wenn linke systeme untergehen

Der derzeit­ige Unter­gang der SPD als Groß­partei erin­nert mich schon etwas an den Unter­gang der DDR in seinen let­zten Zügen. Da find­en sich in den übrig gebliebe­nen Organ­i­sa­tions­for­men noch Leute, die das Schiff noch nicht ver­lassen haben, die aber auch nicht bemerkt haben, dass der Zug schon lange abge­fahren ist, dass das Volk von Ihnen ger­ade nichts erwartet, dass die Musik woan­ders gespielt wird.

Das Prinzip “Bauer sucht Frau”

Die SPD hat den Unfall, den sie erlit­ten hat, nicht wahrgenom­men, und wer zu den Leuten gehört, die ihn nicht wahr genom­men haben, der soll jet­zt die Reper­atur ver­an­lassen? Der Schaden ist noch nicht ein­mal iden­ti­fiziert, nicht per­son­ifiziert. Aber schon sind die ersten linken Oppor­tunis­ten da, die genau wis­sen, in welche Rich­tung die Segel der Partei gepustet wer­den müssen.

Dabei hat die SPD ja nicht nur extern Leute ver­grault, son­dern auch intern. Es hat sich eine soziale Klitsche gebildet, die intern nach den eige­nen Geset­zen funk­tion­iert. Die aber gar nicht auf dem Schirm hat, welch­er Wind ausser­halb weht. Und es ist nun ein­mal heute so, dass wer das nicht mit­bekommt, nach außen kaum ver­mit­tel­bar ist. Das ist der Span­nungs­bo­gen von Bauer sucht Frau.

Ein Dampf­schiff ohne Maschine

Diejeni­gen, die von Nöten wären, das Schiff wieder auf den alten sozialdemokratis­chen Kurs zu brin­gen, wur­den wegen dieser sozialen Klitsche fern gehal­ten oder durch sie ver­grault. Genau diese Leute sind nun eben nicht in der Partei, damit die SPD wieder auf bre­it­er Basis Akzep­tanz find­en kann.

Es bedarf ein­er intellek­tuellen Glan­zleis­tung, um ein strate­gis­ches Werk, egal ob in Wort oder Schrift, einzubrin­gen, das Ori­en­tierungspunkt für die derzeit­i­gen SPDler wer­den kann und das wer­bend diejeni­gen für die SPD wieder begeis­tern kann, die die SPD auf ihrem Weg in den let­zten 15 Jahren ganz ver­loren hat.

Die Chan­cen für so einen Fix­punkt sind aber mehr als ger­ing. Die Intellek­tuellen hat man schon ver­grault, ein paar Kün­stler beken­nen sich noch zur SPD, aber von denen ken­nt der Durch­schnitts­bürg­er auch schon zwei Drit­tel nicht. Stein­meier ver­weist auf den geschicht­strächti­gen Begriff der Sozialdemokratie, Deutsch­land brauche eine starke Sozialdemokratie, aber ihm ent­ge­ht, dass die Wenig­sten heute noch die Begriffe Sozialdemokratie und SPD für deck­ungs­gle­ich halten.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?

Und jet­zt kit­tet man eben mehr schlecht als recht, was kit­tbar erscheint.  Das Neube­set­zen von Posi­tio­nen, das Hoch­purzeln in der SPD-Hier­ar­chie und der kom­mende Rich­tungsstre­it übertünchen das nötige Selb­st­beken­nt­nis der Partei als ein­er 20%-Partei. Ein Blick zu den sozialdemokratis­chen 20%-Kollegen in den Nieder­lan­den kön­nte heil­sam sein.

Hoff­nung set­zen einige in ein Rot-Rot-Grün-Bünd­nis in NRW, das eine Blau­pause für kün­ftige Koali­tio­nen wer­den soll. Aber in NRW herrscht noch Schwarz-Gelb, von Wech­sel­stim­mung kann keine Rede sein, und das Schreck­ge­spenst, dass Sahra Wagenknecht in NRW zur Min­is­terin erko­ren wird, sollte man nicht unterschätzen.

Den Sozen sollte daher eines klar sein: Die Tal­sohle ist noch nicht ver­lassen und vielle­icht noch nicht ein­mal erreicht.
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Lesetipp:  Süd­deutsche Zeitung – Wie man einen Mann versenkt

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meine verwandschaft bindet einen erntekranz

Mor­gen ist ja, wie wir ale wis­sen, das Erntedank­fest, wo es genau darum geht, was das Wort eigentlich sagt. Das heisst, für mich hat­te dieser katholis­che Brauch immer einen etwas unper­sön­lichen Charak­ter: Auf meine kleine Erd­beeren­zucht habe ich dieses Fest als klein­er Stepp­ke nicht bezo­gen. Aber ich erin­nere mich an lang­weilige, gut besuchte Feste auf Bauern­höfen mit viel Brot und ohne Alkohol.

Das mir also der Bezug unschlüs­sig erschien, soll nicht heis­sen, dass bei uns zuhause diese Tra­di­tion weit­er­hin aufrecht erhal­ten wird. Der Vet­ter meines Vat­tern erk­lärt mal kurz, was u.a. an Vor­bere­itun­gen in diesem Jahr anstand:

Link: Erntedankkrone

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guten Tag, herr jasper

Manch­mal kann das Inter­net für den All­t­ag auch erfrischend ein­fach ein­be­zo­gen wer­den. Ger­ade bei den neuen Bun­destagsab­ge­ord­neten ist das inzwis­chen leicht verknüpf­bar. Für einen ehre­namtlichen Vere­in mein­er Heimat­stadt habe ich ein Blog instal­liert, dass langsam aber stetig in die Puschen kommt. Es bein­hal­tet Tage­sak­tuelles und andere Infor­ma­tive Sachen, sofern sie zumin­d­est rel­a­tiv inter­es­sant sind für Jugendliche aus der Region.

Den Wahlaus­gang für den­jeni­gen, der aus dieser Ecke in den Bun­destag kommt habe ich auch mal verblog­gt. Inzwis­chen ist der Artikel erweit­ert wor­den um die inhaltlichen Posi­tio­nen des Gewin­ners und den Link zu sein­er Abge­ord­neten­watch-Seite. und schwup­pid­wupp hat man die Vorstufe eines Watch­blogs, ohne von vorn­here­in neg­a­tiv eingestellt zu sein.

Aber schon beim ersten Über­fliegen sind die Ansicht­en des Her­rn Jasper ungewöhn­lich: Da will er auf der einen Seite z.B. Atom­kraftwerke schnell­st­möglich abstellen, wie es auf sein­er eige­nen Inter­net­seite nach zu lesen ist, gibt aber auf abgeordnetenwatch.de die Antwort, er wäre für eine Ver­längerung der Laufzeit­en von Atomkraftwerken.

Nun kann man anführen, dass in den Tex­ten doch so viele Kon­junk­tive ver­wen­det wer­den, dass die bei­den Ver­laut­barun­gen inhaltlich sich nicht auss­chlössen. Die Frage eines Lesers bleibt aber, weswe­gen nicht zwei gle­ich­lau­t­ende Antworten gegeben wor­den sind.

Sowas und anderes wird man also kün­ftig leicht direkt auch über die Plat­tform eines regionalen Pro­jek­tes nach­fra­gen kön­nen. Ich bin mal ges­pan­nt, was daraus wird.

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ohne niggemeier geht’s nicht

Ich habe so ganz leichte Bedenken wenn es um Ste­fan Nigge­meier geht, denn er behan­delt ja größten Teils nur das Fernse­hen. Meine Befürch­tung ist, dass man Scheuk­lap­pen auf­baut, wenn man sich immer nur mit Fernse­hen beschäftigt. Aber immer­hin kommt Nigge­meier immer wieder mit guten Tex­ten oder guten Beobach­tun­gen. Dass das eben nicht ganz so ein­fach ist, merkt man an den Ersätzen, die, immer wenn Nigge­meier in Urlaub ist, ver­suchen seine Geschäfte weit­er zu führen. Ich weiss gar nicht so recht warum.

Weil Leser abwan­dern, weil Nig­gmeier mal 2 Wochen nicht da ist? Weil Leser so an ein­er Fernsehschelte hän­gen? Zumin­d­est das wird von seinen Ersatzschreibern bis­lang nie erfüllt. Das ist immer so ein nigge­meiern ohne den gekon­nten Schritt zurück vom The­ma, wodurch die Texte sich eine gewisse Erhaben­heit über das Fernse­hen verschaffen.

Heute ist das wieder beispiel­haft nachzule­sen am Text “Let­ter­man” von Nils Minkmar. Die FAS geht ja schon über, drunter zu schreiben “Wir vertreten ihn, so gut wir kön­nen.” Wirklich?

Minkmar ver­sucht eine Szene aus der David-Let­ter­man-Show her­auszuheben, die ich ver­gan­gen Woche schon geblog­gt habe. Ein paar Inter­net­nutzern dürfte der Hit­ner­grund also bekan­nt sein, aber sich­er nicht allzu vie­len: Let­ter­man ist von jeman­dem nach ein paar Tre­f­fen um 2 Mio. Dol­lar erpresst wor­den, weil dieser Jemand veröf­fentlichen wollte, dass Let­ter­man mit eini­gen sein­er Angestell­ten Sex hatte.

Minkmar bringt diese kleine Info nicht sachgerecht in seinen Text unter: Er spricht zwar von Erpres­sung, nen­nt aber nicht die Summe, son­dern redet davon, dass Let­ter­man sich am Arbeit­splatz ver­liebt hat. Ich weiss nicht, ob Minkmar das The­ma voll auf dem Schirm hat, aber es ging nicht darum, dass Let­ter­man sich ver­liebt hat. Das hat er zwar offen­sichtlich auch, denn seine jet­zige Frau hat auch schon für seine Sendung gearbeitet.

Der wesentliche Punkt ist aber das Sex­haben Let­ter­mans mit ein­er Anzahl von Bedi­en­steten. Das kann einem gerne am Aller­w­ertesten vor­beige­hen. Überse­hen sollte man nur nicht, dass dies für die kon­ser­v­a­tiv­en Medi­en­mach­er in den USA ein langersehntes, gefun­denes Fressen ist. Let­ter­man instru­men­tal­isiert seine Sendung zur öffentlichen Klärung dieser Pri­vatan­gele­gen­heit, was tak­tisch nicht völ­lig unsin­nig erscheint.

Wie diese Geschichte aus­ge­ht, d.h. ob die Kon­ser­v­a­tiv­en doch noch ver­suchen wer­den, Let­ter­man run­terzu­moral­isieren, wird man in kom­mender Zeit sehen. Schade nur, dass Minkmar diese Pointe ver­passt. Es wäre eine typ­is­che einen Schritt zurück machende End­be­tra­ch­tung Nigge­meiers gewe­sen. Minkmar fällt aber nur ein, von sein­er got­tähn­lichen Verehrung Let­ter­mans zu reden.

Die ZEIT vom 06.10.2009: Let­ter­man entschuldigt sich für Sexaffären

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sloterdijk vs. honneth: altherrenreputationen

Ger­ade habe ich drüben gepostet, was David Let­ter­man ger­ade an Rep­u­ta­tion­skämpfen durch­ste­ht. In Deutsch­land sieht das etwas anders aus. Da wird nicht so stark über die Medi­en über Geld und über das eigene Anse­hen ver­han­delt. Das hat unter­schiedliche Gründe. Nehmen wir die Stuten­bis­sigkeit­en zwis­chen Nad­del und Giu­lia Siegel. Da kön­nte es um Geld gehen, vielle­icht macht man sich ja für irgendwelche Medi­en inter­es­sant, also auch um Medi­en­präsenz. Aber Rep­u­ta­tion? Nein, die kön­nen die bei­den kaum verspielen.

Da haben es die Philosophen Peter Slo­ter­dijk und Axel Hon­neth schon etwas bess­er. Es geht bei­den in ihrem bei FAZ und der ZEIT aus­ge­tra­ge­nen Sticheleien vielle­icht auch irgend­wie um Geld, wenn auch nicht unbe­d­ingt das eigene, viel mehr dafür um Rep­u­ta­tion. Hon­neth hat Slo­ter­dijk attestiert, mit diesem Artikel ein Man­i­fest für Mark­tradikale etabliert haben zu wollen, um e s mal in meine Worte zu fassen. Slo­ter­dijk hat­te eine Antwort auf Hon­neth unter­lassen mit dem Hin­weis, diesem Fehlten 6–8000 Seit­en der Lek­türe des Slo­ter­dijkschen Eposses.

Man sieht leicht: Rep­u­ta­tio­nen gren­zen sehr nah an Albern­heit­en. Wenn Slo­ter­dijk meint, seine Gedanken seien erst nach 8000 Lek­türe­seit­en ern­sthaft ver­ständlich, entzei­ht er sich jedem ern­sthaften gesellschaftlichem Diskurs. Naja, vielle­icht will er das auch. Hon­neths Analyse des Slo­ter­dijkschen Papiers finde ich gar nicht so unin­ter­es­sant, mir fehlt nur an dieser Stelle die Zeit und der Raum, das inten­siv zu behan­deln. Ich empfehle daher die eigene Lek­türe seines Artikels.

Was aber auch noch aus dem Rah­men fällt, und weswe­gen Slo­ter­dijk wohl keine Auseinan­der­set­zung einge­hen mag, ist, dass Hon­neth das Phänomen Slo­ter­dijk ins Visi­er nimmt. Slo­ter­dijk ist in der uni­ver­sitätsin­ter­nen Diskus­sion näm­lich keni Begriff: Er wird so gut wie nie in der Uni­ver­sität behan­delt, er taucht in keinem The­menkom­plex son­der­lich auf, er hat keinen inter­es­san­ten Lehrstuhl inne und er ist nicht Teil aktueller fach­wis­senschaftlich­er Analy­sen. Und wie Hon­neth ihm unter­stellt: Er ken­nt den aktuellen Stand der Forschung auch nicht.

Trotz­dem ist Slo­ter­dijk bekan­nt, das aber wohl eher als philosophis­ch­er Lit­er­at. Von Niet­zsche übern­immt Slo­ter­dijk das in Meta­phern Schwel­gende, das reis­serisch End­stim­mung Ver­bre­i­t­ende, das bemerkenswerte Inter­esse von Leser­schicht­en, aber auch das völ­lige Fehlen von sach­lich stich­haltiger Argu­men­ta­tion: Die Schlüsse, die Slo­ter­dijk zieht, wenn er welche zieht, sind nie zwin­gend, auch wenn er gerne sie so darstellt. Es ist ja auch nicht alles völ­lig falsch, was Slo­ter­dijk anführt, nur lässt er seine Leser damit allein, wenn dieser die Meth­ode des Erforschens von Slo­ter­dijk irgend­wie ver­ste­hen möchte. Das schliesst ihn von den wis­senschaftlichen The­ma­tisierun­gen aus.

In dieses Wespennest hat Hon­neth gestochen, vielle­icht nicht allzu behut­sam, denn auch seine Äußerun­gen sind nicht trennscharf, was inhaltliche und per­sön­liche Kri­tik an Slo­ter­dijk ange­ht. Aber die Behand­lung ist für die bre­ite Öffentlichkeit längst überfällig.

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michael buback – der zweite tod meines vaters

- Am 20. August 2009 wurde seit­ens der Bun­de­san­waltschaft das Auffind­en von DNA-Spuren Ver­e­na Beck­ers am Beken­ner­schreiben zum Mord an Gen­er­al­bun­de­san­walt Buback bekan­nt gegeben. Daraufhin wurde ihre Woh­nung durch­sucht.[1]

- Am 27. August 2009 wurde Ver­e­na Beck­er auf­grund des drin­gen­den Tatver­dachts, am Mor­dan­schlag auf Siegfried Buback beteiligt gewe­sen zu sein, festgenommen.

- Am 28. August 2009 wurde ein Haft­be­fehl gegen sie erlassen.[2][3] Im Zuge der neu aufgenomme­nen Ermit­tlun­gen bestätigten sich frühere Berichte, dass Ver­e­na Beck­er als Infor­man­tin für das Bun­de­samt für Ver­fas­sungss­chutz tätig gewe­sen war.[4]

Der Fall Buback ist wohl ein­er der merk­würdig­sten in der Geschichte der deutschen Bun­de­san­waltschaft. Der Vor­wurf seines Sohnes Michael Buback an offizielle Stellen ist nicht von Pappe: Die ehe­ma­lige RAF-Ter­ror­istin Ver­e­na Beck­er wurde bei der juris­tis­chen Aufar­beitung des Mordes aus der Schus­slin­ie genom­men, obwohl Indizien darauf hin­deuten, dass sie selb­st den Abzug betätigte. So kann man es in der jet­zt erschiene­nen, erweit­erten Aus­gabe Der zweite Tod meines Vaters von Michael Buback nachlesen.

Das Buch ist äußerst lesenswert, weil man einem intel­li­gen­ten Men­schen in die Küche schauen kann, wenn er logis­che Bezüge zwis­chen Fak­ten her­stellt, kon­trol­liert, bei­seite schiebt oder eben zum Vor­wurf erhebt. Im Raum ste­ht dabei, dass Buback sich als Ver­schwörungs­the­o­retik­er auf­spielt, aber es wäre ver­messen, diesen Vor­wurf auf das ganze Buch auszus­treck­en. Es ist allerd­ings bspw. bei der Her­anziehung des Ohne­sorg-Falls unsauber argu­men­tiert, von diesem Fall bezüge auf Ermit­tlun­gen im Buback-Fall zu ziehen. Das wider­strebt dem anson­sten logis­chem Vorge­hen Michael Bubacks. Dies führte ihn zu der sich nun als richtig her­aus­gestell­ten Ver­mu­tung, Beck­er habe für den Ver­fas­sungss­chutz gearbeitet.

Die Bun­de­san­waltschaft glaubt wohl immer noch nicht, dass es Beck­er gewe­sen ist, die vom Soz­ius­sitz des Tat­mo­tor­rads aus Siegfried Buback und seine zwei Begleit­er schoß. Aber es sind wohl auch die drän­gen­den Nach­forschun­gen Michael Bubacks gewe­sen, die den Fall juris­tisch neu aufleben lassen. Beck­er, die mit der Tat­waffe 3 Wochen nach dem Mord einen Polizis­ten schw­er ver­let­zte, war bei einem Tele­fonge­spräch mit Brigitte Mohn­haupt abge­hört wor­den, in dem sie sagte, dass sie keine Unan­nehm­lichkeit­en im Fall Buback erwarte, da die Sach­be­weise fehlten, “außer die Beken­ner­briefe”. Und eben darauf fand man nun Fin­ger­ab­drücke Beckers.

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weit­er:
hintergrund.de
Ver­schlus­sache Becker
Nils Minkmar
Die Ein­samkeit des Michael Buback
Hans Leyen­deck­erDas Mäd­chen Verena

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die taz-piraten und die verschwörungstheorie

Fol­gen­den Text habe ich zwar schon bei toomuch­in­for­ma­tion veröf­fentlicht, aber da ich mit der Domain heute umge­zo­gen bin, und nicht alle Anbi­eter die Umstel­lung schon hin bekom­men, hier das Ganze nochmal:

Die taz-Pirat­en oder: Wie man eine Ver­schwörungs­the­o­rie entert

Wenn sich in let­zter Zeit wirk­lich eine deutsche Zeitung um ein externes Watch-Blog bemüht, dann ist es die tageszeitung, kurz taz.

Als Ines Pohl im ver­gan­genen Som­mer die Leitung der taz von Bascha Mika über­nahm sagte sie:

Bascha Mika warnt davor, dass die „taz“ zurück­fällt in eine Zeit der Grabenkämpfe und zurück­kehrt in ide­ol­o­gis­che Eck­en von vorgestern. Das wird der „taz“ auch mit mir in der Chefredak­tion nicht passieren.


Links zu sein heißt für mich auch, kri­tisch und auf­ständisch sein, Attribute, die für die „taz“ ja passen. 

Wirk­lich?

In den let­zten Wochen fiel ver­stärkt auf, wie die taz die Piraten­partei ins Visi­er nahm.

Im Artikel Die Untiefen der Frei­heit kon­sta­tiert Albrecht von Lucke, man wird sich, sofern die Piraten­partei nicht ihren Frei­heits­be­griff klärte,

nicht darüber wun­dern kön­nen, wenn sich auch in Zukun­ft hin­ter dem Pirat­en-Label alle möglichen zwielichti­gen “Frei­heitlichen” ver­sam­meln werden.

Julia Seel­iger weiss aus dem Umstand, dass das Vor­standsmit­glied der Piraten­partei Andreas Popp naiv­er Weise der rechts­gerichteten Zeitung Junge Frei­heit ein Inter­view gegeben hat, den Schluss zu ziehen:

Aber­mals ist es der Piraten­partei passiert, unsen­si­bel gegenüber recht­slasti­gen Argu­men­ta­tio­nen gewe­sen zu sein.

Rhetorik für Anfänger. Wenn sie jeman­dem nichts direkt vor­w­er­fen kön­nen, ver­suchen sie es indi­rekt. Das Inter­view ging über­haupt nicht um rechte The­men, der Inter­view­er ver­suchte nicht, dem Inter­viewten Mei­n­un­gen unterzuschieben [1. __________________________

1. Diskutabel ist dabei natür­lich der Satz des Inter­view­ers Linke, soziale Parteien ste­hen klas­sisch für soziale Ent­mündi­gung zugun­sten eines stark bemut­tern­den Staates. Aber Popp pari­ert diesen Satz.
] oder zu befördern. Was also tun? Wer­fen sie ihm geschwurbeltes Zeugs vor, wie “unsen­si­bel gegenüber recht­slast­gen Argu­men­ta­tio­nen” zu sein. Recht­slastige Argu­men­ta­tio­nen sind nicht behan­delt wor­den, aber gefühlt sind sie eben für die sen­si­blen tazler immer im Spiel. Da kann man argu­men­ta­tiv nichts mehr anricht­en: Gefüh­le unter­ste­hen der pri­vat­en Äußerungsberechtigung.

Felix Lee kon­sta­tiert nach der Bun­destagswahl, die Piraten­partei freue sich über

720.000 Euro, die dem­nächst in ihre Parteikassen fließen wer­den. An der Finanzsi­t­u­a­tion wird es also nicht liegen, falls der nun anste­hende Parteiauf­bau scheit­ern sollte.

Offen­bar geht man bei der taz davon aus, dass ein anste­hen­der Parteiauf­bau scheit­ert. Lee und Seel­iger kom­men zu der erstaunlichen Ein­sicht, einiges spräche für den

Fortbe­stand der Inter­net-Partei auch nach der Bun­destagswahl. […]

Zudem würde es

nicht ver­wun­dern, wenn bere­its die näch­ste Bun­desregierung speziell einen Staatssekretär für die Online-Welt abstempelt. 

Im Gedanken­gang der Autoren wohl das Aus für die Piraten­partei. Der Erfolg der Piraten­partei in Schweden 

gibt den Pirat­en Selb­st­be­wusst­sein – zu Unrecht. Denn sie sind bei weit­em nicht die einzi­gen, die die Net­zwelt­the­men behandeln. 

Bei der taz weiss man wohl inzwis­chen auch, wann welche Partei zurecht selb­st­be­wusst sein darf. Ist das nicht schon ein Partei-ergreifen?

Heute schreibt Paul Wrusch den Artikel Der Pirat, der ein­mal Nazi war. Nazis, Neo-Nazis und Recht­sex­treme, das ist bei der taz offen­sichtlich ein­er­lei. Der wesentlich­ste Punkt des Artikels über ein Piraten­mit­glied, das zuvor extrem rechts engagiert war, ist hier­bei schon in der Über­schrift festgehalten:

Unter­wan­derung­s­ten­den­zen.

Wer die taz ver­fol­gt hat, der weiss wie Wrusch über die Piratenpartei:

Die tut sich im Umgang mit der­ar­ti­gen Fällen und der Abgren­zung nach Rechts noch schwer.

Am Ende, als Höhep­unkt des Artikels kommt Wrusch zu sein­er eigentlichen Mes­sage, die im Kern nichts anderes ist als eine Verschwörungstheorie:

Die Recht­en unter­dessen wis­sen, dass ihnen von den Pirat­en Konkur­renz um Wäh­ler­stim­men dro­ht: Vor allem junge Män­ner kön­nten zu den Pirat­en über­laufen, fürcht­en sie. Auf dem Info­por­tal gesamtrechts.net fordert ein anonymer Kolum­nist daher schon Anfang August offen: “Werdet rechte Pirat­en”. Ein direk­ter Aufruf zur Unterwanderung.

Als ob das noch nicht pein­lich genug wäre, darf sich Wrusch seine Fehlin­ter­pre­ta­tion von den Recht­en um die Ohren hauen lassen:

Wir haben den Parteis­trate­gen des recht­en Lagers anger­at­en, sich der The­men der Piraten­partei anzunehmen, um auf diese Weise so wenige Jung- und Erst­wäh­ler wie möglich an die Piraten­partei zu verlieren.

Das ist in der Tat so in der zitierten Textpas­sage nachzule­sen. Dass diese Pas­sage auch von NPD-Info.net falsch gele­sen wurde, und vielle­icht vom taz-Autor nur über­nom­men wurde, lin­dert den Schaden wenig.

Kom­men wir also zum Aus­gangspunkt zurück: Der Ver­such der taz, ihre Autoren “kri­tisch” auf das ver­meintlich unge­fährliche Piraten­partei-The­ma anzuset­zen, scheint offen­sichtlich aus dem Rud­er zu ger­at­en. Denn immer wieder behan­deln die Autoren eher ihre eige­nen Posi­tio­nen und Vorurteile als Faz­it ihrer Texte, als dass sie Sach­la­gen möglichst objek­tiv analysieren. Ich weiss nicht, ob sich die Autoren damit in der ide­ol­o­gis­chen Schmud­del-Ecke befind­en, von der Bascha Mika sprach, aber sauber ist das nicht.

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cdu gibt zu, kinderpornografie instrumentalisiert zu haben

Die gesamte kul­turelle Men­tal­ität bei uns, repräsen­tiert durch Bush oder durch Jung oder durch Schäu­ble, ist eingestellt auf eine ges­pal­tene Welt. Und wenn man sich den ersten Kreuz­zug mal anschaut, dann war das schon damals ganz genauso.”

Horst Eber­hard Richter im Inter­view mit der taz

Ich habe schon mal geschrieben, dass ich nicht denke, dass die CDU-Leute sel­ber den ganzen Blödsinn glauben, den sie rund um das Inter­netsper­renge­setz so faseln. Und jet­zt ger­ade denkt Wolf­gang Schäu­ble, ist es passend, auch mal öffentlich einzuräu­men, dass man natür­lich sel­ber nicht all den Blödsinn glaube, den man da während des Wahlkampfes vom Stapel gelassen hat.

Das macht Schäu­ble natür­lich nicht ganz so direkt und nicht genau auf irgendwelche Aus­sagen bezo­gen, son­dern nur mit Blick auf die eigene Glaub­würdigkeit­sret­tung:

Der Min­is­ter gab handw­erk­liche Fehler beim soge­nan­nten Zugangser­schwerungs­ge­setz für Stopp­schilder im Inter­net zu. Das Gesetz zum Schutz vor Kinder­pornografie sei im End­spurt des Wahlkampfes auch deshalb ent­standen, um die CDU gegenüber anderen Parteien abzusetzen.

Handw­erk­liche Fehler” nen­nt man das heutzu­tage in der Poli­tik. Was für eine Perversion.

Wis­sen Sie, wenn ich einen Tisch kaufe und da sind nur drei Tis­chbeine dran, dann glaube ich an einen handw­erk­lichen Fehler. Aber wenn erfahrene Poli­tik­er ein sen­si­bles The­ma auf­greifen, im vollen Bewusst­sein, dass sie damit die Opfer von Kindesmis­shand­lun­gen instru­men­tal­isieren, ohne dass diese davon auch nur irgend­wie prof­i­tieren, und nur um das Pro­fil der eige­nen Partei zu schär­fen, dann ist das nur eines: Berufszynismus.

Die CDU ist die Partei der Dop­pel­moral. Was das C unter den drei Buch­staben noch ver­loren hat — ich habe keine Ahnung.

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misstrauisch bis skeptisch

Ich bin kein Sprach­philosoph. Unter einem Sprach­philosophen stelle ich mir jeman­den vor, der von ein­er richti­gen Ver­wen­dungsweise von Worten aus­ge­ht, und eben auch von ein­er falschen und der denkt, sein Vorge­hen wäre eine strenge Wis­senschaft. Sprache ist aber eben keine strenge Wis­senschaft und so gese­hen stellt sich die Frage, ob sie über­haupt inhaltlich als Wis­senschaft gefasst wer­den sollte.

Aber es gibt natür­lich strate­gisch gut aus­gerichte Sprachan­wen­dung. Wenn man mit einem Kleinkind redet, ist es gün­stig, keine Fremd­worte zu ver­wen­den, wenn man sich direkt mit dem Kind ver­ständi­gen möchte. Also solche Worte, die sel­ten in der All­t­agssprache vorkom­men und die sich kaum dem Wort­laut nach erschliessen. Ander­er­seits sind natür­lich die meis­ten Worte Fremd­worte für Kinder und soll­ten mal aus­ge­sprochen werden.

Lange Rede, kurz­er Sinn: Ich denke, es gibt immer­hin in der All­t­agssprache Worte die gewisse Dinge umfassen und andere, die eben­so ver­wen­det wer­den, aber eigentlich nicht ganz das­selbe bedeuten.

Das ist der Fall bei den worten “skep­tisch” und “mis­strauisch”. In der All­t­agssprache wer­den bei­de syn­onym ver­wen­det. Nach meinem Empfind­en wird “skep­tisch” sog­ar öfter ver­wen­det. Weil es sich so schön präg­nant aussprechen lässt, so schön nach geistig erhaben­em Denkprozess klingt. Dabei bedeuten bei­de Worte gar nicht das­selbe, selb­st eine Schnittmenge bei­der Begriffe auszu­machen ist nicht leicht.

Unter “mis­strauisch” ver­ste­ht man die Grund­hal­tung, ein Ver­hal­ten, etwas gesagtes nicht nich als etwas Wahres, son­dern zunächst nur als Behaup­tung anzunehmen, bei der es Ansätze gibt, dass sie falsch ist. “Mis­strauisch” klingt aber so nach ein­er neg­a­tiv­en Grun­de­in­stel­lung, so als ob man grund­sät­zlich anderen abspräche, sie kön­nten zu wahren Gedanken irgen­det­was beitra­gen. Da klingt es gewitzter, sich selb­st auszule­gen, man sei “skep­tisch”.

Skep­tisch” widerum ist eigentlich schon eher dieses Neg­a­tive, dass man dem “mis­strauisch” unter­stellt. Es ist aber nicht so, dass Skep­tik­er anderen von vorn­here­in mis­strauen, sie stellen nur von vorn­here­in in Abrede, dass so etwas wie ein­er über­per­sön­liche Wahrheit, objek­tive Werte etc. gibt. Mis­strauen muss dabei gar nicht vorhan­den sein. Dem einzi­gen, dem ein Skep­tik­er traut ist der Ansicht, dass es eben keine gesicherten Erken­nt­nisse gibt.

Für mich, als jeman­dem, der das so nicht denkt, ist dies aber eben eine neg­a­tive Grun­de­in­stel­lung, die keineswegs son­der­lich gewitzt ist. Mit “gewitzt” meine ich den Spaß­mo­ment, den ein geistre­ich­er Gedanke einem Denk­enden überkommt, und der oft­mals bei eigen­er Her­stel­lung den Denk­enden dazu ver­leit­et, davon aus zu gehen, hier auf eine Wahrheit gestoßen zu sein. Volk­er Pis­pers lebt von diesem Moment.

Es gibt noch so eine Ver­wen­dung wie “In diesem Punkt bin ich skep­tisch”, aber das klingt so, als würde jemand auf eine bes­timmte Stelle im See zeigen und sagen “An der Stelle da bin ich Nichtschwim­mer.” Ganz oder gar nicht.

Insofern ertappe ich mich dabei, immer­hin so sehr noch sprach­philosophisch unter­wegs zu sein, dass ich in der All­t­agssprache eher “mis­strauisch” als “skep­tisch” ver­wende. Ich möchte meinen Äußerun­gen eigentlich nicht der­art kün­stlich unter­legen, dass sie gewitzt sein soll­ten. Entwed­er erken­nt ein Zuhör­er das oder eben nicht. In der All­t­agssprache ist es aber ein­ver­leibt, mit “skep­tisch” “mis­strauisch” zu meinen. Dage­gen habe ich nichts, und ich weiss ja um die Umstände. Ein Prob­lem stellt es für mich nicht da.

Und eben diese Flex­i­bil­ität bedeutet es für den einzel­nen, lebendi­ges Mit­glied ein­er Sprachge­mein­schaft zu sein, so hochgestochen das nun wieder klin­gen muss. Aber die Irri­ta­tio­nen rund um Her­ta Müller scheinen mir doch genau diesen Punkt zu tre­f­fen: Da ver­wen­det jemand Sprache als Mit­tel, aber nicht als die All­t­agssprache, nicht als Mit­tel zur inner­sozialen Ver­ständi­gung, son­dern als Mit­tel den eige­nen Geist über­leben zu lassen, ihm seinen Spiel­raum einzuräu­men trotz der Bedrän­gun­gen von außen.

Inter­es­san­ter­weise gibt es Gegen­stim­men gegen Her­ta Müller. Das scheinen mir aber eben jene zu sein, denen Sprache möglichst massenkon­form sein muss. Das muss sie eben nicht.

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thalia am pranger

Also ich bin schon beein­druckt, was die Süd­deutsche Zeitung in let­zter Zeitung für Eisen anpackt, wie sie das tut und dass sie dabei Ross und Reit­er nen­nt. Genau­so wie heute mit diesem Artikel über die Krise von Buchhändlern:

Welche Lit­er­atur in den Laden­re­galen ste­ht und bewor­ben wird, das liegt immer sel­tener in der Hand der Ver­lage. Die Buch­welt klagt zwar stets über das Inter­net. Doch inzwis­chen ist klar, dass es zur Zer­störung ein­er ganzen Branche kein­er neuen Medi­en bedarf: Ein Konz­ern wie Thalia besorgt das auf seine Weise.

Es ist noch nicht so weit gekom­men, dass Ver­lage bei der Unter­hal­tung von Buch­lä­den Unter­stützung leis­ten, aber was sie finanziell rein­but­tern, ist schon erschreckend:

15 000 Euro kostet ein Titel im Wei­h­nacht­sprospekt 2009. Der Preis für ein “Thalia-Buch des Monats” liegt bei 50 000 Euro. Dafür haben die Ver­lage die Gewähr, dass diese Titel erstk­las­sig sicht­bar präsen­tiert wer­den. Alle anderen, ausgenom­men solche, die schon Best­seller sind, ver­schwinden dage­gen im Regal, wo sie kaum wahrgenom­men wer­den. Und daher beze­ich­net Herr Frisch (Thalia, Anmerk.) jene Sum­men, die offiziell Wer­bekosten­zuschüsse heißen, schlicht als Ein­tritts­gelder. Man muss sie zahlen, wenn man da, wo ras­ant verkauft wird, vertreten sein will.

Ver­lage müssen für ihre Schrift­steller also Ein­tritts­gelder berap­pen, damit diese bei Thalia ange­priesen wer­den. Das hat man auch schon anders aus­ge­drückt. Der wirtschaftliche Druck zeigt erste Ergebnisse:

800 der einst fast 5000 Buch­hand­lun­gen im Lande haben in den let­zten zehn Jahren zus­per­ren müssen; die Ket­ten steigerten im sel­ben Zeitraum ihren Mark­tan­teil ums Dop­pelte auf fast 30 Prozent.

Der Qual­ität der Lit­er­atur nützt das nichts:

Die Best­seller näm­lich wer­den durch das Vorge­hen der Ket­ten immer best­sel­leriger, der große Rest fällt immer schneller aus den Regalen in die Vergessen­heit. Heute verkauft die Frau Jelinek, und sie und ihr Haus bür­gen für Qual­ität, von jed­er fün­ften ihrer Roman-Novitäten weniger als 1000 Exem­plare. Vor zehn Jahren waren solche Flops noch zu ver­nach­läs­si­gen. Was das alles fürs Leben & Ster­ben der eigentlichen Pro­duzen­ten, der Schrift­steller, bedeutet, liegt auf der Hand.

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