­nom­men. Im Kleinen ver­fol­gt Sascha Lobo den Gedanken eben­so: In ein­er n‑tv-Sendung kommt er mit alt­bekan­nten Inter­net­mei­n­un­gen an, die er etwas verziert, ohne mit sein­er Eigen­leis­tung allerd­ings noch entschei­dend dem Ganzen eine Rich­tung zu geben. Zum einen ist das Aufnehmen von Infor­ma­tio­nen aus Net­zw­erken gesellschaftlich begrüßenswert, zum anderen risikobe­haftet.

Das Inter­net als Wis­sensres­source zu nutzen ist natür­lich etwas pos­i­tives und ich bin auch noch der Hoff­nung, dass sich gute Ideen durch­set­zen kön­nen. Eine Ver­lagerung von Per­so­n­en ihre Äußerun­gen mit Inter­net­mei­n­un­gen abzu­gle­ichen und auf let­ztere wegen ihres Erfol­gs stärk­er zu bauen, ist aber risiko­haft. Wohlmöglich kom­men Per­so­n­en in Posi­tio­nen, die fach­lich nicht qual­i­fiziert sind, aber her­vor­ra­gende Net­zw­erk­er. Das ist auch noch keine grund­sät­zliche Fehlerquelle, aber eine poten­tielle: Fach­män­ner dürften kom­pe­ten­ter, wenn auch nicht fehler­be­fre­it, mit Fach­fra­gen umge­hen kön­nen als Kol­por­teure von Mei­n­un­gen ander­er. Sie müssen sich auch weniger um den Schein als Fach­mann an zu kom­men küm­mern als Net­zw­erk­er ohne fach­liche Aus­bil­dung, auch wenn diese Kol­por­teure gut mit exter­nen Mei­n­un­gen umge­hen kön­nen. Jede Posi­tion, die allerd­ings ein Net­zw­erk­er statt eines Fach­manns bek­lei­det, muss aber hin­ter­fragt wer­den: Wieso ist dort nun kein Fach­mann am Werke?

Eine Frage, die sich derzeit auch Bun­desmin­is­terin von der Leyen gefall­en lassen muss:

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die unwissenheit des ministers guttenberg

Es ist schon beden­klich, wenn der zuständi­ge Min­is­ter Gut­ten­berg in den öffentlichen Nachricht­en das The­ma, zu dem er kri­tisiert wird, so ver­fehlt:

Nochmal in kurz:
1. Nie­mand will mit dieser Aktion, dass kinder­pornographis­che Inhalte geschützt wer­den sollen. Es ist polemisch zu behaupten, dieser Ein­druck entstünde.
2. Die Aktion der Bun­desregierung sper­rt diese Inhalte über­haupt nicht. Es gibt lediglich eine Sperre von Inter­ne­tadressen in Buch­staben­form, wobei diesel­ben Seit­en weit­er­hin über ihre Inter­ne­tadresse als Zahlenkom­bi­na­tion erre­ich­bar sind. Die Aus­druck­sweise des Min­is­ters ist sachinkom­pe­tent.

[via]

mehr: Das Aufk­lärung­sprob­lem der CDU, Wie die Bun­desregierung Kinder­porno­seit­en­klicks errech­net

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das aufklärungsproblem der cdu

Im Bun­destag hat eine erste Anhörung zum Ver­such der Bun­desregierung, den Zugang zu Inter­net­seit­en mit kinder­pornographis­chem Inhalt zu erschw­eren, stattge­fun­den. Bei dieser ersten Anhörung finde ich es höchst inter­es­sant, den Befür­wortern der soge­nan­nten “Sperre von Inter­net­seit­en” genauer zuzuhören.

In den Blogs und in Twit­ter ist die Mei­n­ung ziem­lich ein­deutig: Man ist gegen den Vorstoß der Bun­desregierung. Die Online-Peti­tion gegen das Vorhaben von Min­is­terin von der Leyen haben derzeit mehr als 62.000 Men­schen unterze­ich­net, die ent­ge­genete Peti­tion derzeit ger­ade ein­mal 155.

Dabei ist es nicht, so, dass die Bun­desregierung völ­lig halt­los darstünde. (Fed­er­führend scheint hier ja die CDU zu agieren, wobei die SPD dem Vorhaben bis­lang zus­timmt.)  Kinder­pornogra­phie ist ein weit­eres Exem­pel der Grausamkeit, mit der einige Men­schen anderen Men­schen begeg­nen. Und Deutsch­land ist sicher­lich ein Land, das beson­ders auf der­ar­tige Rechtsver­let­zun­gen acht­en sollte. Zunächst ein­mal will die Bun­desregierung ja nur, dass kinder­pornographis­che Seit­en aus dem Inter­net gefiltert wer­den. Wer dage­gen spricht, darf sich also zunächst die Frage gefall­en lassen, weswe­gen er einen möglichen Zugang zu Inter­net­seit­en haben will, deren Inhalt Kinder­pornogra­phie ist.

Hier sind wir an der Stelle, von der aus Bun­desmin­is­ter Gut­ten­berg argu­men­tiert, wenn es erk­lärt, dass es  ihn betrof­fen mache, dass der Ein­druck entste­ht, hier kämpfen Men­schen für den Erhalt des Zugangs zu Kinder­pornogra­phie. Um eine der­ar­tige Mei­n­ung, so vor­sichtig sie auch aus­ge­drückt sein mag, weit­er aufrecht zu erhal­ten, muss man die Ohren vor den Argu­menten der Genger der Inter­net­zen­sur geschlossen haben. Das ist entwed­er unin­formiert, naiv oder eben bewußt und damit anti-aufk­lärerisch und polemisch. Denn die Geg­n­er haben wieder­holt betont, dass es ihnen nicht um die Aufrechter­hal­tung eines der­ar­ti­gen Zugangs geht, son­dern um den Ein­wand gegen staatliche Zen­sur. Der Begriff “Zen­sur” ist an dieser Stelle dur­chaus ange­bracht, denn es wer­den unlieb­same, rechtswidrige Inhalte von Autoritäten ent­fer­nt. Auf diese Ein­wände gehen einige CDU-Poli­tik­er derzeit nicht ein, son­dern ignori­eren sie und unter­stellen den Geg­n­ern ihres Vorstoßes die Unter­stützung von Kinder­pornogra­phie. So zum Beispiel der CDU-Poli­tik­er Ingo Wellen­reuther in der ersten Anhörung zu diesem The­ma im Bun­destag:

Die Äußerun­gen Wellen­reuthers bein­hal­ten eine inter­es­sante For­mulierung. Er find­et es erschreck­end, dass es im Inter­net ein Video (vom 27. März) gibt, in dem in 27 Sekun­den (genauer: in 18) erk­lärt wird, wie man die vorge­se­hene Sper­rmaß­nahme umge­hen kann. Ich gehe davon aus, dass Wellen­reuther nicht meint, dass es erschreck­end ist, dass Unions-Poli­tik­ern diese Umge­hungsmöglichkeit trotz  Hin­weis­es durch eigens ein­berufene Experten nicht bekan­nt war. Er hält das öffentliche Ver­an­schaulichen, wie sim­pel es ist, für erschreck­end. (Dabei hat selb­st der ein­berufene Experte Prof. Dr. Hannes Fed­er­rath viel früher (am 20. Feb­ru­ar)  eine der­ar­tige Ver­an­schaulichung veröf­fentlicht, was Wellen­reuther bekan­nt sein sollte. )

Um es ganz klar zu sagen: Dieses Ver­an­schaulichen per Video ist Aufk­lärung. Und in dieser Debat­te liefert es wichtige Aspek­te. Es legt ein­dringlich dar,

1. dass die Sperre keine Sperre des Zugangs zu den Inter­net­seit­en ist (was einige Poli­tik­er allerd­ings immer noch so in Worten dar­legen),
2.  dass die Sperre ohne extra ver­wen­dete tech­nis­che Soft­ware zu umge­hen ist,
3. dass auch ein Inter­net­nutzer, der anson­sten Tech­nik-Laie ist, prob­lem­los die Sperre umge­hen kann,
4. dass ein Video über die Umge­hung wesentlich kürz­er sein kann als der­selbe Vor­gang in Worte gefasst
5. dass kurzum diese Sperre untauglich ist, das zu leis­ten, was Regierungspoli­tik­er ihr unter­stellen. [1. Zwei Tage vor Veröf­fentlichung des 27-Sekun­den-Videos wird der dama­lige Europol-Chef Max-Peter Ratzel von der Neuen Osnabrück­er Zeitung mit fol­gen­den Worten zitiert:

Bei der großen Mehrzahl der Kinder­porno-Kon­sumenten han­delt es sich nicht um tech­nis­che Experten, die eine Seit­en-Sperre ohne Weit­eres knack­en kön­nen. ]

Wellen­reuther inter­pretiert dieses Video als Hil­fe für Kinder­pornogra­phie-Inter­essierte. Er ignori­ert, dass dieses Video aufk­lärerische Funk­tion hat, vielle­icht sieht er let­zeres auch gar nicht. Das widerum wäre Unin­formiertheit oder Naiv­ität.

Es ist dur­chaus ein kleines Dilem­ma, dass Aufk­lärung auch dazu führt, Per­so­n­en aufzuk­lären, die mit dem durch Aufk­lärung neu erwor­be­nen Wis­sen Schind­lud­er treiben. Das ist der Preis der Aufk­lärung und eine weit­ere Auf­gabe für Aufk­lär­er. Ein Preis, den auch die CDU zulassen muss. Denn ohne Aufk­lärung ver­liert ein demokratis­ch­er Staat sein Rück­grat.

Und Aufk­lärung tut in den eige­nen Rei­hen der CDU unheim­lich not: Michaela Noll schloss ihren Beitrag in der­sel­ben Diskus­sion mit fol­gen­den Worten:

Wenn durch das Sper­ren von Inter­net­seit­en auch nur ein einziger Fall von sex­uellem Miss­brauch an einem Kind ver­hin­dert wird, dann hat es sich für mich gelohnt.

Das ist das ern­sthafte Ziel, an dem es sich zu messen gilt? Dazu bräuchte es Kinder­pornoher­steller, deren Ver­trieb­sweg allein im Aus­land gelagerte Inter­net­seit­en sind und deren Kun­den nur deutsche Inter­net­surfer sind, die trotz der öffentlichen Debat­te keine Ken­nt­nis vom 27-Sekun­den-Video haben. Ver­brech­er, denen unbekan­nt ist, dass man in Deutsch­land Kinder­pornogra­phie direkt und über das Handy ver­bre­it­en kann, so wie der Bun­destagsab­ge­ord­nete Tauss an seine kinder­pornographis­chen Mate­ri­alen gelangte.

Solche Leute gibt es nicht! Und es gibt eben­so keinen Kausalzusam­men­hang zwis­chen Zufall­sklicks im Inter­net und Kindesverge­wal­ti­gun­gen!

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wie die bundesregierung kinderpornoseitenklicks errechnet

Als Argu­ment für das soge­nan­nte “Sper­ren” von Inter­net­seit­en mit kinder­pornographis­chen Inhal­ten, hat man seit­ens der Bun­desregierung herange­zo­gen, dass in Nor­we­gen 15.000 bis 18.000 Klicks auf der­ar­tige Inter­net­seit­en ver­hin­dert wer­den wür­den. Ich habe mich immer gewun­dert, dass man nie dazu gesagt hat, auf was für einen Zeitraum sich diese Zahl bezieht. Täglich, monatlich, jährlich oder ein größer­er Zeitrah­men?

Jet­zt kommt Min­is­ter Gut­ten­berg mit ein­er anderen Zahl, um die Dringlichkeit dieses Vorhabens zu unter­mauern. Dies­mal muss nicht Nor­we­gen her­hal­ten, son­dern Schwe­den. Dort sollen ange­blich 50.000 Klicks ver­hin­dert wor­den sein. Diese Zahl ist jährlich gemeint. Ist die Zahl in Nor­we­gen nun auch jährlich gemeint? Dann sind die Schwe­den deut­lich schlim­mer als die Nor­weger. Oder ist die Zahl monatlich gemeint? Dann ist sind die Nor­weger exor­bi­tant schlim­mer als die Schwe­den. In jedem Falle müssen die Deutschen nach Gut­ten­bergschem Ermessen mit den Schlim­meren Schritt hal­ten: 450.000 Klicks auf Kinder­porno-Inter­net­seit­en. Aber gut, dass sind nur zufäl­lige Klicks.

Wenn man aber unter­stellt, dass zufäl­lige Klicks zufäl­lig geschehen und Klicks auf Kinder­porno­seite ab ein­er gewis­sen Zahl kein Zufall mehr sind, sagen wir mal 3 Mal, dann gibt es 150.000 Deutsche, die jedes Jahr neu auf Inter­net­seit­en mit kinder­pornographis­chen Inhalt stoßen.

Um das mal run­terzurech­nen: Wenn wir von 68% Inter­net nutzen­den Erwach­se­nen in Deutsch­land aus­ge­hen, sind das ca. 27,2 Mil­lio­nen. Nehmen wir mal an, 30% dieser Men­schen klick­en nicht gedanken­los irgendwelche Links an. Dann haben wir eine Risiko­gruppe von 19,04 Mil­lio­nen Men­schen. Diese bräucht­en mehr als 100 Jahre, damit einiger­maßen zufäl­lig jed­er mal auf ein­er kinder­pornographis­chen Inter­net­seite war. Anders betra­chtet: In den let­zten 9 Jahren muss von 20 Ihrer Inter­net nutzen­den Bekan­nten eine Per­son sta­tis­tisch gese­hen schon ein­mal auf ein­er kinder­pornographis­chen Inter­net­seite gewe­sen sein. Je weniger Per­so­n­en diesen Wert bestäti­gen kön­nen, desto unwahrschein­lich­er die zugrunde liegende Annahme.

Was ich eigentlich nur sagen will: Rum­rech­nen mit Phan­tasiezahlen bei einem The­ma wie Kinder­pornogra­phie ver­liert viel zu schnell den Real­itätswert.

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